1. #1
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    Schlaf, mein Mohn




    Nun schlafe, mein Mohn und erstatte Bericht.
    Die Augen geöffnet, die Knie gebeugt,
    erstarrt er, verharrt er; bewahrt er die Pflicht?

    Der Wächter erwacht, bewacht nicht länger
    der Träumenden Schlaf. Vergißt die Stunden
    zu stundender Nacht. Entzieht sich Diensten
    vergangener Zeit.

    Jetzt ruhe, mein Mohn und umgehe Verbot.
    Die Augen geschlossen, die Glieder entspannt,
    erkennt sie, benennt sie, verbrennt sie die Not?

    Die Träumende wacht, beträumt nicht länger
    des Wachenden Weg. Verliert die Grenzen
    des grenzenden Tags. Bewahrt die Wünsche
    verstrichener Frist.

    Nun gehe, mein Mohn und verschwende die Zeit
    Die Blicke versunken, die Körper getrennt,
    gedenken nun beide den Schemen entzweit.



  2. #2
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    Hallo,

    ich bin wieder mal ganz hin und weg! Ich habe keine Ahnung, wie ich das Gedicht interpretieren soll (im Moment denke ich sowieso mehr an meine beiden Klausuren morgen - vielleicht fällt mir ja danach was Gescheites zu deinen Zeilen ein, wenngleich ich dies angesichts meiner meistens gescheiterten Bemühungen in der Vergangenheit bezweifle), aber sprachlich bin ich hingerissen! Allein die Form! Darin könnte ich stundenlang herumstöbern. Ich habe von dir ja schon etliches gelesen, was hier neue Maßstäbe in Sachen Formvollendung gesetzt hat, aber hier setzt du noch mal einen drauf. Und jetzt vergrabe ich mich wieder in dein Gedicht und erfreue mich an all den kleinen Details, die dieses Gedicht zu ungeahnten Höhen tragen. Für meine Klausuren morgen sieht es düster aus ...

    Liebe Grüße

    Thomas
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  3. #3
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    Hallo gott,
    ich kehre nun schon zum 3. Mal zu Deinem Gedicht zurück, das mich fasziniert, nicht loslässt und ich aber nicht erkennen kann, worum es geht.
    Ist es die Sprache?
    Seltsam, es imponieren Sprache und Inhalt - ohne den Inhalt interpretieren zu können.
    Ich habe nur Bilder: Mohn, Schlafmohn, Abhängigkeit, Überdruß, Tod.
    Werde Dich noch mehrmals lesen und immer wieder nachschauen, wie es den anderen ergeht und was die Autorin dazu sagt.
    Liebe Grüße,
    Dana

  4. #4
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    Hallo Ihr Beiden!

    Erst einmal danke für Eure lieben Worte. Es freut mich immer, wenn mein Zweifel bezüglich Qualität eines Gedichts zerstreut werden...

    Eigentlich möchte ich dem geneigten Leser noch nicht verraten, worum es geht... zu viel Spaß habe ich daran, andere Lesarten zu erfahren, da ich ja zu einem gewissen Kryptizismus neige ( ), ist es da gerade spannend, den Rezipienten zu lauschen

    Was ich aber schon verraten kann, ist daß es sich nicht um die holde Sprache dreht. Die Bilder, die Du Dana, angesprochen hast, tendieren jedoch schon in die richtige Richtung.

    Noch einen schönen Abend
    gottchen

  5. #5
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    Sei versichert, dass ...

    Hallo noch einmal,

    sei versichert, dass () ich noch einmal auf dein Gedicht zurück kommen werde. Allerdings nicht vor morgen Abend, da ich eben noch meine beiden kleinen Klausürchen hinter mich bringen muss. Aber meine Denkmaschine arbeitet beim Anblick deiner Zeilen bereits auf Hochtouren (was bei mir nicht viel heißen muss ...). Warte, warte noch ein Weilchen, dann kommt Thomas mit dem Beilchen ... und zerhackt deine Zeilen genüsslich in ihre Bestandteile um zu sehen, aus was sie bestehen.

