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  1. #1
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    Die rhetorische Periode

    Eine überarbeitete und aktualisierte Version dieses Threads findet sich auf meiner Homepage unter http://abgedichtet.org/?p=163

    Die rhetorische Periode

    Verfassern nicht-metrischer Gedichte, die fälschlicherweise vermeinen im freien Vers zu dichten, aber eigentlich Prosa mit mehr Zeilenumbrüchen schreiben, habe ich oft zu erklären versucht, dass der vers libre wohl eine der schwersten Disziplinen der Verskunst sein dürfte. Er ist nicht metrisch, er ist nicht prosaisch, er ist ein Ding in der Mitte, eine Art rhetorische Periode und damit sehr Nahe an der Sprache antiker Reden im hohen Stil, nur eben lyrisch.

    Was ist eine rhetorische Periode?

    Eine Periode ist laut wikipedia ein Zeitabschnitt, der durch einheitliche Ereignisse geprägt ist. In dieser Hinsicht ist auch ein metrischer Vers eine Periode, da kein zeitliches Ereignis in ihm einheitlicher ist, als die fortwährende Betonungsfolge XxXxXx oder XxxXxxXxx oder dergleichen mehr. In der rhetorischen Periode bezieht sich das jedoch eher auf syntaktische Einheiten, auch die entfalten sich in zeitlicher Folge. (Sprache ist eine Folge von Klangereignissen.) Die Einheiten, die hier zu nennen wären, sind Worte, Phrasen und Sätze. Diese werden nicht prosaisch zusammengefügt, sondern mit Bedacht auf das Urprinzip der Ästhetik - Wiederholung und Variation.

    Als erläuterndes Beispiel führe ich nun eine Aufgabe des Fachbereichs Linguistik der Uni Potsdam an, die zwei inhaltlich ähnliche Texte zeigt.

    1.) Wie lange noch, Catilina, willst du unsere Geduld missbrauchen? Willst du uns mit deiner Tollheit noch lange verhöhnen? Merkst du nicht, dass deine Dreistigkeit vermessen ist?

    2.) Wie lange noch, Catilina, willst du unsere Geduld missbrauchen? Bis wann soll deine Tollheit uns noch verhöhnen? Wie weit wird zügellose Dreistigkeit sich noch vermessen?

    Schon die grobe syntaktische Analyse beider Sätze zeigt deutlich, dass das Ordnungsprinzip des zweiten Beispiels im Gegensatz zum ersten auf einer Parallelisierung der syntaktischen Einheiten beruht, demnach dem Stil der rhetorischen Periode entspricht. Jeder der drei Sätze im zweiten Beispiel ist grammatisch gleich oder sehr ähnlich gebaut. Es handelt sich um drei Fragesätze, die zuerst eine
    adverbiale Angabe, dann das finite Verb, dann das Subjekt, dann das Akkusativobjekt und zu letzt ein infinites Verb anführen.

    Wie lange noch, Catilina, willst du unsere Geduld missbrauchen?
    Bis wann soll deine Tollheit uns noch verhöhnen?
    Wie weit wird zügellose Dreistigkeit sich noch vermessen?

    Das Prinzip der Wiederholung ist hier also die Parallelisierung der Phrasen und dadurch der drei Sätze. Variation findet sich im ersten Satz durch die eingeschobene Anrede "Catilina", in nachfolgenden durch das eingeschobene Partikel "noch", im letzten durch die Rückbezüglichkeit des Objektes "sich" und in vielen weiteren, kleinen Details.

    Dies ist nur ein Beispiel. Wiederholungsprinzipien können darüber hinaus nach völlig unterschiedlichen Kriterien funktionieren: Reihung (a1, a2, a3), Chiasmus (a1 b1 a2 b2), Krebs und Spiegelung (a1 b1 b2 a2), Mehrung (a ab abc), Identität (a, a, a) und dergleichen mehr. Die Einheiten können Phrasen, wie Wortgruppen sein, können einzelnde Wörter betreffen (z.B. in der Aufzählung), können Wortarten betreffen oder ganze Sätze.

