1. #1
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    Im Schatten des Wohlstands

    Im Schatten des Wohlstands

    Erzählung von
    Hans Werner


    Über die regenfeuchte Straße kommt ein Mann daher geschritten. An seinen Schläfen leuchten bereits silbergraue Haare. Eine hohe Stirn zeigt tiefe Falten, wohl die Spuren intensiver Denkarbeit. Vor allem ein Gedanke beschäftigt diesen Menschen, zehrt und nagt an seiner Seele, macht ihn unzufrieden und mißmutig. Es ist der sehnliche Wunsch, Schriftsteller zu werden und sich in den Gefilden der Kunst ein Denkmal zu setzen. Aber er fühlt nur zu gut, daß sich diese Wunschvorstellung schwerlich verwirklichen läßt, weil da ein inneres Hemmnis entgegensteht, eine Schranke der Unproduktivität, nämlich die eigene Phantasielosigkeit, die schlichte Unfähigkeit, lebensechte Gestalten und Handlungen zu erfinden.
    Er geht über die regenfeuchte Straße, unter den Arm hat er ein literarisches Journal geklemmt, und schließlich verschluckt ihn die Glastür eines italienischen Cafés. Diese südländische Atmosphäre flößt ihm ein Gefühl der Behaglichkeit, Unbeschwertheit und Lebensfreude ein; dunkle, schwarzäugige Männer sitzen an glänzenden Tischen und führen lebhafte Unterhaltungen. Vokalreiche Wörter, in hohen Stimmlagen ausgestoßen, schwirren nur so durch den Raum, und der Duft scharfgebrannten italienischen Kaffees würzt die Luft. Unser Mann setzt sich an einen Tisch, bestellt Kaffee, entfaltet die Zeitschrift und vertieft sich in die Lektüre. Plötzlich entsteht ein Schatten auf der Tischfläche, vergrößert sich, flutet über die Papierseiten der Zeitschrift und zwingt den Mann, aufzuschauen, den Kopf zu heben. Eine dunkle, massige Gestalt hat sich vor ihm aufgebaut, hohle Augen starren aus dem Gesicht, Bartstoppeln umrahmen den offenen Mund, ein einzelner Zahn grinst gelblich heraus. Das graukarierte, zerknitterte Hemd ist unter dem Hals mit einer Sicherheitsnadel zusammengesteckt. Ein schäbiger Kittel umhüllt starke Schultern, eine speckige Hose ringelt sich um die Beine, aus einer Tasche hängt ein rotgrünes Schneuztuch. Langsam hebt sich der Arm dieser Gestalt, aus der Höhle des Ärmels schiebt sich eine rote, rissige Hand auf die Stelle des Tisches zu, über das Journal hinweg, wo die Tasse des Mannes steht. Aufdringlich nah flüstert‘s aus dem Munde des Alten:

    “Ich will mich zu dir setzen!“
    Er setzt sich, ohne im mindesten die Reaktion des Mannes am Tisch zu testen. Und wieder bewegen sich seine weißen Stoppeln um Mund und Kinn:
    “Da zahle ich nun 5000 Mark im Monat. Schuld daran ist nur das Pack oben. Den ganzen Besitz nimmt mir der Start. Verflucht sei dieses Altersheim. Wer ein Haus hat, dem nehmen sie's. Was meinst du, das ist schön, das ganze Leben hat man gearbeitet, und dann wird man bis aufs Hemd gepfändet.“

    Der Alte setzt ab. Dem Manne am Tisch bohren sich die Worte in die Seele wie glühende Pfeile. Wohl kennt er das Altersheim, von dem die Rede ist, aber noch nie hat ihn die Existenznot jener Menschen wirklich berührt. Von Mitleid ergriffen, hört er die weiteren Worte aus dem hohlen Mund:

    “Das Essen ist leidlich, aber natürlich nicht so gut wie an Mutters Tisch. Einmal wollt ich drohen, mit einer Beschwerde auf der Kreisstelle. Da schickten sie den Krankenwagen und nahmen mich mit zum Irrenarzt. Der schickte mich nach einer Woche heim und sagte zu mir: du bist so gesund wie ich.

    Ein bitteres Grinsen, in dem sich vielleicht Resignation mit stillem Triumph mischt, verzieht die rissigen Lippen. Dann bewegen sie sich erneut:

    “Was weißt du vom Leben? Nur wer das Alter kennengelernt hat, hat vom Leben eine Ahnung. Mein einziger Besitz sind meine Erinnerungen. Die sind unabhängig von dem bißchen Taschengeld, das man uns gnädig überläßt, und mit welchem ich mir zuweilen einen Kaffee leiste. Hier habe ich die Chance, junge Gesichter zu sehen. In ihnen spiegeln sich meine Erinnerungen. Manchmal werde ich dann ein wenig froh.“

    Das italienische Serviermädchen bringt dem Alten Kaffee, er kramt eine Mark siebzig zusammen, dann schlürft er den braunen Saft in sich hinein, zieht das Schneuztuch aus der Tasche, wischt sich über den Mund, und faltet es hernach auf dem Tisch sorgsam zusammen, “Jetzt geh ich wieder. Junger Mensch, überleg dir, ob du später einmal so sein kannst wie ich. Sammle für diese Zeit ein paar Trostgedanken und speichere sie in deinem Hirn. Du wirst sie so notwendig brauchen wie Sauerstoff. Und denk daran, daß alles Geld, das du jetzt zusammenraffst, in den Beutel des Staates gewirtschaftet ist.“

    Nun erhebt sich die massige Gestalt und wirft wiederum einen großen Schatten auf den Mann am Tisch, auf seine Zeitung, seine Tasse, seine Hände, und verdüstert seine Gedanken und sein Herz.

    Dieser Mann aber, an dessen Schläfen bereits die ersten silbergrauen Haare aufleuchten, beschließt, die Stoffe für sein literarisches Werk unmittelbar der Lebensbeobachtung zu entnehmen.


  2. #2
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    mir gefällt ihre Geschichte sehr gut Herr Lehrer.
    der Inhalt der Kurzgeschichte ist durchdacht und in eine geschickte Form gebracht worden.
    Und Recht hat der Senior, auch wenn ich noch nicht ganz so weit bin (ich meine mit dem Alter), aber wenn man Verwandte in so einem Heim hat kann man, nein muss man diesem mann nur zustimmen.

    Gruß Kope.
    Warum ich Welt und Menschheit nicht verfluche?
    Weil ich den Menschen spüre, den ich suche.

    (Erich Mühsam)



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