Thema: Sonett

  1. #1
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    Gedanken verhangener Morgen
    Von Mitleid geschwängerter Tag
    Trübsal begrüßt uns am Abend
    Die Nacht noch und dann sind wir
    tot

    Begründet sind all unsre Sorgen
    Auch wenn ich es gerne beklag
    Die Köpfe im Sande vergrabend
    Besinge ich bittere Not

    Das Lachen aus finsteren Tiefen
    Durchzieht meine Lieder der Nacht
    Die Engel umsonst nach uns riefen

    Ich schrieb es in zahlreichen Briefen
    Es hat sie bloß niemand bedacht
    Die Träume uns nämlich entschliefen.
    * Zauberfee *


    Ich freu mich über jede weiterführende Kritik!!!

  2. #2
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    Hallo Zauberfee!

    Dein Gedicht gefällt mir sowohl vom Inhalt als auch vom Aufbau. Es klingt wie eine Melodie.
    Leider weiß ich nicht genau, wie man so etwas nennt. Sonett vielleicht? (Vom Titel her und ich hab auch schon mal was davon gehört.)
    Ich hoffe, du wirst mich darüber aufklären.
    Jedenfalls verwendest du ein interessantes Reimschema:
    abcd abcd efe efe

    Den Inhalt hast du wirklich schön verarbeitet, ich kann mir alles sehr gut vorstellen.
    Allerdings gefällt mir das "nämlich" in S4Z3 nicht; es klingt so oberlehrerhaft und passt nicht ganz in das Gesamtbild des Gedichtes.
    Habe es ansonsten gerne gelesen.
    Liebe Grüße

    raven91
    The doctor says, I´ll be alright
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  3. #3
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    Hallo Raven!

    Erst mal ganz lieben Dank für die liebe Kritik! Freut mich, daß Dir mein Gedicht gefällt.
    Ja, es ist vom Aufbau ein Sonett. Deswegen auch der Titel.

    Was das "nämlich" angeht, habe ich es eigentlich absichtlich gewählt. Aber vielleicht hast Du auch Recht, und ein anderes Wort wäre schöner.
    Ich hatte erst "langsam" im Kopf. Ist das besser?
    Ich nehme ansonsten auch gerne Vorschläge entgegen! Manchmal sieht man ja nicht, was direkt vor einem liegt...

    Sei lieb gegrüßt,
    Fee
    * Zauberfee *


    Ich freu mich über jede weiterführende Kritik!!!

  4. #4
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    Hallo Zauberfee!

    Ist bei einem Sonett das Reimschema immer abcd abcd... ?
    Gibt es irgendetwas, das man beachten muss (z.B. Anzahl der Silben; Versfuß, -maß etc.)?
    Es klingt so schön, vielleicht wage ich mich dann auch mal an eins (hoffe natürlich auf deine Auskunft).
    Das "langsam" gefällt mir schon besser als dieses "nämlich".
    Mein Vorschlag (nur eine kleine Anregung) wäre
    "Denn Träume uns leise entschliefen."
    MlG

    vom schwarzen Federvieh


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  5. #5
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    Hallo Nina, hallo Raven!

    Erst mal zum Sonett:
    Es ist kein klassisches Sonett, wie es z.B. im Barock gang und gäbe war.
    Das klassische Sonett ist in 6-hebigen Jamben mit Zäsur nach der 3. Hebung zu schreiben. Es gibt auch diverse Reimschemata die man wählen kann, Italienisches Sonett, Französisches Sonett... ich will mich jetzt hier nicht weiter damit aufhalten, denn das würde den Rahmen sprengen. Was ich nur sagen wollte ist, daß es verschiedene Möglichkeiten und Varianten dieser Gedichtform gibt.
    Ich muß mich doch nicht an die Vorgaben von Martin Opitz halten, oder?

    Aber nun davon weg - egal, ob Sonett oder nicht, freue ich mich über Eure netten Worte.
    "leise" hatte ich auch schon überlegt, aber das fand ich zu harmlos.
    Ich wollte ja gerade mit den Liedern und Briefen bewirken, daß dem lyr. Ich eben bewußt ist, daß die Träume verloren gehen, daß es sogar davor gewarnt hat!
    Deswegen auch "nämlich". Hmmm, aber ich werde es mir noch mal genauer durch den Kopf gehen lassen.
    Läßt mich jetzt nicht mehr so ganz locker...