    Jede größere Einheit ist meist aus kleineren Einheiten zusammengesetzt und das Prinzip von Wiederholung und Variation besteht auf jeder Ebene dieser Gliederung. Pausen entstehen an den Nahtstellen oder Grenzen dieser Einheiten. Doch die Länge der Pausen ist nicht jedes Mal gleich, je größer die Einheit, desto länger oder stärker die Pause. Ebenso schwankt die Betonungsstärke der Bedeutungstragenden Elemente innerhalb der syntaktischen Einheiten.

    Die Schwierigkeit der rhetorischen Periode besteht nicht darin, dass man Ahnung von Grammatik haben muss, um sie zu bilden, sondern dass man senesibel für das Maß und die Gewichtung von Einheiten und daraus resultierenden Klangphänomenen, wie Pausen und Betonungen) sein muß. Die Ästhetik zerbricht an einem zu hohen Maß an Wiederholung (daraus folgt Langeweile), ebenso wie an einem zu hohen Maß an Variation (daraus folgt Unordnung). Die Formalisierung einer rhetorischen Periode kann über die syntaktische Einheit hinaus gehen und in die Bereiche der Phonetik hineinspielen. Die Gleichheit syntaktischer Einheiten kann durch gleiche Betonungsfolgen oder auch Reimarten unterstützt sein.

    Wenn ihr Dichter dafür sensibel werdet und letztlich auch noch den Unterschied zwischen lyrischer und epischer Sprache erkennt (dazu vielleicht mein Essay "Ein ungleiches Paar"), dann seid ihr auf dem besten Wege, Gedichte im vers libre zu verfassen. Übrigens, wer vermeint, man könnte ein Gedicht im freien Vers nur dann erkennen, wenn es in gebrochene Zeilen gefaßt ist, der irrt und sollte schleunigst die Lektüre der "Poèmes en prose" von Baudelaire nachholen. Die sind nämlich im Fließtext geschrieben.
    Geändert von levampyre (15.05.2008 um 16:55 Uhr)
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  2. #2
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    Hallo Lev!

    Das dürfte vielen Schreiberlingen doch der berühmte Schlag auf den Hinterkopf sein. Die Erklärung der rhetorischen Periode ist schlüssig und wirft ein interessantes Licht auf sonst unbewußt gemachte Formalien

    Allerdings eine Frage am Rande: So einleuchtend das ganze ist, denkst Du alle freien Verse lassen sich auf diese Periodik übertragen. Zwar spielst Du mit der "zu hohen Variation" und dem daraus resultierenden "Chaos" auf eine Periodik an, die etwas aus der Bahn geraten ist, aber es lassen sich sicher (wenn auch nicht unbedingt einfach) freie Verse finden, die sich bewußt oder unbewußt dieser Periodik entgegenstellen und dennoch kunstvoll geraten sind.

    Und wenn mir jetzt noch ein Beispiel einfallen würde, wäre die Diskussion vielleicht fruchtbarer...

    alles liebe
    gott

  3. #3
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    Da bleibt für mich die Frage, ab wann etwas als kunstvoll empfunden wird. Kunst - das heißt für mich, dass etwas künstlich ist, dass also die Hand des Menschen eingegriffen hat, um Dinge zweckdienlich zu arrangieren, die sonst weniger arrangiert sind. Das kunstvolle am Gedicht ist für mich der deutliche Eingriff der Künstlerhand in die Sprache, seine Idee von einem sprachlichen Arrangement, die sich im Werk verwirklicht. Für mich wird solch ein Arrangement eben dann deutlich wenn in den das Kunstobjekt bildenden Elementen eine Systematik erkennbar ist. Im Prinzip von arrangierter Wiederholung und Variation wird Systematik deutlich. Wo keine Systematik erkennbar ist, da glaube ich nicht an den Eingriff der Künstlerhand und also auch nicht daran, dass irgendwie plötzlich Kunst entstanden wäre. (Daher auch meine Überzeugung, dass niemand ein Kunstwerk erschafft, der sich nicht im Vorfeld eine Platte um das Entstehende gemacht hat.)

