1. #1
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    Der Bund mit dem Bösen

    Der Bund mit dem Bösen
    Satire von
    Hans Werner

    Als Michael wieder einmal den Kopf hängen ließ, vor Enttäuschung darüber, dass seine vielen gutgemeinten Geschichten, die er mit seinem Herzblut ersonnen und geschrieben hatte, von niemandem beachtet wurden, erschien ihm eines Tages der Teufel, der also zu ihm sprach:
    "Du bist ein junger, dummer Idealist. Das mit dem Schreiben musst du anders anpacken. Komm, ich will dir sagen, wie es geht. Denn mich erbarmt deiner."
    Michael schaute verwundert um sich. Er hatte die Stimme vernommen, konnte aber die Gestalt des Sprechers nirgendwo ausfindig machen.
    "Wo bist du, ich kann dich nicht sehen," fragte er.
    "Mich sieht man selten, meistens fühlt man mich nur," flüsterte ihm der Böse entgegen.
    Da erkannte Michael plötzlich in den Rauchkringeln seiner Zigarette ein kleines, feines Gesicht, dem Voltaires nicht unähnlich, das urplötzlich größer wurde, über sich hinauswuchs, die Gestalt eines ganzen Körpers annahm und dann in voller Leibesgröße vor ihm stand. Er war gekleidet wie ein Adliger des 18. Jahrhunderts, er trug einen vornehmen Anzug in schimmernder rosafarbener Seide, sein Hemd hatte Rüschen, eine weiße Perücke zierte das Haupt, an der rechten Hand steckte ein kostbarer Ring, von dem ein türkisgrüner Stein heftig funkelte.
    Michael war von der Erscheinung ergriffen. Seine Augen tränten, er spürte Stiche im Herzen.
    "Ich fühle mich zum Dichter berufen!", schrie er dem Teufel entgegen. "Kein Mensch will lesen, was ich schreibe. Hilf mir."
    Der Teufel lächelte fein und nickte verständnisinnig.
    "Das Problem ist uns bekannt. Wir sind Freunde aller strebsamen jungen Menschen, und die geistig Engagierten gefallen uns besonders. Wir lieben ihre Leidenschaft und den Duft ihrer heftigen Gefühle." Dabei schnupperte der Teufel ein paar Mal, als ob er kontrollieren wollte, ob das Fluidum, welches von Michael ausging, seinen verwöhnten Sinnen zusage.
    "Hör zu, wir helfen dir gerne. Aber du musst zuvor eine kleine Erklärung unterschreiben. Oh, es ist völlig unbedeutend, nur eine Formsache." Mit einer raschen Handbewegung durch die Luft zauberte der Böse ein Dokument herbei, auf dem in flammenden Buchstaben zu lesen stand, dass der Unterzeichnete auf alle Ehrlichkeit, auf alle Liebe, auf jede wohlmeinende Absicht und jeglichen Sinn für höheren Humor Verzicht leisten müsse.
    Michael, von der Erscheinung benebelt und in ein ihm bislang unbekanntes und unerklärliches Hoffen versetzt, ergriff den Federkiel, den der Böse ihm darreichte, und unterschrieb, ohne sich zu besinnen.
    "So ist's recht," sagte dieser, "Und nun hör zu. Merk auf, was ich dir sage."
    Dann hauchte ihn der Teufel an. Sein Atem roch nach Katzendreck. Wie von schwerem Äther getroffen, sank Michael in einen tiefen Schlaf. Doch war dabei sein Bewusstsein hellwach, als würden feurige Flammen es von allen Seiten brennend umgeben.
    "Du musst zunächst einmal danach trachten, aufzufallen. Kunst ist ein Geschäft, das nach den Prinzipien der billigsten Waschmittelwerbung vor sich geht. Je mehr dein Name bekannt ist, um so leichter verkaufen sich deine Sachen.
    Auffallen kann man nur durch Tabuverletzungen. Leider gibt es in heutiger Zeit kaum mehr Tabus, die man verletzen kann. Die Menschheit in ihrer geistigen Freizügigkeit ist schon derart versaut, dass sie an nichts mehr Anstoß nimmt. Das ist ein großes, schier unbezwingbares Problem für junge strebsame Dichter, wie du einer bist.
    Aber wir dürften nicht der Teufel sein, wenn wir nicht auch da Rat wüssten.
    Werfe dich in die Abgründe der menschlichen Seele, da wo wie auf einer Müllhalde die verdrängten Fantasien ihr Unwesen treiben. Dort findest du Schlangen und Nattern, die über glänzende nackte Leiber kriechen. Gefräßige Ratten schlagen ihre Zähne in das rosige Fleisch wehrloser Kinder. Das ist die Welt, aus der du Themen holen musst, hier ist die wahre Fundgrube für deinen Erzählstoff.
    Dann prüfe beim Schreiben, ob dich deine Gedanken auch genug ekeln. Du musst eine Art von Fäkalien-Fantasie entwickeln. Es muss dich würgen, nur dann steckt in dem, was du schreibst, genügend Sprengkraft. Nimm keine Rücksicht auf sogenannte Anstandsgefühle der Leser, auf ihr sogenanntes sittliches Empfinden, geschweige denn auf die altmodischen Regeln des guten Benehmens. Du musst so schreiben, dass jeder Leser den Kotzkübel neben sich hinstellen muss, bevor er sich anschickt, dich zu lesen. Denn der Mensch unserer Tage trachtet nach Unterhaltung, die ihm den letzten Kick gibt. Und diesen bekommt er nur, wenn er sich vor Ekel erbricht. Ein gutes Beispiel dafür sind die mörderischen Achterbahnen, in die sich die Menschen für teures Geld hineinsetzen, um in rasender Fahrt ihre Sinne derart verwirren zu lassen, dass ihnen danach sterbenselend ist. Genau dieselben Gesetze herrschen in der Literatur.
    Es gibt dazu noch andere Wege, wie man sich bekannt machen kann. Du musst dir einen Gegner suchen, den du systematisch demontieren und lächerlich machen kannst. Irgendwo laufen immer noch ein paar verträumte Idealisten herum, weltferne Spinner, die an alte Ideale glauben und schöne und edle Gedanken in guter Sprache niederschreiben. Diese Leute eignen sich gut zum Kanonenfutter deines Spotts. Du kannst sie sorglos angreifen. Denn sie müssen im literarischen Wortgefecht gegen dich unterliegen. Suche im Arsenal deiner Muttersprache nach den unflätigsten Ausdrücken, nach dem übelriechendsten Kot, den du in den untersten Schubladen der Sprachebenen findest, und mit dem bewerfe die Edlen und Reinen, so dass sie stinken, als kämen sie aus dem Augiasstall. Da sie sich selbst zu edel sind, um mit gleichem Geschütz heimzuzahlen, werden sie im Duell der Worte immer kläglich scheitern. Und um dich wird der Applaus aufbranden, ein höllischer Beifall höhnischen Gelächters. Dein Name wird wie von zischenden Knallkörpern eines Feuerwerks in riesigen Goldbuchstaben an den Himmel hinaufgeschossen werden und dort prangen, allen staunenden Erdenbürgern sichtbar, deine Bücher werden reißenden Absatz finden und du selbst wirst berühmt sein, solange dich deine Beine auf der Erde tragen."
    Also sprach Luzifer zu Michael, der aus diesem Traum wie betäubt erwachte. Und wie von einem inneren Zwang getrieben, ging er zum Computer und schrieb, unter dem Diktat des Bösen, seine Geschichten.


