Brennende Worte

Erzählung von Hans Werner

Eine solche Geschichte darf man nur erzählen,
wenn sie wirklich passiert ist;
ist sie aber passiert,
dann muss man sie erzählen.


Lotte Altmann, eine unauffällige, indes nicht unhübsche Frau zwischen dreißig und vierzig Jahren, richtete gerade ihre Einkaufstasche zum wöchentlichen Großeinkauf. Ihre dreiköpfige Familie musste schließlich ernährt werden. Früher hieß es ja immer, der Vater sei der Ernährer der Familie, aber ihr schien, als habe sich dieses alte Rollenbild gewandelt. Er brachte zwar jeden Monat das nötige Kleingeld in die Haushaltskasse, aber das war auch schon alles. Die vielen Entscheidungen, welche tagaus tagein anfielen, mussten getroffen werden, und diese lasteten zunehmend auf Lotte. Sie konnte sich die Passivität ihres Mannes nicht erklären. In den letzten Jahren war er immer ruhiger geworden, sprach immer weniger, machte immer weniger Vorschläge für gemeinsame Unternehmungen und – ja auch das musste sie sich eingestehen – trug immer weniger Verlangen nach ihr, seiner Frau. Nun hatte Lotte schon wieder jenen nachdenklichen Blick aufgesetzt, der ihr in letzter Zeit eigentümlich geworden war. Ihre Freundinnen sagten oft zu ihr: „Du wirst immer seltsamer. Was ist bloß mit dir los? Manchmal hat man das Gefühl, man kommt nicht mehr an dich ran.“
Lotte ging gerade die Treppe zum Hausflur hinunter, als es plötzlich klingelte. Sie schaute durch die milchige Glasscheibe der Haustür und erkannte die Silhouette einer großen männlichen Gestalt. Wer könnte das sein, dachte sie, soll ich gleich öffnen oder vorsichtshalber oben durch das Fenster spähen. Schließlich gab sie ihrem Herzen einen Ruck und drückte kurzerhand die Türklinke. Es stand ein unbekannter Mann vor ihr, groß, schlank, mit schütterem blonden Haar, vielleicht ein angehender Fünfziger.
„Guten Tag. Entschuldigen Sie die Störung. Darf ich mich Ihnen vorstellen. Ich heiße Heinz Unger und bin Vertreter für Gartenwerkzeuge. Lieben Sie Pflanzen?“
„Ach, jetzt gerade kommen Sie ungelegen. Ich habe es sehr eilig,“ sagte sie.
„Kein Problem, ich kann auch ein andermal vorbeischauen,“ antwortete er.
„Wollen Sie sich das nicht überlegen, ich kann Ihnen wirklich nicht versprechen...“
„Aber warum auch, ich bin dazu da, unentschlossene Damen zu überzeugen.“
„Oder zu überreden...“, sagte sie, nun schon etwas verschmitzt lächelnd. "Hören Sie, wenn Sie schon unbedingt kommen wollen, dann vielleicht nächste Woche. Vielleicht, wer weiß, werde ich Ihnen öffnen."
Der Mann verbeugte sich, trat einen Schritt zurück und schloss von außen die Tür.
Nun stand Lotte in ihrem Hausflur vor der Glastür und wunderte sich selbst über ihr eigenes Verhalten. Es war ihr nicht klar, warum sie diesen Mann nicht endgültig zurückgewiesen hatte. Könnte es sein, dachte sie sich, daß ihr im Blick dieses Menschen etwas Unbestimmtes eingeleuchtet hatte, welches ihr nachträglich zu denken gab oder Gefühle einflößte, die sie nicht wollte und nicht beabsichtigte.
Am anderen Tag, es war vielleicht gegen drei Uhr nachmittags, klingelte es wieder an der Tür und der Vertreter war wieder da.
"Guten Tag, Frau Altmann, Sie sehen, ich hab Ihre indirekte Einladung nicht vergessen. Darf ich eintreten? "
" Nun kommen Sie schon herein."
Lotte ging ein paar Schritte voraus und wies dem Mann den Weg ins Wohnzimmer.
"Bitte, nehmen Sie Platz."
Herr Unger ließ sich mit lässigem Schwung auf einen Sessel nieder, dann kramte er aus seiner Aktentasche einen dicken Katalog hervor, auf dem in bunten Bildern Gartengeräte zu sehen waren, Rechen, Hacken, Baumscheren, Spaten und ähnliches.
"Sie machen wohl im wesentlichen die Gartenarbeit?", fragte er mit leichtem Kopfnicken, als wüsste er schon die Antwort auf diese Frage. Sie blickte ihn an und seufzte leicht:
"Wenn Sie's schon wissen, warum fragen Sie?"
"Ihr Mann ist wohl in Gartendingen nicht sehr bewandert", wollte er wissen.
"Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, und da lernt man alles, was man für den Garten wissen muss", sagte sie.
"Aber es gibt doch Dinge, die körperliche Kraft erfordern, da sollte ein Mann doch helfen."
"Bis sich mein Mann umgezogen hat, habe ich es viel schneller selbst erledigt."
"Braucht Ihr Mann so viel Zeit, zum Umkleiden?"
"Wissen Sie, er arbeitet sonst immer im Büro, hat einen schreibenden Beruf, ist daher immer fein angezogen und muss sich richtig überwinden, alte Klamotten anzulegen." Ohne es zu wollen, spürte Lotte, dass sich auf ihrer Wange verstohlen eine Träne bildete. Denn wie oft schon hatte sie sich danach gesehnt, dass ihr Mann mit ihr zusammen im Garten etwas machen würde. Frische Luft im Freien und dabei das Gefühl, sich gegenseitig zu helfen, das hätte sie wohl als Glück empfunden. Sie schwieg. Er sah sie unverwandt an, und auch er schwieg. Nach geraumer Zeit ungesagter Gedanken reichte er ihr schließlich den Katalog hinüber. Doch sie schüttelte den Kopf. Nein, bestellen wolle sie nichts. Aber, vielleicht könnte er mit ihr in den Garten gehen und ihr über manche Dinge Auskunft geben. Er wunderte sich, wie schnell er dazu bereit war. Eigentlich war seine geschäftliche Zeit ja zu anderen Dingen da, als einsame Frauen zu trösten.
"Einverstanden. Gehen wir hinaus."
Sie öffnete die Balkontür. "Was haben Sie für einen schönen Garten", sagte er.
"Mein Garten ist mein Ein und Alles", erwiderte sie und schaute ihm direkt in die Augen.
"Oh, das kann ich gut verstehen. Von Berufs wegen muss ich mich für alles interessieren, was mit dem Garten zusammenhängt."
"Alles wächst und gedeiht", sagte sie nachdenklich, "aber manchmal gehen Pflanzen auch ein, ohne dass man etwas dagegen tun kann."
"Ja", erwiderte er, den Kopf leicht hin- und herbewegend, "wenn die Umstände für die Pflanze nicht günstig sind." Dann fügte er, nach einer kleinen Pause, hinzu: "fast wie bei uns Menschen."
Er sah wohl, wie Lottes Augen einen feuchten Glanz bekamen. Sie wandte sich von ihm ab, bückte sich und riss mit kräftigem Schwung einige Unkräuter heraus.