    Nun ist natürlich jeder unterschiedlich sensibel für a) die das Kunstobjekt bildenen Elemente und b) deren Systematik. Dem einen erscheint hier etwas systematisch, dem anderen nicht, der dritte denkt über Fragen der Systematik gar nicht nach. Dementsprechend unterschiedlich sind natürlich auch die Empfindungen dafür, was Kunst oder nicht, was rhetorische Periode oder nicht ist. Einen Konsens darüber kann man durch den intersubjektiven Austausch finden, in dem man z.B. durch einen anderen auf sprachliche Aspekte und Phänomene aufmerksam gemacht wird, die einem vorher nicht bewußt waren.

    Fakt ist, dass es deutlich graduelle Abstufungen in der Formalisierung von Sprache gibt, die den Gebrauch von Klassifizierungen wie metrisch, periodisch oder prosaisch sinnvoll machen. Letztlich beruht aber auch die Sprache (also die Wortwahl) auf Übereinkünften einer Sprachgemeinschaft und wenn cih mir jetzt in den Kopf gesetzt habe, das Ding, was ich vor mir habe, rhetorische Periode oder freier Vers zu nennen, dann kann ich da auch nichts dran ändern, wenn ich wie Rumpelstilz ums Feuer tanze. Mir geht es nicht darum, hier für irgendwelche Begriffe zu werben, sondern darum, auf diese Möglichkeiten der Sprache aufmerksam zu machen.
    Geändert von levampyre (24.02.2006 um 12:37 Uhr)
    --LeV

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  4. #4
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    Nana, Lev, Du wirst doch keine Kritik sehen, wo keine ist. Mir ging es vor allem um eine Differenzierung des Begriffes.

    Vielleicht war der Begriff "kunstvoll" auch unglücklich gewählt. Fakt ist, daß es genug Gedichte auch von bekannten Dichtern gibt, die sich nicht in dieses Schema pressen lassen. Dummerweise habe ich zwar durchaus Beispiele gefunden, aber das Urheberrecht macht mir hier einen Strich durch die Rechnung, da diese doch vorwiegend neueren Datums sind. Aber wenn Du Dir vielleicht einige Sache von Reiner Kunze, Heinz Piontek oder Friedericke Mayröcker anschaust (und diese nur als schnelle Beispiele), wirst Du sehen, daß eine strikte Einordnung in metrisch, periodisch oder prosaisch nur bedingt funktioniert, denn diese Einordnung deckt halt nicht die fließenden Grenzen ab. Mir ging es schließlich nur um eine gesunde Differenzierung.

    alles liebe
    gott

  5. #5
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    Ich verstand es nicht als Kritik, sondern als ernstgemeinte Frage und habe versucht, ernst darauf einzugehen. Dem, was du behauptest, dass sich gerade neuere Texte/Gedichte anerkannter Autoren nicht in diese drei Formalisierungsklassen einstufen lassen, würde ich widersprechen. Ich leugne nicht, dass die Grenzen zwischen allen drei Stufen fließend sind und es schwer sein mag, hier verifizierbare Zuordnungen zu treffen, aber für mich führt kein Weg daran vorbei, dass die Sprache verschiedener Texte in verschiedenen graduellen Abstufungen mehr oder weniger formalisiert ist und dass diese Formalisierung sich durch das Prinzip von Wieverholung und Variation umgesetzt findet.

    Mir ist persönlich kein literarischer Text bekannt, den ich nicht entweder metrisch, periodisch oder prosaisch nennen würde, was nicht heißt, dass ich nicht auch glaube, dass ein Gedicht prosaisch sein kann. Das ist es nämlich, wenn man ein Gedicht lediglich als literarischen Text relativer Kürze mit oder ohne Zeilenumbrüche definiert. Wie immer ist da alles eine Frage der Definition. Von einem prosaischen Gedicht würde ich allerdings nicht behaupten, dass es im vers libre geschrieben ist, weil der vers libre für mich eben eine rhetorische Periode lyrischen Inhalts ist.

