1. #1
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    Liebe in Afrika

    Schon während seines Studiums unternahm Jörg von seinem in Nebenjobs verdientem Geld eine Reise auf diesen Kontinent. Afrika zog ihn schon als Kind magisch an. In seinen Tagträumen, mit dem Finger über der Landkarte, malte er sich aus, wie er mit den wilden Tieren kämpfte, sich anschlich und bei den Angriffen der Löwen und Tiger flüchtete. Er schrak dann immer zusammen und zitterte. Die Filme im Fernsehen schaute er sich an, verschlang jedes Buch. Es gab noch kein Internet wo er sich hätte informieren könne, so war das Sammeln der Details mühsam. Er schrieb per Hand in eine Kladde das für ihn wichtigste nieder. Hatte endlich eine Zwei im Zeugnis in Geografie, in dem Halbjahr als sie diesen Kontinent durchnahmen.
    Die Urlaubsreisen mit seinen Eltern in den Schwarzwald, an den Wörthersee oder auch auf Langeoog waren für ihn eine Qual. Seine Mitschüler fuhren auch nicht viel weiter, vielleicht mal nach Italien oder Frankreich. Nur Monika hatte einen Onkel in den USA und verbrachte dort auf einer kleinen Ranch ihre Sommerferien. Sie wurde von allem beneidet, nur von ihm nicht. Jörg kannte keinen der schon mal dort war; in Afrika. Konnte sich mit niemanden unterhalten und keiner verstand was er denn so besonderes daran fand. Er wurde zu einem Einzelgänger, konnte seine Interessen mit niemanden teilen. Mit seinen Eltern schon gar nicht, die sein Interesse als ‚Spinnerei’ abtaten.
    Er studierte dann Maschinenbau und arbeitete in seiner Freizeit auf dem Bau. Nach dem Ende des zweiten Semesters erfüllte er sich seinen Traum. Den Tipp bekam er von seinem Hals-Nasen-Ohren-Arzt der ihm die Mandeln entfernte. Dieser Arzt hatte 2 Jahre Praktikum in Ostafrika gemacht bevor er seine eigene Praxis eröffnete. Über Amsterdam, Nizza und Kairo gelangte er nach mehreren Tagen endlich nach Nairobi. Seine mühsam vor der Reise zusammengestellten ‚Überlebensrationen’ waren schon lange aufgebraucht bevor er seinen Fuß auf den Kontinent setzte. Er war müde und hatte nur wenig Geld. Sehr viel von seinen Ersparnissen gingen vor der Reise für die Impfungen und Visa drauf. Jörg blieb zwei Wochen in Kenia. Die Zeit dort nahm er gar nicht wahr. Zu viele Eindrücke stürmten auf ihn ein. Er sog sie in sich auf ohne zu verarbeiten, die Sprache, die Gerüche, die Hitze. Er bekam die wilden Tiere zu sehen, im Zoo. Von seinem letzten Geld kaufte er sich vor der Rückreise eine handgeschnitzte Holzfigur, ein nackte schwarze Frau.
    Das Studium zog sich hin. Er träumte zwar nicht mehr von Afrika, aber die Verarbeitung der während seiner Reise gesammelten Eindrücke beschäftigten ihn bis zu seinem Diplom. Er arbeitete weiter nebenbei auf dem Bau. Investierte das Geld aber in einen gebrauchten VW-Bus. Es war praktischer hierin die freie Zeit mit seinen Damenbekanntschaften zu verbringen als in seinem kleinen Zimmer bei den Eltern. Am Anfang waren sie ja auch begeistert, die ausgeflippten mit den grell bemalten Fingernägeln vor allem, aber es hielt nie lange an. Auf Dauer wich der Reiz des Ungewöhnlichen den Einschränkungen die solch ein Bus nun mal bot. Jedenfalls konnte er sich über mangelndes Interesse des anderen Geschlechtes nicht beklagen, es war fast so als würde viele es als ‚Prüfung’ ansehen, mit ihm ein paar Nächte in dem Bus zu verbringen.
