Thema: Lauras Flucht

  1. #1
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    Lauras Flucht

    Lauras Flucht

    Erzählung von
    Hans Werner

    Hinter das Sofa hatte sich Laura verkrochen. Sie fürchtete sich vor den Menschen, die ins Wohnzimmer treten konnten. Vor dem Vater, der wie immer halb betrunken war, und der Mutter, die wie immer ihre depressive Phase hatte. Laura suchte einen Schlupfwinkel, wollte sich verstecken, wie damals, vor zehn oder zwölf Jahren, als sie immer vor dem bösen Wolf Angst hatte und sich in einer Höhle verkroch. Nun war das Sofa ihre Höhle. Unglaublich, was es hinter so einer Couch alles zu sehen gab! Im Dunkel des Schattens häufte sich hier Staub, alter Staub, grau und sandig, der keinen Sauger zu fürchten hatte. So viel Staub wie in der Wüste, der Wüste des Vergessens. Mancher Unrat lag da, umgeben von diesem Staub, wie zum Verwesen einbalsamiert. Eine pechschwarze Bananenschale, verschimmelte Erdnüsse, ein graues Tempo-Taschentuch und schließlich sogar noch ein Playmobil-Männchen, eine Spielzeugfigur aus Plastik, rot, gelb und grün, vom Sand überzogen und bräunlich verschmutzt. Laura musste niesen, denn sie hatte Staub eingeatmet. Aber da kullerten auch verstohlen einige Tränen über ihre Wangen. In Arno war sie so verliebt, der ihr heute den Rücken zugewandt hatte, als sie mit ihm sprechen wollte. Einfach zur Seite hatte er gesehen, vielleicht in Richtung Melanie, der schlanken und sportlichen Melanie, ihrer sogenannten Freundin, die schon lang nicht mehr ihre Freundin war und an die sie sich nur klammerte, um nicht ganz zu versauern. Und mit wem sollte sie auch reden, in ihrem Kummer? Vater lümmelte vor dem Fernseher herum, ließ sich mit Bier und Schnaps volllaufen, schimpfte auf die Politiker, die Leute im Betrieb, die ihn ausnutzten und ihn nicht für voll nahmen. Mutter ertrank in ihrem eigenen Leid, sie schwamm in einer Suppe ewiger Trübsal, , sah, unzufrieden mit sich selbst, die Zukunft vor sich wie ein endloses graues Meer.
    Ach, Laura wollte sich verstecken vor der Welt, der Zukunft, den anderen Menschen, denen sie nicht mehr traute. Auch sich selbst traute sie nicht. Vor allem traute sie sich nichts mehr zu. In der Schule war sie die notorische Versagerin, nichts leistete sie, und das Wenige, das sie zustande brachte, schien in ihren Augen ein Nichts. Zumindest würde es hinten und vorne nicht reichen, um irgendwo eine vernünftige Ausbildungsstelle zu erhalten. Wo sollte sie nur landen? Mit Dreien und Vieren in den Hauptfächern? Eigentlich wollte sie nur leben und dabei ein ganz klein wenig glücklich sein. Sie liebte so sehr die freie Natur, den Wald, die Wiesen, den Bach und den kühlen Wind, wenn er ihr begütigend um die Nase strich. Wäre da nur nicht immer dieses ständige Würgen im Hals, die Angst vor der Welt, den Menschen und der künftigen Zeit. Ihr war, als sei diese Zeit ein giftiges Gas, das sich tödlich um sie herum ausbreite.
    Wie Laura hinter dem Sofa lag, die Beine anzog, die Arme vor ihrem Gesicht verschränkte, da spürte sie ein kitzelndes Krabbeln an ihrem Oberschenkel. Sie konnte nur reflexartig dagegen schlagen. Und schon spürte sie einen brennenden Schmerz. Etwas Bösartiges hatte sie gestochen. Wie in Panik schnellte sie nach rückwärts, wollte empor springen, aber überall war das sperrige Möbelstück im Weg. Erst nach mehreren Versuchen gelang es ihr, sich hinter dem Sofa aufzurichten. Staubige Spinnfäden hingen zottig an ihrem Gesicht. Mit ihren Händen schlug sie sich das klebrige Zeug von Stirn und Wangen und sah auf die vor Schmerz brennende Stelle ihres Beins. So groß wie ein Fünfmarkstück hatte sich um den Stich eine Hautrötung gebildet. Vermutlich ein Wespenstich. Er schmerzte widerwärtig und schien überhaupt nicht harmlos. Laura schrie, schrie so laut, dass es durch Mark und Bein ging. Da sprang die Tür auf, der Vater stürzte herein und auf sie zu. Sein Gesicht war vom Alkohol gerötet.
    "Na, meine Kleine, nicht so verzweifelt... beherrsch dich, wie sich’s gehört.", lallte er und verbreitete beim Sprechen eine Alkoholfahne.
    "Na, wollen sehen... Ach so, eine Wespe, na dann, schau mal, was Papi alles kann, dein versoffener Papi."
    Vaters Augen schienen aus den Höhlen zu quellen, mit torkelnden Bewegungen kämpfte er sich zum Wohnzimmerschrank, riss das Türchen zur Hausbar auf und fischte zielsicher eine Flasche heraus, Schnaps, aus Brennnesseln gebrannter Schnaps, Hausmarke, für alle Fälle.
    "Nu komm mal her, kleines Sensibelchen, reich mir dein Bein, damit ich’s befühle." Er entkorkte die Flasche - das brachte er noch in höchster Trunkenheit perfekt zuwege - nahm sein Taschentuch und durchtränkte es mit Brennnesselschnaps. Danach legte er das Tuch auf die schmerzende Stelle des Wespenstichs. Sofort fühlte Laura eine spürbare Erleichterung.
    "Tut das gut! Danke Papa." Glücklich und dankbar schaute sie ihrem Vater in die vom Alkohol geröteten Augen.
    In diesem Augenblick sprang die Tür abermals auf. Mutter stürzte herein.
    "Lass du mein Kind in Ruhe! Fehlt gerade noch, dass du dich an Laura vergreifst." Mutters Stimme war schrill, sie fuchtelte mit den Armen, als wollte sie einen unsichtbaren Teufel fassen, ruderte hilflos durch die Luft, drehte sich, wie in einem Anfall, mehrmals um die eigene Achse und sank dann zu Boden, in offensichtlicher Ohnmacht.
    "Hysterisches Weib... immer dasselbe."
    Halb scherzhaft schien der Vater zu sprechen. "Was glaubst du, warum ich mich ständig betrinke." Dann nahm er, wie benommen von der tragischen Wucht seiner eigenen Worte, einen kräftigen Schluck aus der Flasche, der ihn, obwohl er nach Brennnesseln roch, dennoch in seinem Innern aufrichtete, sodass er, wie ein germanischer Recke, ein finsterer Hagen sozusagen, in dumpfem Trotz gegen sein Schicksal, mit schweren und dröhnenden Schritten das Wohnzimmer verließ.
    Laura rieb sich die schmerzende Stelle des Wespenstichs, streifte sich den Rock glatt, er war viel zu kurz, um den roten Stich zu bedecken. Dann wandte sie sich der Mutter zu, die vor ihr auf dem Teppich lag. Inzwischen hatte diese wieder die Augen geöffnet. Laura war sich keineswegs sicher, ob die ganze Ohnmacht nicht vorgetäuscht war.
    "Mutter, Vater hat es gut gemeint. Eine Wespe hat mich gestochen. Da, riech den Brennnesselschnaps."
    "Ja, nach Schnaps wohl, danach mag's wohl riechen, wenn er dich mit seinen geilen Lippen in die Schenkel beißt."
    "Mutter, sag doch so was nicht. Du weißt doch, dass es nicht stimmt."
    Doch nun überschlug sich Mutters Stimme, sie verfiel in ein lautes, plärrendes Kreischen, aus dem keine Worte mehr vernehmbar waren. Laura wusste, dass mit dieser Frau nicht mehr zu reden war. Zumindest nicht, solange sie sich in diesem Zustand befand. Sie steckte wieder einmal im schwarzen Loch. Es war, als sei sie in einer langen Röhre gefangen, die zu eng war, als dass man sich an eine Öffnung hätte vorrobben können. Nur zu gut kannte Laura dieses Gefühl. Auch als kleines Mädchen war sie beim Versteckspiel einmal in eine solche Röhre gekrochen. Nur mit Hilfe der Feuerwehr konnte man sie nach einigen Stunden verzweifelten Wartens befreien.
    Laura blickte auf ihre Mutter, die auf dem Teppich saß und vor sich hin weinte. Der Wespenstich fing wieder an, höllisch zu schmerzen. Plötzlich - und niemand hätte sagen können, woher ihr die Kraft zu diesem Entschluss gekommen war - wandte sie sich von der Mutter ab, schnellte mit einem kräftigen Satz zur Türklinke und stürzte hinaus zum Badezimmer. Dort wusch sie sich schnell und gründlich, brachte ihre Haare in ordentliche Fasson, eilte in ihr Zimmer, holte den neuen Anorak aus dem Schrank, stopfte einige Sachen in ihren Rucksack, Unterwäsche, frische Bluse, den warmen Pullover und ihre knallengen Jeans. Aus der Speisekammer nahm sie sich ein Stück Edamer Käse, einen halben Brotlaib, etwas Salami und drei Äpfel. Dann sprang sie durch den Flur die Treppen hinunter und verschwand im nachmittäglichen Berufsverkehr.

  2. #2
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    Angesichts des Todes

    Angesichts des Todes

    Erzählung von
    Hans Werner

    Folgekapitel zu "Lauras Flucht"


