1. #1
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    Neologismen in Lyrik und Prosa

    Neologismen in Lyrik und Prosa


    Im folgenden möchte ich den Gebrauch von Neologismen in sprachlichen Werken, wie zum Beispiel Gedichten oder Kurzgeschichten erläutern und - so hoffe ich doch - Anregungen schaffen/ eine Diskussion zu diesem Thema fördern.

    Auszug aus der Wikipedia

    Ein Neologismus (griechisch νεολογισμός ("νέος" [neos] = neu; "λόγος" [logos] = Wort) mit lateinischer Endung - die Wortneubildung) ist ein lexikalisches Zeichen, das in einem bestimmten Zeitraum in einer Sprachgemeinschaft aufkommt, weite Verbreitung unter den Sprechern findet und schließlich in die Wörterbücher, die den Wortschatz dieser Sprache kodifizieren, aufgenommen wird. Charakteristisch für die Neologismen ist es, dass sie für eine gewisse Zeit von den Sprechern als neu empfunden werden...

    Folgende Arten von Neologismen lassen sich unterscheiden:
    1. Neuwörter. Bei diesen Neologismen sind sowohl der Ausdruck als auch die Bedeutung neu. Ein Beispiel aus der jüngsten Zeit ist das Verb simsen, mit dem das Versenden von SMS bezeichnet wird.
    2. Neubedeutungen. Hier ist lediglich die Bedeutung neu, einem bestehenden Ausdruck wird also eine neue Bedeutung zugeschrieben. Ein etwas älteres Beispiel ist die Bedeutung „technisches Gerät, Teil der Computerperipherie“ für den Ausdruck Maus.
    3. Neue Wortkombinationen. Dabei kann das Zusammenziehen von gebräuchlichen Wörtern (Internetcafe, Laptop-Tasche) von metaphorischen Neubildungen unterschieden werden. Bei letzteren ist für die Verwendung eines der Wörter nicht die tatsächliche Bedeutung sondern eine charakteristische Eigenschaft entscheidend (Modezar, Literaturpapst, Börsenzwerg, Wirtschaftsauguren).


    Der entsprechende Wikipedia-Artikel befaßt sich fast ausschließlich mit Neologismen im allgemeinen Sprachgebrauch. So sind die Erläuterungen zur Begrifflichkeit zwar von Nutzen, da Neologismen in Lyrik und Prosa aber oft nur einmalig und zur Übertragung tiefergehender Sinninhalte gebraucht werden, nicht weitgreifend genug.

    Die Frage wie sich Neologismen in einem Sprachwerk effektiv einsetzen lassen, ist schwer zu beantworten. Faktoren wie die Art des Textes, verwendete Formalien, Sinninhalt des angestrebten Neologismus spielen dabei eine Rolle, ebenso wie Phonetik, also der Wortklang.

    In jedem Fall ist der Gebrauch von Neologismen schwierig, da die Assoziationen eines Lesers doch teilweise mit denen des Autors eines Werk stark differieren und eine Neuschöpfungen schnell zum Stolperstein werden kann.

    Im folgenden nur der Versuch, unterschiedliche Arten der Wortneuschöpfung zu erklären bzw. näher zu beleuchten. Ich behalte mir vor, später Ergänzungen oder Korrekturen vorzunehmen, ebenso bin ich für selbiges offen.


    Der einfache Neologismus bzw. Wortverschmelzungen:

    Die einfachste Form des Neologismus ist wohl die erstmalige Zusammensetzung von zwei oder mehr Worten. Wunderschön war irgendwann einmal ein Neologismus, als die Worte "Wunder" und "schön" zu einer Sinneinheit zusammengefügt wurden.


    Neologismus als Oxymoron

    Hier als Beispiel: das häufiger gebrauchte Zwei(ein)samkeit (in unterschiedlichen Schreibweisen kommt es mehrmals allein in diesem Forum vor). Einsam- und Zweisamkeit bilden einen logischen Gegensatz. Die Verbindung von beiden kann daher unterschiedlich aufgefaßt werden, so zum Beispiel als eine Zweisamkeit in der sich beide Protagonisten dennoch vereinsamt fühlen.