    Wenn du aber vermeinst, einen Text zu kennen, der weder metrisch, noch periodisch, noch prosaisch ist, dann stell ihn hier ein (oder schick ihn mir, dann nehme ich die rechtswidrige Veröffentlichung auf meine Kappe) und wir besprechen ihn hier gemeinsam, um zu gucken, ob sich eine unserer beiden Thesen im Konsens widerlegen läßt.
    --LeV

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  6. #6
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    Mich interessiert vor allem die Unterscheidung von metrisch und nicht-metrisch. Wann ist ein Text metrisch, wann nicht? Besonders der Knittelvers scheint mir in dieser Hinsicht spannend: Die Hebungen pro Zeile sind festgelegt, die Senkungen nicht. Mehrmals habe ich in diesem Zusammenhang den Begriff "akzentuiertes Metrum" gehört. Bedienen sich freie Verse in untergeordneter Form einem solchen?

    In freien Versen kommt vor allem der Sinnesakzent zum Tragen. Allerdings war ich bislang der Ansicht, durch Zeilenumbrüche könne man klangliche Eigenheiten fördern und rhythmische Spannungen einbauen - ein Fliesstext bietet andere Möglichkeiten (besonders in bezug auf Wortgefüge). Ich würde deshalb zwischen zwei Sparten von freien Versen unterscheiden.

    Liebe Grüsse,
    olaja
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  7. #7
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    Hallo!

    Ich finde auch olajas Anmerkungen interessant, gerade der Verweis auf den Knittelvers.

    Ich habe Dir, lev, mal einen Mayröcker-Text (Ode an einen Ort) geschickt, denn da würde mich eine Zuordnung wirklich interessieren... ich bin dran gescheitert.

    alles liebe
    gott

  8. #8
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    Hallo levampire

    Ich danke dir für diesen Denkanstoss der rhetorischen Periode. Er gibt mir ein Instrument in die Hand, um auch die eigenen freien Texte formal einigermassen fassen zu können. Bisher fand ich es sehr schwierig, zu beschreiben, warum mir ein Text gelungen scheint und ein anderer nicht. Wenn ich nur schon meine eigenen Gedichte dahingehend überprüfe, kann ich feststellen, dass mich dieser Denkansatz überzeugt.

    yarasa
    Saitenweise Ideen
    aber vielleicht leckt das Gehirn so sehr, dass ich auch mal wieder dichtend unterwegs sein werde

    Eine Art Grundsatzpapier zu meinen Kritiken
    yarasas Fingerübungen

    Die Frederick-Maus hat mich schon als Kind nachhaltig verdorben. Von da an wollte ich Dichterin sein.

  9. #9
    Taurus ist offline L' Héautontimorouménos
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    LeV,

    herzlichen Dank für deinen Beitrag.
    Ich habe ihn mit großer Spannung gelesen ( Ja! Ohne Witz!! Ich fand ihn echt spannend!)

    Du hast mir endlich eine erklärung gegeben, (wozu mein Deutschlehrer nicht in der Lage war ) wie so ein Text im Vers libre aufgebaut ist.

    Reihung (a1, a2, a3), Chiasmus (a1 b1 a2 b2), Krebs und Spiegelung (a1 b1 b2 a2), Mehrung (a ab abc), Identität (a, a, a)
    Ich hätte nie gedacht, das so viele Elemente, die ich sonst bloß aus der Musik kenne, in so einem Text befinden.
    Interessant das auch Komponisten wie Schönberg, oder A.Berg, die meisten dieser Elemente in ihrer 12-Ton Musik verwendeten. Zufall?
    Wahrscheinlich nicht.
    Egal...ich nerv mal lieber nicht weiter mit Musik

    Ich hätte aber zu deinem Text mal ne kleine bitte:
    Also, der Krebs ist doch die Umkehrung von der Spiegelung. oder?
    Nun, ich kann mir beim besten willen keinen Krebs von einem Satz oder einer Phrase vorstellen.
    Das liegt daran das ich nicht sicher bin, was eine Umkehrung sprachlich von einer Spigelung unterscheidet; bzw. führt nicht eine Spiegelung gleichzeitig den chiasmus mit sich?