    Vor dem Haus schlug Laura eine grelle Nachmittagssonne entgegen. Ohne zu wissen, wohin sie nun eigentlich gehen sollte, schritt sie entschlossen und tapfer der Innenstadt zu. Den Autos, die vorbeifuhren, den Passanten, die sie überholten, schenkte sie keine Beachtung. Sie war noch ganz gefangen von dem, was sie zu Hause erlebt hatte. Es war Abschied und Weggehen, eine radikale Trennung von ihrem Elternhaus, ein Aufbruch, den sie, wie unter explosionsartiger Willensentladung, bewusst vollzogen hatte. Sie war nun am Gehen, entfernte sich Schritt für Schritt vom Haus ihrer Eltern, das die ganze Kindheit über ihr Elternhaus gewesen war.
    Es war ein heißer Augusttag. Sie wusste nicht, wohin sie nun eigentlich gehen sollte. Diese Ziellosigkeit beunruhigte sie und beflügelte sie zugleich. Schien es denn nicht, als ob sich ihr alle Möglichkeiten einer traumhaften Zukunft öffneten, einer Zukunft, die sie verwandeln und verzaubern würde? Links stand die prächtige Villa, in der ihr Schulkamerad Arno wohnte, Sohn des hoch angesehenen Rechtsanwalts Bohnert. Sie verweilte kurz vor diesem Haus mit den ehrwürdigen Giebeln, dem freigelegten und kunstvoll konservierten Fachwerk, den weißgetünchten Fensterrahmen, in deren Gläsern sich Linden und Kastanien vielfach spiegelten. Nur kurz schaute sie sehnsüchtig zu dem oberen Fenster empor, hinter dem sie Arnos Zimmer vermutete. Dann gab sie sich einen Ruck, ging weiter, indem sie eine winzige Träne niederkämpfte, ein bisschen salzigen Speichel schluckte. Auch das, sagte sie sich, gehört zum Leben, das ich nun hinter mir lasse. Aber wohin? Wohin soll ich gehen? Die 35 Euro Taschengeld, die ich in meinem Portemonnaie habe, reichen nur für kurze Zeit. Wo soll ich wohnen? Wovon soll ich leben? Dann fiel ihr ein, wie auch der Taugenichts, dessen wundervolle Erzählung sie neulich im Unterricht besprochen hatten, eines schönen Morgens mit seiner Geige aufgebrochen war und nicht wusste, wohin er des Nachts sein Haupt zum Schlafen hinlegen sollte. Wie sehr hatte sie diese Erzählung ergriffen, viel mehr als ihre Mitschüler, als Arno, der so klug über die Romantiker daherschwatzen konnte.
    Vorne sah sie schon die Stadtkirche, eine alte Hallenkirche aus dem vorigen Jahrhundert, deren roter Backsteinbau sich massig und wuchtig vor ihr erhob. Die Glocken läuteten. Nanu, dachte Laura, warum läuten jetzt die Glocken? Zu dieser Zeit, mitten am Nachmittag? Vielleicht war eine Beerdigung.
    Da sie viel Zeit hatte, ging sie, von Langeweile und Neugier getrieben, ins Gotteshaus hinein, in dem sich eine Anzahl von Gläubigen versammelt hatte. Der Pastor, eine schlanke Gestalt in strenger Soutane, stand hoch aufgerichtet vor dem Altar und sagte salbungsvoll sein Sprüchlein. Nur mit halbem Ohr hörte Laura, um wen es hier ginge. Denn eigentlich fühlte sie, wie sie gerade selbst ihre Kindheit und Jugend zu Grabe trug. Sie befand sich auf ihrer eigenen Beerdigung. Als dann der Chor, ein Männerchor, alte Leute mit weißen Pilzköpfen, zu singen anfing, von der Auferstehung, vom Jenseits, den himmlischen Gefilden, in denen der Sänger unter Engelsgeleit aufgenommen würde, da fühlte sie, dass auch sie ihrer Verwandlung entgegen ginge. Trauerreden wurden gehalten, über die bedeutende Persönlichkeit des Toten, dessen kulturelle Verdienste in den höchsten Tönen gepriesen wurden. Laura blickte in die Gesichter der Trauergemeinde, durchschaute mit ihrem strengen, wahrheitssüchtigen Jungmädchenblick die ganze Verlogenheit dieser Veranstaltung. Schon wollte sie weggehen, da entdeckte sie vorne, unmittelbar vor dem Altar, ein altes gebücktes Weiblein, eine zerbrechliche Greisin, die in einem Rollstuhl saß und mit stieren Blicken das ganze Geschehen verfolgte. Ach Gott, das musste die Frau des Verstorbenen sein, schoss es Laura durch den Kopf. Dieses arme Bündel Mensch, hilflos dem Leben ausgeliefert, wurde durch diese Beerdigung quasi selbst hingerichtet, verurteilt zur Todesstrafe eigener Einsamkeit. Und plötzlich überflutete Laura ein grenzenloses Mitleid mit dieser alten Frau, die sie überhaupt nicht kannte und deren Augen wie zwei alte verwaschene Knöpfe ausdrucks- und glanzlos dreinschauten. Mit der knarrenden Mechanik hölzerner Zahnräder eines alten Uhrwerks nahm die Zeremonie ihren Fortgang. Die Glocken dröhnten in eherner Schärfe, die Gemeinde drängte ungeduldig zum Ausgang, dem Friedhof entgegen. In der Trauerkapelle stand auch schon der Sarg, abholbereit. Ein Chor sang mit dünnen und kläglichen Stimmen den Trauerchoral, "Wer nur den lieben Gott lässt walten". Laura, die selbst zwar nicht gut singen konnte, aber ein scharfes Gehör besaß, bekam Zahnweh unter den scharfen und unreinen Sopranstimmen. Dann wurde der Sarg geräuschvoll auf den Wagen geschoben. Vier Männer, in merkwürdigen schwarzen Uniformen, verrichteten ihr Handwerk, mit gleichmütigen, brutalen Gesichtern. Laura überlegte sich, wie schwer wohl ein solcher Sarg sein müsse, wenn eine gewichtige Persönlichkeit drin liege, und wenn man nur zu viert ist, um ihn an den dafür vorgesehenen Tragegriffen empor zu heben. Ja, der Tod ist nicht leicht. Er zieht gewaltig hinunter zur Erde. Aber das Leben ist auch nicht leicht, und es drängte sie doch so sehr nach oben. So gerne wollte sie fliegen, von Baum zu Baum, von Ast zu Ast, von Land zu Land. Da schoben nun die Männer den Wagen zum Grab, einem professionell ausgehobenen Rechteck, an den Rändern scharf gekantet und genug tief, um den hygienischen Bestattungsvorschriften zu genügen. Zwei armdickte Holzbengel lagen über dem Grab, darauf wurde der Sarg gelegt, dicke Seile liefen unter ihm hindurch, welche die Träger, die wie Aasgeier nur darauf warteten, den Toten seiner Verwesung zu überlassen, lauernd in ihren schwieligen Händen hielten. Der Pastor, die hohe und hagere Gestalt in der schwarzglänzenden Soutane, blickte mit angemessenem Ernst in die Versammlung. Fast schien sein Gesicht, in der schwülen Augustsonne, vergnügt und von religiöser Heiterkeit erfüllt. Er begann zu sprechen, seine Stimme, durch ein Mikrofon unterstützt, trug weit, wurde von der hinteren Friedhofsmauer mit kleiner Schallverzögerung zurückgeworfen, als ob aus dem Jenseits seine Worte makaber nachklängen. "So lasst uns denn sprechen, wie der Herr zu sprechen uns gelehrt hat. Vater unser..." Ein andächtiges Gemurmel wogte durch die Trauergemeinde. Laura dachte an ihren Vater, der ihr heute noch den Wespenstich behandelt hatte, mit eben jenem Schnaps, der ihm selbst zum Verhängnis geworden war. Sie dachte an ihn mit Trauer und Rührung zurück. Ihr war klar, dass sie eher verhungern würde, als wieder dahin zurückzugehen, von wo sie heute geflohen war.
    Dann war der Augenblick gekommen, in dem sich vor den Augen der alten zitternden Frau im Rollstuhl das Grässliche ereignen sollte. Die vier schwarzgekleideten Herren in ihren Schirmmützen, die Aasgeier des Todes, griffen ihre Seile fester, stießen mit derben Fußtritten die Holzbengel weg, welche den Sarg bislang noch heroben, auf der Ebene des Lebens gehalten hatten, und ließen ihn hinunter fahren, in der kalten Grabestiefe verschwinden. Laura sah auf die alte Frau im Rollstuhl, auf ihre knopfartig ausdruckslosen Augen, die mit gebannter Konzentration das Geschehen verfolgten. Dann heulte Laura plötzlich los, sie konnte ihr Weinen nicht unterdrücken, so stark fühlte sie die innere Erschütterung. Eine vor ihr stehende Frau drehte sich um und ergriff teilnahmsvoll ihren Arm.
    "Aber Kind, bist wohl eine Enkelin oder Verwandte des Verstorbenen? Oder hat der Kantor dich im Orgelspiel unterrichtet?"
    Die Frau daneben pflichtete flüsternd bei. "Er war ein seelenguter Mensch. Ach die arme Frau. Sie muss ins Pflegeheim. Wer soll sich schon um sie kümmern?"
    In diesem Moment griff der Pastor zur Schaufel, der kleinen, zierlichen Totenschippe, und ließ zwei bis drei Ladungen Friedhofserde auf den Sarg hinuntersausen. Es polterte ordentlich.
    "Staub bist du und zu Staub wirst du wieder werden."
    Laura dachte an den Staub hinter dem Sofa, an das beschmutzte Playmobil-Männchen, das sie so sehr an ihre Kindheit erinnert hatte.
    "Aber Christus sagt: ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er schon gestorben ist." Des Pastors schlanke Stimme klang durch den Äther.
    Laura dachte an ihre eigene Zukunft. Wenn es doch nur wahr wäre, dass ich leben könnte, bescheiden und anspruchslos. Wenn sich doch nur eine kleine Tür auftun würde, eine kleine Tür zur Zukunft! Einer Zukunft mit ein bisschen Geld, ein bisschen Wohnraum, ein bisschen Glück.
    Wieder begann der Chor mit seinem erbarmungswürdigen Gesang, die Menschen traten ans Grab, warfen Tannenreisig und Blumen hinunter, der Pastor hatte sich umgedreht und wandelte in seiner schwarzen Soutane eilfertig dem Pfarrhaus entgegen, heiter und frohgemut.
    Auch Laura schickte sich an, den Friedhof zu verlassen, ohne zu wissen, wohin sie gehen sollte. Plötzlich vernahm sie hinter sich ein Poltern und Krachen. Der Rollstuhl mit der alten Frau war über dem rauen Kopfsteinpflaster und den kantigen Bordsteinen, die eine schräge Wasserrinne einfassten, plötzlich umgekippt. Da lag nun die alte Frau, in ihrem weißen Gazeschleier, dem schwarzen Trauergewand, das vermutlich nach Mottenkugeln roch, und versuchte hilflos, sich aufzurichten. Die Menschen um sie herum standen verwirrt daneben. Die meisten hüteten sich, wohl aus mangelnder Beherztheit, der Gefallenen unter die Arme zu greifen. Indessen kamen die vier Sargträger zielstrebig herbei, griffen beherzt zu und verfrachteten die alte Frau, als sei sie ein Gepäckstück, auf den Rollstuhl, den sie zuvor wieder richtig hingestellt hatten. Dann wurde sie, nun begleitet von vielen mitleidigen und teilnahmsvollen Bemerkungen, weitergeschoben und in ein Rotkreuzfahrzeug gehievt. Laura, bestürzt über all das, was sie gesehen hatte, konnte nicht anders, als dem Fahrzeug nachzuspringen. Gerade noch sah sie, wie es in die Uhlandstraße einbog, wo das neu errichtete Städtische Altenheim stand. "Betreutes Wohnen" hieß diese Einrichtung seit neuestem. Als Laura, erschöpft und ganz außer Atem, bei diesem Gebäude angekommen war, entdeckte sie die alte Frau sofort, die man in den Vorgarten des Heims gesetzt hatte. Da saß sie nun, immer noch mit ausdruckslosen Augen.
    "Guten Tag, ich bin Laura."
    Die alte Frau sah kurz zu ihr auf, senkte dann sofort wieder den Blick.
    "Tut mir leid, das mit Ihrem Mann." Dann ergriff Laura die alte ausgemergelte Hand der Frau und zog sich zu sich heran.
    "Sie dürfen nicht alle Hoffnung aufgeben. Ihr ganzes Leben liegt noch vor Ihnen." Die alte Frau sah kurz zu ihr auf und schluckte ein- oder zweimal leer. Laura streichelte ihre Hand.
    "Auch ich bin allein. Meine beiden Eltern sind gestorben." Sie wusste wohl, dass diese Lüge eigentlich nicht gelogen war.
    "Komm, wir lernen es miteinander, allein zu sein." Laura sprach immer weiter, sie überlegte nicht lange, ob sie ihre Trostgedanken würde einlösen können. Sie sprach nur, um die alte Frau nicht allein zu lassen.
    Plötzlich weiteten sich die dunklen Knopfaugen der alten Frau und in ihren Augenhöhlen sammelte sich Tränenwasser. Dann begann sie zu sprechen, so leise, dass man eigentlich die Worte erraten musste, die ihre Lippen zu formen versuchten.
    "Kind, verlass mich nicht, wenigstens nicht diese und die folgende Nacht. Bleib bei mir."
    Im Hintergrund hatte eine Schwester des Pflegepersonals die Szene heimlich beobachtet.
    "Wir stellen Ihnen eine Couch ins Zimmer der Frau hinein. Wenn Sie wollen, können sie einige Tage hier wohnen. Ich denke, der alten Frau wäre das eine gute Hilfe."
    Laura blickte die Frau, dann die Schwester an, und wusste nicht, wie ihr geschah. Wie ist das Leben geheimnisvoll, dachte sie, woher kommt der Windstoß, der mich dahin und dorthin treibt? Sie packte ihren Rucksack, nahm einen Apfel heraus, teilte ihn mit geübtem Griff in der Mitte durch, und gab die andere Hälfte der alten Frau.
    "Komm, Muttchen, iss."

