Thema: Zwei

  1. #1
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    Zwei



    "Schau hier!", er deutete auf die getrockneten Mangos, die an Lamettaschnüren an dem Weihnachtsbaum hingen. Sie lächelte müde mit von Kälte roten Wangen und noch röteren Augen.
    "Ich finde die Blechdosen und Kondome dort drüben witziger."
    Sein Blick schweifte die Straße entlang, suchte den Baum, den sie meinte. Doch er sah nur Tannen und Fichten mit Christschmuck und eben diesen hier mit Trockenfrüchten und Nüssen statt den häßlichen Weihnachtskugeln. Er sah sie fragend an, doch ihr Gesichtsausdruck war wie immer. Eine Mischung aus abwesend und verschlossen. Dann lachte sie auf und zog ihm am Arm mit sich: "Ich meine ja nur, es wäre witziger. Trockenfrüchte sind schon ganz nett, aber bitte wer hat sich diese furchtbaren Kugeln ausgedacht. Wenn man hineinblickt, sieht man sich verzerrt. Und wenn man sie fallenläßt, zerbrechen sie und man schneidet sich. Da schau!" Sie ließ ihn los, drehte sich zu ihm und zog unter einigen Mühen den Handschuh von der rechten Hand. Sie zeigte ihm eine Narbe am Mittelfinger.
    "Und das kommt von einer Christkugelscherbe?" Sie nickte, hakte sich wieder bei ihm unter, lief die Straße eilig weiter.
    "Du hast mir mal erzählt, das wär beim Fische ausnehmen geschehen."
    Sie grinste frech, keine Spur von Unsicherheit in ihrem Gesicht: "Nun ja, wie's grad in die Geschichte passt, oder?"
    Kirchenglocken läuteten und ihr Gesicht hellte sich auf: "Zion ruft. Es ist zwölf. Los komm, sie machen auf und ich hab Hunger."
    Damit gingen sie die letzten Meter zur Kastanie noch schneller, sie stürmte fast hinein. Kaum hatte sie sich des Mantels entledigt, lief sie auch schon zum Büfett und lud sich Essen auf den Teller. Er holte Kaffee für sie beide und bezahlte auch gleich das Essen mit. Dabei beobachtete er sie aus dem Augenwinkel, fragte sich wieder einmal, was in ihrem Kopf vorging. So oft er auch fragte, sie zuckte dann immer nur mit den Schultern oder gab Antworten, die er nicht verstand. Ein halbes Jahr teilten sie nun schon jedes Wochenende und dennoch wußte er zwar welche Musik sie mochte oder welche Bücher sie las, aber er wußte nicht, was sie wollte. Ihre Passivität, sei es im Bett oder bei der schlichten Frage was sie an einem Samstagabend unternehmen wollten, nagten an ihm. Er konnte beim Sex alles von ihr verlangen, was ihm in den Sinn kam, sie machte es ohne Abscheu, ohne ein Anzeichen von Begeisterung. Wenn er ins Kino wollte, ging sie mit, wenn er tanzen wollte, war es ihr recht. Fast erschien es ihm, als beobachte sie die ganze Beziehung nur, ohne ein Teil von ihr zu sein.
    Sie kam mit einem vollbeladenen Teller zurück und begann gierig zu essen. Doch schon nach der Hälfte des Essens, während er nur geduldig seinen Kaffee getrunken hatte, war es ihr genug und sie schob ihren Teller ohne ein Wort zu ihm hinüber. Sie wußte, was er gern aß. Das hatte sie übrig gelassen. Er machte dieses Ritual mit, dieses Mal noch, so sagte er sich jedes Mal, dann würde er seine Essgewohnheiten ändern oder eine plötzliche Magenverstimmung erleiden.
    Als er satt war, blickte er auf, schaute in ihre Augen, suchte darin. Nach irgendetwas, was ihm vertraut erschien. Oder ihm auch nur freundlich gesinnt war.
    Er lächelte sie an, als er sich eine Zigarette drehte und sie lächelte automatisch zurück. Nach drei Zügen würde sie nach der Zigarette greifen, ein, zwei Mal inhalieren. Sie ihm zurückgeben, bis er wieder drei Züge getan hätte. Noch so ein Ritual.
    Nach dem ersten Zug reichte er ihr die Zigarette und fragte, wie er es sonst nur tat, wenn sie abends zusammen im Bett lagen und einfach nur wissen wollte, ob sie überhaupt einverstanden mit dem war, was er von ihr verlangte: "Was denkst Du?"
    Sie zog die Stirn kraus und zuckte mit den Schultern. Doch dann, anstatt abzulenken, stützte sie ihr Kinn auf die leicht geballte Faust und atmete den Rauch langsam aus: "Daß wir die traurigsten Menschen von ganz Berlin sind."
    Sie schmunzelte verlegen, eine gespielter Gesichtsausdruck, denn ihre Augen verrieten zum ersten Mal mehr als stummes Einverständnis. Sie sah verloren aus, wie sie da saß, aber - und das wurde ihm, mehr ihm als lieb war, bewußt - das war sie. Verloren.
    "Wir suchen beide etwas, das wir nicht bekommen können. Wir machen uns vor, daß wir es bei uns finden, aber dem ist nicht so, oder?"
    Er blickte an ihr vorbei, aus dem Fenster. Vor der Kastanie schmückten sie gerade einen Christbaum mit alten Bierdosen und Kondomen. "Da schau.", sagte er lächelnd.
    Und sie lächelte automatisch zurück.