    Liebe Grüße

    Thomas
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  6. #6
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    Ich kann mich der positiven und ratlosen Meinung meiner Vorredner nur anschließen.
    Dein Gedicht hat sehr viel Interessantes zu bieten. besonders die vielen (formellen wie sprachlichen) Gemeinsamkeiten zwischen der zweiten und vierten Strophe muss ich mir noch einmal genauer ansehen. Desweiteren auch ein sehr schöner "Refrain", der ebenfalls genaueres Lesen verdient.
    Mit Interpretationen halte ich mich anhand des vorerst undurchschaubaren Inhalts noch zurück, jedoch hoffe ich mich in einem Zustand größerer Wachheit dem ganzen eher widmen zu können. Außerdem bedarf noch ein komplexeres Deutsch-Projekt der Fertigstellung. ^^
    Fürs erste beeindrucken Form und Wort jedenfalls. Großes Lob.

    MfG
    Philipp

    edit: Ach ja, gute gewählter Titel mit einer (gewollten) Anlehnung an den elterlichen, beliebten "Gute Nacht"-Satz "Schlaf, mein Sohn."

    Und btw: Gegen kryptische Sprache habe ich als Fan von Nirvana ( ) nichts einzuwenden.
    [Geändert durch AiAiAwa am 24-10-2005 um 23:22]

  7. #7
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    Hy gott,
    Dein Werk ist ein Magnet. Einerseits ist die Spannung kaum auszuhalten, andererseits ist ein Ehrgeiz da,so nah wie möglich an die Gedanken des Poeten zu kommen.
    Waren da zwei? Ist einer verstorben und sie können einander nicht loslassen?
    Haben sie jetzt erst angefangen einander freizugeben?
    So düster alles auch ist, lächelst Du sicherlich zu recht über die Interpretationen.
    Dein Gedicht wird weiterhin "beobachtet".
    Liebe Grüße,
    Dana

  8. #8
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    Hallo Allwörtermächtige,

    wie angedroht hier mein Versuch der Interpretation. Mal sehen, was dabei rauskommt.

    Zum ersten: Ich sehe hier drei Personen: Ein Kind (Mohn - wobei ich keine Ahnung habe, warum Mohn), den Wächter und die Träumende. Zu Beginn scheinen sich der Wächter, die Träumende und der Mohn (das Kind - eben, weil "Schlafe, mein Kindchen, schlafe bald ein ..." etc. undsoweiterundsofort) sich alle im Traum zu befinden, also auf der gleichen Ebene. Das Kind schläft in der ersten Strophe und da der Wächter in der zweiten Strophe erwacht, muss auch er zu Beginn schlafen und die Träumende beträumt in Strophe 4 nicht länger des Wachenden Weg, also pennt auch sie am Anfang. Träumende und Wächter scheinen nur gemeinsam existieren zu können, die träumende beträumt des Wächters Weg, der Wächter bewacht der Träumenden Schlaf. Ich deute das mal ganz verwegen als Mutter und Vater, die mit dem Kind eine Einheit, also eine Familie bilden. Nachdem (für mich zumindest ) mal die Ausgangslage geklärt ist, wollen wir mal sehen, was hier so alles passiert.

    In Strophe 2 erwacht eben der Wächter. Ich sehe das so, dass er aus der Einheit herausgerissen wird. Dh er bewahrt die Pflicht, die in Strophe 1 angesprochen ist, nicht mehr, da es eben seine Pflicht ist, den Schlaf der Träumenden zu bewachen. Eine hausbackene Deutung: Der Vater macht sich vom Acker und lässt Frau und Kind zu Hause sitzen. Er entzieht sich "Diensten vergangener Zeit", wobei ich diese Dienste als Vaterpflichten ansehen würde (Kind wird gezeugt, daraus entstehen Pflichten). Weiteres Indiz (für meine verdrehte Gedankenwelt): Er vergisst die Stunden zu stundender Nacht. Ein interessantes Wortspiel, nebenbei. Er vergisst also etwas, und zwar die Stunden. Welche Stunden? Vielleicht die Stunden, die er gemeinsam mit seiner Familie verbracht hat.

    Folge jedenfalls: Der Mohn/das Kind schläft nicht mehr, sondern ruht nur noch. Ruhen: Die Zwischenwelt zwischen schlafen und wach sein. "Umgehe Verbot"? Sorry, da muss ich jetzt passen, wie in der ersten Strophe bei "erstatte Bericht". Wem soll es Bericht erstatten, wessen Verbot soll es umgehen? Da blicke ich nicht mehr durch. Aber wollen wir uns lieber weiterkämpfen.