  3. #3
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    Im Wohnheim

    Im Wohnheim

    Erzählung von
    Hans Werner

    Fortsetzung zu "Angesichts des Todes"



    Frau Adomeit, so hieß die alte Frau, wurde von dem Pflegepersonal in ihr neues Zimmer eingewiesen. Ihr verstorbener Mann, Bezirkskantor Adomeit, stammte aus dem Osten, wie schon der Name sagte. Noch vor seinem Tode hatte er für seine Frau einen Platz in diesem Heim eingekauft. Er schien zu ahnen, dass seine kranke und gebrechliche Erna sich selbst nicht mehr würde versorgen können.
    "Frau Adomeit, hier bringen wir Ihnen das Nachtessen. Bitte alles schön aufessen. Wenn ich nach einer Stunde komme, möchte ich keine vollen Platten mehr abtragen." Ein junges Schwesterchen hatte mit hurtigem Schwung das Tablett auf den Tisch gestellt und war sofort, sportlich und flink, wieder aus dem Zimmer geeilt.
    Erna Adomeit saß an ihrem Tisch und starrte auf das Tablett. Aus einer Teekanne duftete Kräutertee, drei mit Butter bestrichene Brotschnitten waren mit Bierschinken und Salami belegt. Senf, Meerrettich, Salatblättchen, geschnittenes Paprika garnierten das Abendmenue. Eigentlich war das Ganze nett zubereitet.
    "Nun aber musst du essen, Muttchen." Laura saß Erna gegenüber und blickte ihr aufmunternd ins Gesicht. "Du musst essen, sonst tragen sie alles wieder ab."
    Frau Adomeit hatte wieder ihre trockenen Augen bekommen, diese dunklen matten Knopfaugen, die so ausdruckslos schauten und von keinem Lid abgewischt zu werden schienen.
    "Ich kann nicht essen. Hab keinen Appetit. Mein Hals ist so trocken."
    "Komm, dann trink doch wenigstens." Laura reichte ihr die Tasse. Die alte Frau versuchte mit ihren knochigen Fingern den Henkel zu fassen. Aber vielleicht war die Tasse zu heiß, oder die Hand zu zittrig, der Tee schwappte über und lief auf Ernas Kleid.
    "Au, das brennt!" Vor Schreck hatte die alte Frau die Tasse fallen lassen, die klirrend auf dem Boden in Scherben zersprang. Auf dem braungrünen Teppichboden bildete der Tee einen großen Fleck, der sich nach und nach ausweitete.
    "Ach je, jetzt haben wir auch noch den Tee verschüttet." Im Augenblick schien Laura ratlos. Sie sprang auf den Gang, schaute sich nach einer Schwester um und kam dann schließlich mit einem Putzlappen zurück. Schnell saugte sie, so gut es ging, das Teewasser mit dem Lappen auf. Dann goss sie Tee in eine neue Tasse und führte diese Tasse Frau Adomeit an den Mund.
    Es gelang ihr nun tatsächlich, der alten Frau einige kleine Schlucke einzuflößen. Dann gab sie ihr eine Scheibe Brot in die Hand.
    "Du musst fest essen. Wer am Leben bleiben will, muss essen."
    Erna blickte auf, zum ersten Mal schien ein kleines Lächeln über ihr ausgemergeltes Gesicht zu huschen.
    "Kind, du bist jung, komm hilf mir beim Essen." Sie deutete auf die andern beiden Brotschnitten. Das musste sie nicht zweimal sagen, denn Laura hatte in der Tat einen Bärenhunger. Sie nahm eines der Brote und biss tapfer hinein. Vielleicht, dachte sie, hilft das auch der alten Frau. Vielleicht bekommt sie so selbst Appetit. Und, was zuvor kaum möglich erschienen war, nach einer halben Stunde war der Tee ausgetrunken und das Tablett geleert. Immerhin hatte Erna selbst eine ganze Tasse Tee getrunken und eine komplette Scheibe Brott verzehrt. Allein hätte sie das nie geschafft.
    Als das junge Schwesterchen nach einer Stunde wieder ins Zimmer hüpfte, weiteten sich ihre Augen vor Erstaunen.
    "Nanu, da waren wir aber tüchtig. So ist's recht, Frau Adomeit." Darauf nahm sie das Tablett und balancierte es mit geübten Griffen hinaus.
    Laura schaute ihr nach, vergnügt und befriedigt. Dann machte sie es sich im Zimmer der alten Dame zurecht. Eine Couch war hereingestellt worden, Bettzeug lag daneben. Laura, in solchen Dingen äußerst hilflos, fing an, sich ihr Bett zu beziehen. Erna Adomeit sah zu, plötzlich bekamen ihre leidgeprüften toten Augen einen lebhaften Glanz.
    "Aber Mädchen, doch nicht so. Du musst den Kissenbezug innen an den beiden Zipfeln anfassen, dann mit dem Kissenenden von innen berühren. Ja, so. Und jetzt, streif den Bezug über."
    Und abermals huschte ein kleines Lächeln über ihr ausgemergeltes Gesicht. Schließlich war die Couch bezogen und Laura legte sich darauf, in ihren Jeans.
    "Na, aber du kannst doch nicht in den Kleidern schlafen," sagte Frau Adomeit. Mit einemmal schien ihre bislang apathische Seele mit mütterlichem Leben erfüllt. "Komm, zier dich nicht, zieh dich aus. Sag, Schlafanzug hast du keinen?"
    "Nee, Muttchen, das ja wohl nicht." Laura guckte sie an mit einem amüsierten und zugleich hilflosen Kleinmädchenblick. "Weißt du, bin von Hause getürmt. Da musste alles schnell gehen."
    "Ach Gott, ach Gott!" Erna schüttelte den Kopf. "Nun aber erzähl du mir etwas von dir. Ich muss doch wissen, mit wem ich heute Nacht mein Zimmer teile." Und Laura berichtete ihr kurz das Nötigste. Erna hörte zu und nickte dann ein paar Mal.
    "Ja, ja. Der Vater Alkoholiker und die Mutter depressiv. Und ich hätte so gern Kinder gehabt, mit meinem Johannes." Plötzlich sackte ihr Kopf vornüber. Gerade konnte sie ihn mit ihrer rechten Hand noch fassen, sonst wär ihre Stirn wohl auf die Tischplatte geknallt. Plötzlich war ihr wohl wieder eingefallen, dass heute ihr Mann beerdigt worden war, ihr geliebter Johannes, mit dem sie beinah vierzig Jahre zusammengelebt hatte. Ein Weinkrampf befiel sie, durchschüttelte hart und unerbittlich ihre Brust, die Schleusen ihrer Augen hatten sich geöffnet und ganze Tränenbäche ergossen sich über ihr faltenreiches Gesicht.
    Laura war aufgesprungen und griff mit beiden Händen nach Erna, ihren zuckenden Schultern, ihrem von spärlichem Frauenhaar bedecktem Kopf.
    "Komm, Muttchen, wein dich aus. Ja, so ist's recht. Dein Johannes ist tot. Schau, da oben, im Himmel, wo die vielen Sterne funkeln, da spielt er nun für den lieben Gott Orgel." Solche Worte sprach Laura, Worte, an die sie selbst kaum glaubte, aber von denen sie annahm, dass sie Erna trösteten.
    "Ja, Orgel spielt er, für den lieben Gott. Weißt du, da improvisiert er. Die schönsten Melodien, auf ausgefallenen Registern. Das klingt so herrlich. Und wenn das Gottes Engel hören, dann kommen sie ins Schwärmen. Eifersüchtig werden sie auf deinen Johannes, weil sie merken, dass der liebe Gott seine ganze Gunst ihm zuwendet, dem begabten Orgelspieler."
    Ernas Augen strahlten. Kinderaugen hätten nicht glücklicher strahlen können als die tränengebadeten Augen dieser leidgeprüften alten Frau. Danach half ihr Laura in ihr ungewohntes Bett. Sie deckte sie zu, tauchte ihren Zeigefinger in den Weihwasserkessel an der Wand und benetzte Ernas Stirn. Die alte Frau schien nun wie ein Kind, schloss die Augen und ließ den Kopf zur Seite fallen. Der Schlaf, dieser treuer Helfer alter Menschen, die sich im Leben nicht mehr zurecht finden, hatte sie übermannt und aus dem leidvollen Tag hinweggeführt. - - -
    Als Laura einige Stunden geschlafen hatte, wurde sie von einem lauten und aufdringlichen Schnarchen geweckt. Beschwerlich und rasselnd zog Erna die Luft ein, ließ danach pfeifend diese Luft wieder heraus, wurde für einige Sekunden ganz ruhig, so dass man befürchten musste, sie bekäme überhaupt keine Luft mehr, und sog dann plötzlich, wie mit einem lauten, nach innen gerichteten Husten, desto mehr Sauerstoff an. Dieser Vorgang wiederholte sich einige Male. Laura wälzte sich von einer zur andern Seite. Unmöglich konnte sie so wieder einschlafen. Unwillkürlich schnupperte sie. Die Luft schien seltsam verdickt. Das Zimmerfenster war geschlossen, wegen Ernas gesundheitlicher Empfindlichkeit. Sofort hatte Laura die Sachlage erfasst. Sie knipste ihre Leselampe an, die ein schummeriges Licht verbreitete. Unter dem Bett der alten Frau befand sich die Bettpfanne. Laura ekelte sich. Was sollte sie nur tun? Sie erhob sich, schlüpfte in die Hausschuhe, öffnete vorsichtig die Zimmertür und spähte im Gang nach der Nachtschwester. In diesem Heim musste doch jemand in der Nacht ansprechbar sein? Es hieß doch "Betreutes Wohnen"! Sie ging den Gang entlang, er war schwach beleuchtet. Vorne in der Station war hinter dem Schiebefenster niemand auszumachen. Die Wache war also unbesetzt. Laura ging ins Zimmer zurück. Als sie wieder eintrat, lag Frau Adomeit wach in ihren Kissen. Sie blickte wirr um sich und rief mit halblauter Stimme immer wieder nach ihrem Mann. "Johannes, komm, hilf mir."
    Laura trat zu ihr ans Bett. Im weißen Schränkchen hatte sie einige weiße Papiertücher entdeckt.
    "Sie sind hier im Heim, Frau Adomeit. Komm, Muttchen, ich helfe dir." Sie fasste sich ein Herz, schob die Decke etwas zurück, hob den dürren Körper der Frau sachte an und reinigte ihn, so gut es ging, mit den Tüchern, ebenso das Bett. Es roch übel. Anschließend schob sie die Bettpfanne der alten Frau unter den Po. Wiederum schien diese zum kleinen Mädchen geworden zu sein. Folgsam verrichtete sie ihr Geschäft und Laura leerte die Pfanne auf der Toilette. Dann pflegte und säuberte sie Erna Adomeit, so gut sie konnte, legte ihr ein Handtuch unter und deckte sie wieder zu.
    "So, jetzt schlafen wir weiter, Muttchen."
    Und bald darauf war Frau Adomeit wieder fest eingeschlafen. Beide, Laura wie Erna, versanken in einen tiefen und traumlosen Schlaf. Erst die Sonnenstrahlen, welche durchs Fenster drangen und Erna zum Niesen brachten, weckten die beiden Schläferinnen.