"Und was so alles wächst von den Sachen, die man gar nicht will!" - - -
Wie sie zu ihm aufsah, sagte er, in langsamer Betonung: "Jede Pflanze hat ihre Würde."
Schließlich begann er sachlich, mit geöffnetem Katalog, ihr einige Geräte vorzustellen und zu erklären, wie sie sich im Garten verwenden ließen. Sie entschied sich, entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, nun doch für einige Sachen, eine Häufelhacke, einen Rasenlüfter und einen Astschneider. Er nahm die Bestellung auf und sagte mit makabrem Humor:
"Das sind aber wahre Marterwerkzeuge, vor allem der Rasenlüfter mit den rollenden Zackenrädern." Sie lächelte und sagte: "Wenn mir die Manneskraft fehlt, dann brauche ich starke mechanische Werkzeuge."
Er ging auf ihren schnippischen Ton ein und fügte hinzu:
"Ja, ja, die Manneskraft, wenn die nur unerschöpflich wäre..."
"Sie sehen nicht so aus, als ob Sie...", sagte sie spontan, doch dann ließ sie den Satz in leises Lachen übergehen, sie konnte nicht verhindern, dass ihre Wangen eine sanfte Röte überzog.
Er verbeugte sich, ging auf den letzten Satz nicht ein, sondern sagte nur:
"In wenigen Tagen werden Sie bedient sein." Dann war er mit schnellen Schritten aus dem Gartentor verschwunden, als hätte ihn jemand hinausgejagt. Sie ging in die Wohnung zurück und ließ sich ermattet auf die Couch fallen. Ich bin doch ein furchtsames Weib, sagte sie sich, und grübelte über die Herkunft dieses Satzes nach. Dann schlief sie ein. Im Traum sah sie ihren Mann, wie er mit dem Rasenlüfter auf sie zukam. Sie schrie auf und erwachte daran. Dann wischte sie sich einige Schweißperlen von der Stirn, die sich während des Alptraums dort gebildet hatten. Entschlossen erhob sie sich und fing an, das Abendessen vorzubereiten. Bald würde ihr Mann von der Arbeit heimkommen. Am lauten Lärm einer aufgedrehten Stereo-Anlage merkte sie, daß auch schon Michael, ihr elfjähriger Sohn, von der Nachmittags-Schule heimgekehrt war. Nun sprang er plötzlich herein, in der Hand ein Schulheft, und nervte mit Fragen über Dreisatzaufgaben. Lotte musste erklären, wie die Durchschnittsgeschwindigkeit eines Fahrzeuges zu berechnen sei, wenn es von da bis da so und so lange gebraucht hätte und dabei so und so oft hätte anhalten müssen. Stop and go, dachte sie, wie in ihrem eigenen Alltag. Schließlich kam Jochen, ihr Mann, nach Hause.
"Guten Abend, Liebes", sagte er, nicht unfreundlich, näherte sich ihr und gab ihr einen kleinen Kuß auf die Wange.
"Schön, dass du schon kommst. Hattest du heute früher Schluss?"
"Ich hab Arbeit mitgenommen, die ich hier in aller Ruhe besser erledigen kann. Im Büro geht es zu wie im Taubenschlag."
"Setz dich schon mal ruhig ins Eßzimmer; ich werde gleich auftragen."
Sie servierte ihm Spargelsuppe, Rindfleisch und Beilagen, Vanillepudding, eine einfache, doch nicht karge Mahlzeit, die sie mit Liebe und Sorgfalt zubereitet hatte. Er aß aufgeräumt und konzentriert, ließ ab und zu mal ein Wort fallen, Bemerkungen über den Betrieb, seine Arbeit, das Wetter, die Politik und manches andere. Eigentlich, dachte sie bei sich, redet er doch viel. Bestimmt sprechen nicht alle Ehemänner so viel, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen. Warum kann nur ich nicht frei mit ihm reden. Warum fällt mir so wenig ein, als Antwort auf das, was er sagt. Bin ich fantasielos, dumm oder furchtsam, fehlt es mir an Einfällen? Oder an Mut, Entscheidendes anzusprechen?
Schließlich fragte sie:
"Wollen wir heute gemeinsam ein Video anschauen? Vielleicht den neuen Film von Chabrol, den ich vor ein paar Tagen zu später Nachtstunde aufgenommen habe."
"Aber Liebes, du weißt doch, ich muss noch für den Betrieb arbeiten. Schau du dir den Film ruhig an, du kannst mir dann hinterher erzählen, was darin passiert."
Als er sah, dass sich ihr Blick verdunkelte, fügte er, freundlich lächelnd, hinzu:
"Ich hör dir doch so gern zu, wenn du erzählst."
Dann erhob er sich vom Tisch und ging in sein Arbeitszimmer. Sie trug das Geschirr ab, öffnete den Geschirrspüler und räumte alles ein. Bei diesen üblichen Handgriffen spürte sie in sich ein leichtes Würgen, es stieg in ihr hoch wie eine graue Wand, wie ein dichter Novembernebel, der Wege, Wald und Wiesen einhüllt. Dann ging sie ins Wohnzimmer, machte den Fernseher an, legte die Beine hoch und zappte von einem Kanal zum andern, wobei die rasch wechselnden Bilder sie anödeten. Schließlich blieb sie bei einem Liebesfilm niederster Sorte hängen. Wenn die Dialoge endeten, füllte einschmeichelnde, leise Musik den Äther, die Darsteller wurden intim und Lotte sog mit aufgerissenen Augen erotische Szenen in sich hinein. Mit brennendem Verlangen sehnte sie sich nach solchen vorgespielten Situationen und fühlte sich dann wie ausgezehrt. Ihr war kalt vor schneidender und schmerzender Einsamkeit. Der Fernsehsessel neben ihr war leer. Sie schaltete den Apparat aus, ging in das Bad und nahm, wie jeden Abend, ihre Dusche. Die Wasserperlen auf ihrer Haut taten ihr gut. Als sie sich einseifte und abwusch, mit Wassergüssen unterschiedlicher Temperatur, empfand sie Wohlbehagen, wenn auch nur für kurze Zeit. Dann hüllte sie sich in ihr Nachthemd aus schimmernder Seide. Sie betrachtete sich im Spiegel und kam sich vor wie eine Haremsdame. Auch diese muss ihre Sehnsucht nach dem Sultan mit vielen anderen Konkurrentinnen teilen, oder sagte man Konkubinen, dachte sie resignierend. Und schon war sie ins Bett geschlüpft. Sie schlief ein. Spät gegen Mitternacht hörte sie im Halbschlaf neben sich ein Rascheln. Ihr Mann war eben zu Bett gegangen. Dann wurde wieder alles ruhig. Ein Tag war zu Ende gegangen, einer von vielen.
Der andere Morgen verlief nach dem üblichen Ritual, Kaffee kochen, Geschirr auftragen, Brötchen schmieren, sich hinsetzen zum Mann, ein freundliches Gesicht machen, ab und zu ein Wort sagen, so belanglos, dass es sich nicht lohnte, dafür die Lippen zu spreizen. Fast war sie froh, als die Tür ins Schloss schnappte und ihr Mann gegangen war. Schnell verabschiedete sie auch ihren Sohn. Sie gab ihm ein Küsschen auf die Wange, die in der Morgensonne in goldener Bronze leuchtete. Dann streichelte sie über sein glänzendes schwarzes Haar und sagte zu ihm, halb flüsternd:
"Machs gut, passe auf dich auf."
