Ich glaube, dass das freie Schreiben und das Formschreiben auch auf Fixierungen und Zeitgeist beruht. Sicher wurden oft früher Sonette geschrieben, die durch die starke Formvorgabe dem Gedicht etwas nahmen, aber der Dichter einfach auf das hörte, was gefragt wurde: Das Sonett war schick und anerkannt.
Ich erwähne das Sonett, weil es eine sehr starke Formvorgabe hat und dementsprechend das Gedicht auch wirklich gebaut werden muss. In dem Moment wo zu sehr gebastelt wird, kann auch schnell etwas von der Urintention des Dichters verloren gehen: Muss sogar, weil der Dichter ja sein Gefühl stärker an die Realität anpassen muss, als z.B. an freie Dichtung. Manchmal ist gerade die Formvorgabe wichtig, damit das Gedicht wirken kann. Manchmal aber auch nicht, da ist die Form störend.

Ich bin auf jeden Fall überzeugt, dass hier beide Extreme und verschiedenste Mittelwege ihre Berechtigung haben: Das Gedicht, welches fast 1 zu 1 aus dem Urgefühl des Dichters sprudelt und eben möglichst wenig "Bauvorhaben" zulässt, also eben nicht akribisch geplant und schon im Entstehungsprozess hinterfragt wird. Als auch das, welches erst durch das "Bauvorhaben Gedicht" die richtige Stimmung erzeugen kann.

Wie der Leser das annimmt ist die andere Frage. Vielleicht braucht der eine die Form, um Gedichte überhaupt verstehen zu können, um diese auch erst als solche zu erkennen: Ist verunsichert, wenn ein Gefühl eine freie Form wählt und das trotzdem ein Kunstwerk wird. Eben weil das Handwerk des Formenbaus klar zu durchschauen ist (wers falscht macht, machts falsch), sind hier nämlich auch einfacher Wertmaßstäbe anzusetzen. Bei der freien Form wirds schwierig, zumindest ist sie streitbarer. Denn das da auch sehr viel Schund gemacht wird, will ich gar nicht abstreiten, im Gegenteil.