1. #1
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    Das Pathos der Anderen



    Wir, die weder ruchlos noch verkommen,
    nicht edelmütig noch erwählt,
    handeln nur, wo Feuers Brunst verglommen
    und reine Güte nichts mehr zählt.


    Wenn uns das Dämmerlicht entschwindet,
    das Rot der ersten Stunde weicht,
    erkennen wir, daß nichts uns bindet,
    kein Eid, der mit der Zeit verbleicht.

    So stürzen wir uns in die Sphären,
    die Ihr Verzweiflung, Kummer nennt
    und lassen Euch die Angst begehren,
    die nur in uns'ren Augen brennt.

    Der Galgen, den wir uns erschaffen,
    Ihr heißt ihn Schwäche, wir Geduld,
    wird Eure Fehler niederraffen
    und Euch entlassen ohne Schuld.

    Wir, die hier am Horizont verweilen,
    ertragen, was der Wind verspricht,
    wagen dem Gewissen zu enteilen,
    erkennen einzig Euch als Pflicht.


    Wir zelebrieren Euer Staunen
    wohl über unsre Dreistigkeit.
    Begreift Ihr nicht die falschen Launen,
    die Masken dieser leeren Zeit?

    Wenn wir an Eure Grenzen drängen,
    Euch treiben bis zum Untergang,
    ist's Euch, als lauschet Ihr Gesängen?
    Der fernen Hoffnung hohler Klang?

    Es ist an uns für Euch zu leiden,
    zugleich bereitet es uns Lust,
    Euch Eure Fesseln zu zerschneiden.
    Nur wird Euch dieses nie bewußt.

    Wir, die ohne Heimat Weite suchen,
    vergessen und verlassen sind,
    die die Not beschwören und verfluchen,
    verwirken uns an Dir, mein Kind.

    [Geändert durch gott (thanks admin) am 26-12-2005 um 18:57]

  2. #2
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    Hallo gott aka Die-ihren-Custom-Title-nie-ändernde Lesbenflüsterin,

    für heute nacht nur ein kurzes Statement: Sehr schöne sprachliche Ausarbeitung, sehr flüssig, z.T. interessant gestaltet (kursive Teile).
    Was den Inhalt angeht, so lässt er sich imo sicherlich leichter deuten als einige deiner anderen Werke, auch wenn das ganze teils üblich kryptisch ausfällt. Für diese Stunde halte ich mich mit Interpretationen/Nachdenken jedoch zurück. Vielleicht ein andermal im Wachzustand. ^^
    Fürs erste jedoch sei verkündet,
    wieder einmal hat's erfreut;
    das Lesen hab' ich nicht bereut,
    die Botschaft jedoch nicht ergründet.
    (Ja, es ist spät.)

    Gute Nacht
    Philipp
    [Geändert durch AiAiAwa am 16-11-2005 um 00:03]

  3. #3
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    Schick, Großmütterchen.

    Inhaltlich habe ich aus Gründen gewisser Priviligien im interpretatorischen Zugang nicht wirklich etwas dazu zu sagen, ich störe mich allerdings an ein paar Formalitäten, vorzugsweise in der ersten und letzten Strophe.

    I,1-2
    Wir sind weder ruchlos noch verkommen,
    sind weder achtbar noch erwählt,


    1. Im Parallelismus mit den anderen kursiven Strophen würde sich ein "Wir, die weder..." in S1 irgendwie eleganter darstellen.
    2. Gehe ich zwar von Intention aus, was die Doppelung des "sind weder... noch..." angeht, aber sie gefällt mir trotzdem nicht sonderlich. Zumindest ein "weder" würde ich einem "nicht" weichen lassen.

    IX,3
    die die Not beschwören und verfluchen,

    3. Hier hast Du Dir mit dem Bruch der Zeilenlänge von 9 auf 10 Silben, den Du in den Kursiven betreibst, selbst ein Bein gestellt - ein einzelnes "die" hätte gereicht und die unschöne Verdoppelung gemieden. (Um dann noch auf 10 Silben zu kommen, könntest Du ein "sie" vor verfluchen einfügen, aber das behagt mir auch nicht sonderlich. Es war nur das erste, was mir einfiel.)

    Ansonsten habe ich das Werk genossen, und verbleibe, tief im Schatten, unbesungen,

    kurushio
    You know, wars aren’t kids - where you don’t have to pay attention to the youngest one because the older two will take care of it.
    - Jon Stewart

    Schwarze Gezeiten: heichaojing
    in Zusammenarbeit mit Lia: All Along the Watchtower
    (work in progress)

  4. #4
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    Hallo Ihr beiden!

    Tut mir leid, daß die Antwort solange auf sich warten ließ, aber mein Zeitrahmen ist momentan eher beschränkt.

