Nestbau


Als ich mich damals so sehr nach Dir sehnte, weil ich mit Worten und Sprache überfordert war, hatte ich nicht geglaubt, daß Du tatsächlich eines Tages hier auftauchen würdest. Erst recht nicht, daß Du so klein bist. Ich muß Dich wochenlang übersehen haben. Erst als ich durch die Wohnung streifte, wie ein Großwildjäger auf der Suche nach einem entflohenen Buchstaben, fand ich Dich.
Und da saßt Du. Etwas zusammengekauert, verängstigt, verwirrt. Jedoch nicht so verwirrt wie ich. Ich flüchtete Hals über Kopf aus meiner Wohnung, zu groß war der Schock. Und als ich dann eine Zigarette nach der anderen rauchend in irgendeinem Café saß, wurde mir bewußt, was Du bist. Ich bezahlte meine Rechnung, stieg in die Bahn und fuhr heim. Zu Dir.
Du hast Dir ein Nest gebaut. Hinter meinem Kühlschrank. Aus zerknülltem Papier. Ich rückte den Kühlschrank beiseite und nahm Dich vorsichtig in meine Hand. Während ich irgendeine Melodie vor mich hinsummte, um Dich oder mich zu beruhigen, betrachtete ich Dich. Etwas unspektakulär siehst Du aus. Keine buntschillernden Farben, keine Tentakeln oder Zähne oder sonst etwas. Nur grau und ein Mund und ein paar Augen. Und danach sollte ich so lange gesucht haben?
Etwas enttäuscht setzte ich Dich zurück in Dein Nest, stellte Dir eine Schale mit Milch hin und schloß die Küchentür hinter mir ab. Nur um auf Nummer sicher zu gehen.
Am nächsten Tag war ich schon etwas mutiger. Ich probierte ein wenig mit Dir herum. So nahm ich ein Buch, zeigte Dir ein Wort, daß häßlich war und sich nicht einfügen wollte in den Text und siehe da - und ersetztest es. Das Wort, das nun dastand, eine Kopie deiner selbst, war perfekt. Nein, mehr als das. Es war richtig.
Ich ließ Dich hunderte von Worten ersetzen und alle Sätze, die Du berührtest, wurden perfekt. Ich übte Reden ein und Du brachtest sie zur Vervollkommnung. Langsam aber sicher wurde ich mir Deiner Bedeutung bewußt, der Macht, die Du darstelltest.
Mein Umfeld nahm den Wandel in meiner Sprache wahr. Sie war beeindruckt und ich begann Dich verborgen in einer Tasche mit mir zu führen. Wann immer ich nicht weiter wußte, offeriertest Du mir die richtigen Worten.
Nur manchmal war es allzu perfekt. Hatte ich mich früher bei Fettnäpfchen rausreden können, ich hätte nur eine unglückliche Formulierung gewählt, war mir dieser Fluchtweg nun abgeschnitten. Auch wurde ich den Menschen etwas unheimlich, gelang es mir doch plötzlich den Sinn einer Sache durch Worte zu artikulieren. Mir dämmerte, daß Du ein Schlüssel bist. Zu Verständnis, Weisheit, Wissen.
Und nun habe ich Angst vor Dir. Denn Du führst mich durch Deine perfekten Worte immer näher an eine Schwelle, die Wahnsinn bedeutet. Alles zu verstehen, weil Sinn nicht hinter nebulösen Sprachverschachtelungen versteckt bleibt, erscheint mir zu gefährlich. Du bist Macht. Du bist Wort. Du bist der Ursprung des Wortes.
Mit Dir könnte man Gott spielen.
Könnte ich Gott spielen.