    Neologismus und Phonetik

    Das Zusammenfügen von phonetisch ähnlich oder gleich klingenden Worte, kann ebenso einen neuen Sinninhalt beziehungsweise eine Doppel- oder Mehrfachdeutigkeit erzeugen. Beispiel hierfür das von LEX verwendete Kadaverordnung. Vom Wortklang her, sind zwei Lesarten möglich: Kader-verordnung und Kadaver-ordnung. Da die Endung -er oft als -a ausgesprochen wird, ist hier diese Verbindung möglich.
    Ebenfalls üblich sind Assoziationen zu phonetisch ähnlichen Worten. Bernhard Schlinks Liebesfluchten läßt eine Assoziation zu Liebesschluchten zu.


    Neologismus und Sinnverwandschaft

    Beispiel hierfür: apples Trugschlusslicht. Aus der Verbindung zweier Worte mit einem identischen Wortbestandteil Trugschluß und Schlußlicht ergibt sich ein neues Wort mit mehr Tiefe.
    Zwar sind diese Neologismen relativ einfach zu bilden (man kennt ja das Kinderspiel in dem man eben ein Folge solcher Worte aneinanderreiht), bei der Verwendung im Gedicht gestalten sie sich jedoch schwieriger. Fügt sich der N. in den restlichen Sprachgebrauch ein/ergibt er im Kontext Sinn. Da erfordert es sowohl eines gewissen Sprachgefühls als auch eines durchdachten inhaltlichen Konzepts.


    Neologismus durch grammatikalische Verschiebung - Konversion

    Dabei werden zum Beispiel Substantive oder Pronomen zu Verben oder Adjektiven umfunktioniert. Beispiel:

    Paul Celan "Eins und unendlich, vernichtet, ichten."

    Hier wandelt Celan das Personalpronomen "ich" zu einem Verb "ichen", in der Vergangenheitsform "ichten" um.

    Gerade bei dieser Form wird das neugeschaffene Wort oft als falsch empfunden, da es sich zwar nicht mit grammatikalischen Regeln direkt beißt, aber die grammatikalische Umfunktionierung eines Wortes nicht dem üblichen Sprachgebrauch entspricht.


    Neologismus durch den Austausch von Buchstaben oder Wortteilen - Spoonerisms

    Da muß ich - um mich nicht an einem eigenen Beispiel zu vergehen - auf einen Running Gag einer Fernsehsendung (fürs Protokoll "RTL Samstag Nacht") zurückgreifen. Kentucky schreit ficken ist eine (noch dazu phonetische) Verballhornung des Markennamens Kentucky Fried Chicken.


    Neologismus ohne Entlehnung von bekannten Worten

    Man könnte auch sagen "Phantasieworte". Diese sind eher selten und finden dann meist im humoristischen Bereich Anwendung.


    Die Entscheidung, ob ein Neologismus gelungen ist oder nicht, liegt schließlich bei jedem selbst. Einige Neologismen jedoch werden eher "verstanden" als andere, dem sprachlichen Rahmen für angemessen befunden oder gar weiter benutzt.

    Als Anmerkung sei noch zu ergänzen, daß die Verwendung von Neologismen in der Lyrik gegenüber der Prosa unterschiedlich zu handhaben ist. In der Lyrik ist die Sprache im Idealfall stark verdichtet. Neologismen können dort dem Text eine Tiefe geben, in dem mehrere Sinninhalte zusammengefaßt werden oder ein Sinninhalt, der sonst ausführlicher erläutert werden müßte, in einem einzigen Wort dargestellt wird. Zudem bieten Neologismen die Möglichkeit den Text stärker einer eigenen Sprachmelodie/einem eigenen Sprachmuster anzupassen.
    Die Prosa bietet dagegen die Möglichkeit, die Wortneuschöpfung zu erklären, was in einem Gedicht nur schwierig umzusetzen ist. Dadurch ist es auch eher möglich Neologismen zu verwenden, die für den Leser nur schwer zu fassen sind.

  2. #2
    Taurus ist offline L' Héautontimorouménos
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    Hallo Gott

    Interessanter Text.
    Besonders das Bsp. mit appels Trugschlusslicht hat mir sehr gefallen.
    Ich werd mich mal an ein paar Wörtern versuchen.
    Vllt kann ich ja was anständiges draus zaubern.

