Thema: Aoide

  1. #1
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    Aoide

    Aoide




    An die Dichter dieser Welt. Erwartet Ihr denn allen Ernstes
    - ohne Gegenleistung - Stücke der von Euch begehrten Melodie?
    Zungengaben fordert Ihr mir ab, mit weindurchtränkter Stimme.

    Tod und Hoffnung, Herz und Schmerz entlockt Ihr Eurer Feder - mir;
    jener Hochgeschätzten, deren Antlitz Blässe der Verehrung trägt,
    mit begehrenswerten Formen Eurem Geiste Feuer schürt.

    Denkt Ihr wirklich, eine Muse äußert sich so einfach;
    leichtgerötet' Wangen und gewissen Kummer im Gemüt?
    Narren solltet Ihr Euch nennen, Schreiberlinge wollt Ihr sein.

    So vergessen wir die Ode an die Liebste, die Euch doch nur schmäht.
    Trauerreden, Heldensagen, Trinkgesänge, Abschiedslieder -
    all das Leben, das zu spüren mir verwehrt geblieben ist.

    Heute gehe ich hinaus - und Ihr bleibt Schreiber, dichtet weiter.
    Ohne meine Hilfe halten nun die Blätter einzig eines fest.
    Die Geschichte einer Muse, die nicht zu beflügeln strebt.

    Alles wird ganz außerordentlich.
    Geändert von LiaWell (08.01.2006 um 12:51 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Gott,

    wenn ich deine letzte Zeile mal kurz verwenden darf:

    Alles ist ganz außerordentlich.

    Ein herrliches Gedicht, halb Wehmut, halb Klageschrift. Und selbst, wenn man Aoide (so wie ich) nicht kennt und erst bei Tante Wiki nachschlagen muss, so erschließt sich dein Gedicht doch auch beim ersten Mal lesen. Beachtlich! Das gab es, glaube ich, noch nie.

    Was ich hier außerordentlich gelungen finde: Die langen Zeilen. Mit Neunhebern, unter anderem. Herrlich! Du schwelgst so richtig in der Sprache, schöpfst aus dem Vollen.

    Ich applaudiere wieder einmal enthusiastisch und es war mir wie immer ein großes Vergnügen, dich gelesen zu haben!

    Liebe Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  3. #3
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    Aoide

    liebe Gott,
    habe mich mit Mneme und Melete unterhalten. Sie meinten, Aoide macht jetzt ganz andere Musik, aber sie gefällt. Ja, so haben sie es gesagt.
    Und ich las eine gewisse Melodie in Deinem Werk, die mich "beflügelt".
    Lieben Gruß,
    Dana

  4. #4
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    Hallo Ihr beiden!

    Danke für das Lob und die Anmerkungen.

    *hüstel* Wenn ich auf meinen Komplettierungswahn höre, der laut im Hinterkopf poltert, müßte eines meiner nächsten Gedichte dann Melete heißen - Mneme hatte ich schon

    @ Roderich: Die Neunzeiler sind eigentlich nicht das Problem. Man darf nur nicht aufhören wirres Zeug zu faseln. Schön, daß es sich diesmal so leicht erschloß

    alles liebe
    gott

  5. #5
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    Auch von mir groißes Lob (mal wieder). Der wehmütige, teilweise auch bissig-direkte Klang bringt mich leicht zum Schmunzeln. Das alles in fabelhafte Worte gekleidet.
    Auch die Wahl des lyr. Ich, die Perspektive der Muse, finde ich klasse. Dass das ganze auch noch in ein Forum für Lyrik gepostet wird, gibt dem ganzen nicht zuletzt einen wohlig ironischen Nachgeschmack.
    Mneme habe ich meinees Wissens nach gelesen, allerdings nicht mehr gut im Gedächtnis. Auf Melete freue ich mich schon.

    Gruß
    Philipp
    Geändert von AiAiAwa (07.01.2006 um 22:37 Uhr)

  6. #6
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    Aoide

    liebe gott,
    verzeih, ich habe mich mit Absicht "verirrt" , um zusammen zu fügen, was zusammen gehört.
    Bis Melete,
    Dana

    Darum:
    Melete = Meditation
    Mneme = Gedächtnis
    Aoide = Musik, Erinnerung
    Geändert von Dana (08.01.2006 um 14:36 Uhr)

  7. #7
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    Hallo Ihr beiden

    @ Philipp: Zugegebenermaßen ging mir dieses Stück nicht ohne eine gehörige Portion Häme von der Hand. Vielleicht hatte ich einfach mal das Gefühl Madame Muse auch mal sprechen zu lassen - wenn es gefällt, umso besser.