  4. #4
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    Auf der Straße

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    4. Kapitel von "Lauras Flucht"



    Am anderen Tag fand sich Laura wieder auf der Straße. Was war geschehen?
    Sie hatte, kurz nach dem Aufwachen von Frau Adomeit, die Heimleitung aufgesucht und die Ereignisse der Nacht geschildert, auch keinen Hehl daraus gemacht, dass sie, die 16jährige Laura, es unmöglich finde, dass sich in der Nacht niemand für diesen Stock des Heims verantwortlich fühle. Der Heimleiter, ein noch jüngerer Mann mit aalglatter Gesichtshaut, kniff die Augen zusammen, rümpfte die Nase und antwortete ausweichend. Schließlich stellte sich heraus, oder Laura schien aus den Worten dieses Mannes herauszuhören, dass er etwas verbergen wollte. Vermutlich hatte die Schwester, welche auf der Station Wache schieben sollte, sich zu den fraglichen Nachtstunden heimlich mit ihm getroffen. Laura fühlte, dass unter der Decke der Verschwiegenheit allerlei faule Dinge vertuscht werden sollten.
    "Sie müssen sowieso noch dieses Formular ausfüllen, wenn Sie noch länger hier bleiben wollen." Der Heimleiter sprach nun amtlich mit ihr.
    "Eigentlich könnten wir Sie gut brauchen, sie haben das mit der alten Dame vorzüglich gemacht. Aber ohne Personalien - ich glaube, Sie verstehen."
    Nun erklärte Laura knapp ihre Situation und betonte, dass sie unter keinen Umständen zu ihren Eltern zurückwolle.
    Der Heimleiter zog die Stirn in Falten.
    "Ihre Eltern haben aber das Sorgerecht, und Sie sind erst 16. Da können Sie nicht so ohne weiteres von zu Hause weggehen. Ich meine, ohne die Einwilligung Ihrer Eltern, ohne deren Erlaubnis."
    Laura bäumte sich auf. "Ich kann aber nicht zurück. Meine Mutter ist depressiv und mein Vater trinkt. In dieser Umgebung geh ich ein."
    "Dann, ja dann - der Heimleiter dehnte seine Worte, als ob er selbst nach einer Lösung suchen würde - dann müssen wir das Jugendamt verständigen. Sie werden dann vermutlich einer anderen Familie zugewiesen, der die Erziehungsaufgabe übertragen wird."
    Laura sprang auf und rannte, so schnell sie konnte, aus dem Büro des Heimleiters in das Zimmer der alten Frau zurück, bei der sie die Nacht verbracht hatte.
    "Ich muss fort. Die wollen mich zu meinen Eltern bringen oder woanders hinstecken."
    Ihre Stimme muss sehr verzweifelt geklungen haben, ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet, sie atmete kurz und stoßweise. Auch Frau Adomeit war ganz ergriffen. Ihr Kinn zitterte vor Aufregung. Darauf wies sie mit ihren knöchernen Fingern auf die Kommodschublade.
    "Da, mach auf. Ich möchte dir was geben."
    Laura tat, wie ihr geheißen. In der Schublade lag ein verschlossener Umschlag mit der Aufschrift "für Notfälle".
    "Da, nimm, du kannst es besser brauchen als ich. Bei mir spielt es keine Rolle mehr, ob ich Geld habe oder nicht. Das Sozialamt schöpft doch den ganzen Rahm ab. Und hinauswerfen können sie mich nicht."
    Laura war ergriffen. Sie ahnte, dass der Umschlag Geld enthielt, vielleicht viel Geld. Sie sank vor Frau Adomeit auf die Knie, umschlang mit beiden Armen ihre Beine und vergrub das Gesicht in ihrem Schoß.
    "Sie sind eine gute Frau. Wäre doch meine Mutter wie Sie. Ich versprech Ihnen, ich komme zurück und schau nach Ihnen."
    Frau Adomeit spürte Tränen in ihren Augen, sie streichelte Lauras Haare und sagte dann, mit brüchiger Stimme.
    "Schon gut, mein Kleines. Nun geh, bevor man dich sucht. Du machst deinen Weg."
    Laura schnappte ihren Rucksack, stopfte ihre Habseligkeiten hinein und verbarg den kostbaren Umschlag in der Innentasche ihres Anoraks. Danach verließ sie eilig das Zimmer der alten Frau.
    "Und vergiss nicht, Muttchen, dein Mann spielt nun Orgel beim lieben Gott."
    Frau Adomeit nickte leise, ihre Stimme versagte, aber sie hob ihre alte Hand zu schwachem Winken.
    So schnell sie die Beine trugen, rannte Laura aus dem Heim, durch die Gänge, über die Treppen, durch die Eingangshalle, an dem Rezeptionsschalter vorbei und kein Mensch beachtete sie. Ungehindert gelangte sie ins Freie. Kurz wandte sie sich zurück, als müsse sie sich vergewissern, dass ihr niemand nacheile und sie einzuholen versuche. Sie war auf der Flucht, vor dem Gesetz, ihrer Familie, ihrer Herkunft, ihrer Vergangenheit. Obwohl außer Atem, rannte sie noch ein ganzes Stück weiter, die Straße entlang, bis sie in die nächste Kreuzung einbiegen konnte und aus der Sichtweite des Altenheims gelangte.
    Nun schöpfte sie erst einmal Atem, genoss die Freiheit, die frische Luft, die leichte Brise, die ihr von Westen entgegenwehte und vielleicht Regenwolken ankündigte. In den Kastanienbäumen, welche die Straße säumten, sangen einige Amseln ihre launigen Lieder. Es herrschte hier, in der Vorstadtstraße, nur wenig Verkehr. Ab und zu strebte eine Hausfrau mit ihrer Einkaufstasche der Wohnung zu.
    Laura war so wohl. Einer großen Gefahr schien sie entronnen. Obwohl sie überhaupt nicht wusste, wo sie nun hingehen sollte, sog sie die frische Luft in kräftigen Zügen ein, als sei sie der Atem ihrer Zukunft. Sie setzte sich auf eine Parkbank und zog den Umschlag aus dem Anorak. Sie wollte nun doch wissen, wie viel darin war. Als sie ihn öffnete, erschrak sie: 500 Euro kamen heraus, in einem großen Schein, der größten Banknote, die es nach der neu eingeführten Währung überhaupt gab. Laura rannen Tränen der Dankbarkeit über die Wangen. So gut war die alte Frau zu ihr gewesen! Und zugleich fühlte sie ein tiefes, warmes Mitleiden mit der alten, gebrechlichen und hilflosen Frau, die nun ganz der Obhut von fremden Menschen ausgeliefert war. Laura empfand ein unbeschreibliches Sicherheitsgefühl, als sei sie nun gewappnet gegen alle Fährnisse der Zukunft. Mit diesem Geld würde sie lange Zeit gut leben können. Und dann würde sie irgendeine Arbeit finden, um sich weiter über Wasser zu halten. Eines schien ihr sicher. Nach Hause würde sie aus freien Stücken nicht mehr zurückgehen, zumindest nicht in nächster Zeit.
    Sie stand von der Parkbank auf und ging weiter, die Straße entlang, aus der kleinen Stadt hinaus, die sie ihre Vaterstadt nannte, und befand sich alsbald auf freiem, offenem Feld. Obwohl noch recht früh am Morgen, war die Sonne doch schon hoch aufgegangen und überstrahlte mit ihrem gleißenden Licht die ganze Welt, ließ die Tautropfen funkeln, als wären es Edelsteine, und brachte das Grün der Wiesen zu hellem Leuchten. Laura fühlte sich so recht als ein Teil der Welt. Ihre Füße, die mit jedem Schritt ihre eigene Erde berührten, schienen ihr wie die zarten Beinchen eines Insekts, das sich wohlig in der Sonne tummelte. Am liebsten hätte sie sich auf die Wiese gelegt und in dem Morgenlicht gebadet, so wie sich die Eidechse im heißen Sande aalt und das Leben genießt.
    Ein Lkw-Fahrer hatte sie mitgenommen. Sie musste nicht einmal die Hand heben, von selbst hatte er angehalten und gefragt, ob sie mitwolle. Laura war so sehr vom Gefühl des Zukunftsvertrauens überflutet, dass sie keinerlei Angst noch Vorsicht empfand, sondern schnurstracks in den Wagen einstieg und im Führerhaus neben Klaus, so hieß der Fahrer, Platz nahm.
    "Na, Kind, wo geht's denn hin."
    "Bin schon sechzehn, kein Kind mehr."
    "Ach, siehst aber älter aus."
    "Das ist gut so. Wo ich hinwill, kann ich noch nicht sagen. Ich habe gerade Ferien und will ein wenig unsere nähere Gegend kennen lernen."
    Sofort spürte sie, wie schlecht sie gelogen hatte. Klaus sah sie von der Seite etwas misstrauisch an, stellte aber keine weiteren Fragen. Nach etwa 30 Kilometern setzte er sie in der Kreisstadt ab.
    "Hör zu, du musst etwas vorsichtiger sein. Die Welt ist gefährlich. Ich sag dir's, weil ich auch eine Tochter habe, die so alt ist wie du. Sieht dir übrigens ähnlich. Beinah wär sie neulich vergewaltigt worden."
    Laura blickte erschrocken auf. Klaus schluckte mehrmals.
    "Sie hat noch einmal Glück gehabt. Sie konnte gerade aus dem Führerhaus springen."
    "Schönen Dank auch, für alles."
    Laura reichte Klaus die Hand, sah ihm sekundenlang in die Augen.
    "Ihnen würd ich vertrauen." Dann wandte sie sich schnell ab und verließ das Führerhaus. Wenn nur ihr Vater so wäre, dachte sie.
    Geändert von Dr. Üppig (25.08.2013 um 18:46 Uhr)

  5. #5
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    Im Gasthof

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    5. Kapitel zu "Lauras Flucht"


