Thema: Prosaformen

  1. #1
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    Prosaformen

    Prosaformen




    Ergänzend zu Michas Formen-Faden, folgt hier nun eine Auflistung von Prosaformen. Um nicht unnötig Verwirrung zu schaffen, werde ich dabei auf die Erläuterung, inwiefern bestimmte dieser Formen nach Diskussionen eher zur Epik gehören verzichten.
    Ebenso erhebt diese Aufzählung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Einige der beschriebenen Gattungen (so der Roman) sind derart weitgefaßte Begriffe, daß eine ausführliche Erläuterung zu weit gehen würde.


    Quellen: wikipedia.de, know-library.net, uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/


    Anekdote

    - (von griech. ανέκδοτον, anékdoton - das nicht Herausgegebene)
    eine Anekdote bezeichnet eine Erzählform, die eine meist kurze aber ungewöhnliche Begebenheit im Leben einer Person zur Grundlage hat. Charakteristisch für die Anekdote ist eine Pointe.

    Beispiel: Johann Peter Hebel Eine merkwürdige Abbitte


    Autobiografie/Biografie/Memoirenliteratur

    - eine Biografie (von griech. βιογραφία - Lebensschrift) ist die Lebensgeschichte einer meist im öffentlichen Leben stehenden Person. Ist diese von betreffender Person selbst oder mit Hilfe eines anderen geschrieben worden (z.B. von einem Ghostwriter), handelt es sich um eine Autobiografie. Die Memoirenliteratur (franz. memoire - Denkschrift, Erinnerung bzw. lat. memoria - Gedächtnis) ist eine Art Oberbegriff dieser beiden Gattungen und der der Anekdote.

    Beispiel: Heinreich Heine Memoiren

    Bürgerliches Trauerspiel

    - bezeichnet ein Drama in Prosaform, das sich thematisch mit der Welt des Bürgertums, speziell der Unterdrückung desselbigen durch die Obrigkeit, Ständekonflikte oder später auch der Kritik der Arbeiterklasse an der bürgerlichen Weltordnung auseinandersetzt. Beispiele für das Bürgerliche Trauerspiel sind Lessings Emilia Galotti, Hebbels Maria Magdalena und Schnitzlers Liebelei.

    Beispiel: Christian Friedrich Hebbel Maria Magdalene


    Essay

    - (von franz. essai bzw. lat. exagium - Probe, Versuch) ein Essay ist eine kurze Abhandlung zu einem kulturellen, gesellschaftlichen oder wissenschaftlichem Phänomen. Ein Essay ist somit keine ausführliche Untersuchung der Thematik, sondern stellt einen Versuch dar, bzw. soll die Thematik gedanklich anreißen. Als Urheber des Essay als literarische Form gilt der Franzose Michel de Montaigne. Andere wichtige Essayisten: Francis Bacon, Friedrich Schiller, Søren Kierkegaard, Karl Marx, Jean-Paul Sartre, Theodor W. Adorno.

    Beispiel: Klabund Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde

    Erzählung

    - eigentlich Oberbegriff für Kurzgeschichten, Novellen, Anekdoten, usw. ist die Erzählung als eigene Genre eine kürzere Erzählform als der Roman mit einer aufgelockerten Komposition gegenüber der Novelle. Neben verschiedenen Erzählperspektiven (dies auch anzuwenden auf andere Genres, wie zum Beispiel die Kurzgeschichte) - neutral, personal, auktorial - sind auch verschiedene Erzählmethoden - reflektierend, zeitraffend, zeitdilatierend - möglich.

    Beispiel: Cechow Auf der Post

    Fabel

    - (von lat. fabula - Geschichte) eine meist lehrreiche Geschichte, in der häufig Tiere die Funktion von menschlichen Charakteren überzeichnet ersetzen.

    Beispiel: Gotthold Ephraim Lessing Das Schaf und die Schwalbe

    Kurzgeschichte

    - entstanden in ihrer heutigen Form als short-stories im anglo-amerikanischen Gebiet (hier vor allem Edgar Allen Poe, Ernest Hemingway und William Faulkner als bekannteste Autoren zu nennen). Eine Kurzgeschichte gliedert sich meist fest in Einleitung, Höhepunkt und Schluß, wobei die Anzahl der vorhandenen Charaktere, Handlungsschauplätze und der Zeitrahmen gewöhnlich stark begrenzt sind.
    Ein plötzlicher Einstieg in die Handlung ist ebenso gattungstypisch, wie die Umschreibung von Alltagsgeschichten, Verwendung von Alltagssprache und eine in sich geschlossene Handlung.
    Im deutschsprachigen Raum setzten sich die Kurzgeschichten als Gattung nach dem zweiten Weltkrieg und gerade in der Nachkriegsliteratur durch. Wichtige Vertreter: Wolfgang Borchert, Heinrich Böll, Luise Rinser, Alfred Andersch