    Mit dem Diplom in der Tasche war an die Aufnahme einer Arbeit nicht zu denken. Er musste zu Musterung. Er erfuhr, das eine Verpflichtung im Ausland ihn von der Teilnahme am Wehrdienst entbinden konnte. Durch seine Kenntnisse die er sich am Bau angeeignet hatte und sein Studium wurde er sofort von den staatlichen Stellen im Entwicklungshilfe-Ministerium umworben als er dort anfragte. Jörg verpflichtete sich für 3 Jahre nach Afrika. Zog Bewässerungsgräben im Sudan, bohrte Brunnen und half beim Bau eines Staudammes. Während dieser Zeit kam er 2 mal zurück in die Heimat, für jeweils drei Wochen. Im letzten Jahr blieb er in Afrika und verzichtete auf seinen Urlaub. Zu Hause erwartete ihn nichts. Er schrieb seine ‚Pflichtbriefe’ an die Eltern und zu Geburtstag oder den Feiertagen rief er auch mal an, wenn ein Telefon erreichbar war und funktionierte.
    Er war jetzt über 30 und die 3 Jahre waren um. Langsam merkte er, das so sein Leben nicht weitergehen könne. Es musste in geordnete Bahnen gelenkt werden; fester Job, Familie, Haus ect. Aber seine Kenntnisse waren hier in der Heimat nicht gefragt. Brunnen bohren in der Eifel? Bewässerungsgräben im Schwarzwald? Maschinenfabriken winkten ab. Die Geräte mit denen er sich auskannte, wo er durch Improvisation die Dinge am laufen hielt, waren hier schon seit mehreren Jahren nicht mehr im Einsatz. Er müsste noch mal die Schulbank drücken und seine Kenntnisse erweitern. Elektronik- und Computerkenntnisse waren gefragt. Es wurde kaum noch repariert, Bausteine und Steuerungselemente wurden ausgetauscht. Dann las er in der Zeitung von der Brauerei. Sie suchten eine Dipl. Ing. der bereit war die hier veraltete Anlage ab- und in Ostafrika aufzubauen und dort ans Laufen zu bekommen. Er meldete sich und erfuhr, das sie schon Monate nach einem geeigneten Mann suchten. Er konnte sofort anfangen.
    Der Abbau, das Kennzeichnen, das Verpacken und Verstauen der Rohre, Behälter und sonstigen Teile hier, ging schneller als erwartet. Sie waren froh diesen Schrott endlich los zu sein um schnellstmöglich auf dem Gelände endlich eine moderne Anlage, die wirtschaftlicher und schneller produzierte zu installieren. Die Container gingen auf die Reise und Jörg setzte sich in den Flieger nach Ostafrika. Das für den Wiederaufbau ausgesuchte Gelände lag mitten in der Wildnis. Seine Firma hatte vom Staat das Gelände zugewiesen bekommen und stellte für die zum Aufbau benötigten Arbeiter Baubuden auf. Er als Leiter bekam ein Haus zugewiesen. Sonst war nichts vorhanden. Kein Stromanschluss, kein Wasser. Die Arbeiter sollten vor Ort von ihm eingestellt werden. Er hatte hierfür ein entsprechendes Budget zu Verfügung. Als die Container mit den Anlageteilen angeliefert wurden hatte er grade einen Weg zur Baustelle fertig. Die Behälter und die unverpackten Großteile wurden einfach in den Busch gestellt. Er arbeitete, organisierte Tag und Nacht. Schlief unter einem Moskitonetz und duschte das erste Mal mit dem kalten Wasser aus dem ersten gebohrten Brunnen nach 14 Tagen. Er kam mit seinen Arbeitern gut zurecht und wusste wie man sie motivierte. Er wies sie ein in die Bedienung der Maschinen, er packte auch mit an wenn Not am Mann war und grub mit der Schaufel wie nach einem Schatz. Es ging voran.
    Vier Wochen nach seiner Ankunft war das von ihm bewohnte Haus verwahrlost. Er hatte jetzt zwar eine Wasserleitung gelegt, aber das war auch alles. Eines Abends, er hatte grade wieder mal 2 Tage bei der Bezirkshauptstadt wegen irgendwelchen Genehmigungen verbracht, kam er auf seine Baustelle zurück, gab den Arbeitern noch kurze Anweisungen und betrat dann sein Haus. Er hatte es nicht sofort bemerkt weil er zu müde war und wollte sich nur ins Bett legen. Alle Gegenstände die er achtlos hatte liegen lassen, lagen sauber verstaut in offenen Regalen. Seine Baupläne waren sauber zusammengerollt in Hüllen verpackt. Seine Wäsche lag sauber und ordentlich zusammengelegt im Schrank. Das Bett war frisch bezogen. Er wunderte sich, aber die Müdigkeit war größer. Er rollte sich zusammen, zog das Moskitonetz herunter und war schon eingeschlafen.