    Laura hatte den Lkw verlassen, sah ihm eine kleine Weile nach, mit träumerischem Blick, dann schlug sie einen Fußweg ein, der sich zufällig vor ihr öffnete und in den nächsten Ort führte. Lange war sie so gegangen, es mochten wohl zwei oder drei Stunden gewesen sein, da verspürte sie mit der Zeit einen kräftigen Hunger, ein Ziehen in der Magengegend, wie gesunde junge Menschen es ganz stark empfinden, wenn der Körper sein Recht fordert. Laura machte sich darüber keine Sorgen, sie war ja reich, sie trug den Umschlag über ihrem Herzen, in dem der hohe Geldschein knisterte. Ganz sachte knisterte er, wenn sie sich beim Gehen bewegte.
    Im Dorf ging sie ins nächstbeste Gasthaus, um sich zu stärken. "Zum Anker" hieß das Gasthaus, und der Name schien auf ihre Lebenslage zu passen. Suchte nicht auch sie einen Ort, wo sie sich neu verankern konnte? Es war so schwer, sich in der unendlichen Freiheit zurechtzufinden. Eine solche Freiheit kam ihr nun vor wie ein unergründliches Meer.
    Der Wirt, ein großer blonder Mann mittleren Alters, stämmig, mit feistem Gesicht, aus dem zusammengekniffene Augen misstrauisch blickten, trat an ihren Tisch heran.
    "Was wünscht das Mädel?"
    "Etwas zu essen. Ich schiebe Kohldampf."
    "Bitte, hier die Speisekarte."
    Er reichte ihr die Karte und ließ unauffällige Blicke an ihrer Gestalt hinauf- und hinunterwandern. Laura fühlte sich taxiert. Ihr war unbehaglich zumute.
    "Schnitzel und Salat, bitte. Und ein Cola."
    "Sehr wohl, Fräulein." Aus der Stimme des Wirtes klang leise Ironie. Heißhungrig machte sich Laura ein wenig später über die aufgetragenen Speisen her. Schon beim Essen spürte sie, wie ihr Fleisch und Salat, Kartoffelscheiben und Gurken, neue innere Kraft gaben. Hastig trank sie das Cola, und bestellte sich ein zweites. Geld hatte sie ja. Auf ihrem Herzen knisterte der 500-Euro-Schein.
    "Bezahlen!"
    "Sehr wohl. 12.Euro 80."
    Laura holte, ohne mit der Wimper zu zucken, ihren Umschlag heraus und präsentierte dem Wirt die hohe Banknote. Beim Anblick dieses hochwertigen Papiers weiteten sich seine Augen, er runzelte die Stirn, seine Lippen vollführten eine lüsterne Bewegung. Alles an ihm war Gier. Vermutlich arbeitete es hinter seiner Stirn fieberhaft.
    "Ja", sagte er, "das ist nun so." und er dehnte seine Worte, als würde es ihm schwer fallen, sie über seine Lippen zu bringen. "das ist ja wohl ein hoher Schein. Viel Geld für so ein kleines Mädchen."
    "Ja und?" erwiderte Laura "ziehen Sie die Summe ab und wechseln Sie."
    Der Wirt griff nach dem Schein und sagte "Da muss ich erst zur Kasse und Wechselgeld holen." Plötzlich fühlte Laura Angst in sich aufsteigen. Würde er mit dem Geld auch wieder zurückkommen?
    "Können Sie mir nicht den Schein hier lassen? Bis jetzt gehört er noch mir."
    "Gewiss!" Der Wirt drückte den Schein wieder vor Lauras Teller auf die Tischplatte, vorsichtig, als sei er historisch bedeutsame Urkunde.
    Dann verschwand er hinter der Theke. Laura hörte, wie er sich am Telefon zu schaffen machte, eine Nummer eintippte und halblaut in den Hörer hineinsprach, doch noch so deutlich, dass sie es von ihrem Platz aus gut verstehen konnte.
    "Ja, Sie hören recht, eine 500-Euro-Note. Etwa 15 Jahre scheint das Mädchen - ja, blaue Jeans, Anorak, dunkelblondes Haar, spricht mit schwäbischem Akzent - festhalten, ja gut."
    Danach kam der Wirt wieder zurück.
    "Liebes Fräulein. Wir haben Anlass anzunehmen, dass dieses Geld nicht ehrlich erworben ist. Wo haben Sie es denn her?"
    Laura fühlte Zornesröte im Gesicht.
    "Wie kommen Sie darauf? Geschenkt habe ich es bekommen. Von einer alten Frau im Wohnheim. Heute morgen. Sie können ja nachfragen."
    "So so, Wohnheim, alte Frau, heute morgen. Nun..." sagte der Wirt und dehnte die Worte bedächtig, "die Polizei ist der Meinung, dass dieses Geld aus dem Bankdiebstahl stammen könnte, der vor einigen Tagen hier verübt wurde. Festhalten soll ich Sie, bis die Streife hier vorbeikommt und den Fall untersucht."
    "Das ist ja die Höhe!" entrang es sich aus Lauras Mund, ihre Brust bebte vor Erregung. "Rufen Sie sofort im Altenwohnheim an."
    "Wohl, wohl," sagte der Wirt, ein leichtes Grinsen spielte um seine Lippen, "das könnten wir schon tun. Vermutlich ist die Heimleitung begierig zu erfahren, wohin die alten Leute in ihrem Leichtsinn ihr Erspartes verschenken."
    "Wieso?", Laura schaute erschrocken.
    "Nun, --- alte Leute wohnen auf Kosten des Staates in Heimen. Das Sozialamt - ach, du weißt ja vermutlich gar nicht, wie das so zugeht. Also, kurzum, Schenkungen in großer Höhe sind nichtig, wenn das Geld vom Sozialamt beansprucht wird. Du müsstest es also, streng genommen, zurückgeben."
    "Aber, das darf doch nicht sein." Lauras Augen waren aufgerissen. "Frau Adomeit ist doch mündig und selbstständig. Sie kann doch mit dem, was sie hat, tun und lassen, was sie will."
    Der Wirt schwieg eine Weile, dann bekamen seine Augen einen melancholischen, wehleidigen Ausdruck.
    "Weißt du, mit den alten Menschen ist das so eine Sache. Mündig sind sie wohl, so lange man von Amts wegen nicht das Gegenteil behauptet. Aber oft sind sie schwach, schläfrig und auch vergesslich. Manchmal können sie sich überhaupt nicht mehr an das erinnern, was sie Tags zuvor gesagt haben. Das ist leider so bei alten Menschen. Bei den meisten jedenfalls."
    Wie von einem bösartigen Insekt gestochen, fuhr Laura plötzlich in die Höhe, schnappte ihren Anorak mit einer Hand, mit der andern den Geldschein und wollte zur Tür stürzen. Doch mit einer Behändigkeit, die man die Wirt keineswegs zugetraut hatte, war er aufgesprungen und stellte sich Laura breitbeinig in den Weg.
    "Nein, mein Mädchen, so geht das nicht. Hier bleiben musst du schon, bis die Polizei alles geklärt hat. Die kommt nämlich in wenigen Minuten. Ja, und dann wird sie an dich Fragen stellen. Unangenehme Fragen."
    Laura wollte unter den Achseln des Wirtes hindurchschlüpfen, doch dieser packte sie mit starker Faust am Arm, so dass sie vor Schmerz aufschrie.
    "Hier geblieben, kleine Göre. So kommst du nicht davon!"
    Laura zitterte unter seinem starken Griff. Sie wollte sich ihm entwinden, doch fest wie Eisen klammerte sich die Faust des großen Mannes um ihren Mädchenarm. Da schlug plötzlich ihr ganzes Elend über ihr zusammen, so dass sie zu weinen anfing. In ihrer Not und Ausweglosigkeit warf sie sich an die Brust des Mannes, der sie zugleich mit brutaler Kraft festhielt. Wie ein graues Meer überflutete sie die ganze Verzweiflung ihrer eigenen Lebenslage. Das Elternhaus war ihr verschlossen, dahin konnte und wollte sie nicht zurück. Und wohin sie gehen und wovon sie leben sollte, war ihr auch nicht klar. In einem plötzlich aufwallenden Kleinmädchentrotz hatte sie sich auf eine unsichere Zukunft eingelassen, wie ein Kind sich in tiefes Wasser stürzt, obwohl es überhaupt noch nicht schwimmen kann. Sie fühlte, dass dieser Mann über sie Macht hatte, obwohl sie nicht beurteilen konnte, was an seinen drohenden Worten Wahres dran war. Ach, ihr wurde nun bewusst, wie wenig Ahnung sie vom Leben hatte und von den vielen Gesetzen, die in diesem Leben herrschten. Ja, auch sie konnte nicht schwimmen, geschweige denn sich freischwimmen, auch sie war abhängig von Menschen, die ihr helfen wollten, und seien es auch die bösartigsten, undurchsichtigsten, unzuverlässigsten Menschen. Tränen rannen ihr über die Wangen und nässten das karierte Baumwollhemd des Wirts. Dieser fühlte nun doch etwas Mitleid und lockerte seinen harten Griff.
    "Na, Mädchen, nur nicht verzweifeln. Vielleicht kann ich dir helfen. Wir wollen gemeinsam nachdenken."
    Dann führte er Laura wieder an den Tisch zurück und drückte sie sanft auf den Stuhl nieder.
    "Aber schön hier bleiben. Nicht mehr davonrennen. Sonst werde ich echt böse."
    Laura nickte stumm, immer noch schniefend.
    "Am besten ist es, du versteckst dich bei mir, bis über den Bankraub Gras gewachsen ist. Das viele Geld bewahre ich für dich auf. Später, wenn die Luft rein ist, kannst du es wieder haben. Einverstanden?" Nun blickten die Augen des Wirts geradezu treuherzig, sogar ein Schuss Humor schien in ihnen zu zwinkern. Wieder nickte Laura stumm. Langsam waren ihre Tränen zum Stillstand gekommen.
    "Aber die Polizei wird doch gleich hier sein."
    "Das lass mal meine Sorge sein. Aber jetzt versteck dich schnell. Sonst wirst du tatsächlich noch verhaftet."
    Der Wirt hatte die 500Euro-Note eingesackt und führte Laura in eine Abstellkammer, die man durch einen dunklen Gang erreichte, von dem links und rechts Herren- und Damentoiletten abzweigten. Es roch etwas streng.
    In der Abstellkammer befand sich einiges Gerümpel, alte Jutesäcke, Pappschachteln, leere, übereinander gestapelte Getränkekisten und auf Regalen Einmachgläser und Dosen. Eine alte Liege stand direkt unter einem kleinen Fenster, das so eng war, dass selbst der schlankste Mensch sich nicht hätte durchzwängen können.
    "So, da bleibst du jetzt, bis ich dich rufe. Eine Decke bringe ich dir vorbei. Wo die Toiletten sind, hast du gesehen. Doch vorerst rührst du dich nicht von der Stelle. In deinem eigenen Interesse."
    Nun hatte der Wirt wieder einen scharfen Ton angenommen und sie streng angesehen. Als er die Tür hinter sich zugezogen hatte, begann sie zuerst einmal durchzuatmen. Nie hätte sie gedacht, wie gut gerade auch in der Not und Ausweglosigkeit die Einsamkeit tun kann. Sie schärfte ihre Sinne, um zu hören, was im Gastraum vor sich ging. Aber mehrere Türen waren dazwischen. Sie würde kaum etwas vernehmen. Und doch war ihr, nach einiger Zeit, als hätte sie polternde Schritte und Stimmengewirr gehört. War das die Polizei? Würde sie das Haus durchsuchen? Sie zitterte vor Angst. Wieder lauschte sie angestrengt. Doch nun war wieder alles still. Plötzlich entrang sich ihr ein Schrei. Eine Maus war direkt vor ihren Füßen über den Boden gehuscht, wie ein grauer Blitz vor ihr vorübergefegt und unter dem Regal mit den Einmachgläsern verschwunden. Sie fühlte plötzlich einen kellerkalten Luftzug, wie Moderduft, und sehnte sich ins Freie. Ach, würde doch der Wirt wieder kommen!
    Nach einiger Zeit, es schienen ihr Stunden, näherten sich von außen Schritte. Tatsächlich stand der Wirt in der Tür. Er lächelte freundlich.
    "Alles überstanden, Laura, so heißt du doch? Du kannst jetzt wieder herauskommen. Ich hab den Beamten gesagt, du seiest mir entwischt. Haben mächtig mit mir geschimpft. Vor allem der ehrgeizige Oberwachtmeister Maier. Wie man so nachlässig sein könne, meinte er. Und, es würde ein Nachspiel haben, für mich, Fahrlässigkeit und so weiter. Aber den Typ kenn ich, von ihm hab ich nichts zu befürchten."
    Laura verließ erleichtert diese Rumpelkammer mit Maus und Modergeruch und folgte dem Wirt in den Gastraum.
    "So, für's erste wäre jetzt ja mal für dich gesorgt. Natürlich musst du mir ein wenig zur Hand gehen, in der Küche zum Beispiel. Und vielleicht kannst du dich auch sonst noch nützlich machen."
    Einige begehrliche Blicke aus seinen grünen Augen umspielten die Glieder einer Laura, die sich nun wieder sehr unbehaglich fühlte. Aber was blieb ihr anderes übrig, als auf das Angebot einzugehen?
    Und so wurde ihr für diesen Nachmittag und Abend Küchenarbeit zugewiesen, Salat putzen, Kartoffel schälen, schmutziges Geschirr in den Spüler einräumen und vieles andere mehr. Im Gasthof herrschte Hochbetrieb. Alle Tische waren voll besetzt von Verzehrgästen, die alle bedient sein wollten. Rauchschwaden drangen vom Gastraum in die Küche. Der Wirt lief zur Hochform auf. Das Serviermädchen in weißer Schürze, ein hübsches Mädchen wie aus einem Modekatalog, huschte hin und her und balancierte gleichzeitig mehrere randvoll gefüllte Teller zu den Tischen. Die Wirtin, eine korpulente Frau mit resoluter Stimme, kommandierte in der Küche umher und ließ kein gutes Haar an Laura, deren Ungeschicklichkeit, wie sie meinte, bislang noch von niemand erreicht worden sei. Vor Aufregung schnitt sich Laura beim Kartoffelschälen mehrmals fast in die Finger. Alles musste so schnell gehen. Und sie selbst fühlte in ihrem Magen gähnende Leere. Wann sie etwas zu essen bekomme? Fast hätte ihr die Wirtin auf den Mund gehauen. Sie werde es wohl noch erwarten können. Zuerst solle sie sich einmal nützlich machen. Erst gegen Mitternacht ließ der Betrieb etwas nach. Todmüde hockte Laura auf dem Küchenhocker, ihrem Arbeitsplatz. Jetzt erst wurde ihr eine Schüssel zugeschoben, in dem eine Bodendecke Wurstsalat klebte. Einige Gläser, die von den Gästen nicht ausgetrunken worden waren, standen um sie herum. Das war ihre Abendmahlzeit. Laura stopfte in sich hinein, was sie an Resten vorfand. Dann wurde sie aus der Küche entlassen. In ihrer Kammer fiel sie todmüde auf die Liege. Auf Mäuse und Spinnen achtete sie nun nicht mehr.
    Geändert von Dr. Üppig (25.08.2013 um 18:47 Uhr)

