1. #1
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    Schicksal, Versuch einer Definiton

    Das hier ist zwar keine wirkliche Kurzgeschichte, sondern eher eine Abhandlung zum Thema Schicksal, doch ich dachte es interessiert hier vielleicht trotzdem Jemanden oder regt eine Diskussion an (vielleicht hätte ich es eher bei "Diskussionen und Gespräche" reinsezten sollen - na ja ist jezt ja auch egal).
    Mitlerweile bin ich in meiner Schicksalsdefinition zwar schon gar nicht mehr ganz so radikal, aber ich dachte wenigstens Johanna wird sich freuen, wenn sie das hier lesen kann (sie wollte schon lange, dass ich diese Überlegungen mal zu Papier bringe). Voila hier ist es...


    Schicksal
    Eine Definition

    Immer wieder stolpere ich im Sprachgebrauch meiner Mitmenschen über das Wort "Schicksal". In den unterschiedlichsten Lebenslagen muß es als Entschuldigung für das eigene Fehlverhalten oder Versagen dienen. Ob man nun sein mündliches Abitur völlig verhauen hat -"sollte wohl nicht sein, tja Schicksal"-, oder den falschen Mann liebt -"ich glaube es ist einfach mein Schicksal immer an verlogenen Machos zu geraten", überall wird die arme Dame Fortuna für die Schwächen der Menschen verantwortlich gesprochen.
    Einige benutzen das Schicksal einfach als eine andere Bezeichnung für Glück und denken dabei nicht weiter nach, das ist ein Fehler, den ich verzeihen kann, doch wirklich wütend machen mich jene Menschen die daran zu glauben scheinen, dass die übersinnliche Macht des Schicksals ihr Leben bestimmt. Auf mich wirkt dann das Schicksal wie eine Art moderne Gottheit: Früher konnte man sein Leben nicht selbst in die Hand nehmen, weil Gott im Himmel das Leben seiner Kinder lenkte und heute hängen sich selbst die selbstständigen Atheisten an den Schürzenzipfel Fortunas, um doch wieder ihre bequeme Unmündigkeit zu erhalten.
    Selbstgerecht werden sämtliche Fehler dem bösen Schicksal angehängt, dass einem das Leben zur Hölle machen möchte, und anstatt aktiv seine Schwächen zu bekämpfen behauptet der moderne Mensch von heute, seine Rechtschreibschwäche, seine Bindungsangst oder seine Unfähigkeit mit Kritik umzugehen seien vom Schicksal bestimmte und somit feststehende Eigenschaften, gegen die sich aufzulehnen sinnlos wäre.
    Es ist nicht so, dass ich nicht einsehen würde, dass es vielleicht auch Dinge in unseren Leben gibt, auf die wir keinen Einfluß haben, doch halte ich jene unabänderlichen "Schicksale" für sehr viel begrenzter, als es die Gesellschaft um mich herum zu tun scheint.
    Meiner Meinung nach teilt sich unser Schicksal in drei Gebiete auf: In die Geburt, die Anlagen und in den Tod.

    Das am einfachsten zu verstehende und dennoch von den Menschen meist gefürchtete Schicksal ist der Tod.
    Sehen wir doch den Tatsachen in die Augen - wir werden alle sterben! Der Tod ist absolutes Schicksal. Es ist Tatsache, dass er früher oder später eintreten wird und wir Menschen haben nicht die geringste Chance an diesem unserem Schicksal etwas zu ändern. Natürlich können wir die Todesart bestimmen und auch den Zeitpunkt, wenn wir den Freitod wählen, doch auf die schlichte Tatsache, dass wir sterben werden, haben wir keinen Einfluss. Der Tod ist unumgänglich.

    Mit der Geburt ist es ähnlich. Kein Mensch kann sich weigern geboren zu werden oder entscheiden wann und als wessen Kind er auf die Welt kommen möchte. Diese Tatsachen verkompliziert das Schicksal der Geburt gegenüber dem Schicksal des Todes jedoch noch zusätzlich, denn mit unserer Geburt in ein bestimmtes Elternhaus, Zeitalter, Land, Gesellschaftssystem etc. wird auch unser weiteres Leben in gewisser Weise eingeschränkt. Ich glaube zwar durchaus an die Möglichkeit, dass der Sohn einer sich prostituierenden Fixerin später einmal glücklicher Familienvater und Bundeskanzler werden könnte, doch muß ich zugeben, dass seine Chancen auf solch eine Karriere eventuell geringer sind, als die eines wohl behüteten Richtersohnes. Somit ist nicht nur allein die Tatsache, dass wir geboren werden, ohne dass wir etwas dagegen tun könnten oder auch nur gefragt würden Schicksal, sondern auch die Gegebenheiten, in die wir hinein geboren werden schränken unsere Unabhängigkeit ein. Dennoch glaube ich, dass diese Einschränken sehr viel geringer ist, als die meisten Menschen es wahr haben wollen, denn der Mensch ist, sobald er dem völlig unmündigen Kindesalter entwachsen ist, durchaus in der Lage sein Umfeld mitzugestalten oder es zu verlassen und eigene Wege zu suchen.