    Einen schönen Sonntag noch,
    die Fee
    * Zauberfee *


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  6. #6
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    Hallo raven91 und huhu Nina ,


    lass Dich nicht durch den Titel des Gedichts irrtieren, es ist nur sehr entfernt mit einem Sonett verwandt. Es gibt hier im Sprechzimmer einiges Lohnenswertes zum Thema zu lesen.

    Generell: Das klassische Sonett, mit dem Ursprung in Italien, verwendet zur *sfg* Lobhudelung (nicht ernstnehmen, ich liebe Sonette) des Themas "Liebe" und "Glaube" den warmen behäbigen Singsang des Jambus.

    Die reinsten Formen sind der fünfhebige Jambus mit weicher Endung (also elf Silben = Endecasillabo) und der sechshebige Jambus mit einem kurzen Verhalten in der Mitte des Verses, nach der 3. Hebung (Alexandriner). Das Reimschema ist zwingend ABBA ABBA für die Quartette. Die Terzine sind ganz klassisch CDE CDE, dürfen aber variiert werden.

    [Auch andere ähnlich Formen haben sich entwickelt. So ist zB Shakespeare berühmt für seine Sonette, die aber eine andere Form der 14-Zeilen wählen, sie verwenden den Kreuzreim und teilweise auch den Paarreim und gliedern sich oft in drei Quartette und ein Schlussduett. Was aber auch hier immer vorliegt, ist der Jambus.]

    Thematisch werden die Sonette in drei Abschnitte aufgegliedert, eine Aussage (These), deren Kontrastierung durch Widerpart, Antwort oder Widerlegung (Antithese) und eine Zusammenführung evtl. sogar ein Sinnschluss (Synthese).

    Da, wie Du sicher bemerkt hast, dieses Gedicht im Daktylus und mit einer sehr kurzen Zeilenlänge geschrieben ist, und richtig bemerkt auch das Reimschema nicht im Mindesten passt, bedurfte es schon der Überschrift, damit man hier etwas Sonettähnliches vermuten konnte. Warum der Titel gewählt wurde, ist mir wirklich nicht klar. Denn es fällt noch nicht einmal unter die niedere Sonettdichtung, da das hervorstechende Merkmal, der Jambus, nicht vorliegt.

    Die moderne Sonettdichtung nutzt oft die Forment, um auch andere Sinngehalte zu beschreiben. Die raffiniertesten scheinen mir immer wieder jene zu sein, die mit Leichtigkeit aussehen wie ein Sonett und beim Blick durchs Hintertürchen so geschickt mit den Regeln brechen, dass es zunächst nicht auffällt , die machen dann wirklich Spaß.

    Ich hoffe, Du konntest etwas mit diesen Zeilen anfangen, wenn Du Lust hast, kannst Du mir ja eine Mail schreiben.


    Liebe Grüße, raven91, und eine schöne Adventswoche,
    Anke


  7. #7
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    Dann schaut doch mal bei Rilke: der schreibt auch ganz gerne seine Sonette in Daktylen! Oder Hermann Broch,Robert Gernhardt - dessen Gedichte ganz gern auch mal nur aus 3-hebigen Jamben bestehn... Es gibt so einige "unsaubere" Sonette!
    Aber das auch nur kurz am Rande.
    Wenn ihr euch dann besser fühlt, werde ich mein Gedicht umnennen - hatte nur bisher keinen passenden Titel.
    Und wer nur an alten Traditionen festhalten kann, sich selbst davon nicht lösen kann, keine Regln brechen mag / kann - dem ist eh nicht mehr zu helfen!
    * Zauberfee *


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  8. #8
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    Vielen lieben Dank, Anke!
    Ja, ich muss noch viel lernen, was die hohe Kunst des Gedichteschreibens betrifft.
    Das Sonett ist ja komplizierter als ich dachte, "These, Antithese und Synthese" hört sich fast nach Hegels philosophischen Methoden zur Verständnis der Geschichte an (falls dir das etwas sagt).
    Wahrscheinlich werde ich erst im nächsten Jahr Zeit finden, mich genauer mit dem Thema "Sonett" auseinanderzusetzen, aber ich werde dann bestimmt gern auf dein Angebot zurückkommen.

