Thema: Weglauf

  1. #1
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    Weglauf

    Weglauf


    An Dir hab ich, gebranntes Kind,
    bekanntes in den Wind geschrieben.
    Mit all den lieben Bißchen
    verbissen das geblieben,
    was eisig schien.

    Durch Dich hab ich, gewahrter Schein,
    gesparter Pein die Tür gewiesen.
    Trotz all den fiesen Märchen
    vermehrt den Traum gepriesen,
    der dort verging.

    Nach Dir hab ich, gebrachter Gang,
    belachter Würde Klang verhalten.
    Verwalten die Verbrechen,
    versprechen uns die Alten
    und starr zu sein.
    Geändert von LiaWell (03.01.2006 um 00:54 Uhr)

  2. #2
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    Hallo,

    du spielst sehr schön mit dem Schein und Sein.

    "Mit all den lieben Bißchen
    verbissen das geblieben,
    was eisig schien."

    "Durch Dich hab ich, gewahrter Schein,
    gesparter Pein die Tür gewiesen."

    Diese beiden Passagen verdeutlichen sehr gelungen die Flucht vor der Wirklichkeit - Den Weglauf.

    Dank dem rhythmischen Metrum liest es sich sehr gut. In entsprechender Weise hast du sehr passende, harmonisch klingende Worte verwendet.

    "An Dir hab ich, gebranntes Kind,
    bekanntes in den Wind geschrieben."


    "Durch Dich hab ich, gewahrter Schein,
    gesparter Pein die Tür gewiesen."

    "Nach Dir hab ich, gebrachter Gang,
    belachter Würde Klang verhalten,"

    dieser Reim in der Mitte gefällt mir sehr.

    Das einzige, das mich verwundert ist folgende Zeile:
    "versprechen uns die alten"
    Ich kann sie weder in den Kontext einordnen, noch eine übergreifende Bedeutung finden.
    Ich bitte um Kritiken. Sie fallen bei mir sehr rar aus:
    Naturalienkabinett (Natur++)
    Wenn die Liebe spräche
    Die neue Wissenschaft
    Schicksalseigentum
    Danke vielmals.

  3. #3
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    Hallo gott!

    Zur Wortwahl und Ausdruck muss ich nicht mehr viel sagen, das hat mein Vorgänger ja schon erledigt.
    Interessant an deinem Gedicht finde ich das Reimschema.
    Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob sich nur die zweite und vierte Zeile in jeder Strophe reimen, aber du verwendest auch innerhalb der Zeile Reime.
    Schön finde ich auch die Doppelbedeutung des Titels.
    Zu S3Z4: Sollte man "alten" dort nicht großschreiben, weil es substantiviert ist?
    Liebe Grüße

    das schwarze Flattervieh
    The doctor says, I´ll be alright
    but I´m feelin blue
    Tom Waits

  4. #4
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    Hallo Ihr beiden!

    Danke für das Lob und auch die Anmerkungen

    @ cuckoo: Dein Interpretationsansatz ist interessant, wenn er auch nicht unbedingt mit meiner Intention übereinstimmt, habe ich dem Gedicht auch bewußt diese richtung verliehen. Wieder eins dieser netten Experimente zu Doppel- oder Mehrfachbedeutung von Worten.
    Zu ...versprechen uns die Alten...: Lyr. Du und ich versprechen hier einander die Alten zu bleiben/ zu sein.

    @ raven91: Danke für die Bemerkung, ich bin mir zwar nicht hundertprozentig sicher, aber ich denke Du hast recht mit dem Alten. Werde es gleich ändern.

    alles liebe
    gott

  5. #5
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    Hallo gott,

    auch ich finde dieses Gedicht sehr interessant, die Reime (die mir seltsamerweise sofort auffielen, normalerweise brauche ich dafür noch einen zweiten Durchgang) sind bis auf das "Verbrechen-versprechen" (nicht negativ gemeint, nur gewöhnlicher) auch sehr einfallsreich, sie drängen sich nicht auf, aber wirken.

    Nur frage ich mich - müsste nicht auch "Bekanntes" in S1V2 groß geschrieben werden?

    Worüber ich im Moment noch grüble ist jedoch, warum es nicht besonders viele Gefühle in mir erweckt, außer Interesse und Anerkennung der dichterischen Fähigkeiten...