    @ Dana: Also doch kein "falsches Knöpfchen gedrückt"-Unfall Melete steht auch für Kontemplation - sie wird also ruhiger. Und da mir im Wechsel nun noch eine nette Erzählperspektive bleibt, wird das ganze sicherlich eine Herausforderung. Mal sehen

    alles liebe
    gott

  8. #8
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    hallöchen

    ein interessantes stück.
    ich finde die dichte der sprache lässt nach der 3. strophe etwas nach.
    mir fehlen ein paar archaisierende ausdrücke, um das gedicht voll wirken zu lassen. du schreibst als der perspektive einer muse, das ist eine hohe anforderung an die sprachliche qualität, die du z.T. auch gut umsetzt.
    der sinn der letzten zeile erschließt sich mir nicht.


    fett = das wirkt gegen eine verdichtete sprache

    So vergessen wir die Ode an die Liebste, die Euch doch nur schmäht.
    Trauerreden, Heldensagen, Trinkgesänge, Abschiedslieder -
    all das Leben, das zu spüren mir verwehrt geblieben ist.

    Heute gehe ich hinaus - und Ihr bleibt Schreiber, dichtet weiter.
    Ohne meine Hilfe halten nun die Blätter einzig eines fest.
    Die Geschichte einer Muse, die nicht zu beflügeln strebt.

    rudi an gott
    ende

  9. #9
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    Also... da mir grade langweilig ist, und du der Meinung bist es wäre noch zu früh für Vodka hab ich mir dein Gedicht zu Gemüte geführt. Jetzt muss ich doch den Vodka trinken, weil es zu gut ist um nen Fehler zu finden und ich Depris bekomme

    Wirklich ausserordentlich, eine Mischung aus Wehmut, Anklage und göttlicher Bissigkeit.
    Die Wortwahl die du verwendest empfinde ich als durchaus gelungen, auch die Stimmung die du hier vermittelst kommt beim Leser an. Die Art der Form finde ich ein wenig ungewöhnlich, zumindest hab ich sie so nicht allzuoft gesehen. Herzlichen Dank für dieses Gedicht *Flasche Vodka köpft*
    Tu was du willst, das ist das ganze Gesetz - Aleister Crowley

  10. #10
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    Geniale Idee, tolle Umsetzung. Nur die letzte, einsame Zeile stört mich etwas, aber egal.
    Falls der lieben Muse der Sinn doch mal wieder nach Inspiration steht, schick sie bei mir vorbei.

    Gruß

  11. #11
    Shadow ist offline koffeinhaltiger Techniker
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    Ein 'außerordentliches' gedicht, meinen vorrednern ist eigentlich nichts hinzuzufügen. mir gefällt die leicht spöttische aussage "So vergessen wir die Ode an die Liebste, die Euch doch nur schmäht.", vor allem in anbetracht der tatsache, dass es so viele von ihnen gibt

    my 2c,
    "if you don't learn from history, then you are an idiot by definition."
    -- vasim yasinovski

  12. #12
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    hallo liebe gott,

    auch ich kann mich hier nur noch meinen Vorrednern anschliessen. Ich habe dein Werk mit Begeisterung gelesen. Mir gefällt die Mischung aus Trauer, Anklage und leichtem Spott. Sehr gern gelesen.

    Viele Grüße
    Speedie
    [FONT="Arial Narrow"]Fantasien sind für manche Menschen unvorstellbar. (Gabriel Laub)

  13. #13
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    Hallo Ihr fünf

    @ rudi: Ich kann Deine Einwände verstehen, aber eigentlich wollte ich es eben nicht zu archaisch von der Wortwahl wirken lassen, da dies nicht zu der doch relativ zickigen Aoide gepaßt hätte. So danke ich Dir für Deine Anmerkungen, werde da aber wohl nichts ändern

    @ Wöldchen: Mach bloß nicht mich verantwortlich für Deinen Alkoholismus. Sonst muß ich anfangen Herz-Schmerz-Gedichte zu schreiben und das wollen wir beide nicht.

    @ Uncut, Shadow und speedie: Auch Euch danke für die lieben Worte.

    Aber Musen werden grundsätzlich nicht vorbeigeschickt. Höchstens angekettet und zur Arbeit gezwungen

    alles liebe
    gott

  14. #14
    Schattenblume ist offline Etwas mit den Scherenhänden
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    hallo, alter Seelenfresser,

    ich vermisse zwar deine unverständichen Methapern, und deine kryptischen Wortvergewaltigungen, doch glücklicherweise habe ich, armes Seelenvakuum,
    noch zwei Stelle entdeckt, die in meinem Geist kein Gehör finden:

    ´An die Dichter dieser Welt´
    --> das kann doch wohl nicht dein Ernst sein? mich zumindest lässt diese Einleitung an den Beginn eines Kochrezepts denken

    naja, und über die letzte Zeile will ich mich gar nicht erst auslassen.

    sie ist im gleichen Maße schlecht, wie die vorigen fantastisch sind...

    es war mir ein ausserordentlicher Genuss

    mit lieben Grüssen von deinem lyr.Ich
    Tipp für mißachtete Analphabeten: auch hinter einen nicht geschriebenen Satz lässt sich ein Punkt setzen.

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