    An die Geräusche der Baustelle hatte er sich gewöhnt. Durch sie konnte wurde er nicht wach. Die aufkommende Hitze am Morgen war ihm angenehm. Nur der Geruch der jetzt durch sein Haus zog lies ihn neugierig früher wach werden als sonst. Natürlich kannte er den Kaffeegeruch, wenn er sich welchen kochte. Aber jetzt lag er noch im Bett. Er stand auf und ging in die Küche. Er war leise gewesen und so erschraken sie beide gleichzeitig als sich ihre Blicke trafen. Er in seinem muskulösen, braungebrannten und nur mit verschwitzten Shorts bekleideten Körper und Mbethe, die 19 jährige Tochter des von ihm eingestellten Vorarbeiters in ihrem korrekten Aufzug. Schwarzer Rock, weiße Bluse, das halblange krause Haar hinten zusammengebunden. Sie hatte als erste die Situation wieder im Griff und bedeute ihm auf dem Stuhl an dem sauberen Tisch Platz zu nehmen und stellt den Becher mit dem Kaffee an die für ihn zugedachte Seite des Tisches. Schlaftrunken nahm er mechanisch Platz und nippte an dem Kaffee. Als er die Tasse abstellen wollte stand auf dem Tisch ein Teller mit frischen geschältem Obst sowie Messer und Gabel. Erst jetzt wurde er sich seines Aufzuges bewusst, sprang auf und rannte bzw. stolperte zurück ins Schlafzimmer. Sie hielt sich die Hand vor dem Mund um nicht vor lachen laut los zu brüllen. Er zog sich das schmutzige Hemd und die Khakihosen vom gestrigen Abend über, fuhr schnell mit der Hand über die vom Schlaf zerzausten Haare und ging wieder in die Küche. Sie hatte auf dem Holzkohlenherd, den er noch nie benutzt hatte, bereits Eier und Speck in einer Pfanne gebraten. Er wollte sich wieder an den Tisch setzen, da stellte sie sich ihm in den Weg. Hielt sich die Nase zu und deutete mit der anderen Hand auf seine Kleidung. Dann schüttelte sie den Kopf und zeigte mit dem Finger in Richtung Bad, die andere Hand hielt noch immer die Nase zu und verdeckte gleichzeitig ihren grinsenden Mund. Er zuckte mit den Schultern, drehte sich um und ging den ihm zugewiesenem Weg.
    Er hatte sie schon vorher gesehen, sie brachte ihrem Vater Wasser, Essen und neue Kleidung. Sie wohnte aber nicht auf dem Gelände. Sie war eine der vielen Frauen, Kinder die sich auf dem Gelände immer mal wieder blicken ließen. Sie ist ihm nur aufgefallen weil sie im Gegensatz zu den anderen, die zwar auch sauber und ordentlich gekleidet waren, sich mit einem sehr stolzen, langsamen Gang bewegte, selten herumalberte wie die anderen und etwas würdiges ausstrahlte. Sie hatten sich nie vorher angesehen und auch nie miteinander gesprochen. Auch an diesem Morgen wechselten sie kein Wort. Nach dem Frühstück ging er den staubigen Weg zur Baustelle in sauberen Schuhen und gewaschener Kleidung, gesättigt und irgendwie beschwingt. Im Laufe des Tages dachte er an den Morgen zurück und schielte nebenbei zu seinem Haus hinüber. Aber die Entfernung war zu weit um Einzelheiten zu erkennen. Gegen Mittag sah er Mbethe aus seinem Haus mit einem Trog zum Fluss gehen. Die einheimischen Frauen , das wusste er, wuschen dort unter lauten Geschnatter die Wäsche. Als er des Abends in sein Haus kam roch er den Duft der von ihr frisch gepflückten und aufgestellten Blumen. Sie stand in der Küche und hatte das Abendessen fertig. Als Jörg hereinkam schaute sie auf seine Hände und er ging, ohne das es weiterer Gesten bedurfte ins Bad und wusch sich den Staub ab. Nach dem Essen setzte er sich zum ersten Mal seit seiner Ankunft hier auf die jetzt aufgeräumte und saubere kleine Terrasse des Hauses. Er schaute auf die Gebäude der Arbeiter und hörte im Hintergrund das Klappern in seiner Küche. Er hatte überlegt, ob er sie oder seinen Vorarbeiter ansprechen soll. Aber es war alles so selbstverständlich, das jedes Wort darüber ihm als Überflüssig erschien.