    Könntest du das bitte etwas näher erläutern?

    lg
    taurus

    p.s.
    Kann man dieses Buch von Baidelaire auch auf Deutsch bekommen?
    Ich war Lateiner...(was mir zumindest bei der Carmina Burana ein leichten Vorteil verschaft)
    Geändert von Taurus (24.02.2006 um 16:20 Uhr)
    ..........(___)...............................Im Moment ist mir aber diese Masse von Dichtern zuwider,
    ...........|Oo|...............................die weder Innovatives noch Attraktives produziert
    .... /```` OO)...Tauri are fine!........und wo sich hinter jedem Satz ein
    .../ |____-- ................................"Was mach ich hier eigentlich?" versteckt.
    .*...L....L....................................-AiAiAwa-

  10. #10
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    @olaja:
    Ich denke, die Abgrenzung zwischen metrisch und nicht-metrisch dürfte sogar noch die eindeutigere sein. Ich hatte in anderen Fäden schon einmal auf die These hingewiesen, dass die deutsche Metrik eine taktierende sei. Geht man von einem Takt aus, so ist es relativ egal, wieviele Senkungen sich zwischen den Hebungen befinden, solange man die Hebungen (also die betonte Zählzeit des Taktes) zu einem Metronom sprechen kann und dabei ein Rhythmus entsteht. Im Knittelvers geht das auf und man kann ihn also m.E. ruhigen Gewissens metrisch nennen, weil sich, was den Klang des Textes anbetrifft, ein eindeutiges Muster zeigt.

    Text nach einem Metronom zu sprechen funktioniert nicht, wenn dieser prosaisch ist und vielleicht bedingt und abschnittsweise, wenn er periodisch ist. Hier kann es nämlich gut und gerne sein, dass zwei Betonungen aufeinanderfallen, wodurch zwischendurch eine Sprechpause entstehen würde oder Pausen länger sind als eine metrische Kadenz, wodurch Schläge nicht mit Worten gefüllt werden könnten. Wer ein Metronom zu hause hat, kann das gerne mal ausprobieren.

    Was die Pausenwirkung von Zeilenumbrüchen anbetrifft, so bin ich äußerst skeptisch. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Dichtkunst für mich etwas mit Hören und nicht mit Gucken zu tun hat, dass ich mich auf alles, was am Gedicht graphisch ist, nicht so recht einlassen kann. In der Musik notiert man Pausen auch nicht dadurch, dass man einfach einen Zeilenumbruch macht.

    @yarasa:
    Das ist es, was ich meine, wenn ich sage, dass der intersubjektive Austausch über Poetik und Poesie sensibel für Sprache macht. Es freut mich, dass ich dir hier einen neuen Blickwinkel aufzeigen konnte.

    @Taurus:
    Also dass du Relationen zur Musik ziehst, das finde ich weder unsinnig, noch fehl am Platze. Ich selbst habe mir einen Großteil dessen, was ich an Sprache bisher erkannt habe über die Musik erschlossen. Meinen Essay "Formlos bloß lose Form" habe ich aufgrund der Analyse eines Klavierstücks von Debussy geschrieben, weil mir plötzlich aufgefallen ist, dass es da unleugbaren Parallelen in den Prinzipien gibt, durch welche Form entsteht. Die Verbindung der Dichtkunst zur Musik liegt für mich weit näher, als jene zur Grafik.

    Was nun die Begriffe Spiegelung und Krebs betrifft, so sind das wiederum nur zwei der Musik entlehnten Begriffe, mit denen ich versuche, sprachliche Bauprinzipien zu erklären. In der Musik erklingt ein Thema im Krebs, wenn es "rückwärts" erklingt. Der Krebs von c-d-e-d-e wäre also e-d-e-d-c. Die Spiegelung passiert jedoch an einer imaginären, horizontalen [!] Spiegelachse, so dass c-d-e-d-e an der Note d gespiegelt e-d-c-d-c ergäbe. Beim Krebs passiert die Spiegelung also immer vertikal und an der letzten Note eines Themas, wo gespiegelt wird, ist hingegen egal, wenn es horizontal passiert. Der Begriff Umkehrung wird, was Themenbau betrifft fälschlicherweise oft synonym zu Krebs gebraucht, eine Umkehrung kann aber an einem beliebigen Punkt des Themas passieren. Die Umkehrung eines Akkordes ist hingegen die Veränderung der Stellung der Töne im Drei- oder Vierklang, mal Oktav-/Sept, mal Terz- (1. UK), mal Quint- (2. UK), mal Sekundstellung (3.UK).