    Danke für die Anregung.

    lg
    taurus
    ..........(___)...............................Im Moment ist mir aber diese Masse von Dichtern zuwider,
    ...........|Oo|...............................die weder Innovatives noch Attraktives produziert
    .... /```` OO)...Tauri are fine!........und wo sich hinter jedem Satz ein
    .../ |____-- ................................"Was mach ich hier eigentlich?" versteckt.
    .*...L....L....................................-AiAiAwa-

  3. #3
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    grüß gott

    man sieht an den sehr interessanten beispielen wie schwer es ist in vielen fällen eine klare abgrenzung
    von lyrischen zu alltäglichen neologismen zu gewinnen. sprachneuschöpfungen, das ist den meisten nicht bewusst,
    geschehen dauernd und werden oft von dem, der sie macht, gar nicht bemerkt. man könnte deine liste noch sehr viel
    weiter führen. gerade in der neuen medien- und werbungssprache wimmelt es von derartigen ausdrücken.
    ich denke da zb. an 'wohn(t)räume', das ich in bestimmt 6 verschiedenen schaufenstern gesehen habe.
    oder auch die bennenung von kneipen wie 'sonder-bar', 'fruch-bar', obwohl diese fälle noch ein wenig anders zu sehen sind.
    nicht direkt als neologismus, sondern eher nur als wortspiel, das die doppeldeutigkeit von 'bar' ausnutzt.

    wortneuschöpfungen orientieren sich stets an vorhandenen sprachmustern. in analogie zu bereits vorhandenen worten
    werden neue worte hinzugebildet. dies können auch ganze sätze sein. zb. wurde der bekannte spruch 'wohnst du noch oder lebst du schon'
    in viele varianten wie 'träumst du noch oder schläfst du schon' etc. umgebildet. das sind prozesse, die unsere
    sprache weiterentwickeln. die abtrennung der kategorien von neologismen sind wie du bestimmt selbst gemerkt hast oft schwer.


    ich finde es noch wichtig zu erwähnen, dass die meisten deiner beispiele auch unter dem begriff 'wortspiele' verstanden
    werden könnten. vielleicht liegt hierin eine abgrenzung zu der alltäglichen sprache. während die dauernd geschehenen
    alltäglichen neologismen unbeabsichtigt geschehen, sind lyrische neologismen und wortspiele meist beabsichtigt.
    das deutsche bietet aufgrund seiner möglichkeit der wortbildung komposita aus fast allen wortarten zusammenzustellen
    ein 'wunderbares' instrument, um neologismen zu schaffen. ich meine damit den typ des 'dampfschiffkapitänsmützenaufschriftfarbe'.

    in einem punkt bin ich nicht ganz deiner meinung. ich denke dass gerade in der lyrik mehr freiheit für den neologismus da ist.
    dadurch dass jedes wort eines gedichtes mehr wirkung hat als das eines prosatextes, können neologismen viel stärker
    genutzt werden, da diese viel präziser beim leser ankommen, als irgendein wort in einem längeren text.

    rudi

  4. #4
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    Hallo Taurus, hallo Rudi!

    @ Taurus: Schön, wenn ich etwas Anregung mit dem Text schafen konnte. Er ist bei weitem noch nicht fertig, dazu ist dieses thema einfach zu vielschichtig.

    @ Rudi: Danke für die Anregung. Ich habe mich beim letzten Absatz wohl etwas zu sehr von eigenen Erfahrungen blenden lassen Ich habe ihn jetzt etwas geändert und meine Aussage differenziert.

    Der ganze Wikipedia-Artikel befaßt sich mit den von Dir erläuterten Neologismengebrauch im Alltag. Die Sprache ist lebendig genug, daß sich täglich Neologismen bilden, von denen sich einige durchsetzen und in den normalen Sprachgebrauch einfügen. Ich führte ihn jedoch vor allem zur Worterläuterung an, da in der Lyrik(Prosa, wie Du schon selbst sagtest, Neologismen einen künstlichen und berechnerenden Charakter haben.

    Ich würde Dein Beispiel mit dem Ikea-Werbeslogan allerdings weniger natürlich nennen, da es sich dabei ja um ein konstruierten Werbespruch handelt. Die Abwandlungen rühren eher aus der Tatsache, daß dieser Satz fast als Redewendung in der Gesellschaft etabliert wurde. Aber das sind nur Spitzfindigkeiten

    Danke auf jeden Fall für die Anmerkungen, vielleicht wird der Text durch solche noch was richtiges

    alles liebe
    gott

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