    Liebe Grüße, und dir auch noch frohe Weihnachten

    raven91
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  9. #9
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    Arrow Einem orthodoxen Sonettisten

    Der Fünfheber Jambus ist dir erste Sahne,
    doch fürcht ich, dir mangelt’s am rechten Behufe.
    Das Dichterwerk wird nicht zum echten Berufe,
    schreibst du dir ein einzelnes Maß auf die Fahne.

    Du stehst mit nur einem Maß auf schmalem Kufe.
    Dies sei dir ein Beispiel, daß dir einmal schwane,
    was möglich ist, dir neue Freiheiten bahne:
    Der Daktylus ist doch die Doppelrahmstufe!

    Du trägst deinen Jambus (und willst mir noch spotten),
    doch wie einen alten, verschlissenen Frack
    und flickschusterst nur an den alten Klamotten.

    Vielleicht kommst auch du einmal auf den Geschmack
    und lernst einen anderen Vers, einen flotten;
    Ein anderer Takt bringt dich wieder auf Zack.




    Ach, die Regeln...
    Natürlich gibt es sowas wie das "Idealsonett", aber das ist in Deutschland nicht mehr mit Alexandrinern oder Hexametern, wie die Barockdichter Opitz, Gryphius etc. geschrieben haben, sondern seit Bürger und vor allen Schlegel der fünfhebige Jambus mit weiblichem Endreim. Der Regeln gibt es noch mehr, du wirst aber keinen Satz finden, den Du nicht durch hundert Gegenbeispiele widerlegen kannst. Wir sind hier nicht im Physikseminar. Regeln in der Dichtung bestehen nicht naturgesetzlich, sondern kanonisch und sind also wandelbar.
    Dein Gedicht kann durchaus noch als Sonett "durchgehen", aber den Titel solltest du trotzdem ändern. Man würde ja auch ein Lied nicht mit "Lied" betiteln, es sei denn es handelt von Liedern.
    Ich weiß, viele bekannte, auch gute Dichter überschrieben ihere Sonette "Sonett", aber es bleibt eine Verlegenheitslösung.


    Wenn Du wissen willst, wie das deutsche Idealsonett aussieht, und vor allem warum, kann ich dir folgenden Link zu Schlegel anbieten:
    http://www.sonett-archiv.com/schlegel-aufsatz.htm

    Wenn Du lieber die Grenzen ausloten willst:

    http://www.sonett-archiv.com/schindelbeck.htm

  10. #10
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    Hallo Zaunkönig,


    ein feines Sonett, auch wenn eventuell falsch adressiert? Die/der Verfasser/in des "Sonetts" ist sicherlich nicht ein orthodoxer Verfechter. Aber auch im Kritikerkreis wirst Du den nicht finden. Es ergab sich lediglich eine Diskussion darüber, warum dieses Gedicht ein Sonett sei.

    Nach meiner bescheidenen Meinung ist der Bruch in zu vielen Disziplinen des Wettkampfs vorhanden, um hier von einem Sonett zu reden. Vierzehn Zeilen allein machen m.E. kein Sonett aus. Ich habe auch zwei oder drei Sonette geschrieben, derer Güte ich mir nicht sicher bin, aber ich hüte mich, ein Sonett ein solches zu nennen, wenn ich jede einzelne Regel nicht einhalte und mein Liedchen keines ist... Ich breche gerne Regeln, mit Spaß und Freude, aber lieber im Geheimen und unbemerkt zunächst, denn dann wird die Feinheit im Gedicht wirksamer, hoffe ich. Die im Deutschen praktizierte Aufteilung z.B. reizt, andere Rhythmen zu nutzen und dennoch die thetischen Bezüge zu nutzen. Oder auch das Tempo zu raffen oder zu zügeln.

    Aber die Doppelrahmstufe hat was . Und ich hab Appetit und mach mir jetzt Abendbrot!


    Liebe Grüße
    Anke
    Geändert von therzi (08.05.2006 um 22:26 Uhr)

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