    In der Sprache gibt es keine Spiegelung jenseits der Vertikale, es sei denn wir beziehen grafische Elemente ein. Ein Beispiel: Ich liebe dich | dich liebe ich. Ist sowohl von der Wortfolge, als auch von den grammatischen Gliedern her ein Krebs. ich baue einen Krebs | einen Krebs baue ich, wäre ein Krebs, der sich lediglich auf die grammatischen Glieder bezieht.

    Es ist nicht immer einfach, passende Worte für Formen zu finden, die Sprache syntaktisch annehmen kann. Auch meine Worte sind lediglich ein Versuch, hier etwas zu beschreiben. Es gibt keine anerkannte Theorie, die dahinter stünde, zumindest keine mir bekannte. Daher bin cih gezwungen, aus der Musik zu entlehnen, wie es auch sonst immer gemacht wird, wenn man Dichtkunst beschreiben will.


    Ode an einen Ort

    Heimstätte meiner Träume: Hütte Thron Türme Gebälk
    Glocken Taubenschwarm vielflügelig verbrieft
    geschnäbelt ins graue Licht
    ätzend den Trauerhimmel
    mit Botschaft von Dir zu mir:

    Schleife Ungeduld neu aufgebunden und mit Augengewichten beschwert
    tränengeblendet
    während feuer-trinkende Kannen

    auf in den Julihimmel (durchbrochen
    Windungen/rasende Gefühle
    weit verstreute Blumen -
    setz Deinen Fuß auf mein Haupt
    Herr!)

    quellende Sträuße Ginster/Kamillen (wie Staub..)
    der Wald-
    ... und zu den Teichen!
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    Friederike Mayröcker

    Quelle: Karl Otto Conrady, Das grosse deutsche Gedichtbuch", Athenäum Verlag, 1977

    Ich stelle den Text hier erst einmal ein. Wer sich an den Analysen beteiligen möchte, kann das gerne tun. Alles, was an diesem Text auffällt, das zu seiner Formalisierung beiträgt, darf genannt werden. Die Frage, die durch die Analyse beantwortet werden soll, lautet: Ist die Sprache dieses Textes metrisch, periodisch, prosodisch oder keines davon? Ich beginne mal mit der ersten Zeile.

    Heimstätte meiner Träume: Hütte Thron Türme Gebälk - Hier wird vorallem viel mit dem Reim gearbeitet, die syntaktische Figur schließt sich im Zweiten Teil der Zeile dieser Reimschematik an. Man beachte Zunächst die Häufung an /t/ /ä/ /äu/ und /ü/. Dann folgt die Sequenz "Träume - Hütte - Thron - Türme - Gebälk. Dies ist syntaktisch gesehen eine Reihung, Aufzählung, lautlich ist sie am /o/ von Thron gespiegelt: ä-ü-o-ü-ä. Semantisch wird der Traum zu Spiegelachse, denn die vier folgenden Begriffe sind Lokalitäten (Orte), ebenso wie die "Heimstätte" am Anfang der Zeile. Es finden sich weitere Klangparallelen zwischen /ei/ und /äu/ und zwischen /äu/ und /ü/. Auch das /h/ wird exponiert. Das harte Gebälk am Schluß sprengt diese Klangkaskade schroff auf, nicht nur durch seinen stimmhaften, gutturalen Anfang /g/, sondern auch und vorallem sein gutturales und stimmloses Ende /k/ (harte Kadenz).

    Ob es der Autorin bewußt war oder nicht, diese erste Zeile des Gedichtes ist hochpoetisch. Es bedient sich phonetischer, syntaktischer und semantischer Gliederungelemente und ist hochgradig formalisiert, in meinen Augen nicht metrisch, nicht prosaisch, sondern das Ding in der Mitte.
    Geändert von levampyre (25.02.2006 um 12:54 Uhr)
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  11. #11
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    Hallo an alle Mitlesenden!