    Sie kamen mit der Arbeit relativ gut voran. Mbethe verließ des Abends im letzten Licht grußlos das Haus und war des Morgens immer schon, bevor er wach wurde, in der Küche. Nach einer Woche ihrer Anwesenheit stellte er sich ihr des Abends in den Weg als sie wieder grußlos das Haus verlassen wollte. Er deutete mit dem Kopf auf den einen freien Stuhl, neben seinem. Sie sollte sich zu ihm setzen. Ihre Augen verrieten ihre Unsicherheit. Am liebsten wäre sie weggelaufen, aber das wäre unhöflich gewesen. Also nahm sie zögernd Platz und starrte in die Nacht hinaus, die langsam vom Wald auf das Gelände zukroch. Er beherrschte zwar ihre Sprache einigermaßen und wollte auch mit ihr ein Gespräch anfangen, war aber selbst unsicher, ihm vielen keine Belanglosigkeiten ein. Über das Wetter zu reden in Afrika ist albern und er wollte sich nicht lächerlich machen. Also saßen sie stumm nebeneinander. Irgendwann stand sie auf und wollte wieder grußlos gehen. Er sprang auf und griff ihre Hand, drückte sie mit seinen Schwielenhänden und sah ihr in die Augen. Sie sah ihn sehr ernst und gefasst an. Er nickte mit dem Kopf und lies sie los. Sie verstand wohl das es ‚Danke’ heißen sollte und nickte zurück, drehte sich um und war nach ein paar Metern in der Dunkelheit verschwunden. In dieser Nacht wurde er wach als sie ihren Körper an den seinen schmiegte. Sie tobten die halbe Nacht unter dem Moskitonetz. Kein Wort wurde gesprochen nur sein stöhnen und ihr röcheln waren zu vernehmen. Am Morgen als er aufwachte stand sie schon wieder in der Küche. Er überlegte ob er sie in den Arm nehmen sollte. Aber ihre ganze Art sich zu bewegen und ihre Gestik ließen es nicht zu. Sie war wie immer, als wäre nichts geschehen.
    Sie kam jetzt jede Nacht zu ihm. Nach einer Woche kam es ihm so vor als wäre es nie anders gewesen. Jetzt im Nachhinein fiel ihm auf, dass seine Leute, so einfach sie auch gekleidet waren, jeden Morgen sauber und gewaschen sind. Er war in der Vergangenheit das Dreckschwein gewesen und roch aus allen Poren. Er war sich sicher, das dieses auf Dauer seine Stelle als Leiter geschwächt hätte. Unterschwellig, denn an dem Verhalten seiner Leute ihm gegenüber war keine Veränderung zu spüren. Aber er wusste aus Erfahrung, das in den Familien und Gruppen selbst schon der eine oder andere Komplott geschmiedet wird. Und wenn er sich weiterhin so gehen ließ, dann wäre dieses als Schwäche ausgelegt worden. Irgendwann hätte er keine Autorität mehr besessen. Sie hätten angefangen zu schlampen, verdeckt, ohne das er es bemerkt hätte. Kurz vor der Fertigstellung, wäre alles wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Er schrie nie oder kommandierte herum, er nahm sich den Arbeiter der einen Fahler machte vor und erklärte ihm was passiert wenn der Fehler nicht behoben wird. Sie akzeptierten ihn und hatten Respekt. Ihre Anerkennung hatte er aufgrund seines Wissens und seiner Art mit den Leuten umzugehen. Das er sich in ihrer Sprache verständlich machen konnte und sich bemühte fair zu sein. Auch die immer vorhandenen Querulanten, die Drückeberger und die, die heimlich zur Flasche greifen, mussten von ihm am Anfang aussortiert werden. Jetzt wurden diese Personen ohne seinen Einfluss von den anderen schon aussortiert. Sein Familienleben mit Mbethe wurde zur Kenntnis genommen als Selbstverständlichkeit.
