Vatersorge

Erzählung von
Hans Werner

Krampfhaft hielt er sich mit der linken Hand an der Haltestange. Die Straßenbahn fuhr ruckartig durch die Kurven und manchmal drohte er umzufallen. Unter seinen rechten Arm hatte er eine Mappe geklemmt, mit Entwürfen für die neuen Bieg- und Stanzwerkzeuge, die er termingerecht zu konstruieren hatte. Er arbeitete in einem Großbetrieb der Uhrenbranche, die aber nebenher auch Zünder und allerlei Gefährliches für die Rüstung herstellte. Eine der ganz großen und stillen Waffenschmieden Süddeutschlands. Er stand unter Stress, denn die Konstruktion sollte zu einem Zeitpunkt fertig sein, den er in normalen Arbeitsstunden nie einhalten könnte. So musste er immer wieder Arbeit aus dem Werk mitnehmen und zu Hause bis in die späten Nachtstunden arbeiten. Eigentlich war das verboten. Betriebsgeheimnis. Aber es ging nicht anders. Der Portier wusste Bescheid, kannte ihn schon längst, sie waren per Du und tranken zuweilen miteinander ein Bier in der Werkskantine.
Sein Chef hasste ihn, er wusste es. Warum, war ihm nicht ganz klar. Alle bescheinigten ihm, dass er Überdurchschnittliches leiste, und er glaubte auch, in den höchsten Chefetagen hohes Ansehen zu genießen. Aber sein unmittelbarer Vorgesetzter sah ihn stets mit eisigem Blick an und seine Worte klangen hart wie Stahl. "Wann endlich ist die Konstruktion fertig? - Sie wissen, wir arbeiten zu teuer. - Die Konkurrenz macht das bald zum halben Preis. - So können wir Leute wie Sie nicht halten. - Nun reißen Sie sich endlich mal am Riemen!"
Aber noch etwas anderes machte ihm heute zu schaffen, ließ seine Magensäfte kochen. Heute morgen hatte er ein Gespräch zwischen seiner Frau und seiner Tochter Claudia mitgehört, das eigentlich für seine Ohren nicht bestimmt war. Er war noch im Hausflur gestanden, unter der Treppe, vor der Tür, auf dem Sprung zu gehen. Sie vermuteten wohl, er hätte das Haus schon verlassen. Und da hörte er, wie Claudia, ein bildhübsches Ding, sein Augapfel, seiner Frau eingestand, dass sie seit 10 Wochen ihr "Sach" nicht mehr bekommen habe und nun Schlimmstes befürchte. Mutter und Tochter waren erregt und hatten im Flüsterton weiter gesprochen. Weiteres konnte er nicht mehr verstehen und war dann gegangen, indem er die Tür geräuschlos hinter sich zuzog. Und nun ließ ihm das, was er wusste, die Magensäfte kochen.
Er prüfte im Stillen, wer wohl als Täter in Frage kommen könnte. Da war der Freundeskreis unter den Schülern. Claudia ging ins Gymnasium. Sie war ein sehr begabtes Mädchen. Bald würde sie Abitur machen. Nur in der Mathematik haperte es, wie oft bei sprachlich begabten Schülerinnen. Vielleicht lag es auch am Mathe-Lehrer, der nicht richtig erklären konnte und sich häufig in philsophischen Abschweifungen erging. Die Jungs, mit denen Claudia Umgang pflegte, waren schnell abgehakt. Mit drei oder vieren - mehr waren es nicht - ging das Mädchen zuweilen aus, in eine Vorstadtkneipe, die einen italienischen Namen trug. Doch konnte man wissen, ob nicht hinterher... ? Sie war manchmal schon sehr spät nach Hause gekommen. Aber nein, da fiel ihm ein, und sein Blut schoss ihm dabei in die Stirn. Mit diesem Dr. Moser, dem Musiklehrer, hatte sie doch einige Male in den letzten Wochen und Monaten Geige gespielt. Er musste plötzlich die Haltestange loslassen und an sein Herz greifen, denn es hatte ihm einen wüsten Stich versetzt. Wenn dieser Verdacht sich erhärtete! Dieser schöngeistige Pauker! Er war noch jung, unverheiratet, ein Schwarmgeist, und in Punkto Erotik furchtbar rüstig. Eine Löwenmähne umflatterte sein Künstlerhaupt, wie bei Franz Liszt. Wohl hatte es seine Frau gern gesehen, dass Claudia von einem Lehrer eingeladen würde, wegen des gesellschaftlichen Ansehens und so weiter. Der übliche weibliche Fierlefanz!
Er musste tief atmen, denn sein Herz rappelte. Es kasperte in seiner Brust herum, dass ihm fast übel und schlecht wurde. Wenn das wahr sein sollte!, dachte er, diese verdammten Pauker! Vom Staat verhätschelt, sichere Stellung, behagliche Pensionsaussichten, Ferien bis zum Gehtnichtmehr. Sollen die doch ihre rote Tinte saufen und auf ihrem Kugelschreiber reiten!
Er war zu Hause angekommen. Gleich beim Betreten der Wohnung spürte er die eisige Atmosphäre. Seine Tochter saß im Wohnzimmer, auf der Couch, hatte ein Buch vor sich, schien zu lernen. Doch sah man von weitem, dass sie geweint haben musste. Seine Frau Fabiola hantierte nervös in der Küche herum. An ihren fahrigen Bewegungen merkte man, dass sie zornig war und unter emotionalem Hochdruck stand. Er setzte sich grußlos an den Esszimmertisch. Das Essen wurde aufgetragen. Seine Tochter, nun auch bei Tisch, sagte:
"Für morgen brauch ich eine Entschuldigung. Ich muss zum Arzt."
"Was fehlt dir?", versetzte er kurz und barsch.