    LG, Calyptra
    ...und ein junger Blitz schwamm heran.

    Tonlos...
    Was bleibt
    Kamen sie

    ...
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  6. #6
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    Weglauf

    liebe gott (ich schreibe das so gerne )
    Anerkennung für Gestaltung und Wort kannst Du von mir zu 98% unterstellen, falls ich vor lauter Kommentieren vergesse zu erwähnen - ernst gemeint.
    Meine Interpretation:
    Das Kind, inzwischen erwachsen und in einer Beziehung (evtl. verh.) erkennt die Zusammenhänge.
    In der eigenen Beziehung spiegelt sich die Elternbeziehung wieder (die neg. Teile) die ungewollt aber nach gleichem Muster übernommen wurde. ???

    Wenn es denn so stimmt, dann mag ich die letzten drei Zeilen nicht so sehr gern.
    Nach verhalten würde ich einen Punkt setzen (und dann gleich Bekanntes groß schreiben, s. Calyptra)
    Verwalten die Verbrechen,
    gezwungen wie die Alten
    ??? starr zu sein.

    Bin gespannt, was die gott mir jetzt erzählt.
    Lieben Gruß,
    Dana

  7. #7
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    Hallo Ihr beiden!

    Also jetzt bin ich völlig verwirrt mit den Substantivierungen Nein, bekanntes lasse ich in diesem Fall klein. nennt mich stur, da bleibt für mich ein impliziertes Wissen

    @ Calyptra: Ich nehme das Lob gerne an. Daß nicht jedes Gedicht bei jedem Gefühle erwecken können, sollte klar sein, bei diesem war es auch nicht unbedingt mein vorrangiges Ziel. Manchmal sei auch mir ein Spiel mit Sprache erlaubt

    @ Dana: Leider liegst Du mit Deinem Interpretationsansatz weit von meiner Intention entfernt, aber das soll kein Störfaktor sein. Würde es mir nicht Spaß machen, unterschiedliche Gedanken hervorzurufen, schriebe ich nicht so elendig verschlüsselt.
    Das Komma nach verhalten ist ein Tippfehler... die kleinen Dinger fallen ja nicht so auf wie falsche Buchstaben. Danke für den Hinweis. Ein tip für das verstehen der letzten drei Zeilen... und des starr, das Dir anscheinend Probleme bereitet.... Zeile 1 in jeder Strophe beinhaltet eine Redewendung (gebranntes Kind / gewahrter Schein - den Schein wahren / gebrachter Gang - etwas in Gang bringen), Zeile 5 die Negation des selbigen (eisig / verging / starr).

    Hoffe, das hat etwas ins Dunkle gebracht.

    Nächtliche Grüße,
    gott

  8. #8
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    Hallo,

    wieder einmal habe ich keine Ahnung, wovon dein Gedicht hier wirklich handeln könnte, aber dennoch habe ich es mit Erstaunen und Verzücken gelesen. Deine Wortwahl ist atemberaubend. Jede dieser Zeilen singt ihr eigenes Lied.

    Ich verbeuge mich wieder einmal tief vor dir.

    Liebe Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  9. #9
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    Nochmals hallo,

    ui, da eröffnen sich ja ungeahnte Horizonte...
    Das gebrannte Kind lässt sich "einfach" verstehen, und auch dem "den Schein wahren" und nach einigem Grübeln dem "in Gang bringen" bin ich auf die Schliche gekommen - doch die Negation hat sich mir nicht enthüllt.

    Jetzt gefällt es mir sogar noch besser .

    (Ich beharre jedoch dennoch frech darauf, dass "An dir hab ich (...) Bekanntes in den Wind geschrieben" groß sein sollte . Aber vielleicht verstehe ich es auch einfach anders als du.)

    Alles Liebe,
    Calyptra
    ...und ein junger Blitz schwamm heran.

    Tonlos...
    Was bleibt
    Kamen sie

    ...
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  10. #10
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    Weglauf

    Liebe gott,
    ich will nicht hartnäckig sein - nein es macht Spaß

    Habe noch zwei weitere Interpretationen in petto. Das sind ja die besonderen Gedichte, die so vieles in sich haben. Hesses "Stufen" z.B. kann man zu soooo vielen Gelegenheiten anbringen, verschenken. (Habe ich schon oft gemacht).