    Jörg genoss es. Sie sorgte für das Essen, kochte und wusch. Er liebte sie jede Nacht und das genoss sie; er hatte jedenfalls das Gefühl. Sie war nach einiger Zeit auch den ganzen Sonntag bei ihm, obwohl auf dem Gelände sonst nicht gearbeitet wurde. Dann stand er nackend hinter ihr, wenn sie seine Hemden bügelte und griff ihr erst an die Taille und dann wanderten seine Hände ihren Körper hinauf zu ihren Brüsten. Am Anfang hob sie drohend das Bügeleisen hoch um ihn abzuwehren und er sah wie die untere Fläche des Eisens rot glühte. Er nahm es nicht ernst und sie zuckte zu spät zurück. Er verbrannte sich den Unterarm. Die Pflege die er danach bekam ließ ihn nachher öfters wieder in die Versuchung kommen sich zu verbrennen zu lassen, aber sie passte auf. Es geschah nie wieder.
    Die Fabrik war vollendet. Eine Delegation der Bezirksregierung und die Geschäftsleitung aus der Heimat kamen zur Einweihung. Seiner Arbeit war getan. Er hatte sich die ganze Zeit während des Aufbaues nie Gedanken darüber gemacht was wird wenn die Fabrik fertig ist. Was wird aus ihm, aus seinem Verhältnis zu Mbethe? Die Lösung kam an dem Abend vor der Einweihung. Jörg wurde von der Geschäftsleitung gebeten, die Gesamtleitung der Fabrik mit einem Einheimischen zu übernehmen. Er nahm das Angebot an. Ohne das er es vorher wusste, hatte er die Büros der Fabrikleitung so komfortabel wie möglich ausgerüstet. Klimaanlage, Sonnenrollos, Teppichboden, Ledersessel. Jetzt kam er selbst in diesen Genuss in diesen Räumen arbeiten zu dürfen. Sein Kollege der mit ihm die Fabrik leitete war ein ausgemustertes Regierungsmitglied, das man auf diese Weise einen lukrativen Posten zuschanzte. Er arbeitete nicht wirklich, sondern passte nur auf, dass ihm und seiner Regierung kein Schaden entstand. Dabei unterstützten ihn drei Sekretärinnen. Er ganze Papierkram blieb bei ihm zur Erledigung. Er schaffte es nach einer gewissen Zeit nicht mehr allein und sah sich nach einer Hilfe um. Er stellte Rita ein. Sie war Sekretärin in der Botschaft seines Heimatlandes. Sie hatten sich zufällig einmal kennen gelernt als er seinen Pass dort verlängern lassen musste. Sie war mit einem der dort beschäftigten Angestellten leiert, was aber dann in die Brüche ging als er abberufen wurde und sie nicht mitnahm. Sie war jetzt bei den Kolleginnen und Kollegen nicht mehr beliebt und suchte dringend eine neue Anstellung. Auch ihr gefiel Afrika und insbesondere der Osten dieses Kontinentes mit all seiner Farbenpracht und Tieren. Sie beherrschte besser als er die Sprache der Einheimischen und war auch sonst aufgrund ihrer Schnelligkeit und Auffassungsgabe schnell eine unverzichtbare Hilfe geworden. Es gab viel zu erledigen und am Anfang auch aufzuarbeiten. Es wurde bis tief in die Nacht gearbeitet. Dann ging er nach Hause wo Mbethe auf ihn wartete und Rita in eine umgebaute Arbeiterunterkunft. Er hatte für einen entsprechenden Umbau gesorgt und mit allen Komfort ausgestattet. Sie beide waren die einzigen Weißen auf dem gesamten Fabrikkomplex.
