Thema: Kore, Kore

  1. #1
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    Kore, Kore


    - durch B. gedacht, für all das Gute -

    Und so war es nun, daß Deine Wege meine fanden,
    alte Fehden zögernd schwanden. Blieb Dein Lächeln auch bemüht,
    sah ich darin Reue gegen Stolz und Würde branden.

    (Mädchen, Mädchen)

    Und so ist es nun, daß wir neue Brücken schlagen,
    solche, die auch uns ertragen. Uns'rer beider Eitelkeit
    kann nicht länger hindern, uns nach einem Wir zu fragen.

    (Mädchen, Mädchen)

    Und so wird es nun, daß meine Pfade zeitig enden.
    Deine Blicke abzuwenden, ist, was ich verlangen kann.
    Trockne, Mädchen, Deine Tränen. Wage nicht, sie zu verschwenden.

  2. #2
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    Na dann wage ich mich mal an die Metaphetischistin...

    Hallo Gott!


    Zunächst fällt doch der Titel stark auf. Nach intensivem Sinnieren fiel mir schließlich ein, dass mit diesem Bergriff Mädchen bzw. Tochter gemeint sein kann. Zudem erhielt die griechische Göttin Persephone ursprünglich diesen Namen.
    Demnach kann man mit Fug und Recht behaupten, es handelt sich um eine weibliche Person.

    Sensationell erscheint beim ersten Lesen deines Werkes, dass es diesmal beinahe nicht kryptisch daherkommt. Der Inhalt scheint relativ schnell fassbar zu sein. Auf Dauer zeigt sich eben, dass auch Gott unter Menschen schließlich vermenschlicht.


    Kommen wir nun zu dem Wesentlichen:

    Und so war es nun, daß Deine Wege meine fanden,
    alte Fehden zögernd schwanden. Blieb Dein Lächeln auch bemüht,
    sah ich darin Reue gegen Stolz und Würde branden.
    Hier in der ersten Strophe beschreibt das lyrische Ich das Wiedersehen einer bekannten Person, mit welcher es in der Vergangenheit Konflikte gegeben hat (Fehden). Freundlichkeiten wirken erzwungen und erinnern leicht an Heuchelei, wobei bei dem lyrischen Du ein innerer Konflikt sichtbar wird (vgl. V. 3). Es scheint Taten der Vergangeheit zu bereuen, obwohl es dennoch die äußere Würde bewahren möchte oder dies zumindest versucht, denn dieser Vorgang im Inneren wird vom lyrische Ich nicht übersehen.

    Und so ist es nun, daß wir neue Brücken schlagen,
    solche, die auch uns ertragen. Uns'rer beider Eitelkeit
    kann nicht länger hindern, uns nach einem Wir zu fragen.
    Die neu errichteten Brücken lassen auf Kompromisse zwischen dem lyrischen Ich und dem lyrischen Du schließen, es wird versucht einen gemeinsamen Weg zu finden, den man gemeinsam beschreiten kann. Beide scheinen sich nun Fehler einzugestehen, Fehler, die bei diesem Neuanfang vermieden werden sollen, um erneuten Problemen aus dem Weg gehen zu können.

    Und so wird es nun, daß meine Pfade zeitig enden.
    Deine Blicke abzuwenden, ist, was ich verlangen kann.
    Trockne, Mädchen, Deine Tränen. Wage nicht, sie zu verschwenden.
    In dieser finalen Strophe wird nun deutlich, wer die Rolle des im Titel erwähnten Mädchens oder Tochter spielt. Das lyrische Du ist demnach die Tochter, rein spekulativ, und muss sich nun von dem lyrischen Ich, wahrscheinlich dem Vater trennen. Der Pfad, womöglich der Lebensweg, des lyrischen Ichs nimmt ein vorzeitiges Ende. Der Vater verlangt nun, dass die Tochter ihren Weg allein bewältigen muss und appeliert darauf, keine Tränen zu vergeuden, schließlcih hat das Mädchen noch einen weiten, erfüllten Lebensweg vor sich.


    Insgesamt betrachtet, wird hier eine von Problemen geprägte Vater - Tochter - Beziehung dargestellt, die ein jähes, vorschnelles Ende findet. Das früher angespannte Verhältnis war nun endlich auf geregelte Bahnen gelenkt worden, als das plötzliche Dahinscheiden des Vaters die neu gewonnene Idylle zwischen Vater und Tochter unterbricht.

    Inhaltlich endlich mal ein Werk, das in dieser Kategorie auch in der Lage ist zu bewegen. Hier wird nicht dieser sti-no - Müll aus der Ich - Perspektive breitgelatscht, der vielen hier aus dem Halse hängt.

    Ich finde diese Perspektive des Verstorbenen sehr interessant. Das vermag mir wirklich sehr zu gefallen. Es zum einen etwas Mystisches, aber zeitgleich auch etwas Erhabenes.


    Formal fällt dein ungewöhnlicher Reim auf, der auf den ersten Blick nur im 1. und 3. Vers auftritt. Aber zusätzlich wird in der Mitte des 2. Verses ein weiteres Reimwort hinzugefügt. Das ist ungewöhnlich und gefällt mir trotz der dreifachen Wiederholung des Reimes pro Strophe sehr gut, da das Reimwort in Vers 2 lediglich beim lauten Lesen auffällt. Ansonsten könnte man beinahe denken, es wirke monoton, aber dies ist aus meiner Sicht nicht der Fall.


    Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass mir dieses Gedicht ehrlich gesagt außerordenlich gut gefällt. Zum einen ist es nicht derart kryptisch, wie man es von dir teilweise gewohnt ist, zum anderen ist es in der Lage, wenn man den inhalt erfasst hat, sehr zu bewegen. Dies können die wenigsten Gedichte in dieser Kategorie und gehört nicht nur aus diesem Grund zu dem Besten, das ich hier seit langem lesen durfte.



    Sehr gern auch mehrmals gelesen
    Lieben Gruß
    dopamin




  3. #3
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    Hallo dopamin!

    Was soll ich anderes sagen, als danke für Deine umfassende Auseinandersetzung mit meinem Werk und diese vollkommen zutreffende Interpretation.

    Selten genug, daß dies geschieht, freut mich Dein Verständnis bei diesem Gedicht besonders, da es nicht nur sehr persönlich ist, sondern da ich auch hier meine Schwierigkeiten hatte, die richtigen Worte zu finden
    Daß dies Deiner Meinung nach gelungen ist, überrascht, aber entzückt mich auch.

    alles liebe
    gott

  4. #4
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    Hallo Gott!

    Dein Gedicht ist endlich mal was anderes als die sowohl sprachlich als auch inhaltlich oft sehr einheitlichen und gleichförmigen Gedichte in diesem Bereich.
    Der Inhalt berührt, geht unter die Haut.
    Ich kann mir fast bildlich den Vater vorstellen, der die Tochter tröstet, obwohl er es eigentlich ist, der gehen wird.
    Hat mir sehr gut gefallen.
    Liebe Grüße

    raven91
    The doctor says, I´ll be alright
    but I´m feelin blue
    Tom Waits

  5. #5
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    Hallo raven91!

    Auch dir Dank für Dein Lob und die lieben Worte. Dopa hat ja schon alles zum interpretatorischen gesagt

    alles liebe
    gott

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