"Mama, was ist, du bist so komisch?," erwiderte er, sie von unten mit großen dunklen Augen anschauend.
"Komisch? - ach, was du dir wieder einbildest!", versuchte sie, zu beschwichtigen, wobei sie spürte, dass ihr fast die Stimme wegblieb.
Sie blickte aus dem Küchenfenster, Michael ging mit seinem Schulranzen die Straße entlang, bis zur nächsten Straße, wo er abbog, ihren Blicken entschwand. Sie atmete durch, wischte sich eine verstohlene Träne aus den Augen. Nun war sie mit sich allein. Sie sah auf die Bäume, welche mit weichen Baumkronen die Siedlungsstraße säumten, und dachte bei sich, eigentlich wohnst du doch in einer ganz schönen Gegend. Plötzlich erfüllte sie eine Stimmung von Frieden und Geborgenheit. Und sie beschloss, sich heute einen guten Tag zu machen. Sie würde spazieren gehen, die Natur genießen, sich vielleicht im Stadtpark auf eine Bank setzen, den Menschen zuschauen, Tauben füttern. Ach, da gab es ihrem Herzen einen Stich. Hatte sie nicht eben Tätigkeiten aufgezählt, die als Verlegenheitshandlungen von all denen ausgeführt werden, die ihre konkreten Lebensziele schon verloren hatten. Gehörte sie nun schon zu all denen, deren Hoffnungen sich schlafen gelegt hatten? Sie spürte wiederum im Hals jene Bitterkeit, jenen leichten Schmerz, jene innere Wehmut, die sie in letzter Zeit öfters empfunden hatte, ohne es sich einzugestehen. Dann ging sie in ihr Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank und holte ein blaugrün gemustertes Kleid hervor, zog es an und besah sich im Spiegel. Eigentlich gefiel sie sich sehr. Sie begann sich rhythmisch zu bewegen, als wäre sie in einer Disco, und betrachtete sich dabei im Spiegel. Hätte ich nur den Blick der Männer, um beurteilen zu können, wie ich auf sie wirke, dachte sie. Dann band sie sich ein buntes Halstuch um, eine Art Schärpe, und verließ, kurz entschlossen, mit ihrer kleinen Handtasche das Haus. Aus den mit Fichten, Erlen, Birken und hohen Ziersträuchern bestandenen Vorgärten hörte sie den lebhaften Gesang der Vögel. Und da sie nichts Besseres zu tun hatte, fing sie an, auf die Verschiedenartigkeit der Vogelstimmen zu achten. Dabei wurde ihr bewusst, dass sie Vögel eigentlich nur dem Namen nach kannte, Amseln, Spatzen, Finken, Drosseln und Stare, oder hatte sie gerade nur mal das Frühlingslied "Alle Vögel sind schon da" zitiert. Wie arm war doch ihr Hirn! Wie wenig kannte sie wirklich von der Natur! Bei den Pflanzen sah es schon etwas besser aus, sie war ja im Garten aufgewachsen, auf dem Bauernhof ihrer Mutter. Aber wie sie so auf den Wegrand schaute, entdeckte sie manche Wiesenblume, die man nicht recht zwischen Unkraut und wirklichen Blumen einordnen konnte. Sie schaute manches gelbe Korbblütchen genauer an, vielleicht eine Gänsedistel, und wußte nicht recht zu sagen, was es eigentlich war. Ach, dachte sie, den Löwenzahn kennst du wohl, der in manchen Landstrichen mit unfreundlichen Namen bedacht wird. Aber wie viele Unterarten gibt es, die du nicht kennst! Und dann schaute sie auf ein kleines Veilchen, das an einer grauen Mauer wuchs und sich mit seinen runden Blättern tapfer behauptete. Du Mauerblümchen, dachte sie, wie sehr ähnelst du mir! So wenig beachtet und doch so schön, so tapfer, so lebensfroh. Dann gab sie sich einen Ruck, beschleunigte ihre Schritte und ging in Richtung Stadtzentrum weiter. Viele Menschen waren auf dem Weg zur Arbeit, hasteten grußlos an ihr vorüber. Sie schaute ab und zu in ein Gesicht, ohne einen Blick wirklich aufzufangen, und bemerkte manchen vergrämten Zug. Sind wir nicht alle Blumen, dachte sie, und scheint uns nicht allen die Sonne, auf dass wir uns des Lebens freuen sollten, auf dass unser Blut gesund und frisch durch die Adern rinne. Wir müssten doch dankbar sein für den neuen Tag, der so viel Licht, Luft und Sonne bringt.
So kam sie an einer Buchhandlung vorbei, welche vermutlich gerade eben erst geöffnet hatte. In einem Korb lagen Sonderangebote. Ohne besondere Kaufabsicht holte sie einige Bücher nacheinander heraus und blätterte darin. Plötzlich hielt sie ein Blumen-Bestimmungsbuch in der Hand. Sie betrachtete die vielen bunten Abbildungen von Blumen und erkannte daneben deren genaue Beschreibung, den Namen der Pflanze, die Familie, die verschiedenen Merkmale, welche man für eine genaue Bestimmung kennen musste. Begierig begann sie zu lesen. Zufällig hatte sie die Gänsedistel aufgeschlagen. Ja, dachte sie, bin ich nicht auch eine Gänsedistel, ein Mädchen, das gerade dazu gut genug ist, Gänse zu hüten, und ist mein Naturell vielleicht nicht gerade auch so stachelig wie die Blätter dieser Distel? Schon war sie in dieses Buch verliebt, das ihr vorkam wie der Spiegel ihrer Seele. Wenige Minuten später hatte sie es erworben, für 25 DM. Mit dem Kassenzettel in der Hand stand sie dann wieder vor der Buchhandlung und überlegte sich, ob sie ihrem Mann von dem Kauf Mitteilung machen sollte. Ihr war klar, dass das Haushaltsgeld relativ knapp bemessen war und für solche Spontan-Einkäufe im Grunde wenig Spielraum ließ. Und doch schien ihr, als habe sie, einem inneren Antrieb gehorchend, dieses Buch einfach kaufen müssen.
So bummelte sie durch die Straßen der Stadt und verweilte mit ihren Blicken unabsichtlich da und dort. Ihr schien, als sei sie ein offenes Sieb, durch das die Eindrücke in sie einströmten, um sich im Grunde ihres Herzens zu sammeln, ohne dass sie sie ordnen und verarbeiten konnte. Der weitere Vormittag verging mit den üblichen Geschäften. Ach, ihr Leben war so sehr durch Gewohnheiten geregelt, dass ihr nichts mehr als etwas Besonderes erscheinen konnte. Einkaufen, Essen kochen, Zeitung lesen, auf den Kalender schauen, keinen Termin vergessen, Michael zum Zahnarzt schicken, Papiercontainer aufstellen und vieles andere. Zur Mittagszeit deckte sie den Tisch, stellte Teller und Gläser auf, und machte das Essen fertig: Hackbraten, Kartoffelbrei und Kraut, was ihr Mann so gerne aß. Zur üblichen Zeit kam ihr Sohn Michael nach Hause. Schon an seinem Gesicht sah sie, dass irgend etwas schief gelaufen sein musste.
