Es war einmal ein Mädchen...
Sie wuchs wohlbehütet auf dem Lande mit ihren Eltern, Geschwistern und ihren Großeltern auf. Sie liebte es, mit der Schafherde über die Wiesen zu gehen, und das Gefühl, wie das zarte Gras ihre Füße kitzelte. Sie leibte es, sich in dem verzauberten Wäldchen mit den Lianen über den Fluss zu schwingen und so laut zu schreien, wie sie nur konnte. Ganz besonders freute sie sich, wenn ihr Vater sie mit zur Heuernte auf das Feld nahm. Tief sog sie den herrlichen Duft des getrockneten Grases ein, während es zu Strohballen gebunden wurde. Eines Nachmittags durfte sie Teil an einem Wunder haben. Es sollte ein junges Kälbchen zur Welt kommen. Als sie in den Stall trat, stand ihr Vater mit zwei andren Männern bereits bei der werdenden Mutter. Die Beinchen konnte sie schon erspähen. Und voller Aufmerksamkeit beobachtete sie, wie ihr Vater das Junge zur Welt brachte. Und da lag es nun im Heu. Es sah so zerbrechlich und winzig aus. Die Mutter fing sogleich an, ihr Junges von Kopf bis Fuß abzuschlecken, um sich dann schützend zu ihm zu legen. Das Leben, mit all seinen mannigfaltigen Erscheinungen war eine Faszination. Nie wurde es dem Mädchen langweilig. Es gab immer etwas zu tun. Bald zogen die Großeltern des Mädchens in ein Haus in der Stadt, da ihnen die Arbeit auf dem Bauernhof zu mühselig wurde, und dieses Haus, das schon seit über hundert Jahren im Familienbesitz war, wieder bewohnt werden musste. Das Mädchen vermisste seine Großeltern sehr. Doch sie kamen regelmäßig und oft zu besuch.
So vergingen die Jahre und das Mädchen wurde immer älter. Eines Abends konnte es nicht einschlafen. So ging es die Treppe hinunter und sah, dass in der Küche noch Licht brannte. Sie wollte gerade die Türe öffnen, deren Henkel sie schon fast berührte, als sie ihre Mutter schluchzen und weinen hörte. Sie lauschte dem Gespräch ihrer Eltern. Es ging um die Großeltern des Mädchens. Sie waren beide seht krank, und so hatte der Vater keine andere Wahl, als den Hof aufzugeben und mit seiner Familie in das Haus seiner Eltern zu ziehen, um für sie dazusein. Die ganze Nacht konnte das Mädchen kein Auge zu tun. Der Gedanke, von hier fortzugehen schmerzte so sehr in ihrer Brust und erfüllte sie mit einer schrecklichen Traurigkeit. Der Tag der Abreise kam immer näher. Sie ging zu jedem einzelnen Tier um sich zu verabschieden. Auch verabschiedete sie sich von ihrem Lianenwäldchen und jedem Lager, dass sie mit ihren Geschwistern gebaut hatte. Dicke Tränen flossen über ihre Wangen, als sie auf dem Rücksitz dem Hof nachschaute und er immer kleiner wurde, bis er ganz verschwunden war.
An das Leben in der Stadt musste sie sich erst gewöhnen. Wo waren all die Tiere und diese wunderschöne Natur? Doch sie wuchs heran und gewöhnte sich mit der Zeit an das neue Leben. Nach vielen Jahren verspürte das Mädchen den Wunsch in sich, den Ort ihrer Kindheit aufzusuchen. Sie fuhr zu dem Hof und stand erst lange vor dem Tor, ehe sie eintrat. Auf eine ganz merkwürdige Art und Weise hatte sie Angst davor, was sie erwarten würde. Alles war verändert.
Alles schien so kühl und leblos zu sein. Ganz still war ihre Umgebung. Die neuen Besitzer konnte sie nicht sehen. Sie lief in den Stall zu den Tieren und stellte Traurig fest, dass ihr alles nicht mehr so zauberhaft erschien wie damals. Noch trauriger machten sie die Eindrücke, die sie wahrnahm, als sie ihr verzaubertes Königreich, ihr so sehr geliebtes Lianenwäldchen betrat. Es war einfach nur ein ganz gewöhnlicher Wald. Wo waren denn nur all ihre sprechenden Tierfreunde? Wo war ihr Prinz, mit dem sie sich über den damals so steilen Abhang schwang? Wo war diese herrliche Musik und wo waren diese fantastischen Farben, die ihren Wald immer in so ein wundervolles Licht tauchten und ihm diesen Zauber verliehen? Völlig niedergeschlagen fuhr das Mädchen wieder nach Hause. Sie dachte in der folgenden Zeit sehr viel nach. Über das Kindsein, und wie wundervoll die Welt doch aus den Augen eines Kindes scheint. Sie sehnte sich nach dieser Zeit zurück, sehnte sich so sehr nach den erfüllenden Momenten des unbegrenzten Glücks, nach dem Gefühl der vollkommenen Zufriedenheit und Harmonie. Und bald darauf schien sie endlich zu erkennen, was des Menschen wundervollstes Geschenk ist:
Die Liebe
Sie fing an, nach der Liebe zu suchen. Suchte vergeblich Hier und Dort, und wollte nicht eher ruhen, bis sie die Liebe erfahren sollte. Einige Male hatte sie gedacht zu lieben. Doch dann spürte sie, dass es mehr geben musste, dass dies nicht alles sein konnte und sie noch um so vieles mehr lieben könnte. Sie sehnte sich so sehr nach Liebe. Eine Liebe, die ihr Halt geben sollte. In der sie sich wohl und geborgen fühlen würde, wie ein Kind in den Armen seiner Mutter. Eine Liebe, die sie aus den Fugen ihrer gewohnten Abläufe reißen sollte. Eine Liebe, für die sie alles aufzugeben bereit wäre. Eine Liebe für die Ewigkeit.