  6. #6
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    Endlich frei

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    6. Kapitel zu "Lauras Flucht"

    Die Tage im Gasthof vertropften langsam wie altes, abgestandenes, zähflüssiges Motorenöl und sammelten sich zu einer schmierigen, farbig glänzenden Erinnerungspfütze. Laura nahm mit der Zeit den Geruch der Abstellkammer an, in der sie schlief, auch die abgestandenen Düfte der Gaststube, der Küche, der Speisekammer prägten sich in ihrer Kleidung ein. Was sich aber in ihr selbst daneben ausbildete, war die scharfe Beobachtungsgabe eines von Feinden gehetzten Wildes, das ums Überleben kämpft und sich nur durch Fluchtreaktionen in verschiedensten Richtungen am Leben halten kann. So beobachtete sie ständig, beim Kartoffelschälen, beim Geschirreinräumen, beim Herbeischaffen von Nahrungsmitteln, das Verhalten der Wirtsfrau, dieser korpulenten Dame, und des stämmigen Gastwirts, dessen pures Macho-Gehabe ihr immer offensichtlicher wurde. Sie wurde hellhörig für die feinen Untertöne in den Wortwechseln zwischen Tresen und Küche.
    "Der Schweinebraten hat auch schon besser ausgesehen."
    "Ist ja auch nur für die Schweine am Stammtisch gebraten."
    "Halt's Maul und mach den Nachtisch ein bisschen liebevoller."
    "Ja, liebevoller! Wo hernehmen, wenn nicht stehlen?"
    So konnte es zwischen Wirt und Wirtin hin- und hergehen. Laura saß meist am Küchentisch und war mit ihrer Fronarbeit beschäftigt. Die Haut an ihren Fingerkuppen war inzwischen rissig geworden und gerötet vom kalten Salzwasser. Schaffhände waren aus ihren zarten Mädchenhänden geworden, innerhalb weniger Tage und Wochen. Ihre Gesichtshaut wirkte eingefallen, um ihre Augen zogen sich tiefe Ränder, vom immer größer werdenden Schlafmangel, der wie Blei auf ihrer empfindsamen Psyche lastete. Denn eigentlich war sie ja noch ein Kind, wenig belastbar, und nun schon völlig auf sich allein gestellt, mit jeder Faser ihrer Existenz hoffend, bald aus dieser Rauch- und Trinkhölle herauszukommen. Mager war sie auch geworden. Man hielt sie kurz, das Essen bestand vorwiegend aus Abfällen, die man von den zurückgebrachten Speiseteller notdürftig zusammenscharrte. Ja, Laura lebte in einem Jammertal, rechtlos und freudlos. Aber ihr beobachtender Blick schärfte sich, auch alle ihre Sinne bekamen die Wahrnehmungsschärfe eines technisch hochsensiblen Seismographen.
    Schließlich ging es um ihr Geld, um ihre Freiheit. Und um diese zu erlangen, brauchte sie Geld, das wusste sie. Im Augenblick war sie mittellos, ihre Kleider begannen zu riechen, da sie keine Gelegenheit hatte, sie zu waschen. Und auch mit ihrer eigenen Körperpflege stand es nicht zum Besten. Laura schämte sich. Und doch konnte sie nichts dafür. Ihre einzige Waschgelegenheit war das Waschbecken in der Damentoilette. Was ihre fehlte, waren die vielen kleinen Utensilien der Körperpflege, die heranwachsende Mädchen täglich und selbstverständlich gebrauchen, um sich schön zu machen, für sich selbst, aber auch für die Jungen. Da ihr all diese Dinge in letzter Zeit abgingen, empfand sie bittere Scham, fühlte aber auch ihren Stolz, der sich in der tiefsten Demütigung umso kräftiger aufrichtete.
    Vor einigen Tagen war es zum Zusammenstoß mit dem Wirt gekommen. Todmüde war sie nach der Arbeit auf ihr Lager gesunken, da hörte sie, wie sich im Türschloss ein Schlüssel drehte. Blitzartig erkannte sie die Situation. Der Wirt stand vor ihr, sein Hemd war vorne geöffnet, schwarze Haare deckten pelzartig seine Brust, Schweißtropfen glänzten auf der Haut. Er roch nach Alkohol und Tabak.
    "Na, sei mal nicht so. Wollen sehen, was du sonst noch kannst."
    Sie war von dem Lager aufgesprungen und in kampfbereite Abwehrstellung gegangen. Seine mächtigen Arme umklammerten schon ihre zarten Schultern und mit seinem Körpergewicht wollte er sie auf das Lager zurückdrängen. Da versetzte sie ihm, mit ihrem rechten spitzen Knie einen solchen Schlag gegen seine Hoden, dass er, aufheulend wie ein getroffener Wolf, gegen die noch offenstehende Tür zurückfiel, deren Klinke ihn zusätzlich noch sehr unglücklich in die Kreuzwirbel traf. Wie ein waidwund getroffener Eber taumelte er durch den Gang und verschwand in der Herrentoilette. Das hatte sich vor einigen Tagen zugetragen. Seither war der Ton zwischen Laura und dem Wirt merklich unterkühlt, und sie musste mit weiteren Schikanen rechnen.
    An diesem Abend, es war Freitag, quollen kurz nach 22 Uhr um die 15 Männer laut redend in den Gastraum. Es waren die Sänger des Männergesangvereins "Concordia", die an diesem Abend immer ihre wöchentliche Probe hatten und danach ihre durstigen Kehlen beim Dämmerschoppen löschten. Sie waren schon in bester Laune. Scherzend und polternd nahmen sie den großen Tisch in Beschlag, der schon für sie hergerichtet worden war. Der Wirt begrüßte sie einzeln mit jovialen Worten und nahm sofort ihre Bestellung auf. Am Tresen stand Viola, das schmucke Serviermädchen, das, wie immer, nett und adrett herausgeputzt war, in schwarzem Röckchen, umgebundener weißer Schürze und enganliegender Hemdbluse. Aus ihren braunen Mandelaugen sprühte Unternehmungslust, feine Grübchen lagen in ihren Wangen, die mit dezentem Rot geschminkt waren. Ihre vollen und weichen Lippen waren zu einem leichten Schmollmund aufgeworfen. Die Herren, allesamt keine Kostverächter in Wein, Weib und Gesang, hatten schnell das Zielfernrohr ihrer Blicke auf sie eingestellt und kramten in ihrem Gedächtnis nach taufrischen zotigen Witzen, die sie danach mit durchschlagendem Erfolg zum Besten gaben.
    "Hör, Viola, heut legen wir einen schnellen Gang ein und schlagen zu. Wenn Wein und Bier durch Kehle rollt, ist Fortuna unsrer Kasse hold."
    Der Wirt war in bester Laune. Und um die Wirkung seiner Worte zu bekräftigen, schlug er mit seiner flachen Hand seinem Serviermädchen, das er irgendwie auch sonst als sein Eigen zu betrachten schien, auf eine der beiden Gesäßbacken, die sich unter dem engen Röckchen - vielleicht hatte sie nur einen Tanga an - herausfordernd vorwölbten. Ein wenig zu stark hatte er zugeschlagen, der Ton des Klatschens war sozusagen mit hoher Frequenz angereichert und flog mit hellem Klang vom Tresen zur Küche. In Violas Augen, die sich kurz erschrocken weiteten, lag weder Schmerz noch Empörung, vielmehr ein kicherndes augenzwinkerndes Einverständnis. Aber, und das war nun das Unerwartete, aus der Küche wurde dieser Ton von einem heftig aufschlagenden dumpfen Geräusch beantwortet. Die Wirtin, die eben am Tisch mit Salatputzen beschäftigt war, hatte vor Schreck kurz das Bewusstsein verloren und war mit ihrem Kopf hart und unsanft auf der Tischplatte aufgeschlagen.
    "Um Gottes Willen, was ist mit Ihnen?" schrie Laura, die unweit davon am Herd vor den Bratpfannen stand. Kurz danach kam die Wirtin wieder zu sich. Ihre geblähten Brüste bewegten sich in keuchender Erregung unter dem engen Mieder, ihre Augen waren rot angelaufen und ihrem Mund entrangen sich stoßartig kurze, abgerissene Worte:
    "Der Schuft, der - elende - Schuft."
    Laura, die in diesem Augenblick vergessen hatte, wie hart und lieblos diese Frau sie in den letzten Tagen behandelt hatte, war sofort an deren Seite gesprungen und hatte mit den Armen teilnahmsvoll ihre Schultern erfasst.
    "Geht's wieder? Ich hol Ihnen ein bisschen Melissengeist."
    Aus einem Küchenschrank holte sie das kleine Fläschchen, das sie sehr wohl kannte, weil sie es in den letzten Tagen immer wieder selbst benötigt hatte, wenn sie vor Entkräftung fast nicht mehr weiter arbeiten konnte. Sie betupfte die vor Schweiß nasse Stirn der Wirtin mit der heilenden Essenz. Dabei sah sie der Frau in die geröteten Augen. Sie ahnte, dass großes, unseliges Leid auf ihrer Seele lasten musste.
    "Gestern hab ich gesehen, es war kurz nach drei Uhr, wie diese Göre aus seinem Zimmer huschte. - Schon seit vielen Monaten schläft er allein. - Er stinkt nach Rauch und Tabak und schnarcht, dass sich die Balken biegen. - Und ich brauch die wenigen Stunden Schlaf, die mir bleiben." Seufzend war die Wirtin mit ihrem Gesicht wieder vornüber auf ihre Arme gesunken. Wie ein Häuflein Elend lag sie nun vor Laura am Tisch.
    "Seither geht das Mädchen bei ihm ein und aus. - Seit gestern hab ich den Beweis. - Ach, der Schuft."
    Laura sagte nichts, sie streichelte nur teilnahmsvoll die erhitzten Wangen der Wirtin.
    "Wie gut das tut! - Sag, warum bist du eigentlich hier?"
    Und nun erzählte Laura in knappen Worten die Sache mit dem Geld und der Polizei, und dass sie mittellos sei und sich nicht allein auf die Straße trauen dürfte, wegen des Bankraubs.
    Nun war es an der Wirtin erstaunt aufzuhorchen. Mehrmals schüttelte sie den Kopf. Schließlich sagte sie, mit entschiedener Stimme.
    "Nein, das darf nicht sein. Das nicht, das nicht. Ach, du armes Kind."
    Aus ihren Augen quollen Tränen und sie umschlang mit ihren muskulösen Bäuerinnenarmen Lauras grazile Gestalt.
    "Alles erstunken und erlogen. Weder war ein Bankraub im Ort, noch hat er die Polizei angerufen. Und heut noch bekommst du dein Geld, in kleinen verwendbaren Scheinen, und dann --- dann bist du frei."
    Als wäre eine neue Kraft in sie gefahren, durch die Möglichkeit der Rache und ausgleichenden Gerechtigkeit, stand sie auf, ging mit energischen Schritten aus der Küche und verschwand durch die Tür, auf der mit kleinem Schild "Privat" geschrieben stand. Kurze Zeit danach kam sie zurück, hielt in der Hand ein Bündel Euro-Scheine, Zwanziger, Zehner, Fünfer und auch zwei Fünfziger.
    "So, da steck ein. - Und jetzt richten wir dir noch ein kräftiges Lunchpaket mit Schinken, Salami, Käse und Eiern. Und morgen, noch bevor er zum Frühstück in den Gastraum kommt, bist du verschwunden."
    Als hätte ein Cherub zu ihr gesprochen, fühlte Laura die goldenen Pforten der Freiheit vor sich aufgestoßen. Behändig, wie sonst kaum, machte sie ihre Arbeiten und verschwand, nachdem die letzten Gäste gegangen waren, in ihrer Schlafkammer. Eine große Plastiktüte hatte die Wirtin gerichtet und ihr zugesteckt, geschickt im Verborgenen, so dass der Wirt nichts davon bemerken konnte. Laura brauchte keinen Wecker, um am Morgen gegen sechs aus den Federn zu kommen. In fiebriger Erregung konnte sie kaum schlafen. Auf leisen Sohlen schlich sie am frühen Morgen durch den Gang, nicht einmal zur Toilette ging sie, aus Angst, das Geräusch der Spülung könnte den Wirt wecken, dann drehte sie von innen sorgsam den Schlüssel herum und entwischte aus der großen Gasthoftür ins Freie.