"Warum machst du so eine saure Miene?", wollte sie wissen.
"Dieser dumme Grön", - so hieß der Physiklehrer - "immer nur blöde Bemerkungen, das nimmt mir die Lust, was zu sagen."
"Nun erzähl schon, was war los?"
"Ich wollte die Sache mit dem Luftwiderstand genauer erklärt haben. Und ich wollte erzählen, was ich beim Radfahren immer empfinde, wenn ich schnell den Berg hinabsause. Da sagte er, ich solle meine doofen Geschichten für mich behalten. Die gehörten nicht in den Physikunterricht. Sowieso sei ich eher ein Träumer und kein Physiker. In der Pause hatte ich dann meinen Spitznamen weg."
Lotte hatte ihrem Sohn verständnisvoll zugehört, streichelte ihm über das schwarze Haar, sagte dann:
" Laß dich nicht entmutigen. Du hattest recht, zu fragen. Und deine Erfahrungen beim Radfahren sind sehr wichtig."
"Aber es ist so schwer, dann wieder den Mund aufzumachen," sagte Michael.
"Ich weiß," sagte Lotte. Dabei dachte sie schmerzlich an viele Situationen aus der früheren Zeit ihrer Ehe, in denen es ihr ähnlich ergangen war. Wie oft versandete ein Gespräch, weil ihr Mann irgend etwas einfach besser wusste und sie sich nicht traute, darauf etwas zu sagen. Im Garten, so dachte sie dann immer, bin ich besser bewandert, da weiß ich Bescheid. Und so bin ich zur Hüterin des Gartens geworden, so wurde ich auch das Heimchen am Herd und hatte mein Ressort verteidigt, auch auch seine zuweilen unbeholfenen Versuche, mir zu helfen, zurückgewiesen. So war es gewesen, genau so!
Mittlerweile war auch ihr Mann nach Hause gekommen. Sie setzten sich alle an den Mittagstisch, Lotte servierte, alle begannen eifrig zu löffeln, jedermann hatte sichtlich Hunger. Futterkrippe, dachte Lotte, eine Futterkrippe ist unser Mittagstisch. Jeder isst sich satt, um den weiteren Tag zu überleben. Auch mir geht’s so, doch spüre ich auch einen Hunger nach Gespräch, nach Verständnis, nach Zuwendung.
"Wie war's im Betrieb?", sagte sie zu ihrem Mann.
"Na, es ging," antwortete er, ohne sie anzusehen.
"Gab's Probleme?", wollte sie wissen.
"Ach, die Aufträge waren wieder einmal nicht rechtzeitig fertig," sagte er, etwas mürrisch.
"Lag's an dir oder an den andern?", versuchte sie das Gespräch in Gang zu halten.
"Immer dasselbe, mir sagt man ja nichts, und dann hinterher wollen alle nichts und jeder alles gewusst haben. Und mich macht man fertig." Nun war alles aus Jochen hervor gedrungen, er war unwillig geworden.
"Ja, Jochen, du hast es nicht leicht," versuchte sie zu trösten.
"Ach, lass mich in Ruhe!" sagte er, grimmig und nun nicht mehr ansprechbar.
"Bitte, wie du willst! Ich hab's nur gut gemeint." Nun war sie am Weinen, doch konnte sie die Tränen gerade noch verbergen. Sie fühlte sich als Versagerin. Eigentlich liebte sie ihren Mann und wollte mit ihm gemeinsam leben, sich freuen und auch gemeinsam Leid ertragen. Warum gelang es ihr immer seltener, zu seiner Seele einen Draht zu finden. Ihr Sohn Michael saß zwischen ihnen, blickte abwechselnd zu Vater und Mutter und aß schweigsam, Bissen für Bissen, Hackbraten, Kartoffelbrei und Kraut. Es schmeckte ihm gut, wie ja Kinder immer Appetit haben, und doch würgte irgendwo etwas in seinem Hals. Plötzlich ließ er den Löffel fallen. Seine Hand hatte gezuckt, und nun war seine Hose bekleckert, mit Bratensoße.
"Ach, bist du wieder ungeschickt! Paß doch auf, das geht schwer heraus!", schimpfte Lotte.
"Nun beherrsche dich doch, der Bub kann nichts dafür, jedem kann einmal die Hand ausrutschen," wollte Jochen beschwichtigen.
"Du bist immer der feine Mann, der stets Oberwasser behält, der sich nie aufregt, und ich darf die Drecksarbeit machen. - Manchmal könnte auch mir die Hand ausrutschen." Nun war Lotte in Leidenschaft geraten, war wütend und hasste sich zugleich für ihre Unbeherrschtheit. In diesem Augenblick erhob sich Jochen, legte Gabel und Messer auf den noch halbvollen Teller, sagte:
"Mir reicht's! Im Betrieb hab ich mehr Ruhe als hier." Auch Michael stand auf.
"Ich muss Schulaufgaben machen."
Lotte war wieder allein. Sie räumte das Geschirr ab und legte sich dann für eine Weile auf die Couch. Ihre Müdigkeit war nicht nur körperlich, sondern seelisch. Sie schlummerte ein und fühlte in ihrem Herzen seltsame Stiche. War sie nun krank, anfällig für irgendwelche Störungen psychosomatischer Art? Sie wusste es nicht. Sie sank in halbwaches Träumen, ihre Glieder wurden schwer und ihr Bewusstsein schwand. Aber nur, um in ihr verdrängte Bewusstseinsschichten in desto grelleres Licht zu heben. Wie lange war jene alte Geschichte her, an die sie sich nicht gern erinnerte? Sie sah sich wieder in jenem oberitalienischen Badeort, wohin sie in den ersten Jahren ihrer Ehe geschickt worden war, zur Erholung von irgendeinem nervösen Leiden, das die Ärzte nicht genau definieren konnten. In dem großzügigen Hotel, wo sie untergebracht war, befanden sich in einem weiten Innenhof großflächige Schwimmbecken, mit unterschiedlich warmem Wasser angefüllt. Einmal ging sie rasch von dem über 30 Grad erwärmten Warmbadebecken ins ganz kalte Wasser. Als sie herauskam, wurde ihr plötzlich schlecht zum Umfallen. Sie wusste nur noch, dass sie sich im weißen Bademantel bis zum Speisesaal zurückschleppen konnte. Dort hatte sie dann jener Liftboy aufgefangen, Vincenzo, dunkler Typ, schwarzes, ölig-schimmerndes Haar, goldbronzene Hautfarbe, mit gewinnendem Lächeln auf den Lippen und großen dunklen funkelnden Augen, deren Blick ihr bis tief in die Seele hinunter drang. Er musste sie wohl auf das Zimmer gebracht haben. Sie wusste später nichts mehr davon. Nur der Geruch seines scharfen Männerparfums hing ihr noch deutlich in der Nase. Und wie sie dann, nach mehreren Stunden, in ihrem Zimmer aufwachte, lag sie entkleidet unter ihrer Steppdecke. Ihr war, als sei sie abgekämpft, völlig entkräftet, auf unerklärliche Weise völlig gelähmt. Und immer noch roch sie dieses Parfum, an Kissen und Decken schien es zu haften. Später, nach der dreiwöchigen Kur, kam sie nach Deutschland zurück. Jochen hatte sie am Flugplatz in Stuttgart-Echterdingen abgeholt, er behandelte sie mit großer Besorgtheit. Ein schwaches Jahr darauf wurde dann Michael geboren.