    Wie schon gesagt, empfinde ich den Mayröcker Text als schwer einzuordnen. Ich will allenfalls ein Brainstorming abgeben, um ihn den einzelnen Kategorisierungen zuzuordnen, bzw. ihn davon auszuschließen.

    metrisch

    Da muß ich erstmal drauf hinweisen, daß mir da noch gelegentlich Fehler unterlaufen, das aber nur als Hinweis und Entschuldigung, wenns nicht ganz hinhaut.


    Heimstätte meiner Träume: Hütte Thron Türme Gebälk
    Glocken Taubenschwarm vielflügelig verbrieft
    geschnäbelt ins graue Licht
    ätzend den Trauerhimmel
    mit Botschaft von Dir zu mir:

    XxxXxXxXxXXxxX
    XxXxX/XxXxxX
    xXxxXxX
    XxxXxXx
    xXxxXxX
    ----> in diesen drei Zeilen ist das Metrum absolut regelmäßig, einzig ist in der mittleren Zeile die unbetonte Silbe nach- statt vorgestellt

    Schleife Ungeduld neu aufgebunden und mit Augengewichten beschwert
    tränengeblendet
    während feuer-trinkende Kannen

    XxXxXxXxXxXxXxxXxxX
    XxxXx
    XxXxXxxXx

    auf in den Julihimmel (durchbrochen
    Windungen/rasende Gefühle
    weit verstreute Blumen -
    setz Deinen Fuß auf mein Haupt
    Herr!)

    xXxXxXxXxx
    XxxXxXxXx
    XxXxXx
    xXxXxxX

    quellende Sträuße Ginster/Kamillen (wie Staub..)
    der Wald-
    ... und zu den Teichen!

    XxxXxXxxXxxX
    xX
    xXxXx

    Ein wirkliches Schema kann ich hier wirklich nicht erkennen. Einige Stellen mögen zwar vereinzelt regelmäßig sein, doch scheint mir dieses eher zufällig, als gewollt.


    prosaisch

    Die Syntax wiederspricht hier schon allein dem prosaischen Aspekt. Mayröcker arbeitet mit Aufzählungen und Einschüben, was nicht gegen die Prosa spricht, die Umsetzung aber sehr wohl. Die Sprache hier ist sehr verdichtet, wirkt teilweise zusammenhangslos. Die eigenwillige Interpunktion Mayröckers weist außerdem darauf hin, daß die Verbindungen wie beispielsweise "Hütte Thron Türme Gebälk" nicht wirklich Aufzählungen sind, sondern miteinander in Verbindung stehende Sinneinheiten.

    periodisch

    Eine Parallelisierung wie zum Beispiel in Deinem Catalina-Beispiel ist meines Erachtens nicht zu erkennen. Auch kann ich sonst in der Syntax kein Schema erkennen. Gerade die Einschübe durch die Klammern sprechen dem zuwider, da sie nicht regelmäßig gesetzt sind und noch dazu unterschiedlich gestaltet.

    Eventuell könnte man eine Variation in "Hütte Thron Türme Gebälk Glocken Taubenschwarm" zu "feuer-trinkende Kannen... durchbrochen Windungen/rasende Gefühle weit verstreute Blumen" sehe, da hier beim zweiten den Substantiven Adjektive zur Seite gestellt werden. Da die einzelnen Einheiten aber in keiner Verbindung zueinander stehen (zumindest kann ich keine erkennen), fände ich dies zu sehr an den Haaren herbei gezogen.

    Dies erst mal als erste Betrachtung. Bisher kann ich den Text nirgends zuordnen, wenn man mich eines Besseren belehren will... immer her damit

    Edit: Da war Lev jetzt doch schneller... dies bleib bei meinem Wurf erst mal unbeachtet. Nur sei hinzugefügt, daß es meines Erachtens mehr als einer Zeile bedarf, die Periodik hier nachzuweisen.
    Geändert von LiaWell (25.02.2006 um 12:57 Uhr)

  12. #12
    Taurus ist offline L' Héautontimorouménos
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    Hallo LeV,

    danke für die Antwort.
    Ich Trottel hab, bei Lesen deines Textes, den Krebs mit der Krebsumkehrung verwechselt.*schäm*
    kk. Jetzt ergibts plötzlich alles viel mehr Sinn.
    naja.