  7. #7
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    Der Tag danach

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    7. Kapitel zu "Lauras Flucht"


    Nun stand sie im Freien. Der Morgen war noch nicht am Grauen, die Nacht hing mit ihrer Dunkelheit zwischen den Häusern. Kaum war irgendwo in der Ferne ein Fenster beleuchtet. Nur schemenhaft ahnte Laura die massigen Umrisse der Stadthäuser, die sich hier, in der Vorstadtstraße, dicht aneinander reihten. Die Straßenlaternen waren auf Sparflamme gestellt und verbreiteten nur ein ganz trübes und schwaches Licht. Noch einmal drehte sich Laura um, schaute auf das Gasthaus "Zum Anker" und fühlte, wie sie den eigenen Anker wieder gelichtet hatte. "Anker gelichtet", ja, so hieß jener zündende Marsch, der manchmal am Sonntagmorgen durch ihre elterliche Wohnung hallte, wenn der Vater aus dem Badezimmer kam, frisch rasiert, und beim Wunschkonzert den duftenden Kaffee in die Tassen goss. Am Sonntag war er immer der erste, die Mutter hing meistens noch in ihrem Bett herum und schlief, döste, träumte in den freien Sonntagmorgen hinein. Dann stand Laura immer auf, kam ins Esszimmer und wechselte mit Vater einige Worte. Eigentlich, dachte sie, war das auch eine schöne Zeit. Aber zugleich spürte sie wieder in der Nase den Alkoholgeruch, der ihrem Vater und dessen Kleidung anhaftete. Nein, sagte sie sich dann, nein, da gehst du nicht mehr hin.
    Es kam Fahrt in ihre Beine. Mit zügigen Schritten entfernte sie sich von dem Gasthaus, das ihr beinah zum Gefängnis geworden wäre, ja, noch schlimmer, zum Bordell. Jetzt erst kam ihr wieder zu Bewusstsein, dass sie um Haarbreite ihre Würde verloren hätte, ihre Würde als Mädchen, als Frau. Sie ging gerade an einem Schaukasten vorbei, er gehörte zu irgendeiner Organisation, vielleicht einer Gewerkschaft, die hier ihre Ankündigungen ausstellte. In dem Glas, von der Straßenlaterne schwach erhellt, spiegelte sich ihr Gesicht. Wohl waren grelle Ränder um ihre Augen, wohl wirkten ihre Wangen eingefallen, auch das Haar schien zerzaust und ungekämmt, doch ihre Augen blickten klar in ihrem Spiegelbild und schauten sie fordernd und forschend an. Ja, das bin ich, sagte sich Laura. Das bin ich, so bin ich geworden, so haben mich die letzten Tage geformt. Und so will ich weiter werden und mich entwickeln. Und niemand, kein Engel und kein Teufel, soll mich daran hindern.
    Sie ging und ging. Und beim Gehen spürte sie ihre Jugendkraft in den Beinen. Ach, dachte sie, ein Segen ist es, jung zu sein, eine große lange Zeit vor sich zu haben. Zu wissen, dass im eigenen Körper Kraft und Gesundheit ist, als unerschöpflicher Schatz. Dann kam sie an einer Aral-Tankstelle vorbei. Durch Zufall las sie eine Ankündigung auf der Zapfsäule. "Wir teilen der verehrten Kundschaft mit, dass wir uns aus Sicherheitsgründen außerstande sehen, 1000-DM-Scheine und 500-Euro-Scheine anzunehmen. Wir bitten um Ihr Verständnis." Ein bitteres Lächeln spielte um Lauras Lippen. Wie gut sie jetzt diese Mitteilung verstehen konnte! Gefährlich ist es, dachte sie, eigenen Reichtum zur Schau zu tragen. Schon an Geldscheinen kann der Makel des Verdachts kleben. Schnell schritt Laura an der Tankstelle vorbei, als müsse sie vor ihr fliehen. Da vorne war der Bahnhofs. Einige frühe Fahrgäste, meist Arbeiter, Pendler oder Ausflügler, tummelten sich vor dem Perron. Die großen runden Bogenfenster warfen das orangefarbene Licht der beleuchteten Fahrkartenschalter nach außen. Laura trat in die Wartehalle und steuerte auf den Schalter für Nahverkehr zu.
    - Eine Karte nach Konstanz bitte.
    - Sehr wohl. 14.5o Euro, bitte.
    - Hier, 20 Euro.
    Verwendbares Geld, dachte Laura, brauchbare Scheine, deren ehrbare Herkunft niemand mehr anzweifeln kann! Sie trat auf den Bahnsteig und sog in vollen Zügen die freie Luft in sich ein, die Morgenluft der unermesslichen Freiheit, jenes Gefühl, das den jungen Menschen erfüllt, wenn er dabei ist, in die große Welt aufzubrechen. Und wieder dachte sie an ihre Schulstunden, an Eichendorff und seinen Taugenichts, an seine Geige und sein singendes Gottvertrauen. Komisch, dass sie jetzt erst dieses Gefühl so richtig begreifen konnte. Erfahrungen, sagte sie sich, sind grundsätzlich nicht übertragbar. Man muss sie selbst machen.
    Nun betrat sie den Zug, setzte sich in ein Abteil, ganz allein. Ihren Anorak hängte sie am Haken beim Abteilfenster auf, den Rucksack legte sie auf die Gepäckablage. Schon war der Zug angefahren, als eine elegante junge Frau mit zwei Kindern ins Abteil kam. Die Kinder, Mädchen im Alter zwischen sieben und zehn Jahren, setzten sich neben sie hin und schauten neugierig und treuherzig zu ihr hinauf. Einen Platz weiter entfernt saß die Mutter. Irgendwie glaubte Laura am Verhalten der Mutter etwas Vorsichtiges, Abwartendes, ja Missbilligendes zu bemerken. Plötzlich erhob sich die Frau, schob die Abteiltür auf und sagte:
    - Wartet einen Moment, ich bin sofort wieder zurück.
    Dann ging sie hinaus, kam aber nach wenigen Sekunden zurück.
    - Dort drüben ist ein ganz leeres Abteil. Kommt, wir ziehen um.
    Die Kinder erhoben sich sofort, warfen dabei Laura einen seltsamen Blick zu, den diese nicht deuten konnte, und verließen hinter ihrer Mutter her, wie zwei Entenküken, das Abteil.
    Laura sah an sich hinunter. Freilich, besonders sauber sah sie nicht aus. Sie schnupperte aufmerksam und bedächtig die Luft ein, die ihr selbst, ihrer Kleidung, entströmte, und kam zu dem untrüglichen Ergebnis, dass man sie offensichtlich mied, wegen ihrer mangelnden Kleider- und Körperpflege. Da wurde ihr vor ihr selbst übel. Sie blickte im Zugfenster auf ihr eigenes Spiegelbild, ihre zerzauste Frisur und ihr eingefallenes Gesicht, aber auch auf ihre frischen und forschenden Augen. Nein, sagte sie sich, nach dem äußeren Anschein darf man Menschen nicht beurteilen. Aber du musst dich pflegen, sonst gehörst du zum Abschaum der Menschen. Und ich will nicht zum Abschaum gehören.
    Der Morgen graute schon, als sie in Konstanz dem Zug entstieg. Sie fragte sich durch nach einem Waschsalon und reinigte in einer der Münz-Waschmaschinen all ihre Wäsche, die sie nicht gerade am Körper trug. Aus dem Trockner kamen T-Shirt, Unterhemden, Höschen und die eine kurze Hose, die sie zum Wechseln mitgenommen hatte, glatt und wie gebügelt heraus. In der Toilette zog sie sich um und führte dann den zweiten Waschgang durch. Jetzt erst war für sie der neue Morgen angebrochen. Mit der Sauberkeit an ihr selbst schienen ihr all die Farben im pulsierenden Leben der Stadt reiner und freier. Mittlerweile hatten die meisten Geschäfte geöffnet. In einer Drogerie kaufte sie sich eine Seife, eine Hautcreme und ein kleines Fläschchen Parfum. Mit der Straßenbahn fuhr sie dann ins nächste Hallenbad. Dort schwamm sie eine Stunde lang ausgiebig und nahm sich dann in der Umkleide viel Zeit für ihre Körperpflege. Wie sie schließlich unter dem Fön stand und sich beim Haartrocknen im Spiegel betrachtete, war ihr, als habe sie gerade den Sprung von einer niederen zur nächsthöheren sozialen Schicht geschafft. Da fiel ihr wieder ein Gedicht ein, das sie vor nicht langer Zeit in der Schule behandelt hatten. Nur die Schlusszeile kam ihr in den Sinn, und auch von dieser nur die eine Hälfte. "O Stern und Blume, Geist und Kleid." Sie wusste nicht mehr, von wem das Gedicht stammte, aber den Sinn verstand sie plötzlich. Das Kleid war keineswegs unwichtig, war nicht unwesentlich, es war die sichtbare Hülle, die einen Menschen umgab und für ihn ein erstes Zeugnis ablegte. Sogar das durchlöcherte Gewand des Bettlers sah, über den Ofen gehängt, aus wie ein Sternenhimmel. "Stern und Blume, Geist und Kleid." Laura fühlte ein alles überflutendes Glück. Nie wären ihr, zu Hause, im Alkoholdunst des Wohnzimmers, unter der trüben Düsterkeit der mütterlichen Depression, solche Erkenntnisse gekommen. War sie denn nun nicht im Begriffe, sie selbst zu werden, da ihr solche Gedanken kamen, und sie diese Gedichte plötzlich so klar verstehen konnte? Sie trug ein wenig Hautcreme auf, sparsam. Sie wusste, ihre Barschaft war begrenzt. Ein wenig gönnte sie sich von dem Parfum und dann beroch sie sich selbst, schnupperte an ihren Achseln, an ihrer jungen Brust, und schien sich an ihrem eigenen Duft zu berauschen. Rasch hatte sie sich wieder in ihre vom Waschen frische Sachen gehüllt. Danach kaufte sie sich in einem großen Supermarkt ein neues hübsches T-Shirt und eine Cordhose. Die Preise waren heruntergesetzt, es war Sommerschlussverkauf. Von ihrer Barschaft blieben ihr, nach all den Auslagen, immerhin noch 324 Euro. Dann steckte sie alles in eine große Plastiktüte und deponierte ihre Garderobe in einem Schließfach des Bahnhofs. Nun erst war sie so richtig frei.