Und nun begann eine Zeit der Entfremdung zwischen ihr und ihrem Mann. Obwohl alle Verwandten und Bekannten mit Freude das Neugeborene betrachteten und das junge Ehepaar mit Glückwünschen überhäuften, fiel allen schon damals der etwas seltsame dunkle Teint des Knaben auf, sein penetrant schwarzes Haar, wobei sie und ihr Mann doch eher blond bis brünett waren. Indes hatte sie ein reines Gewissen. Sie brauchte sich nichts vorzuwerfen. Und zur damaligen Zeit war ihr eheliches Zusammenleben mit Jochen noch intakt. Kein Mensch hätte auf den Gedanken verfallen können, Jochen wäre nicht Michaels Vater. Bis dann jener Unglückstag kam, an dem der Arzt aus irgendwelchen Gründen die Blutgruppe des Jungen hatte feststellen müssen. Da sowohl ihre wie auch Jochens Blutgruppe vom Blutspenden her unzweifelhaft bekannt waren, wirkte auf sie das ungläubige Kopfschütteln des Arztes, mit dem er sein Ergebnis mitteilte, wie ein vernichtendes Verdikt. Nun war ein grauschwarzes Trauertuch über ihr Leben gebreitet. Von Seiten ihres Gatten wurde kein Vorwurf laut, nicht die kleinste Anschuldigung, aber auch die Gespräche wurden immer seltener, verdünnten sich auf das unumgänglich Alltägliche.
Im Halbschlaf sah Lotte wieder alles vor sich, sie spürte das Aroma des Vincenzo, jenes Mannes, mit dem sie kaum einige Worte gewechselt hatte. Sie konnte ja überhaupt nicht italienisch. Ihre Herzstiche wurden stärker und schweißgebadet wachte sie auf. Sie stand auf, ging ins Badezimmer und wusch sich mit kaltem Waschlappen Gesicht und Nacken. Nun war ihr ein wenig leichter.
Ihr war, als müsse sie zu ihrem Jungen. Wie sie auf sein Zimmer kam, lag er auf seinem Bett und hatte verheulte Augen.
Sie näherte sich ihm und strich ihm über seine schwarzen Haare.
"Was ist, Michael? Komm, erzähl."
"Weißt du, was mir Roland und Bernd heute nachgeschrien haben?"
Lotte sah fragend auf ihn.
"Du dreckiger Jude, wasch dich zuerst einmal."
Lotte spürte, wie aus ihrem Gesicht alle Farbe wich. "Aber mein Bub, mein lieber Bub! Das ist ja furchtbar! Warum können die so etwas sagen?"
"Ich bin anders als die andern..." schoss es plötzlich aus Micheal heraus. "Ich weiß nicht warum, aber ich bin anders."
Lotte legte begütigend ihre Hand auf Michaels Stirn, schaute ihn lange an und sagte dann, indem sie jedes Wort einzeln betonte:
"Du bist mein schöner Junge, mein einziger. An dir ist kein Fehl. Und dieses böse Wort, bös durch und durch, vergiß es, so schnell du kannst."
"Mama, was ist ein Jude?"
"Kind," sagte Lotte, "Schlimmes ist geschehen in unserer Geschichte. Große Verbrechen sind begangen worden. Später wird man euch davon berichten, im Unterricht. 'Jude' ist kein Schimpfwort, wer das so verwendet, ist entweder ganz arg dumm oder gewissenlos."
"Roland und Bernd sind die Besten im Sport. Sie sammeln immer die Mannschaften um sich. Wenn sie mich nicht mögen, bin ich immer der letzte, das fünfte Rad am Wagen."
Lotte fühlte Tränen in ihr hochsteigen.
"Kind, da musst du durch. Meide diese beiden Buben. Besser ist es, allein zu sein, als solche Menschen um sich zu haben."
Dann erhob sie sich, ging aus dem Zimmer und wischte sich die Nässe aus ihren Augen. Sie holte ihr Blumenbuch und ging damit hinaus in den Garten. Auf der Wiese wuchsen noch einige Feldblumen, denn Lotte war immer der Ansicht gewesen, dass die freie Natur auch Eingang finden müsse in den Garten. Hier standen Löwenzahn, Hahnenfuß, Wiesenstorchschnabel und Margeriten froh vereint. Und irgendwo, an einem sonnigen Flecken, wuchsen sogar vereinzelte Mohnblumen rot leuchtend, um sie herum einige wilde, unechte Kamillen. Lotte ließ sich in die Wiese fallen, alle Kräfte schienen plötzlich aus ihr gewichen. Sie sehnte sich nach unmittelbarem Kontakt mit der Natur. Oh, ihr Blumen, wie verschieden seid ihr, und wie herrscht unter euch das alleinige Gesetz von Liebe und Fruchtbarkeit! Und wieder schien ein Anflug von Ohnmacht ihre Sinne zu umnebeln. Und dann, wie sie so dalag, zwischen den Wiesenblumen, und das Summen von Fliegen und Bienen in ihr Ohr drang, da sah sie plötzlich wieder das südländisch dunkle Gesicht Vincenzos vor sich. Sie erkannte sein breites Lächeln, seine weißen Zähne, die in der Sonne schimmerten, und sie roch - oh wie untrüglich war das Gedächtnis ihrer Psyche! - jenes unverwechselbare Arom dieses kräftigen Mannes. Und dann fühlte sie Schuld, ein Gefühl, sauer, wie mit Essig durchsetzter Senf, und am liebsten wäre sie in der kühlen Erde versunken.
Schließlich raffte sie sich wieder auf und ging in die Wohnung zurück. Wie sie sich in ihre Hausarbeiten vergrub, nur um die Gedanken an ihren Sohn loszuwerden, an jenes böse Wort, das ihm nachgerufen worden war, formte sich in ihr allmählich ein fester, konkreter Entschluss. Es muss, dachte sie bei sich, etwas geschehen, hier muss man etwas unternehmen, man darf das nicht so ohne weiteres vorbeigehen lassen. Wehret den Anfängen! Eigentlich war sie ein durch und durch unpolitischer Mensch. Sie hatte sich nie für Parteien interessiert, auch das Emporkommen neuer Rechtsparteien hatte sie nie berührt. Sollen die doch in den Großstädten demonstrieren, Plakate und Fahnen herumtragen, ich in meinem privaten Leben tue niemand was zuleide und lasse jeden leben, nach seiner Fasson! So hatte sie immer gedacht. Und nun wurde ihrem eigenen Sohn, der doch in seinem kindlichen Leben noch nie jemand was hat tun können, so ein Wort nachgerufen. Sie konnte es nicht fassen. Sie konnte nicht fassen, dass, nach allen schlimmen Erfahrungen der Geschichte, Jugendliche heute das Wort "Jude" im Sinne einer Beschimpfung in den Mund nehmen konnten.
Abends kam ihr Mann nach Hause, zur Abwechslung einmal pünktlich. Michael war vom Jugendturnen des örtlichen Vereins, welches er wöchentlich einmal besuchte, noch nicht zurück.
"Hör, Jochen, ich muss mit dir reden."