    Strophe 3 bezieht sich zudem auf die Träumende, bei der fraglich ist, ob sie die Not erkennt, benennt und verbrennt. Die Not, die durch das Weggehen des Vaters entstanden ist - das Kind wächst ohne Vater auf. Aufgabe der Mutter wäre es jetzt, dem Kind durch besondere Zuwendung und Sensibilität den Vater in gewisser Weise zu ersetzen bzw. dafür Sorge zu tragen, dass das Kind dadurch nicht benachteiligt ist. Doch in Strophe 4 erwacht die Träumende, auch sie bricht aus der gemeinsamen Welt aus. Sie verliert die Grenzen des grenzenden Tages. Interessant. Verliert sie allgemein den Sinn für Grenzen, lässt sie sich gehen, lebt sie sich aus, während das Kind dann mehr oder weniger ohne Mutter aufwachsen muss? Die Zeile "Bewahrt die Wünsche verstrichener Frist" würde für mich als Indiz dafür durchgehen. Die Wünsche, die sie früher hatte, bevor sie Mutter war. Eine Art Midlife-Crisis, unter der das Kind dann zu leiden hat.

    Finale Strophe: Das Kind geht, dh es schläft nicht mehr, es ruht auch nicht mehr. Es ist wach und geht. Für mich hat dieses Bild, aufbauend auf den vorigen Strophen, etwas sehr verlassenes, einsames an sich. Das Kind scheint alleine zu gehen; es gibt niemand, der es an der Hand nimmt. Es verschwendet die Zeit - zügellos und maßlos, da durch das Fehlen der Eltern bzw. durch die mangelnde Aufmerksamkeit und Erziehung die Grenzen fehlen. Das Kind scheint nichts mit sich anfangen zu können und vergeudet sein Leben.

    In den letzten beiden Zeilen scheinen für mich wieder einmal die Eltern vorzukommen. Ihre Blicke sind versunken, dh sie sind bedrückt (Weil sie sich ihrer Schuld bewusst sind?), die Körper sind getrennt (Trennung/Scheidung) und sie gedenken beide den Schemen entzweit. Die Schemen könnten für das stehen, was sie beide hatten und beide durch ihr eigenes Tun bzw. Unterlassen verloren haben - ihr Kind.

    Puh, war wieder einmal eine ausführlichere Interpretation, als ich vorgehabt habe zu schreiben, aber ich hoffe, du hattest Spaß beim Lesen. Die Hoffnung, dass ich mit meiner Deutung auch nur annähernd die Richtung deiner Intention getroffen habe, habe ich ohnehin nicht.

    Schlusswort: Von all deinen Gedichten, die ich bisher gelesen habe, ist dieses hier das faszinierendste von allen. Wie ich in meinem ersten Beitrag schon erwähnt habe, ist die Form einfach atemberaubend. Und jetzt, wo ich mich inhaltlich auch noch durchgeackert habe, bin ich überzeugt, dass dieses hier das rundeste, vollkommenste Werk ist, das ich hier bisher gelesen habe. Ich danke dir dafür!

    Liebe Grüße

    Thomas

    PS: Ach ja, dass ich mit meiner Interpretation wahrscheinlich meilenweit daneben liege, kann man wohl schon daran erkennen, dass ich nichts Religiöses, Mysthisches oder Spirituelles herauslesen konnte. Wozu wäre das Gedicht aber dann in dieser Rubrik?
    [Geändert durch Roderich am 29-10-2005 um 12:47]
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  9. #9
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    Hallo und guten Abend!

    Mal sehen, ob ich eine vernünftige Antwort zusammen bekomme.

    @ AiAiAwa: Mir ist die Anlehnung zu "Schlaf, mein Sohn" erst im Nachhinein bewußt geworden. Ich weiß, daß es den Leser eventuell in eine andere Richtung lenkt, aber das stört mich nicht weiter

    @ Dana: Freut mich, daß mein Werk so wirkt. Da ich ja kein Unmensch bin, will ich zumindest richtungsweise schubsen

    Waren da zwei? Ist einer verstorben und sie können einander nicht loslassen?
    Haben sie jetzt erst angefangen einander freizugeben?