    [Geändert durch gott (thanks admin) am 06-11-2005 um 21:34]

  2. #2
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    When I grew up, I learned there is black and white. When I was older I experienced it exists only one of them: grey.

    Eben, Walfisch. Doch worin besteht der Grund für die Langeweile? Eben nicht darin, daß sich hier zwei Langweiler treffen. Im Gegenteil, erst im Miteinander werden sie dazu. Doch warum schießt der eine den anderen nicht einfach ab. Mangelnde Alternativen vielleicht? Oder Bequemlichkeit? Oder doch etwas ganz anderes, was man ob der offensichtlichen Grautönung nicht sofort sieht?
    Und würde man nicht ab und an die alltäglichen Sinnlosigkeiten des Daseins beschreiben, wem fielen dann noch die wirklich großartigen Geschichten auf?

    Gruß in den Süden
    gott

  3. #3
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    Hallo gott!

    Du erzählst hier eine interessante Alltagsgeschichte mit relativ einfachen Worten und Formulierungen, jedoch ohne, dass dein Werk langweilig oder -atmig wirkt.
    Deine Formulierungen und Konstruktionen treffen stets ins Schwarze und bringen das Wesentliche auf den Punkt.

    So Leid es mir tut, ich habe dummerweise nichts zu bemängeln, außer die Tatsache, dass deine Geschichte für meinen Geschmack schon zu alltäglich ist, aber dies liegt womöglich an meinen Erfahrungen mit meiner Ex - Freundin. Es ist sehr erstaunlich, welche Parallelen sich dort zu meiner letzten Beziehung auftun, aber diese Anekdoten haben hier nichts zu suchen... Oder habe ich dir, als ich besoffen war, schon soo viel von mir erzählt?


    Lieben Gruß
    dopamin

  4. #4
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    Hallo Gott,

    lass uns anstoßen - endlich mal ein Text von dir, den ich verstehe!

    Wieder einmal in deiner klaren, schnörkellosen Sprache gehalten, obwohl eigentlich nicht viel passiert sehr packend und zu einem fantastischen, da sehr wehmütigen Ende gebracht. Von mir gibt es Standing Ovations, bis die Beine einknicken.

    Noch eine kleine Anmerkung zu groper's Kritik: Meiner Ansicht nach wird es gerade dann spannend, wenn man sich bei den Geschichten den verschiedenen Grautönen widmet. Nur Schwarz und Weiß - DAS wäre für mich langweilig.

    Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


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  5. #5
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    Wow,
    bin ebenfalls sehr von deiner Kurzgeschichte angetan. Selbst die Schilderung eigentlich irrelevanter Dinge vermag einen zu fesseln. Die phlegmatisch-trostlosen Hauptfiguren, die vielen (scheinbaren) Nebensächlichkeiten, ein gutes Ende. Nicht zu vergessen eine passende Überschrift. ^^ Dass das ganze (im Vergleich zu anderen Werken von dir) relativ leicht zu verstehen ist und den Leser wenig im Unklaren lässt, missfällt mir persönlich nur ein bisschen- ich denke aber, das wäre hier der falsche Anspruch.
    Alles in allem eine in ihrer langweiligen Alltäglichkeit sehr eindrucksvolle Geschichte.

    MfG
    Phil

  6. #6
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    Hallo noch mal,

    @ groper: Dass wir zwei nicht der gleichen Meinung sind, ist ja nicht das erste Mal. Ich glaube auch nicht, dass ich es schaffe, dich von meiner Ansicht zu überzeugen und vice versa ebenso. Also erkennen wir am besten an, dass es geteilte Ansichten über diese Erzählung hier gibt und verschwinden wir wieder da, wo wir herkommen - du in die Haarer Tiefebene, ich in die Tiroler Bergwelt. Einverstanden?

    @ Gottchen: Sorry, dass ich mich zu einer Entgegnung zu groper's Kritik hinreißen ließ - ich hätte wissen müssen, wohin das führt.

    Grüße

    Thomas
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  7. #7
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    Hallihallo!

    @ Dopa: Wie schon an anderer Stelle erwähnt... nö, Du warst nicht die Inspiration für dat Geschichtchen. Ich würde Dich auch vorwarnen, wenn ich die Erzählungen während Deiner Alkoholexzesse literarisch verarbeite

    @ Roderich: Na, wenigstens einmal wollte ich verstanden werden Darin lag auch diesmal etwas der reiz. Eine Thematik eben nicht bis ins unkenntliche zu verschlüsseln. Schön, wenns gefällt.

    @ AiAiAwa: Keine Angst, ich werde weiter unverständliches Zeugs schreiben - das war nur ein Experiment Dank auch Dir für das Lob.

    @ groper: Irgendwie scheint es mir, Du wirst auf Deine alten Tage lieb und nett. Im Vergleich zu sonstigen Kritiken von Dir ist das ja hier richtig handzahm... da kommt man ja fast auf die Idee, Du hättest beim Lesen nicht würgen müssen
    Und natürlich kommt der Prot vorwurfsvoll rüber... wärst Du in einer entsprechenden Situation nicht auch etwas angepisst... ich schon *schulterzuck* Und das er selber nicht besser ist, um das zu verstehen fehlt ihm vielleicht einfach der gehörige Schuß Selbstreflektion...

    so long
    gott

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