Lotte sagte es in bestimmtem Ton, und Jochen spürte wohl, dass etwas Grundsätzliches in ihrer Stimme lag, das darauf hindeutete, dass es sich um nichts Belangloses drehen konnte.
Darauf erzählte sie kurz und knapp, was in der Schule vorgefallen war. Aber zu ihrer großen Überraschung reagierte Jochen ganz anders, als sie erwartet hatte. Er war weder entrüstet, noch entsetzt, sondern sagte einfach:
"Aber das muss man doch nicht aufbauschen. Diese Bengel in dem Alter wissen doch nicht, wovon sie reden. Die hören doch dauernd von Rechtsradikalen, und insgeheim bewundern sie diese glattrasierten Typen mit Springerstiefeln, und da finden sie es toll, vielleicht sogar besonders chic, deren Schimpfwort "Jude" zu übernehmen. Das legt sich. Darüber regen wir uns nicht auf. So was geht vorüber. Die werden auch älter und vernünftiger."
Lotte war fassungslos.
"Aber siehst du denn nicht, dass das ein ungeheuerlicher Vorgang ist. So etwas darf doch nicht einmal als Witz gesagt werden. Da muss man doch etwas dagegen machen."
"Willst du dich etwa mit den Lehrern anlegen. Die werden sich freuen, wenn man sie bezichtigt, dass sie ihre Klassen nicht im Griff haben."
"Also Jochen, das ist doch feige. Es geht doch nicht nur um den einen Vorfall, sondern um die erschreckend verharmlosende Denkweise."
Aber Jochen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er erwiderte mit steinharter Gelassenheit:
"Und außerdem kenne ich die Eltern dieser beiden Buben. Ich werde mich hüten, es mir mit ihnen zu verderben."
Noch einmal startete Lotte einen Versuch:
"Man darf nicht zusehen, wenn solche Worte im Schulhof aufkommen. So fängt jede Diskriminierung an."
Nun wurde Jochen langsam unwillig. Er wollte am Feierabend seine Ruhe haben. Und so brachte er ein Argument hervor, das Lotte treffen und ihr den Mund stopfen sollte:
"Und außerdem - unser Söhnchen ist ein wenig dunkler als die andern. Das weißt du gut. Vermutlich weißt du auch warum."
Es herrschte eisige Kälte. Man hätte die Luft zwischen Lotte und Jochen brechen und schneiden können, man hätte fallende Scherben klirren hören. Lotte sah vor sich hinab auf ihren Teller und löffelte stumm ihre Suppe. Jochen blickte kurz auf sie, und wie er merkte, dass sie nicht reagierte, brummelte er nur:
"Na also, wozu die ganze Aufregung?"
Während des ganzen Abendessens wurde kein Wort mehr gesprochen. Als Michael spät heimkam, seinen Turnbeutel in die Ecke schleuderte, spürte er sofort die Spannung. Aber das war ja nicht zum ersten Mal, dass zwischen den Eltern dicke Luft herrschte. Er verzog sich in sein Zimmer und las in dem neuesten Band von Harry Potter, den er sich heute mit seinem Taschengeld gekauft hatte.
Am andern Morgen machte sich Lotte auf zur Schule. Sie suchte das Gespräch mit dem Direktor, dann mit dem Klassenlehrer. Überall begegnete man ihr mit großer Höflichkeit und zeigte sich entsetzt über den Vorfall. Man werde, hieß es, der Sache nachgehen, mit den betreffenden Schülern reden und dafür sorgen, dass derartige Entgleisungen - dieses Wort verwendete man - nicht mehr vorkämen. Ein wenig war Lotte beruhigt und mit sich zufrieden. Aber eigentlich hätte ihr Mann diese Gespräche führen sollen. Sie fühlte sich so entsetzlich allein gelassen. Einige Tage später klingelte das Telefon.
"Hier Unger. Spreche ich mit Frau Altmann? - Ja, was wünschen Sie? - Na, Sie sind die saubere Dame, die meinen Sohn anschwärzt. Das hätten Sie lieber bleiben lassen sollen. Mein Sohn sagt so etwas nicht. Wir sind nicht rechtsradikal."
Nun erst hatte Lotte begriffen, dass einer der beiden Buben der Sohn von Herrn Unger sein musste, dem Vertreter, der sie neulich besucht hatte. Er hatte bereits aufgelegt, sie hatte keine Gelegenheit, etwas zu erwidern. Aber immer noch hielt sie den Hörer in der Hand und dachte bei sich, wie es denn sein könne, dass Jochen diesen Mann kannte. Als Jochen abends heimkam, sah sie seiner verdrießlichen Miene bereits an, dass es im Betrieb großen Ärger gegeben haben musste.
"Na also, toll, prima, was du fertiggebracht hast! Unger hat uns seine Aufträge entzogen, mit deutlichem Hinweis auf unfreundliches Verhalten von unserer Seite. Der Chef hat mich kommen lassen und mich zur Schnecke gemacht. Warum musst du auch die Sache gleich so aufbauschen!? Jungens sagen eben mal solche Dinge, weil sie's toll finden. So wie sie auch Indianer spielen, Räuber und Gendarm. Und da gibt's den Bösen und den Guten. Aber du hast doch keine Ahnung von kindlicher Psyche."
Lotte konnte nichts erwidern. Sie war von den Worten ihres Mannes so sehr erschüttert, dass sie nicht mehr recht wusste, ob sie nun selbst Unrecht hatte und ihr eigenes Empfinden jenseits des Normalen lag oder ob sie über die verharmlosende Gleichgültigkeit und den Opportunismus ihres Mannes entsetzt sein sollte. Sie wandte sich ab, stumm und gekränkt, servierte das Abendessen und verzehrte mit abgewandtem Blick ihre Mahlzeit. Michael, der erst kurz danach an den Tisch gekommen war, sah erstaunt von Vater zu Mutter und löffelte, wie oft, resigniert seine Suppe. Plötzlich hob der Vater wieder an, nun zu seinem Sohn gewandt:
"Und dir will ich sagen, sei du nicht so empfindlich! Wenn dich die andern triezen, dann wehr dich. Sonst bist du doch auch nicht auf den Mund gefallen."
Weder Mutter noch Michael sagten etwas. Das Essen verlief in abgrundtiefem Schweigen. Der Vater brummte noch etwas vor sich hin von 'verrückter Welt', 'keinen normalen Menschen' und dergleichen. Dann ließ er sich in den Fernseh-Sessel fallen und schaute die allabendlichen Nachrichten an. Man sah Rechtsradikale mit altdeutschen Fahnen, grüne, behelmte Polizisten mit Gummiknüppeln, Gegendemonstranten, Straßenkrawalle. Dann folgte ein salbungsvoller Kommentar in wohlgesetzter Sprache. Lotte war in die Küche verschwunden. Sie überlegte, wann sie ihre Koffer packen würde. Dann wieder überflutete sie eine Woge des Mitleids mit ihrem Sohn und sie weinte leise in sich hinein.