    @ Philipp: Danke für Dein Lob und die kurze dichterische Antwort. Eigentlich dürfte die Interpretation nicht so schwierig sein. So ganz ohne Verschlüsselung komme ich wohl nie aus, aber wie Du bereits erwähntest, ist dies wohl eins der klareren Werke

    @ Enkelchen: Schön, daß wir die gleichen Ausreden benutzen, was den Interpretationszugang betrifft. Eigentlich wollte ich ja stärker auf Deine formale Kritik eingehen, aber einerseits habe ich mich an der einen Stelle (peinlicherweise) verlesen, andererseits habe ich zur Zeit weder Zeit noch Muse mich da wirklich reinzuarbeiten.
    Nur soviel:

    1. Im Parallelismus mit den anderen kursiven Strophen würde sich ein "Wir, die weder..." in S1 irgendwie eleganter darstellen.
    2. Gehe ich zwar von Intention aus, was die Doppelung des "sind weder... noch..." angeht, aber sie gefällt mir trotzdem nicht sonderlich. Zumindest ein "weder" würde ich einem "nicht" weichen lassen
    Jepp, das passiert wohl, wenn man die eine Hälfte unterwegs, die andere Hälfte zu Hause am Computer schreibt. Man verliert ein wenig den Überblick
    Spontan fällt mir nur eine etwas unschöne Lösung ein:

    Wir, die weder ruchlos noch verkommen,
    nicht edelmütig noch erwählt,


    Das finde ich schon allein wegen der vielen E's sprachlich nicht so gut. Vielleicht mit etwas Bedenkzeit...

    3. Hier hast Du Dir mit dem Bruch der Zeilenlänge von 9 auf 10 Silben, den Du in den Kursiven betreibst, selbst ein Bein gestellt - ein einzelnes "die" hätte gereicht und die unschöne Verdoppelung gemieden. (Um dann noch auf 10 Silben zu kommen, könntest Du ein "sie" vor verfluchen einfügen, aber das behagt mir auch nicht sonderlich. Es war nur das erste, was mir einfiel.)
    Ich weiß, daß die Verdoppelung meist als eher nicht gelungen gilt. Aber ehrlich gesagt... mir gefällt sie. Das hat wohl mit dem oft zitierten eigenen Lesefluß zu tun. Daher werd ich das auch erst mal so belassen. Nenn mich stur

    So verbleib ich dann erstmal.

    alles liebe
    gott

  5. #5
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    Hallo gotschie!,


    Wie versprochen und diesmal etwas schneller!

    Dass der Autor und das lyr. Ich sich hier wieder in Symbiose vermengen, bezweifle ich. Höchstens könnte der Autor von seinem Sohnemann sprechen, aber Galgen mit Kreuz widersprechen sich genauso wie eben das Wir. Also sind es Heinzelmännchen, die als mythologische Komponente in Frage kommen.

    Es existieren zwar sicherlich noch andere Wesenheiten, die in deinem Universum eine Berechtigung hätten, derartiges von sich zu behaupten, aber die Heinzelmännchen finde ich am süßesten. Auch sie kommen schließlich nach Sonnenuntergang (Wenn uns das Dämmerlicht entschwindet, / das Rot der ersten Stunde weicht), erledigen die quälenden Aufgaben, derer sich die Menschen erwehren (mehrere Stellen, die darauf verweisen) und haben auch noch Spaß an ihrer Bürde (Es ist an uns für Euch zu leiden, / zugleich bereitet es uns Lust), können sie dem Menschen doch seine Schwächen vorführen (Wenn wir an Eure Grenzen drängen, / Euch treiben bis zum Untergang).

    Die Menschen hingegen scheinen zwar ihre Anwesenheit wahrzunehmen (ist's Euch, als lauschet Ihr Gesängen?), halten sich aber irrtümlich für zu überlegen, um sich zu bedanken (Nur wird Euch dieses nie bewußt).
    Und so "verwirken" sich letztlich die Heinzelmännchen, weil ihr Schaffen und Tun nicht dazu führt, dass der Mensch wach wird aus seinem Traum, um aus seiner Schwäche zu lernen und selbst sein Leben in die Hand zu nehmen.
    Hier ist der Sonnenuntergang symbolisch zu verstehen.

    So, jetzt habe ich also wieder über den Inhalt schwadroniert ohne das Wichtigste zu sagen: Das Gedicht gefällt, ist ein gelungener Spottgesang auf das Menschengeschlecht.

    Allerdings muss ich Kuru zustimmen, das die erste und letzte Strophe unausgereift erscheinen. Trotz der beklagten e's ist seine Version besser, gibt sie dem Gedicht doch eine sprachlich Abrundung.
    So würde ich auch den zweiten Vers in der letzten Strophe an den zweiten der ersten anpassen. So ließe sich dem Versmaß gemäß die dritte Strophe mit "die wir..." einleiten; Trotz Dopplung würde das Wir meines Erachtens nicht stören.

    Würde ich es nicht als Spottgedicht lesen, so würde mich auch das "Raffen" zugunsten des Reims in S4V3 stören, aber da schaue ich gekonnt drüber hinweg. Insgesamt also wirkich gelungen.

    Es grüßt

    Kajn
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  6. #6
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    Hallo Kaschne!

    So, zuerst einmal habe ich die längst überfällige Editierung nachgeholt... wenn man sowas nicht sofort macht...

    Zu Deiner Interpretation: Erste Reaktion - schallendes Gelächter. Zweite Reaktion - Ach, wie süß!

    Naja, ich hätte ohnehin keine ernsthafte Interpretation erwartet, bin Dir aber dankbar, daß Du die entsprechenden Klippen so herzallerliebst umschifft hast.

    Natürlich handelt es sich hierbei nicht um die Heinzelmännchen, aber Deine Textbelege sind allzu bestechend, was soll ich da groß sagen?

    alles liebe
    gott

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