    Dies hat einen gewissen Anklang in die richtige Richtung, trifft es aber nicht. Ich kann eigentlich nur auf die von mir gewählte Kategorie hinweisen

    @ Roderich: So viel Arbeit Du Dir dankenswerterweise mit meinen Gedichten machst, so sehr versuche ich immer um eine Formulierung wie "total daneben" herumzukommen. Leider ist dies nun so. Deine Interpretation ist zwar größtenteils am Text nachzuvollziehen, aber gerade an den Stellen, wo Du nicht weiterkamst, hätte es Dir auffallen müssen
    Mohn ist hier - wie das ganze Gedicht (ich bin gewöhnlich bei der Kategorienauswahl sehr sorgfältig) im mythologischen Kontext zu sehen. Wenn man da die Wiki oder google (letzteres wohl eher bei viel Zeit) bemüht, wird man auch fündig und findet vielleicht sogar den Schlüssel zum Inhalt.
    Puh, ich weiß, ich bin gemein, lasse nicht mit mir reden, lasse die Leserschaft schmoren. Normalerweise rücke ich ja dann doch eine Interpretationslinie aus, aber diesmal nicht. Zum einen, weil da noch andere rätseln , zumanderen weil ich gerade hier die verschiedenen Lesarten wirklich interessant finde, nicht zuletzt, weil ich sie diesmal nicht mit einem hämischen, sondern traurigen, weil wissendem Lächeln verfolge.

    so long
    gott

  10. #10
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    Einen schönen Abend,

    dank deines Trittes in meinen Allerwertesten, der mich zu für mich drastischen Maßnahmen greifen ließ (Wikipedia) habe ich nun eine Vermutung, um was sich das Gedicht drehen könnte. Stichwort "Schlafmittel". Kann das sein?

    Das Problem dabei: Falls ich in die richtige Richtung denken sollte, ist das Gedicht für mich dann kaum mehr interpretierbar. Schau, so eine schizophrene Situation löst du bei mir aus. Schäm dich!

    Keine Ahnung, ob ich noch einmal die Kraft aufbringe, mich dem Gedicht und einer anderen Interpretation intensiver zu widmen. Lesen werde ich es jedenfalls noch oft, da es wirklich herrlich ist - das reicht mir im Moment eigentlich.

    Aber keine Bange, ich werde weiterhin für deine Belustigung sorgen. Vielleicht lande ich irgendwann ja mal einen Glückstreffer mit meinen Interpretationsversuchen.

    Liebe Grüße

    Thomas
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  11. #11
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    Lach, Thomas!

    bei Angstfänger lagst Du damals doch recht gut

    Ich will aber nichts verraten... aber die Wiki ist wirklich ergiebig was Schlafmohn und sein Auftreten in der Mythologie anbelangt.... ich flüstere leise "Personifikation", ducke mich, weil ich so unbarmherzig bin und hüpfe wieder ganz schnell aus diesem Faden

    alles liebe
    Lia

  12. #12
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    Hi Lia,


    Du weißt, ich hab das Gedicht nun schon seit Tagen im Visier, aber aufgrund akuter Zeitprobleme kommt meine Senfbeimischung nun etwas verspätet.

    Formal: Etwas Ausgefallenes und Gelungenes, was mich schon freut, wenn ich metrische Formen und Reime sehe, letztlich bin ich das aber ja bei Dir schon gewöhnt . Schade ist, dass das kleine Reimschema S2 S4 erster Vers nicht gelang, die Wortwiederholung wäre doch Ansatz für den Ehrgeiz, oder ? Rhythmisch finde ich den Daktylus ohne großartige Syntaxverdrehungen, damit er auch paßt, wirklich gelungen und sehr persönlich, fast schon intim. Die Variationen in S2 und S4 sind m.E. gelungen, da sie den Rhythmus aufnehmen und nachvollziehbar abwandeln. Die Imperative der ungeraden Strophen als Einleitung sind ein prägnantes Muster. Du baust diese drei Strophen auch gleichartig auf, was schon einen Liedcharakter erzeugt. Der letzte Vers ist eine angenehme, aber auch erwartete Änderung dieses inneren Schemas. Strophen 2 und 4 erhärten diesen Eindruck, da sie zwar kurz den Fluß weitertragen, dann aber abwandeln in den alternierenden Rhythmus, wie Strophen in einem Lied, die den Refrain, der sich einprägt, kontrastieren. Auch diese beiden Strophen haben innerlich den gleichen Aufbau. Sehr gut gefällt mir Stunden – stundend und Grenzen – grenzend. Du hast aber auch ansonsten sehr gute Wortpaarungen zwischen den Strophen gesetzt. Kleiner Störfaktor in der Form ist „und umgehe Verbot“, das fehlende „das“ fällt in der sonst wenig gebeugten Umgebung doch etwas heraus. Und das fehlende Komma nach „mein Mohn“ (hat sich da etwa die Regel geändert?...) stört mich auch. Aber das ist Kleinkrämerei. Insgesamt melodisch und mitnehmend hast Du geschrieben.