Während der nächsten Tage überlegte sich Lotte ständig, wie sie ihrem Sohn helfen könnte, neue Kontakte zu finden. Sie sah wohl, dass ihr Junge sich quälte, weil es seine Sache nicht war, mit jedem beliebigen Jungen seines Alters anzubändeln. Und für Mädchen war er noch zu jung, und außerdem wollte Lotte auch nicht, dass sich ihr Sohn in frühreifem Entwicklungsstadium auf irgendwelche Abenteuer einließ, die er dann psychisch doch nicht würde verkraften können. Wie sie sich also mit diesen Gedanken herumschlug, fiel ihr Blick eines Tages zufällig auf eine Annonce der Evangelischen Kirchengemeinde ihres Ortes, in der für die Teilnahme an einem "Alpha-Kurs" junger Christen geworben wurde. Sie konnte sich nun unter dieser Bezeichnung nichts Genaues vorstellen. Im Grund fühlte sie sich, wie übrigens auch ihr Mann, nicht besonders der Kirchengemeinde zugehörig. Eigentlich betrachtete sie sich als aufgeklärte Christin, sie verachtete die religiöse Heilsbotschaft, wie sie unter gläubigen Menschen verkündet wird, nicht grundsätzlich, aber sie hatte sich seit ihrer eigenen Pubertät angewöhnt, in erster Linie auf ihre eigene Vernunft zu setzen und allem Übersinnlichen mit reserviertem Misstrauen zu begegnen. Doch hatte sie von Nachbarn gehört, dass diese Kurse der Gemeinde vor allem engagierte junge Christen gut ansprechen würden und dass unter den Teilnehmern stets eine tolle Stimmung herrsche. Das Gemeinschaftserlebnis sei einmalig, wurde überall beteuert, und man könne den Jugendlichen die Teilnahme nur empfehlen.
Ohne nun mit ihrem Mann, zu dem ihr Vertrauen in den letzten Wochen stark gesunken war, vorher darüber zu sprechen, machte sie sich eines Tages auf den Weg zum Gemeindehaus, einem historischen Gebäude, einer ehemaligen Fabrikanten-Villa aus der Gründerzeit. Beim Betreten der große Diele fühlte sie ihr Herz rascher schlagen, auch bedeckten sich die Innenflächen ihrer Hände mit leichtem Schweiß, sie war aufgeregt wie eine Schülerin vor der Prüfung. Sie klopfte an die Tür des Sekretariats. Eine junge Dame bat sie herein. Lotte nannte mit fester Stimme die Zeitungsannonce und sagte, sie wolle ihren Sohn zu diesem Alpha-Kurs anmelden. Sofort hellte sich das Gesicht der Sekretärin auf:
"Sie werden es nicht bereuen! Unser Diakon, der diese Kurse vorbereitet und durchführt, hat viel Erfahrung mit Jugendlichen und trifft immer den rechten Ton. Wenn jemand die christliche Heilsbotschaft recht verkündigen kann, dann ist er es."
"Das freut mich," sagte Lotte. "Wann und wo muss sich also Michael einfinden?"
Während sie noch auf Antwort wartete, wurde die Tür zum Sekretariat geöffnet und ein stämmiger Mann um die vierzig trat herein. Man konnte sofort sehen, dass er schielte. Ein Auge schien seitlich schräg nach oben zu schauen, während das andere unmittelbar auf den Gesprächsparter gerichtet war.
"Ach, Herr Müssling, schön, dass Sie hereinkommen, hier ist neue Kundschaft für Sie.", sagte die Sekretärin mit gewinnendem Lächeln und deutete auf Lotte.
"Ja wie, Sie wollen zu meinem Kurs?", fragte er mit ungläubigem Grinsen, und jedermann konnte sofort den bayerischen Akzent aus seinen Worten heraushören.
"Nicht ich, aber mein Sohn," berichtigte Lotte. "Das ist schön," meinte Herr Müssling, "der wird sich bei uns wohlfühlen."
Nach diesen Worten war Herr Müssling, so schnell er gekommen war, wieder aus dem Raum verschwunden, als hätte ihn ein Windstoß hinausgefegt.
Es kostete allerhand Überredungskunst, um Michael einsichtig zu machen, dass er nun unbedingt zu diesem religiösen Seminar solle.
"Was soll ich denn da, ich bin doch keine Betschwester?", hörte man ihn schimpfen.
"Aber jetzt schau dir doch einmal die Gruppe erst an," beschwichtigte Lotte, "das sind Jungens in deinem Alter, die diskutieren zusammen, sitzen an Lagerfeuern und singen peppige Lieder. Dieser Herr Müssling spielt ganz ordentlich Gitarre, hab ich mir sagen lassen."
Zuletzt schien sich Michael ins Unvermeidliche zu fügen. Einige Tage später wurde sein Rucksack gepackt und er begab sich, ein wenig missmutig, zur Sammelstelle der Reisegruppe. In einer Jugendherberge auf einer Anhöhe über dem Bodensee, in der Meersburger Gegend, sollte diese religiöse Begegnung stattfinden. Lotte sah dem Bus nach, wie er um die nächste Straßenecke bog, und glaubte ihren Sohn in den besten Händen. Bei der Kirche, dachte sie, kann man ja doch nichts falsch machen. Die wissen schon, wie man mit jungen Leuten umgeht. Sie kehrte nach Hause zurück, zufrieden über ihren Entschluss, auch ihr Mann schien die Aufregungen der letzten Tage vergessen zu haben und begegnete ihr aufgeräumt und höflich. Vielleicht wird doch alles wieder gut, dachte Lotte, das mit meinem Mann und meinem Sohn. Vielleicht findet er hier neue Freunde und gewinnt einen Anschluss, der ihm auch in der Schule ein bisschen weiterhilft.
Als dann am Sonntagabend die Kursteilnehmer wieder zurückkehrten, fand sich Lotte, wie vereinbart, zur festgesetzten Zeit am Busbahnhof ein, um ihren Sohn abzuholen. Schon beim Aussteigen der Jungen dachte sie, die schauen aber merkwürdig drein. Irgendwie schienen sie bedrückt, geduckt, missmutig, in sich gekehrt, so als hätte jemand mit einem Bügeleisen ihre Seele plattgedrückt. Wie sie dann ihren Sohn begrüßte, wollte auch er nicht mit der Sprache heraus.
"Na, was ist denn, Michael, du schaust so komisch in die Welt?"
"Ach, lass, Mama! Ich kann dir nichts sagen."
"Aber, das wollen wir doch noch einmal sehen," erwiderte Lotte, nun doch etwas hellhörig geworden. "Du bist doch mein Sohn, und zu mir kannst du doch Vertrauen haben."
Beide schwiegen. Lotte hatte sich ans Steuer gesetzt, nachdem der Rucksack Michaels im Kofferraum verstaut war, und stumm und schweigsam fuhren sie die Straßen zurück bis zu ihrem Wohnviertel.
Zu Hause sagte Lotte:
"Nun komm, setz dich jetzt an diesen Tisch und dann wird geredet."
Michael schien verstockt. Irgend etwas in ihm rebellierte und wollte die Worte am Emporkommen hindern.
"Wir sollen schweigen," sagte er schließlich.
"Na, hör mal, das gibt's doch nicht," erwiderte Lotte. "Dir wird doch niemand verbieten, uns zu erzählen, was du da erlebt hast."
"Doch, genau das tun sie. Wenn wir reden, dann wären wir verdammt. Es sei ein Geheimnis der religiös Auserwählten."
"Ach, so ein Quatsch! Aber jetzt los. Erzähl, das ist ja furchtbar."