    Etwas, was der Mensch jedoch nicht ändern kann, sind seine genetischen Erbanlagen. Auch sie sind Schicksal und wir Menschen haben heute noch keinen Einfluß auf sie. Dieses Schicksal der Anlagen wird gern und häufig als Ausrede für sämtliche Schwächen ausgenutzt. Da behaupten Menschen doch tatsächlich nun einmal dazu veranlagt zu sein Gewalt auszuüben, und somit diesem Schicksal wohl oder übel ausgeliefert zu sein, oder Menschen glauben lieber an ihre Anlage zur Fettleibigkeit, als sich einer Diät oder einem Fitnisprogramm auszusetzen. Zu ihrer Verteidigung muß jedoch auch gesagt werden, dass der Mensch schließlich wirklich nicht sehr genau weiß, wieviel unseres Wesens nun wirklich in den Genen festgelegt ist.

    An mehr als diese drei feststehenden menschlichen Schicksale kann und möchte ich nicht glauben. Sicherlich geschehen häufig Dinge in unseren Leben, die wir nicht vorausgesehen haben, oder auf die wir keinen Einfluß zu haben scheinen, doch ich bin davon überzeugt, dass dem Menschen in beinahe jeder Situation ein Handlungsspielraum bleibt, den er als vernunftbegabtes Wesen nutzen kann. Vielleicht sind wir uns nicht immer bewußt, zu was für einem Ergebnis uns unsere Entscheidung führt, doch wir können entscheiden und diese Tatsache allein zählt.
    Ich selbst muss mich oft dazu ermahnen auf die Bequemlichkeit zu verzichten, die der Glaube an ein allmächtiges Schicksal mit sich bringt, doch auf der anderen Seite ist es auch ein schönes Gefühl sich selbst als verantwortlich für sein eigenes Leben zu betrachten. Die Zeit, die uns zwischen unserem Schicksal der Geburt und dem unseres Todes vergönnt ist, sollten wir nutzten, um unsere Anlagen so gut wie möglich zu nutzen, anstatt über die unschuldige Fortuna zu wettern.
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  2. #2
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    Question

    Mit Dir würde ich gerne mal über das Schicksal diskutieren.

    Elia

  3. #3
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    Kein Problem
    schreib mir doch einfach.

    Gruß, Dete
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  4. #4
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    Im Grunde bin ich ganz deiner Meinung.
    Ich denke auch, dass das Schicksal für viele einfach eine "Ausrede" ist, weil es ja auch bequemer ist den Fehler woanders zu suchen.

    Ich denke, das Schicksal hat irgendwie auch was mit dem Sinn des Lebens zu tun.
    Ich glaube es ist unsinnig nach dem Sinn des Lebens zu suchen.
    Ich glaube, das man sich den sinn des Lebens selbst aussucht.Erst wenn man alt ist und zurücksieht wird man merken was denn nun der eigentliche Sinn war.

    Und so denk ich is das auch mit dem Schicksal. Man kann das Schicksal nicht suchen und sich nicht einfach vom Schicksal "finden" lassen.
    Wir alle bestimmen selbst über unser Leben und wir alle können etwas ändern, wenn wir es nur wollen.

    firelady
    :::::::::::::
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    Die Welt ist ein Theater, und das Leben.....ein Spiel

  5. #5
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    Ist schon fast fertig, Dete.

    Elia
    Mein Garten, sagt der reiche Mann.
    Der Gärtner lächelt.

  6. #6
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    Ich bin schon richtig gespannt
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  7. #7
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    Freund von Johanna? Jörn? Bist du das?

    Wenn nicht, auch egal. Ich habe auf jeden Fall gerade ganz viele Gedanken und Ideen was ich dir jetzt antworten möchte. ...aber leider keine Zeit, also ordne ich erst mal meine Gedanken und schreibe sie demnächst einmal nieder.

    Bis dann, Dete
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  8. #8
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    Hey, habe gerade noch mal in dein Profil geschaut. Du wohnst in Marburg
    Jetzt werde ich mir bei meiner Antwort noch mehr Mühe geben.

    Viele liebe Grüße (auch an Johanna du wirst sie wohl vor mir sehen)

    Dete
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  9. #9
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    Na, da bin ich ja mal gespannt, Dete!

    Elia
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