    BeispielEdgar Allen Poe Wie ein guter Zeitungsartikel zu schreiben ist

    Märchen

    - (von mhd. merechyn/mære - Geschichte) - eine oft mündlich überlieferte (Volksmärchen) oder erdachte (Kunstmärchen) Erzählung mit außergewöhnlichen und surrealen Elementen.
    Volksmärchen sind heute vor allem durch die Märchensammlungen von den Gebrüdern Grimm, oder Sammlungen von unbekannten Autoren (z.B. 1001 Nacht) bekannt.
    Kunstmärchen entstanden zuerst mit den Feengeschichten im Französischen Rokoko. Bekannte Märchenautoren sind: Wilhelm Hauff, Hans Christian Andersen, E.T.A. Hoffmann, Adalbert von Chamisso, Clemens Brentano.

    Beispiel:

    Volksmärchen: Gebrüder Grimm Von einem der auszog das Fürchten zu lernen
    Kunstmärchen: E.T.A. Hoffmann Der goldne Topf

    Novelle

    - (von lat.: novus - neu; ital.: novella - kleine Begebenheit)
    eine kürzere Erzählform der Prosa. Gegenstand einer Novelle ist eine Begebenheit, die sich tatsächlich ereignet haben kann oder hat. Meist spitzt sich der Handlungsstrang zu einem Höhepunkt zu. Charakteristisch sind ebenso die Verbindung Ereignis/Mensch und ein Symbol, das sich als Leitmotiv äußerst (Schachnovelle, Judenbuche). Als Ursprung der europäischen Novellentradition kann man Giovanni Boccaccio mit seinem Decamerone anführen.

    Beispiel: Theodor Storm Der Schimmelreiter

    Rede

    - Wie der Name schon sagt, ist die Rede an ein Publikum gerichtet und somit ununterbrochen. Die Rede widmet sich im Idealfall einem bestimmten Thema und dient der Information, Überzeugung und/oder Meinungsbildung. Beispiele für Reden sind die des antiken Cicero oder die Bergpredigt.


    Roman

    - ist der relativ weitgefasste Begriff für jede Art längerer Erzählung, wobei ein oder mehrere Haupthandlungen und Nebenhandlungen verbunden werden. Der Roman war die erste Gattung, die allein zur Lektüre vorgesehen war (im Gegensatz zu Lyrik, Epik und Drama). Diese Gattung entstand mehrfach in der Geschichte, sowohl in unserem Kulturkreis als auch in anderen (z.B. in Ostasien).

    Beispiel: Oscar Wilde Das Bildnis des Dorian Gray

    Sage

    - (von ahd. saga - Gesagtes) ist eine Sammelbegriff für meist mündlich überlieferte Geschichten, die für wahr angenommen werden und damit über dem Realitätsanspruch des Märchens steht. Sagen werden häufig im Laufe der Zeit verändert und kulturellen Veränderungen angepaßt.
    Bekannte Sagen: Die Artussage, Rübezahl, Tellsage

    Beispiel: Verfasser unbekannt Beowulf

    Schwank

    - bezeichnet eine kurze Erzählung aus dem Volksleben. Meist handeln zwei konträre Parteien (Kleriker/Laie, Herr/Knecht, Verführer/Naive). Thematisiert werden dabei oft Tabuthemen ( z.B. Sexualität, Körperfunktionen) in realitätsnahen, von Alltagssprache/Gossensprache untermalten Situationen.

    Beispiel: Georg Queri Das Schnurren des Rochus Mang
    Geändert von LiaWell (03.02.2006 um 12:42 Uhr)

  2. #2
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    Hallo gott,

    wer, wenn nicht du? Ich danke für diese Aufstellung, die eine wirkliche Bereicherung des Sprechzimmers darstellt, und atme erst einmal erleichtert durch angesichts der Tatsache, dass ich das alles hier schon weiß.

    Liebe Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  3. #3
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    Ergänzend zu Michas Formen-Faden, folgt hier nun eine Auflistung von Prosaformen. Um nicht unnötig Verwirrung zu schaffen, werde ich dabei auf die Erläuterung, inwiefern bestimmte dieser Formen nach Diskussionen eher zur Epik gehören verzichten.
    Seit mir die Tragweite dieser Problematik zum ersten Mal klar wurde, gehört es für mich schon fast zur Tradition, mich aus gegebenem Anlaß über die Vermauschelung der Begrifflichkeiten aufzuregen und ohne die noble Thematik dieses Fadens durch Themenfremdes stören zu wollen, muß ich meinen Unmut hier um der Bildung Willen kundtun. Ich habe dazu schon viele Aufsätze verfaßt, u.a. die in diesem Forum befindliche Glosse Zwei ungleiche Paare oder meinen Diskussionsbeitrag zur Terminologie des Wikipedia-Artikels "Lyrik", wo mein Standpunkt ausführlich nachzulesen ist.