"Also, das war so," sagte schließlich Michael, "kurz nachdem wir uns in dem Schlafsaal eingerichtet hatten, fand das erste gemeinsame Gebet statt. Wir standen im Kreis, in der Mitte brannten viele Kerzen, der Leiter, Johannes, du kennst ihn ja, sprach einen Bibeltext. Darin war die Rede vom Antichrist und von einem fürchterlichen Kampf zwischen den Guten und den Bösen. Und dieser Kampf sei jetzt in unserer Zeit angebrochen, ja, er sei schon in vollem Gange. Und wir müssten uns jetzt bekennen, für oder gegen Christus. Dann mussten wir alle die rechte Hand erheben zu einem Schwur und feierlichen Gelöbnis, dass wir von all dem, was hier gesprochen, gedacht, beschlossen würde, nie und niemand etwas verraten würden."
Michael war nun in Fahrt gekommen, all seine ursprüngliche Scheu war abgefallen und er erzählte mit brennenden Blicken. Seine Mutter saß ihm gegenüber und hörte, mit offenem Mund, aufmerksam zu, zuweilen ein Wort wiederholend, als müsste sie es beim Nachsprechen auf der Zunge zergehen lassen.
"Dann hat man uns belehrt, welche Formen der Kampf zwischen dem Bösen und dem Guten in unserer Zeit angenommen hatte. Das Verbrechen und das Grauen in den Filmen wurde angeprangert, der überall herrschende Sex wurde als das Urböse bezeichnet, wobei einige Buben sich zu lachen getrauten. Darauf wurde der Leiter sehr böse und nicht viel hatte gefehlt und es hätte Ohrfeigen gesetzt. Ich bekam Angst vor ihm und fühlte in mir eine entsetzliche Spannung. Ich traute mich nicht mehr zu sagen, was ich dachte. Schließlich kam das Gespräch auf ein Buch, das alle aus unserer Gruppe gut kannten, es auch teilweise schon gelesen hatten, Harry Potter, du weißt, der neueste Bestseller, den ihr mir zum Geburtstag geschenkt habt. Es ging um die Zauberer, Hexen und Feen, um die Fabelwesen und um all das, was ich eigentlich für Spaß gehalten und worüber ich mich beim Lesen köstlich amüsiert hatte. Das war plötzlich furchtbar ernst, man sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ja und dann, nach dem Abendessen, versammelten wir uns im Hof zum Lagerfeuer. Wieder mussten wir uns im Kreis aufstellen, wir sprachen ein Gebet und mussten die Hand zum Schwur erheben, dem Bösen abschwören, und dann, ich kanns kaum sagen, mir blutet das Herz, wenn ich daran denke, stell dir vor, dann warfen sie ein ganz neues Harry-Potter-Buch plötzlich ins Feuer. Nur durch Feuer könne getilgt werden, was vom Teufel komme. So sagten sie, und wir schauten uns verständnislos an, einige waren nun doch ein wenig entsetzt und bedauerten den Verlust des schönen Buches. Dann sangen wir Lieder, einige Ältere spielten auf der Klampfe dazu und die Stimmung löste sich dann wieder. Eigentlich war der Abend ganz dann ganz gut. Das verbrannte Buch hatten wir schon wieder vergessen. Aber am zweiten Tag, also heute, nahm man uns dann das Versprechen ab, dass wir auch zu unsern Eltern nichts sagen sollten, von dem, was wir erlebt hätten. Und wir mussten geloben, den weiteren Anordnungen der charismatischen Kampfgruppe Christi, so nannten sie sich, gewissenhaft und unverzüglich Folge zu leisten. Jörg, mein Nebensitzer, hatte es gewagt, irgendetwas einzuwenden, er sprach von Mündigkeit, persönlicher Entscheidungsfreiheit, und da hättest du sehen sollen, wie er von diesem Johannes zusammengeschrien wurde. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich, nur durch äußerste Disziplin sei in unserer Zeit der Satan zu besiegen. Schließlich haben wir uns gefügt. Ich dachte, das wird vorübergehen, und später gehst du da nicht mehr hin."
Lotte strich ihrem Sohn begütigend über das dunkle Haar und sagte:
"Nein, da gehst du nicht mehr hin. Und wenn du wochenlang allein bleiben musst, aber da gehst du nicht mehr hin. Jede Gesellschaft ist besser als diese."
In der folgenden Nacht hatte Michael einen grässlichen Traum, der ihn, über den Schlaf hinaus, so sehr beschäftigte, dass er sich tags darauf noch an alle Einzelheiten erinnern konnte. Er selbst war eine Spielfigur aus dem bewussten Roman, dem Harry-Potter-Buch, das bei der Jugendfreizeit auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war. Er war ein Zauberer, gekleidet in ein rosarotes Seidengewand, um den Hals trug er eine kostbare Schärpe, ein aus goldenem Garn geflochtener Gürtel umschloss seine Lenden, zwei zottelige Borten hingen fast bis an seine Knie herunter. Auf einmal wurde er von vermummten Gestalten gepackt und auf ein Holzgerüst gezerrt. Diese Gestalten hatten spitz zulaufende Kapuzen auf dem Kopf, ihr Gesicht war verhüllt, an der Stelle der Augen waren zwei dünne Sehschlitze angebracht. Ihre Mäntel bestanden aus schwarzem Leinen, ein silbernes Kreuz war darauf gestickt. Er kam sich vor wie gelähmt, er konnte sich nicht wehren, aber er fühlte deutlich, wie stark die beiden Männer waren, welche ihn an Armen und Schultern fassten. Durch den schwarzen Leinenstoff hindurch spürte er, wie ihm Vorbeistreifen, steinharte Muskeln. Diese vermummten Gestalten stellten ihn auf das Holzgerüst, das mit allerlei Reisig und dürren Ästen aus dem benachbarten Wald aufgerichtet war. Dann banden sie ihn an den breiten Pfahl, der in der Mitte aus den Ästen emporragte. Sie zerrten seine beiden Arme nach hinten, so fest, dass seine Gelenke beinah auskugelten, und dann schnürten sie mit einem festen Garn seine Hände übereinander, so dass er die tiefen Kerben fühlte, welche in seinen Handwurzeln entstanden. Sie schütteten einen Kanister Benzin über ihn, die gefährliche Flüssigkeit netzte ihn auf seltsame Art, ohne zu kühlen. Und dann schlugen auf einmal von allen Seiten Flammen an ihm empor, ein Meer von Schmerz überflutete ihn, er stürzte in das Grauen einer Hölle, unsäglich, unbeschreiblich. Und dann sah er sich plötzlich als graugelbe Rauchschwade in den Himmel emporsteigen und viele schwarze Wesen flogen hexenartig um ihn her und sangen immer wieder denselben Satz: "Wir schaufeln dir ein Grab in den Lüften!"
Danach war er aufgewacht. Seine Mutter stand an seinem Bett, vermutlich hatte er sie durch sein Schreien aufgeweckt. Sie strich ihm über die nasse Stirn und sagte, mit kaum unterdrückter Erregung: "Es wird gut. Es wird gut." Dann, nach einer kleinen Pause, fügte sie hinzu: "Aber wir müssen kämpfen, gegen all jene, die Bücher verbrennen und sich besser dünken als andere." Michael richtete seine Augen auf das ernste Gesicht seiner Mutter, und ihm war, als sei er in den letzten Stunden um Jahrzehnte gealtert.