    Zu dem Gedicht:
    Ich bin Analytisch zwar nicht so begabt, aber mir fällt auf das Mayröcker in der ersten Strophe 6 Substantive hintereinander reiht und darauf folgen genau 3 Adjektive bevor es mit dem Kontext weitergeht.
    Wegen dieser reihung würde ich sagen das es periodisch ist.
    Ich meine: groß metrisch ist es ja nicht und prosaisch kanns ja wohl auch nicht sein, wegen den ganzen Wortstellungen und Figuren.


    lg
    taurus

    Toll, jetzt bin ich sogar an dritter Stelle!!
    Geändert von Taurus (25.02.2006 um 13:05 Uhr)
    ..........(___)...............................Im Moment ist mir aber diese Masse von Dichtern zuwider,
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  13. #13
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    So weit so gut, da kann ich Dir zustimmen. Allerdings fehlt in den folgenden Zeilen ein derartiges Schema. Mit viel gutem Willen kann man höchstens ein o-au-ä-au-ä-au-o Schema erkennen, aber da mir zu viele helle Töne wie I, Ü oder IE dazwischen, die sich nicht gleichmäßig einfügen lassen. Schon da scheitert also die Periodik. In den folgenden Strophen ist eine derartige Zuordnung sogar noch schwerer.


    Glocken Taubenschwarm vielflügelig verbrieft
    geschnäbelt ins graue Licht
    ätzend den Trauerhimmel
    mit Botschaft von Dir zu mir:



    @ Taurus: Darauf bin ich schon eingegangen, ich sehe im gesamtbild aber nicht wirklich ein Schema. Mayröcker arbeitet hier mit sehr vielen Substantiven. Mal mit, mal ohne Adjektiven, doch jeweils in unterschiedlicher Zahl, ohne eine eindeutige Verbindung.

  14. #14
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    Misch mich - vielleicht etwas unbeholfen - auch mal ein.

    Glocken Taubenschwarm vielflügelig verbrieft
    geschnäbelt ins graue Licht
    ätzend den Trauerhimmel
    mit Botschaft von Dir zu mir:

    Hier sehe ich zwar, wie Gott bemerkt hat, keine Periodika, aber etwas wie ein 'umarmenden Reim' in den Assonanzen am Anfang:
    o - ä - ä - o; und auch in den Endungen eigentlich i/i - i - i - i/i. Das au steht in den drei Zeilen, in denen es vorkommt, zwischen der ersten und der zweiten Assonanz.
    Die mittleren Zeilen beginnen jeweils mit einem ähnlichklingenden Adverb. Auch die Ähnlichkeit von Taubenschwarm und Trauerhimmel fällt auf - ein Stabreim...

    Hey, das ist ja voll spannend, was da alles zum Vorschein kommt!

    LG
    yarasa
    Geändert von yarasa (25.02.2006 um 23:21 Uhr)
    Saitenweise Ideen
    aber vielleicht leckt das Gehirn so sehr, dass ich auch mal wieder dichtend unterwegs sein werde

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    Die Frederick-Maus hat mich schon als Kind nachhaltig verdorben. Von da an wollte ich Dichterin sein.

  15. #15
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    Wie toll!

    Einfach genial, wie diese Erklärung(gen) dem helfen, der seine Seele sprechen lassen will. Er selbst hat es geschrieben, wie ihm ist und nur so ist es gut. Wer sagt mir ,dass das alte weise und richtig ist? Weshalb ist das Gefühl zu katalogisieren und in die schwarz-weiß Schachtel zu verbannen? Es ist doch so einfach: Alles ist ein Gedicht, was eines sein soll und es wird untergehn, wenn das Forum Platz braucht.

    Ingwer

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