    An seinem 37. Geburtstag lud Jörg alle seine Freunde zu sich in das Haus ein. Es gab nicht nur seinen Geburtstag zu feiern, sondern auch die Abarbeitung der aufgelaufenen Rückstände. Es wurde viel getrunken, gegessen, laut geredet und gelacht. Mbethe hatte alles vorbereitet und geplant. Bei der Feier hielt sie sich im Hintergrund und versorgte die Gäste wie eine Bedienstete. Es war weit nach Mitternacht als die letzten Gäste gingen. Jetzt waren nur noch Rita und er im Haus, Mbethe hatte er schon seit Stunden nicht mehr gesehen und auch nicht darauf geachtet, wann sie, wohin sie gegangen war. Er hatte zuviel getrunken an diesem Abend und er fühlte sich irgendwie erleichtert als wenn ihm eine Last von den Schultern genommen wurde. Endlich konnte es jetzt aufwärts gehen, denn die Altlasten waren getilgt. Rita ging auf die Terrasse mit einem leeren Glas in der Hand. Er goss sich noch einen kleinen Schluck ein und folgte ihr. Bewusst spürte er nichts, er hörte nur das Klirren der zu Boden fallenden Gläser. Es war auch das Einzige an das er sich am nächsten Morgen erinnerte als er von Kaffeegeruch wach wurde. Seine Sekretärin lag in ordinärer Pose neben ihm nackend auf dem Bett. Er deckte sie zu und erhob sich. Ging in die Küche wo Mbethe wie immer das Frühstück zubereitete. Sie sah ihn nicht an. Als er sie an der Schulter fassen wollte zuckte sie zurück und sah ihn drohend an. Er drehte sich um und ging ins Bad. Als er herauskam saß Rita halb bekleidet am Tisch und biss in einen Toast. Als er an ihr vorbeiging griff sie ihm zwischen die Beine und drückte den Kopf auf seinen Oberschenkel. Es war ihm unangenehm, vor allem im Beisein von Mbethe, die sich ungerührt weiter um ihren Herd kümmerte.
    Ab diesem Tag schlief er allein im Haus. Er sah Mbethe nie mehr das Haus betreten oder verlassen. Sie war da und bereitete das Frühstück wenn er noch schlief. Wenn er nach Hause kam stand das Essen auf dem Tisch und alles war sauber und ordentlich, von ihr selbst war aber nichts zu sehen. Nach einiger Zeit ging er des Abends in das Haus von Rita und kam erst wieder zurück, als sich das erste Grau am Himmel zeigte. Mbethe sah er nur noch des Morgens eine Stunde und das meistens von hinten während sie am Herd stand.
    Erst achtete er nicht darauf. Doch der Juckreiz ließ nicht nach. Er fragte Rita als sie nackt nebeneinander in ihrem Bett lagen. Sie besah sich seinen Rücken und sagte ihm nur etwas von kleinen Pusteln die kaum zu sehen waren. Er kratzte sich nach einiger Zeit mit einem Holzstab so lange bis seine Haut blutete. Er verließ für einen Tag seinen Posten und fuhr in die Stadt zu einem Arzt. Der gab ihm eine gräuliche Paste die stundenweise den Juckreiz milderte. Die Pusteln breiteten sich daraufhin schneller aus. Jetzt konnte er sie sogar schon auf seiner Schulter sehen. Kleine weiße Punkte die sich nicht abkratzen ließen.
    Der Anruf kam des Nachts. Er war zufälligerweise in seinem Haus und nicht wie die meisten anderen Nächte bei seiner Sekretärin. Sein Vater lag im Krankenhaus im Sterben. Er ging sofort zu Rita hinnüber, klopfte sie aus dem Schlaf und erzählte ihr kurz das er sofort nach Hause müsse. Sie solle sich um alles weiter kümmern. Er fuhr mit den nötigsten Sachen noch in der Nacht zum Flughafen. Natürlich war alles ausgebucht. Er schilderte seine Situation und fand ein Pärchen das bereit war zum doppelten Preis ihre beiden Plätze an ihn abzutreten. Jetzt hatte er für einen Sitz das vierfache bezahlt und überlegte kurz, ob er den einen freien Platz noch verkaufen sollte. Es war ihm aber egal und er war froh, dass sich aufgrund seiner halbherzigen Bemühungen kein Interessent meldete. Jetzt hatte er wenigstens Bewegungsfreiheit während des 10-stündigen Fluges. Nach der Landung fuhr Jörg vom Flughafen aus die 120 Kilometer zum Krankenhaus mit dem Taxi. Dort traf er noch seine Mutter, sie weinte. Er kam zu spät.
    Es war das erste Mal seit vielen Jahren das er wieder zu Hause war. Es hatte sich nicht viel verändert. Der Ort war moderner geworden, die Häuser ein wenig gepflegter, der Verkehr hektischer. Aber sonst? Die Wände in der Wohnung seiner Eltern hatten immer noch die gleichen Blümchentapetenmuster, die Gardinen immer noch das leichte Grau. Er schlief in dem Bett seines Vaters und hörte seine Mutter des Nachts weinen. Er war auch traurig aber irgendwie war das alles weit weg für ihn. Er hatte in den letzten Jahren wenig an seinen Vater gedacht und hätte, wenn er nicht erinnert worden wäre, auch seinen Geburtstag vergessen. Jetzt kümmerte er sich um die Beerdigung und die anderen Formalitäten wie um einen geschäftlichen Vorgang.