Doch stellte das Mädchen bald fest, dass man die Liebe nicht suchen, noch erzwingen kann. Die Liebe versteckt sich nicht und wartet darauf gefunden zu werden. Die Liebe kommt plötzlich in das Leben eines Menschen. Völlig unerwartet und mit solch einer Macht, die allem standzuhalten scheint. Die Liebe ist das größte Geschenk und sie wird eines jeden Menschen Leben verändern.
Also hörte das Mädchen auf, nach der Liebe zu suchen und fing an die gegenwärtigen Momente voll auszuschöpfen, im Hier und Jetzt glücklich zu sein. Auch ohne die Liebe.
Und als sie schon gar nicht mehr daran glaubte, als sie gar nicht mehr damit rechnete, trat ein Mann in ihr Leben, der sie verzauberte. Und plötzlich schien sie die Welt wieder mit den Augen eines Kindes wahrzunehmen. All diese wunderschönen, weichen Farben, diese betörende Musik in ihren Ohren und dieses unaufhörliche kribbeln in ihrem Bauch, waren wieder da. Er war für sie der wundervollste und wunderschönste Mann. Wie sie ihn anbetete. Jede Sekunde musste sie an ihn denken. Groß war er und hatte die himmelblausten Augen, die sie jemals gesehen hatte. Ein kurzer Blick genügte, um das Mädchen völlig zu verwirren. Er hatte das bezauberndste Lächeln. So viel Güte und Ehrlichkeit strahle er aus. Sein haßelnussbraunes Haar kringelte sich zu kleinen Löckchen, und wenn die Sonne auf sein Haar schien, schimmerte es fast golden.
Wenn er sprach lauschte sie wie hypnotisiert seinen Worten. Seine Stimme war so weich und zärtlich, und doch voller Kraft. Er wusste über so vieles Bescheid und hatte schon viel von der Welt gesehen. Wenn er lachte schmolz ihr Herz. Seine Lippen waren so unwiderstehlich schön. Von diesen Lippen geküsst zu werden müsste wohl das unübertrefflichste, gigantischste und wundervollste Gefühl sein. Das Mädchen war auch fasziniert von seinen Händen. Nie würde er damit verletzendes tun. Damit waren einfach nur zärtliche Berührungen denkbar. Er hatte starke Arme, die einem das Gefühl völliger Geborgenheit geben könnten. Wie schön doch eine Umarmung von diesem Mann wäre.
Doch obwohl das Mädchen Tag und Nacht an diesen Mann denken musste und sich so sehr wünschte, sie könnte ihm sagen, wie sehr sie ihn liebte, brachte sie nie den Mut dazu auf. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie einem so wundervollen Manschen ihre Liebe gestehen sollte, ohne dass ihr dabei die Worte im Halse stecken blieben. Sie war von der Liebe zu diesem Mann wie benebelt. Sie spielte mit dem Gedanken, es ihm einfach zu sagen. Egal wie schwer es werden sollte. Im nächsten Moment aber erschien ihr das alles so lächerlich. Ein gewöhnliches Mädchen wie sie es war, gesteht einem so außergewöhnlichen Mann ihre Liebe. Dann will sie es ihm doch wieder mitteilen und im darauffolgenden Moment übermannt sie wieder die Angst und sie lässt den Gedanken fallen. Wenn sie schon nicht den Mut dazu hat, ihm zu sagen wie es um ihr Herz steht, so möchte sie ihm wenigstens eine Freude machen und pflückt ihm einen bunten Blumenstrauß. Sie hofft, dass sie es geschafft hat ihm ein Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern. Das Mädchen beginnt die Geschichte ihrer verworrenen Gefühlswelt von den Anfängen ihrer Erinnerung, bis zum heutigen Tage aufzuschreiben. Und vielleicht wird sie diese Geschichte irgendwann dem Man ihres Herzens zukommen lassen.
Und weil sie nicht gestorben ist, so liebt sie ihn auch heute noch...