  2. #2
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    Lieber Toby,

    für Ihre wundervollen Worte möchte ich mich sehr herzlich bedanken. In einer glasklaren Sprache haben Sie das Problem, das ich mit meinem Text bewusst machen wollte, sehr scharf umrissen. Und auch mit Ihrer kritischen Bemerkung haben Sie wohl Recht. An manchen Stellen benutze ich selbst Ausdrucksmittel, die ich eigentlich indirekt angreife. Nur werden diese ja Luzifer in den Mund gelegt.

    Nochmals, herzlichen Dank.

    Hans Werner

  3. #3
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    Lieber Herr Werner,
    ich bin Wohl nicht in der Lage hier wirklich ein fachmännisches Urteil zu treffen. Die Darstellung finde ich allerdings sehr gelungen. Mag es in stillistisch feinerem Zug eine Antwort auf "dreckige Schmähungen" der "reineren Literatur" sein. Den Ironie, Satire und Blosstellung sind ein paar Werkzeuge, die dem unverdorbenen Autor noch bleiben. Halten wir uns vor Augen, das die Abrechnung zu einem späteren Zeitpunkt getroffen wird. Bis dahin reizen und amnüsieren prikäre Themen, dunkle Fantasien, doch in Jahren verlieren auch sie ihren Reiz. Wenn die letzten Tabus tabulos werden, und die Menschen in sich selbst die Fratzen ihrer Fantasie erkennen mögen lichte Texte der Vergangenheit einen hellen Pfad aufzeigen.

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