    Inhaltlich werde ich Dich nicht wirklich Wort für Wort aufdröseln. Ich schreib einfach mal, was ich mir so dabei denke.
    Der Titel hat mich gleich aufmerken lassen. Ich dachte sofort an Schlafmohn. Gleichzeitig sind aber die weiteren Implikationen auch sehr interessant. Tonal hast Du zwei weitere Brücken gebaut, ich weiß nicht, ob mit Absicht: Mond und Sohn. Beides ist auch gut mit dem Schlafmohn zu verbinden. Als leichter Schlaftrunk paßt es, weiter beruhigt man ein erschöpftes Kind gern und sagt ihm, es könne ruhen; das Besingen des Mondes ist auch nicht unüblich, die Verbindung Mohn und Mond ist wirklich gut, da Schlaf ja meist nachts passiert. Wirklich gut gefällt mir aber das Spiel mit dem Gegensatz. Der Mohn bringt ja eigentlich den Schlaf. Er ist Traumbringer und Schmerzensnehmer. Ihn zum Schlafen aufzufordern ist also eine Umkehr. Ich lese hier aber letztlich doch mehr die Traumdroge selbst heraus, die angesprochen wird. Das impliziert einen Vierten (die anderen kommen noch), der Macht über den Mohn hat, ihm zumindest Antworten abfordern kann und „weisungsberechtigt“ ist. Nach meiner Auslegung ein Herrscher über Schlaf und Traum und gleichzeitig ein sorgender Charakter. Genauso wie der Mohn fungiert er aber nur als herbeizitierte Persönlichkeit, die die beiden Hauptcharaktere umschreiben soll. Auffällig und wirklich schön sind die Gegensatzpaare, die Du schaffst. Ein Wächter hat geschlafen oder die Träumende wacht, das tust Du über das gesamte Gedicht hinweg. Damit zeichnet sich ein großer Bruch für mich ab: In der Sprache Deines Gedichts „ein Erwachen“.
    Ich merke gerade, daß ich Dich doch auseinandersezieren möchte und fasse mich etwas kürzer.
    Also, eine Kurzinterpretation… Zwei nicht wirklich reale Charaktere, der Herrscher des Schlafs und der Traum unterhalten sich über ein Paar (oder auch Nicht-Paar). Der Herr des Schlafs fordert einen Rapport über das derzeitige Geschehen an (S1, S3). Die Traumdroge berichtet ihm (S2, S4). Schussendlich wird der Traumbringer aus dem Dienst an dem Paar entlassen (S5).
    Die Beziehung selbst, die beschrieben wird, stimmt mich mlancholisch. Nur in den Träumen fand hier eine Verbindung Erfüllung. Der Eine bewachte die Andere. Die Eine erträumte sich den Anderen. Für kurze Zeit, als der Traum bei ihnen war, lebten sie diese Rollen. Er bewachte Sie und Sie träumte mit ihm. Er konnte sein Wacht kurz verträumen, Sie seine Rast bewachen. Beide sehen wir nun ohne die Macht des Traums, den ich mehr als Wunschdenken verstehe, als die Illusion, beschrieben. Ihre Schatten, die sie verwebt hatten, sind wieder getrennt. Das Zusammenspiel ist bereits vorbei, als der Bericht erstellt wird. Doch sind beide nicht glücklich über dieses Scheiden (Entzweien). Beide erinnern sich zurück. Nur dem Wächter wird unterstellt, daß er sich entzogen hätte.

    (Kurz fassen, Anke!)

    Ich lese hier ein Werk über eine Beziehung, die in glückvollen Träumen begann und, als die Realität sie einholte, versandete. Die Träume schwanden, aber die Basis, die aus Träumen Realitäten schafft, war nicht vorhanden. Dennoch schaut man zurück und sehnt, weil das Träumen so wundervoll war und die Zweisamkeit so symbiotisch.

    (Ich habe jetzt ca. 1000 Wörter einfach ausgelassen, tippe ich. Es ist trotzdem zu lang .)