    Möglich ist auch:
    Das lyr. Ich nimmt sich einer Person an, von der es weiß, daß es gleichzeitig eine große Aufgabe übernimmt, denn es kennt den bisherigen Weg des Mannes, der Frau, des Kindes. Das lyr. ich weiß auch um die Probleme, die entstehen können, aber es wirft alles über Bord (oder in den Wind), weil es helfen will.
    Es hört nicht auf Rat und Warnungen (die fiesen Märchen), es widmet sich ganz der Aufgabe. Es geht diesen Weg, nimmt alle Rückschläge in Kauf und lernt,
    es war nur ein Weg, ein Gang. Was mir noch ein ? bleibt. Erlebte das lyr. Ich auch das Weggehen (Weggang) des umsorgten Menschen?

    Mit lieben Grüßen und bis dann
    Dana

  11. #11
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    Hallo Ihr beiden!

    @ Calyptra: Daß jemand etwas nach meinen wirren Erklärungen noch besser gefällt, ist glaube ich auch neu Ich mach mir noch mal einen Schädel wegen der Groß-/Kleinschreibung, das läßt mich jetzt auch nicht los.

    @ Dana: Dein Ansatzpunkt ist gar nicht mal so schlecht, so ungefähr trifft es das sogar ganz gut. Eine Anmerkung hätte ich nur noch: Bist Du Dir wirklich sicher, daß "gebranntes Kind", "gewahrter Schein" und "gebrachter Gang" sich wirklich auf das Lyr. Du beziehen

    alles liebe
    gott

  12. #12
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    Hallo gott,

    erst einmal ein Lob von meiner Seite aus. Das etwas komplexere, gut durchdachte Reimschema, die wie immer schöne Wahl der Worte und auch die Übergänge zwischen den Strophen (Z.5 steht in Bezug zu Z.1; Verb ist Subjekt der nachfolgenden Zeile) sind klasse. Wirklich bis ins Detail hervorragend.
    Zur Interpretation: In der ersten Strophe handelt es sich anscheinend um eine Nachricht an das lyr. Du, die beiden anderen muten eher wie Selbstgespräche an, welche die Vorgänge weiter erleutern. Hierin soll anscheinend deutlich werden, dass das lyr. Ich dem lyr. Du wohl eine illusionsbehaftete, womöglich floskelhafte Weisheit mit auf dessen Lebensweg gegeben hat. Dieses Motiv des geheuchelten, aber sich positiv auswirkenden Ratschlags für das lyr. Du- scheinbar irgendjemand, dessen Abschied nun bevorsteht- zieht sich durch das gesamte Gedicht. Hey, scheint als wäre hier diesmal ein klarer roter Faden erkennbar und nicht dieses unscharf sichtbare Gekräusel, wie in anderen deiner Werke (ist nicht bös gemeint *g*). Jedenfalls wirkt der Inhalt nicht zu durchsichtig, dafür wirkt das ganze Werk sehr "rund".
    Hat sich wieder einmal gelohnt zu lesen.

    Gruß
    Phil

    btw: "bekanntes"--> groß schreiben, es sei denn, es bezieht sich auf das Kind, was aber irgendwie keinen Sinn machen würde.

  13. #13
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    Hallo Philipp!

    Auch Dir Dank für das Lob und die Auseinandersetzung mit meinen Zeilen.

    Deine Lesart ist ebenso wie die anderen denkbar und es freut mich jedesmal verschiedene Herangehensweisen an meine Texte zu sehen. Nicht umsonst schreibe ich die Gedichte nicht völlig einsichtig

    Allerdings hatte ich grad bei Weglauf das Gefühl, daß es sich eher um unscharf sichtbares Gekräusel handelt Aber auch das ist ja subjektiv.

    alles liebe
    gott

  14. #14
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    Weglauf

    Oh gott,
    dann habe ich noch eine Version, und alles ist möglich:
    Das lyr. Ich, ein "Rebell/in", schert sich nicht um Gewohntes, "Bewährtes", war auf dem Weg, sich selbst zu finden mit eigenen Ideen und Idealen, bereit auch Niederlagen in Kauf zu nehmen und erkennt, es funktioniert nicht.
    Es wird von allen Prophezeiungen eingeholt: Kälte bleibt, Träume vergehen und es gilt, was die Alten (Eltern,die andere Generation) verwalten - Starre.

    So ist Lebben.

    Lieben Gruß,
    Dana

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