    Das Jucken auf dem Rücken wurde wieder schlimmer. Die Salbe war aufgebraucht. Er bat seine Mutter sich das einmal anzusehen. Sie stieß einen Schrei aus als sie den nackten Rücken ihres Sohnes ansah. Sie holte ihren alten Schneiderspiegel hervor und so konnte er sich im Badezimmer zum ersten Mal selbst ein Bild von seinem Rücken machen. Die Haut war nicht mehr vorhanden. Ein dünnes durchsichtiges Papier, ja fast wie eine milchige Folie war anstelle dessen vorhanden. Darunter befand sich gräulich-gelbliches Muskelfleisch. Er fuhr sofort in das Krankenhaus, in dem sein Vater gestorben war, und verlangte einen Hautspezialisten zu sprechen. Er sah den ungläubigen Gesichtsausdruck des Arztes als er nach der Begutachtung zu ihm sprach. So etwas hätte er noch nie zu Gesicht bekommen und kann sich auch nicht erklären was es sei. Als er erfuhr, das dieses in Afrika auftrat wurde er an einen Tropenspezialisten in die nächste Hafenstadt verwiesen.
    Er war avisiert worden und wurde bereits erwartet. Ansteckungsgefahr bestand nicht, sonst hätte er schon Tausende angesteckt. Die Untersuchung dauerte keine 10 Minuten und der Professor entnahm ihm nur ein wenig Haut und Muskelfleisch und setzte sich dann hinter ein Mikroskop. Er durfte selbst durchschauen und was er sah ekelte ihn an. Das aus seinem Rücken entnommene Fleisch bewegte sich. Der Professor erklärte ihm das diese kleinen Larven die er dort unter dem Mikroskop sah, in einigen Gewässern in Afrika lebten. Sie könnten nur durch große Hitze verbrannt, oder durch Säure unschädlich gemacht werden. Normale Berührungen mit der Haut wären völlig gefahrlos. Auch beim Trinken des verseuchten Wassers würden nur einige Magenprobleme auftreten. Gefährlich wird es erst, wenn in diesem Wasser die Wäsche gewaschen wird und die sich in dem Gewebe dann festsitzenden Tiere nicht durch sehr heißes bügeln abgetötet werden. Nisten sie erst mal im Fleisch ist ein regelrechtes langsames auffressen kaum noch zu stoppen. Es gibt noch keine Antibiotika das sie abtöten könnte.
    Jörg dachte an Mbethe und das heiße Bügeleisen. Und er dachte daran wie er sie verletzt hatte. Er sah Afrika nie wieder und wurde neben seinem Vater beerdigt.
    Das Leben ist wie das Zeichnen mit dem Bleistift...allerdings ohne Radiergummi!

  2. #2
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    ich muss sagen, mir gefällt deine Geschichte wieder mal absolut! ich mag Geschichten, die so ein Ende haben!
    Lieben Gruß, vio

  3. #3
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    Danke Martina
    Die Geschichte entstand schon vor ein paar Jahren bei mir im Kopf als ich in Afrika so eine Story 'von der Rache einer betrogenen Frau' hörte. Ob sie tatsächlich so, oder so ähnlich geschah weiss ich nicht.
    Selbst ich empfinde sie als Kurzgeschichte ein bißchen zu lang, wollte sie aber nicht kürzen (bzw. wusste nicht was).

    Gruß
    Norbert
    Das Leben ist wie das Zeichnen mit dem Bleistift...allerdings ohne Radiergummi!

  4. #4
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    zu lang? auf den ersten Blick staunte ich auch erst nicht schlecht. hab mir aber Zeit genommen (auch wenn mir danach die Augen wehtaten *g* - wollte es ausdrucken, aber mein Drucker hat gestreikt). ich wüsste auch nichts, was man kürzen könnte... muss man auch gar nicht... ist toll, so, wie sie da steht *smile*

    ach ja... ich heiße Marina (nicht MarTina), aber das nur so zur Info *g*

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