Sie blickte hilfesuchend zur Mutter.
"Du musst nicht alles wissen," giftete diese zu ihm herüber. "Manche Sachen gehen nur Frauen was an."
Er schlug mit der Faust auf den Tisch, dass Teller und Gläser klirrten.
"Gerade das darf mich wohl etwas angehen. Meine Tochter, gerade mal 18!" Er hatte einen schreienden Ton angenommen. Claudia war von ihrem Platz aufgesprungen und in ihr Zimmer gerannt.
"Hier geblieben!", wollte er gerade noch nachschreien, da hörte er schon, wie sie den Schlüssel im Schloss herumdrehte .
Er verbiss sich seinen Zorn und aß schweigend weiter. Nach einigen Minuten lastender Stille richtete seine Frau wieder das Wort an ihn.
"Du musst nämlich wissen, wir haben Sorgen..."
"Ja bitte, ich höre...", sagte er.
"Du weißt, deineTochter ist jetzt schon 18... und da kann es vorkommen..."
"Wozu die Umschweife!", seine Augen sprühten Funken, "Heraus mit der Sprache, wer hat sie..."
"Bitte, nicht so!", sie hatte ihn unterbrochen, bevor das gefährliche Wort gefallen war. Beide hatten sich von ihrem Platz erhoben und standen sich gegenüber, Aug in Auge, kampfbereit.
"Ich will wissen, wer es gewesen ist?", seine Stimme klang messerscharf.
Seine Frau sah ihn an, einen Augenblick in machtloses Schweigen versinkend, ihre Augen wurden weinerlich glänzend. Dann sagte sie, nun weich bittend:
"Vermutlich einer aus der Clique. Michael, Thomas oder Immo, ich weiß nicht. Sie sind ja immer zusammen."
"Ich weiß nicht, das ist ja nun wohl die Höhe. Ich weiß nicht, ich weiß nicht...", seine Stimme war schrill und wütend. Er rastete aus, wie es ihm immer dann passierte, wenn er völlig die Beherrschung verlor.
Nun steigerte sich das Gespräch immer mehr. Vorwürfe flogen hin und her, wie feindliche Geschosse zielsicher treffend. Wo sie denn als Mutter die Augen im Kopf habe, und ob sie nicht besser auf die Tochter acht haben könnte. Und schließlich, das sei die Hauptsache, warum denn überhaupt so ein Malheur passieren könne, schließlich gebe es, wenn es denn schon mal sein müsse, doch heutzutage sichere Mittel, um so was zu verhüten.
Fabiola war rot angelaufen. Wie hilflos ruderte sie in dieser Flut von Vorwürfen und Anschuldigungen hin und her und griff schließlich zum letzten Verteidigungspunkt, den sie sonst ihrem Mann gegenüber wohl nie angesprochen hätte.
Und sowieso, sagte sie, ob er denn so ganz schuldlos sein könne. Er, der Vater..., dann bohrten sich ihre Blicke wie Pfeile in seine Seele... schämen solle er sich, schämen. Ihre Stimme versagte, bitterlich schluchzte sie in sich hinein, ihre Brust wurde geschüttelt, ihre Lippen zuckten, Arme und Hände zitterten.
Ihn traf dieser Verdacht wie ein starker Stromschlag. Blitzesschnell durchfuhr ihn die Erkenntnis, was seine Frau wohl gemeint haben könnte. In den letzten Wochen war Claudia abends öfter bei ihm gewesen, wenn er noch am Reißbrett stand, und hatte sich komplizierte Mathe-Aufgaben, die sie nicht begriff, erklären lassen. Ja, da konnte es schon mal passieren, dass er seiner Tochter, seinem Augapfel, mit der Hand über die Haare strich, dass sich ihre Köpfe näher kamen und sie ihn küsste, zum Dank dafür, dass er ihr hatte helfen können. Aber dies geschah doch alles in so keuscher Tochterliebe, dass ihm Fabiolas Verdacht nun völlig absurd vorkommen musste.
Doch seine Frau setzte nach: "Meinst du, ich hab mir nichts dabei gedacht, wenn Claudia immer erhitzt aus deinem Zimmer gekommen ist, nachdem man euer Schäkern durchs ganze Haus gehört hat." Und dann sagte sie, wobei ihre Stimme fast wieder im Weinen ertrank:
"Zu mir bist du ja schon über ein halbes Jahr nicht mehr gekommen."
Es stimmte. Zwischen den Eheleuten lief kaum mehr etwas. Er erinnerte sich daran, wie er zuletzt mit Fabiola geschlafen hatte. Wie halbtot war sie danach dagelegen, als er ermattet von ihr ließ und in die Kissen sank. Seither hatte sie Angst vor ihm und verweigerte sich, und er fühlte sich dadurch in seiner Mannesehre tief verletzt und hielt sich seinerseits auch zurück.
"Und das traust du mir zu?", sein Gesicht war angespannt, seine Augen glühten, sein Mund stand offen, und er hatte die Hand zum Schlag erhoben. Gerade konnte Fabiola noch ausweichen. Sie erreichte mit Müh und Not die Schlafzimmertür und verriegelte von innen. Diese Nacht sollten sie getrennt verbringen.
Am andern Morgen gingen sich die Eheleute aus dem Weg. Er sah einen Zettel auf dem Tisch liegen. "Ich lasse mich scheiden. Fabiola."
Nach der Untersuchung teilte Dr. Myosop, der Frauenarzt, Claudias Mutter mit, ihre Tochter leide an einem Eierstocktumor, der seit einigen Wochen in ihrer Gebärmutter wuchere und die Absonderung der Schleimhäute, welche zur üblichen Menstruationsblutung führe, verhindere. Die Sache sei lebensgefährlich. Eine dringende Operation sei nötig.