    Lia, das nehm ich gerne noch weite auseinander, wenn es sein muß. (Ich hänge jetzt auch nicht die Kreuzchen und a’s und b’s an, die ich eh nur der Form halber runtergetippt hab, es sei denn, Du bestehst darauf.)


    Sehr gern gelesen, Danke schön.
    Liebe Grüße,
    Anke


    (Und jetzt lese ich endlich die anderen Kommentare.)
    (Edit: Ich hab alles Wichtige ausgelassen, sowas!!!)
    [Geändert durch therzi am 31-10-2005 um 01:07]

  13. #13
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    Hallo, liebe gott, (schön, oder?)
    trennen sich Glaube/Kirche und Leben/Realität? Geht einer grenzenlos, Zeit verschwendend? Spürt und beobachtet der andere, dass es Pflichterfüllung gibt, die, wenn es sie nicht gibt, fehlt? Wie ein altes Ehepaar, das nicht miteinander aber erst recht nicht ohne einander kann?
    Liebe gott, mach, dass wir bald mehr wissen.
    Liebe Grüße,
    Dana

  14. #14
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    Hallo!

    So, jetzt habe ich mich ein paar Tage vor der Antwort gedrückt. Nicht zuletzt, weil ich nicht recht weiß, wo ich anfangen soll, und was am besten auslassen

    Zuerst einmal möchte ich bemerke, daß Du therzi, dem "Geschehen" so nah gekommen bist, wie es wahrscheinlich aufgrund der Verschlüsselungsebene und der verdichtete Platzierung dieses Gedichtes möglich ist. Ich erwähnte ja schon, daß man hier durchaus das ganze wirklich allein dem mythologischen Rahmen überlassen kann, ohne das ganze in eine mögliche Realität zu transkrepieren (gibts das Wort?).

    Also denn, zur Mythologie (wenn das nun überhaupt jemanden interessiert): Hier hast Du vollkommen recht. Mohn fungiert als Herrscher über Traum. Mohn bzw. Mohnkapseln sind Symbol des Morpheus, der griechischen Mythlogie. Hypnos, sein Vater, Herrscher über den Schlaf, hier der "Sprecher" (@AiAiAwa: Was denkst Du, wie entzückt ich über das "Sohn" war, passt wie die Faust aufs Auge... und therzi hatte ja die selbe Assoziation).

    Die eigentlichen Hauptpersonen Träumende und Wächter, stehen bzw. standen hier in einer Symbiose bzw. waren durch ein Versprechen aneinander gebunden. Sie beträumt seinen Weg und gewährleistet so seine Sicherheit, während er sie während des Schlafes bewacht und ihr es so erst ermöglicht zu träumen.

    Ursprünglich wollte ich noch die Oneiroi und Traumtore mit einbeziehen, bin darin aber gescheitert, da es sich nun so gar nicht einfügen wollte. Vielleicht auch besser so, wär sonst noch komplizierter geworden

    Sehnsucht, aber auch Enttäuschung spielen hier natürlich eine Rolle, werden aber höchstens zwischen den Zeilen angedeutet, da dies für Herrscher über Traum und Schlaf nicht von belang ist... gerade weil dies eher im Bereich des Wachens liegt.

    Zum formalen: Ich bestehe auf mein zweimal "länger" Ich wei, therzi, das gefällt Dir nicht so recht, aber vielleicht wird ja gerade durch eine fehlende Fortsetzung dieser "Reihe" impliziert, daß das Geschehen nicht mit dem Gedicht endet (hey, so schwer war die Ausrede jetzt auch nicht).
    Den rest der Struktur hast Du ja fein auseinandergenommen... und die Kreuze und a's und b's, darauf können wir auch mal ausnahmsweise verzichten, ich weiß ja wie die Struktur aussieht

    @ Dana: Nein, hier gibt es wie Du siehst keinen Bezug zu irgendwelchen Glaubenskonflikten. Wenn überhaupt geht es um Glauben im eigentlichen Sinne ohne Bezug zu irgendeiner Religion, sondern in Bezug zu einem menschlichen Gegenpart.

    So, und jetzt habe ich keinen Faden mehr, wahrscheinlich auch, weil ich die Nacht tatsächlich nicht schlafen konnte Wahrscheinlich habe ich auch die Hälfte vergessen...

    alles liebe
    gott

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