    Hier nur die Kurzfassung:
    Es gibt zwei verschiedene Begriffs-Kategorien, zur einen gehören die Begriffe Lyrik, Epik und Dramatik (nennen wir sie Gruppe A), zur anderen die Begriffe Metrik und Prosa (nennen wir sie Gruppe B). Gruppe A und Gruppe B bezeichnen zwei völlig unterschiedliche Phänomene: Gruppe A klassifiziert poetische Texte aufgrund der Hierarchisierung ihrer sprachlichen Funktionen und der subjektiven, inhaltlichen Darstellung als zu einer literarischen Gattung Zugehörige. Gruppe B klassifiert Texte aufgrund des Grades ihrer sprachlichen Formalisierung. Der Begriff Prosa-Formen ist also völlig unsinnig, solange nicht hinreichende Erklärungen der Unterschiede zwischen den einzelen Prosa-Textsorten in Bezug auf ihre Eigenschaft, Prosa zu sein, gemacht werden. Und zwar weil Prosa schon das für die Klassifizierung Hinreichende über die sprachliche Form des Textes aussagt.

    Den Roman hier aufzuführen, ohne einen Hinweis darauf, dass er, wie z.B. im Mittelalter, durchaus metrische Form aufweisen kann, ist ignorant. Das Gedicht zu unterschlagen, das zwar früher überwiegend metrisch war, heute aber überwiegend in Prosa-Form verfaßt ist, ist ebenfalls ignorant. Was die oben genannten Textsorten jedoch, abgesehen von dem Trauerspiel und dem Essay, gemeinsam haben, ist, dass sie allesamt eindeutig zur Gattung der Epik gehören. Also bitte nochmal über die Begriffe nachdenken und zur Entknotung im Kopf ggf. nochmal meine längeren Ausführungen lesen (die übrigens alle in Prosa verfaßt sind)!

    Grundlegend finde ich es aber lobens- und unterstützenswert, dass hier nun endlich einmal der Versuch unternommen wird, Texte, die nicht unbedingt der Sorte Gedicht angehören, zu klassifizieren und zu erklären.
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  4. #4
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    Hallo LeV

    Kritikpunkte angekommen. Ich wollte, wie schon gesagt, nicht vom hundersten ins tausendste kommen

    Es wäre bei einer derartigen Erklärung des Romans (die durchaus ihre Berechtigung hat) aber auch ignorant, die Entstehung und Besonderheiten des Romans in anderen Kulturkreisen außer acht zu lassen. Das hätte aber Raum für ein ganze Essay geboten... daher eine Vereinfachung, da es auch nur um einen Überblick gehen sollte

    Die Epikdiskussion. Da werfe ich ehrlich gesagt den Hut. Mir sind sowohl Deine Essays bekannt, als auch die Begrifflichkeiten. Den Einwurf brachte ich auch nur, nach dem ich mir seitenlange Diskussionen von Literaturwissenschaftlern durchgelesen habe, die sich vor allem um eine moderne Einordnung der klassischen Begriffe bemühten (da wollte ich einfach nicht einhaken).

    Der Faden muß ohnehin noch ergänzt werden, auch was andere Gattungen anbelangt. Doch dies später, wenn ich mal wieder die Muse finde

    Und dann vielleicht auch etwas ausführlicher.

    alles liebe
    gott

  5. #5
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    Okay, alles klar. Mit geht es ja auch nur darum, dass die Leute endlich lernen, dass Prosa und Epik keine Synonyme sind, bzw Prosa nicht das Gegentum von Lyrik ist. Denn wenn diese Begriffe sogar vom Fachpublikum wie Schote gebraucht werden, dann rafft das irgendwann wirklich keiner mehr.

    Die angesprochene Diskussion, die versucht, die antiken Begriffe neu einzuordnen, würde mich interessieren. Ist das irgendwo mehr oder weniger gebündelt nachzulesen?
    --LeV

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  6. #6
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    Ich hab mir die Diskussion nicht abgespeichert. Aber vielleicht finde ich sie nochmal. Wenn ich mich recht entsinne, lag sie auf irgendeinem Uni-Server rum und war nicht direkt durch Google zu finden. ich bin da mehr oder weniger zufällig drüber gestolpert.

  7. #7
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    Wär klasse, wenn du das nochmal finden und mir irgendwie den Link schicken würdest. Würde dir glatt die Schenkel dafür lecken.
    --LeV

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  8. #8
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    Wie schon erwähnt, ist die Diskussion nicht mehr ausfindig zu machen. Das nächste mal speicher ich mir sowas gleich ab, versprochen

    Dafür ist der Faden jetzt um Beispiele erweitert. Wenn jemand Zeit für viel Lesestoff hat

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