1. #1
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    Nur eine Geschichte




    Es ist schon dunkel. Ich liege auf meiner Parkbank. Versuche zu schlafen. Hier ist um diese Zeit immer alles schon ruhig. Von der anderen Straßenseite leuchten nur wenige Schaufenster. Die nächste Strassenlaterne ist weit weg. Eigentlich eine unheimliche Gegend nachts. Aber hier würde nie jemand etwas tun.
    Mein Freund Paul schläft schon. Er schläft immer sofort ein, unter seiner Zeitung.
    Ich liege immer lange wach und denke mir Geschichten aus. Geschichten über die Leute die hier vorbeikommen. Tagsüber. Tagsüber ist es sehr schön hier. Nette Menschen kommen hier her. Einige bleiben stehen, hören zu, wenn ich meine Geschichten erzähle. Sie geben uns Geld dafür. Manche kommen öfters. Die kennen uns schon. Einer brachte mir mal Papier und Stifte mit. Er weiß nicht, dass ich nicht schreiben kann.
    Er sah nur die Geschichte vor sich, die ich ihm erzählte. Die Geschichte einer jungen Frau und einem Baby.
    Soll ich sie euch erzählen? Nun gut. Aber es ist nur eine Geschichte, denkt daran.

    Eines Tages geht eine junge Frau im Park spazieren. Sie hatte einen Kinderwagen bei sich. Es muss ein liebes Kind sein, denn es schreit gar nicht.
    Der Park hat einen wunderschönen Spielplatz. Dort setzt die Frau sich. Sie sitzt dort einfach. Wiegt den Wagen hin und her, als ob sie das Kind beruhigen wollte. Aber es schreit ja gar nicht.
    Sie flüstert, sei still, sei still.
    Andere Mütter sehen sie komisch an. Verwirrt. Lassen sie alleine dort sitzen.
    Es wird immer später. Die Frau steht auf. Niemand beobachtet die komische junge Frau, die da geht.
    Allmählich leert sich der Spielplatz. Eine ältere Dame blickt einen jungen Mann streng an. „Wie können sie bloß ihr Kind so alleine da stehen lassen?“ Der Mann sie die Oma verwundert an. Die geht aber schon mit ihrem Enkel. „Das ist gar nicht mein Kind!“ ruft er. Die Oma bleibt stehen.
    Sie gehen zu dem Kinderwagen. Sie hören keinen Laut. Der Mann will das Baby herausholen. „Es ist ganz kalt. Es sieht aus, als atmet es nicht mehr.“ sagt er schockiert. Die Oma muss sich setzen. Immer wieder murmelt sie, wie kann man nur, wie kann man nur.
    Der Mann hat eine kleine Tochter. Sie erhascht einen Blick auf das Baby. „ sie lächelt wie meine Puppe.“ sagt das kleine Mädchen ganz belanglos.
    Die Oma und der Vater sehen sich an. Wie eine Puppe. Das Baby kann gar nicht atmen. Es kann gar nicht warm sein.
    Die Frau hat an diesem Nachmittag Abschied genommen. Die fuhr nur eine Puppe spazieren. Aber das konnten die beiden nicht wissen.
    Denn niemand hat sich für die trauernde Mutter interessiert. Sie wurde nur für verrückt gehalten, weil sie ein stilles Kind zum schweigen bringen wollte. Aber niemand hat gefragt warum.

    Wissen sie, ich erzähle ihnen die Geschichte, weil Menschen oft die Augen vor Dingen verschließen. Sie wollen mit nichts konfrontiert werden. Sie sehen immer nur das Äußere Erscheinungsbild. Alles andere interessiert gar nicht.
    Der Mann hat das erkannt.
    Ich wünsche gute Nacht.
    es geht immer weiter-
    und bitte veröffentlicht meine gedichte ung geschichten nicht ohne mein einverständnis, oder bemächtigt euch meiner gedanken.

