1. #1
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    das china-röllchen syndrom

    Büroschluss, endlich! Hinein in die Jacke, Schirm geschnappt und ab nach Hause. Der Magen knurrt in Erwartung des Abendessens schon fröhlich vor sich hin wie ein wildgewordener Wolf und die Gedanken werden einzig von den Menuvorschlägen des heimischen Kühlschranks beherrscht. Dann passiert es auf einmal – schlagartig, unerwartet und gefürchtet.

    Mit schnellen Schritt haste ich in die U-Bahn, sinke erschöpft in den Sitz, lehne mich zurück mit geschlossenen Augen und rieche – Essen. Sofort sind alle Sinne zum Zerreißen gespannt. Die Quelle des Geruchs muss lokalisiert werden. Meine Augen spähen vorsichtig nach links und rechts, dann sehe ich wie zufällig über die Schulter und in der Wagenreihe mit gerecktem Hals nach vorne.

    Da! In der ersten Sitzgruppe sitzt der Übeltäter. Marke: Student der halbverhungert McDonalds verschlingt. Gut, zugegeben: langsam und genüsslich isst, trifft es wohl eher. Das Objekt der Begierde wird näher untersucht. Aha, Chinaröllchen mit scharfer Soße, keine 10 Minuten alt, noch ganz frisch und heiß.

    Der Jagdinstinkt erwacht, während der Hunger an den Eingeweiden nagt. Wie kommt es, dass ausgerechnet immer in solchen Momenten Leute mit Essen in der U-Bahn sind oder einem auf dem Heimweg begegnen. Schnell durchdenke ich die verschiedenen Möglichkeiten, die sich anbieten.

    Ich könnte ja aussteigen und eine U-Bahn abwarten. Das würde nur eine Verspätung von 10 Minuten bedeuten. Allerdings ist die Chance hoch, wieder in einem Wagon mit gnadenlosen Unterwegsessern zu landen, dann wäre das Warten umsonst. Außerdem möchte ich heute Abend noch nach Hause kommen.

    Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er mir folgt, wenn ich ihm das Röllchen aus der Hand reiße und Fersengeld gebe, während wir in einer Station sind. Würde jemand einen Röllchendieb aufhalten? Könnte ich es schnell genug essen, um alles zu leugnen? Aber dann wäre da die Gier nach mehr. Einmal auf die schiefe Röllchenbahn gelangt, kann man nicht mehr so leicht aufhören.

    Ich schiebe diesen Gedanken auf die Seite. Wegen Essen so aus der Fassung zu geraten, also wirklich. Obwohl, es duftet doch so herrlich. Nein! Ich rufe mich streng zur Ordnung und beginne statt dem geplanten Überfall meine Instinkte für eine Aufstandstirade im Geiste zu gebrauchen.

    Es ist aber auch immer das selbe. Hat Frau einmal Hunger, und auf dem Weg zufällig kein Geld mit, kann ich sicher sein, dass das Schicksal unbarmherzig zuschlägt. Im Bus ein Büromensch mit Pizzaschnitte, in der Straßenbahn ein Kind mit Wurstsemmel, in der U-Bahn Studenten mit McDonalds und auf den restlichen 5 Minuten des Heimwegs mindestens ein Schnitzelhaus, eine Pizzeria und ein Chinarestaurant, die die Luft mit den köstlichsten Gerüchen füllen.

    Es soll jetzt kein falscher Eindruck entstehen. Essen ist nun wirklich nicht alles, aber sicher kennen alle diese Momente, wo der Magen den Verstand ablöst.

    Da, nur noch in die Straßenbahn und in 15 Minuten bin ich zu Hause. Doch was ist das: Geschäftsmann mit Pizza. Direkt auf dem Weg und auch noch unverschämt zufrieden. Jetzt hält mich nichts mehr. Wie eine Verrückte laufe ich auf ihn zu, sehe Panik in seine Augen treten. Ja, fürchte dich nur, fürchte dich um deine Pizza. Meine Gedanken rasen in verrückten Sprüngen.

    Immer näher komme ich ihm, noch trennen mich 7 meter. ein letzter sprint, ich werfe mich nach vorne und greife zu. Ha! Geschafft!

    Gerade noch habe ich die rettende Straßenbahn erwischt, die mich in Richtung Abendessen fährt.

    (sternentraum, 08.2002)
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  2. #2
    Niquita Guest
    *g* sehr lebensnah, mir geht's ungefähr dreimal die Woche so.

    Liebe Grüsse
    Nicole

  3. #3
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    Ich frag mich immer, ob die (die mit dem Essen) sehr irritiert wären, wenn ich sie einfach höflich bitten würde:" Verzeihen Sie, ich habe so einen schrecklichen Hunger und fahre noch bis nach Hamburg...Das bedeutet noch 2,5 Stunden ohne der Chance etwas zu essen zu bekommen...Na ja, und ich dachte...könnten Sie mir nicht ein bischen abgeben?". Als ich es einmal probiert habe, war das Mädel absolut nett und hat mir eine Bifi geschenkt.

    Klinge ich jetzt gefräßig?
    Gruß, Dete
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    Wer bei uns auftreten möchte melde sich mit Textprobe per e-mail bei mir.

    Gesammelte Werke

  4. #4
    Niquita Guest
    Ich hatte mal durch unglücklich verkettete Umstände eine nächtliche Zugreise von Leipzig nach Düsseldorf. Und da ich ziemlich angefressen war, weil das Ganze 8 Stunden dauerte, hab ich im Zug ein bisschen telefoniert und u. a. mich dabei ein bisschen "ausgeheult". Der Effekt auf Mitreisende war toll! Ich bekam Zeitschriften zum lesen, was zu Essen ab... Einfach super! Manchmal geht's auch umgekehrt.

  5. #5
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    die geschichte ist wirklich alltäglich. noch schlimmer ist es wenn man 9 stunden in der schule sitzt und nichts mehr zu essen hat und dann mit dem zug noch nach hause muss. das ist übel.
    deine geschichte ist realitätsnah aber auch witzig. und sie hat ein unerwartetes ende. gefällt mir
    gruss tt
    es geht immer weiter-
    und bitte veröffentlicht meine gedichte ung geschichten nicht ohne mein einverständnis, oder bemächtigt euch meiner gedanken.

  6. #6
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    danke für eure kommentare!
    *g* ja, mir gehts auch öfters so.....nur bis jetzt hab ich noch nie jemanden gefragt, ob er mir etwas abgibt....wenn mir das passiert versuche ich es zu ignorieren soweit es geht....manchmal starre ich diesen leuten auch löcher in die brust oder in den rücken....- je nachdem wie sie zu mir sitzen oder stehen - ....bis jetzt hat das aber noch niemanden beeindruckt ...allerdings sind die knurrarien, zu denen mein magen sich dann aufschwingt, echt nervend...

    lg sternentraum
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  7. #7
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    mir ging's ehrlich gesagt noch nie so. Aber die Idee find ich gut und die Geschichte sehr schön!
    Im Grunde ist ein Diamant auch nur ein Stück Kohle, das die nötige
    Ausdauer hatte.

  8. #8
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    danke, niemand!
    willkommen in diesem forum!
    lg sternentraum
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