  2. #2
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    Hallo Traumtänzerin84

    Eine sehr schöne Geschichte. Ich selbst kenne einen Fall aus unserer Stadt, in dem auch eine junge Frau einen Kinderwagen mit Puppe spazieren gefahren hat. Das gibt es wirklich. Die seelischen Hintergründe sind oft tragisch. Schön ist der erzählerische Rahmen dieser Geschichte: ein Stadtstreicher, der auf einer Parkbank schläft und unendlich viel Zeit hat, um die Passanten zu beobachten. Dieser epische Blickwinkel enthält genügend Sensibilität, verfügt über das nötige geschärfte soziale Bewusstsein zum Erfinden dieser Geschichte. Erfinden ist nicht das richtige Wort, denn die Handlung gründet sich ja auf Beobachtung. Und nun sind wir beim Wortspiel: "er-finden" ist ja auch ein "Finden", also neues Gestalten von beobachteter Handlung.

    Viele Grüße

    Hans Werner

  3. #3
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    hallo hans werner
    danke für deine positive aussage zu meiner geschichte. eigentlich sollte sie ganz andersw werden. im nachinein bin ich aber sehr froh, dass ich sie so geschrieben habe.
    in unserer gesellschaft wird doch oft weg gesehen, wenn auf der strasse etwas passiert was einem nicht gefällt. ich schliesse mich da selber nicht aus.
    den obdachlosen wählte ich, weil man auch diese menschen nicht verurteilen sollte. jeder mensch hat sien eigenes schicksal und wie du schon richtig sagtest er hat viel zeit dinge zu sehen und auch darüber nachzudenken.
    ich versuche oft in menschen reinzusehen. und ihnen sie zu verstehen. ihre proble zu analysieren. das ich mit dieser geschichte etwas schreibe, wozu du sagen kannnst, dass so etwas schon mal wirklich vorgekommen ist hätte ich nicht gedacht.

    gruss tt
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  4. #4
    Shadow ist offline koffeinhaltiger Techniker
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    die geschichte hat mich ziemlich sprachlos gemacht.

    ich glaube, du hast recht.

    btw
    "if you don't learn from history, then you are an idiot by definition."
    -- vasim yasinovski

  5. #5
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    was genau hat dich sprachlos gemacht?

    danke das du mir recht gibst

    tt
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  6. #6
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    eine bewegende geschichte.....überaus lebendig erzählt...leider hast du nur zu recht damit,....hinterfragen, helfen, oder was vielleicht wichtiger ist: reden - auch wenn man die person gar nicht kennt - war noch nie die stärke der menschen...
    lg sternentraum
    Stir of time, the sequence
    returning upon itself, branching a new way. To suffer pain, hope.
    The attention
    lives in it as a poem lives or a song
    going under the skin of memory.

    "Heavy" by Denise Levertov

  7. #7
    Shadow ist offline koffeinhaltiger Techniker
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    mich hat sprachlos gemacht, wie zutreffend diese geschichte ist und zugeben zu müssen, dass 'wegschaun', wenn du so willst, einfacher - aber eindeutig falsch - ist.
    jaja, man braucht immer andere leute, die einen auf die eigenen fehler hinweisen...

    btw
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    -- vasim yasinovski

  8. #8
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    @ shadow
    du hast gesagt das man immer andere menschen braucht um auf seine fehler aufmerksam zu werden- zumindest manchmal.
    dummerweise die leute die einem das sagen, sind meistens selbernicht viel besser. man hat oft einen guten rat für andere aber für sich selber nicht.

    @sandkorn
    wie schon gesagt, es ist wirklich traurig, dass man immer wegsieht oder sich oft nichts dabei denkt. und ich betone noch mal, dass ich mich da selbernicht ausschliesse. es ist sicher schwer jemanden auf der strasse einfach zu fragen warum er da sitzt, oder was eine frau zu so etwas bewegt.
    danke auch das du meine schreibtweise lobst.

    gruss tt
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