    Was sollte sie tun? Wo würde sie die nächste Nacht verbringen? Sie schaute auf eine große Brückenfigur aus rotem Stein, vielleicht Nepomuk oder Christophorus. Dann ging sie in eine Bäckerei und kaufte sich etwas zu essen.
    Ziellos schlenderte sie durch die Stadt und schaute die Auslagen der Geschäfte an. Sie war sich keineswegs sicher, wohin sie am Abend gehen sollte. Schließlich trat sie ins große Münster und schaute sich die Inneneinrichtung dieses großen Sakralbaus an. Dabei kam ihr ein Gedanke. In einem Beichtstuhl würde sie es sich für die Nacht bequem machen. Das müsste gehen. Es lagen mehrere kleine Teppiche in der Kirche herum, die sich weich und geschmeidig anfühlten. Diese würde sie sich um ihren schlanken Leib wickeln, und so würde sie, wie ein Pfarrer im mittleren Gehäuse des Beichtstuhles sitzend, die Nacht verbringen. Mit dieser rettenden Idee fühlte sie sich schon viel leichter. Doch sollte alles ganz anders kommen.
    - Bitte, hilf mir, bring mich zu Mami.
    Eine kleine weinerliche Stimme war von irgendwoher zu ihr gedrungen. Sie wandte sich zurück, schaute nach allen Seiten, konnte aber nicht ausfindig machen, woher diese Stimme kam.
    - Bitte, hilf mir.
    Schon wieder diese Stimme. Jetzt endlich sah sie das Kind. Es lag als kleines Bündel zusammengekauert hinter einer hölzernen Sitzbank der Uferpromenade. Das Mädchen hatte sein Gesicht in beide Kinderhändchen vergraben. Es schien in sich hineinzujammern. Laura trat näher zu dem Kind heran und entdeckte die blutenden Kratzspuren auf den Kinderhändchen.
    - Um Gottes Willen, wie siehst du denn aus!
    - Dort, das Kätzchen. Gestreichelt hab ich’s.
    Nun sah Laura die Katze, die ganz aufgeregt von einem Baum zum andern sprang und dabei die Tatzen ihrer Vorderpfoten in die Rinden schlug. Sie fauchte und kreischte, die Augen wie Kohlenfeuer. Als habe ein Heer von Hornissen das Tier gestochen, sprang es wieder in die Höhe, vollführte einen Riesensatz und wäre Laura beinah ins Gesicht gesprungen.
    Ein erster Blick genügte. Laura hatte Gewissheit. Tollwut! Wieder sah sie auf das Kind, dieses armselige Bündel Mensch. Ihr war klar, in welch riesengroßer Gefahr das Mädchen schwebte.
    - Aber wer bist du denn?
    - Bitte, hilf mir.
    - Woher kommst du?
    - Vom Kindergarten.
    Nun erst hatte das Kind sein Gesichtchen von den blutenden Händen freigemacht und einen ersten vorsichtigen Blick nach oben riskiert. Zwischen den verklebten Lidern blinzelten die beiden Augen zu Laura empor.
    - Wo ist dein Kindergarten?
    - Weiß nicht.
    Laura setzte sich auf die Parkbank und nahm das Kind auf den Schoß.
    - Aus welcher Richtung bist du gekommen?
    - Von da.
    Mit der Hand beschrieb das Mädchen einen weiten Bogen um sich herum, der alle Deutungen zuließ.
    Nun war Laura klar, dass sie aus dem Kind keinerlei verwertbare Auskunft herausbringen würde. Sie überlegte kurz und entschloss sich, mit dem Kind zur Einwohnerzentrale des Rathauses zu gehen und von dort aus alle Kindergärten der Stadt anrufen zu lassen. Da plötzlich eilte eine junge Frau auf sie zu.
    - Endlich hab ich dich gefunden, Bianca. Wo steckst du denn? Schon fast zwei Stunden habe ich nach dir gesucht. - - - Entschuldigung, sagte sie, sich Laura zuwendend, ich bin die Kindergärtnerin. Einen Lerngang habe ich gemacht mit meiner Gruppe. Das Kind ist mir abhanden gekommen.
    Laura reichte ihr das Mädchen und wies auf die blutenden Händchen.
    - Wir müssen den Arzt verständigen. Schauen Sie, die Katze dort, wie sie wütig hin und her springt. Da besteht Tollwutverdacht. Das Kind muss geimpft werden.
    - Ach, du mein Gott. Die Kindergärtnerin seufzte bedrückt. Zunächst bin ich heilfroh, dass ich das Mädchen wieder habe. Wissen Sie, ich hatte heute die ganze Gruppe allein. Meine Praktikantin ist ausgefallen. So ein Vorfall könnte mich die Stelle kosten.
    Das Mädchen hatte wieder zu weinen begonnen. Laura versuchte es zu trösten.
    - Sei nicht traurig. Man hat dich wieder gefunden. Da wird aber Mami froh sein.
    - Ich hab keine richtige Mami.
    - Wieso, du hast doch gesagt.
    - Meine richtige Mami liegt unter einem schweren Stein.
    Jetzt begriff Laura. Ein Stein, ein schwerer Stein. Was kann schwerer wiegen als der der frühe Tod der Mutter? Teilnahmsvoll wollte sie sich bei der Kindergärtnerin erkundigen. Doch diese sprach immer noch hastig weiter. Die Worte quollen nur so aus ihr heraus.
    - Ach Gott, bin ich froh. Sie können sich nicht vorstellen, was ich in den letzten zwei Stunden durchgemacht habe. Die letzten Ecken im Park hab ich abgesucht. Meine Nerven schleifen am Boden.
    Laura begleitete die junge Frau mit dem Mädchen zum Kindergarten, einem hellen modernen Gebäude in einer ruhigen Seitenstraße. In der Küche setzten sich beide zunächst einmal erschöpft nieder, das Mädchen kugelte bereits wieder vergnügt auf dem Plättchenboden herum.
    - Hier bin ich zuhause, rief es lachend. Hier ist es schöner als bei mir daheim.
    Die Miene der Kindergärtnerin hatte einen säuerlichen Ausdruck angenommen. Sie holte Verbandszeug und versorgte die Wunden des Kindes. Dann rief sie den Arzt an.
    - Wissen Sie, dass sie dem Kind wohl das Leben gerettet haben? --- und mir die Stellung?
    Laura nickte und schwieg eine Weile. Dann fasste sie sich ein Herz.
    - Kann ich bei Ihnen übernachten? Ich hab keine Bleibe und bin allein.
    Mehr wollte sie von sich nicht verraten.
    Die Kindergärtnerein musterte Laura mit durchdringendem Blick. Verschiedene Stimmen schienen in ihr miteinander zu kämpfen. Aber dann, wie nach einem inneren Ruck, antwortete sie mit fester Entschlossenheit.
    - Kommen Sie, ich will nicht fragen, wer Sie sind und woher Sie kommen. Aber dem Kind da hast du das Leben gerettet und mir die Stellung. Für die nächste Nacht bist du mein Gast.
    - Danke.
    Laura drückte der jungen Frau die Hand, ihre Blicke versanken mit warmem Gefühl tief ineinander. Der Arzt kam, ließ sich berichten, nickte ernst, und ordnete die fälligen Spritzen an. Darauf brachte die junge Frau, begleitet von einer glücklichen Laura, das Kind zur Mutter, genauer: zu der Frau, zu der es Mutter sagen musste.
    - Immer nur Sorgen mit diesem Balg!
    - Danken Sie Gott, dass das Kind lebt.
    Ein harter, verständnisloser Blick war die einzige Antwort.
    - Morgen vor 12 Uhr ist die erste Impfung fällig, gegen Tollwut.
    Der Zettel mit der ärztlichen Anordnung wurde der Frau ausgehändigt, die, nun doch etwas verunsichert, ihn entgegennahm.
    Es war bereits dunkel, als Laura in der kleinen Wohnung der Kindergärtnerin für diese Nacht eine Schlafstätte fand.




  8. #8
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    Bei Veronika

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    8. Kapitel zu "Lauras Flucht"


    Auf dem Sofa hatte ihr die Kindergärtnerin - Veronika hieß sie übrigens, Veronika Pahlke - ein notdürftiges Bett zurechtgemacht. Laura lag darauf, hatte ihre Beine angewinkelt, den Kopf zur Seite gelegt und versuchte zu schlafen. Die erregenden Erlebnisse der letzten Tage zogen an ihr vorüber, die Aufregungen im Gasthof, dann die großen flehenden Augen des Kindes im Park, der LKW-Fahrer und schließlich die alte Frau im Heim, von der sie nun nicht wusste, wie es ihr erging. Laura legte ihren Kopf in die Kissen und blinzelte in das schwache Licht der Leselampe. Diese hatte sie angelassen, denn ihr war nicht ganz geheuer in dieser fremden Wohnung. Irgendetwas wie ein Fluchtinstinkt hatte sich in der letzten Zeit so stark in ihr ausgebildet, dass er, wie eine selbsttätige Sirene, sich immer wieder warnend in ihre Gedanken einmischte. Könnte es nicht auch sein, dass mir auch hier, in dieser kuscheligen Einzimmerwohnung, Gefahr drohte? Was berechtigt mich, zu Veronika Vertrauen zu fassen? Freundlich ist sie wohl, dankbar, ja auch sehr erleichtert, weil ich ihr das Kind wieder zugeführt habe. Aber, was ist sie für ein Mensch, wie lebt sie, wovon lebt sie, auf welches Ziel lebt sie hin? Darf ich ihr vertrauen, darf ich überhaupt einem Menschen vertrauen? In Laura überschlugen sich die Gedanken und hinderten sie am Einschlafen.
    Wie war das doch? Ein seltsamer Geruch hatte sie beim Betreten der Wohnung überrascht. Es roch nach abgestandenen Sardinen.
    - Oh, entschuldige, die hab ich gestern ganz vergessen. Gleich werd ich sie wegräumen, sagte Veronika.
    - Aber bitte, das ist doch nicht schlimm.
    Laura war doch etwas konsterniert. Wie kann man vergessen, Fischabfälle zu beseitigen? Aber Veronika huschte eilig in der Küche vor ihr hin und her, öffnete das Fenster, wehte mit einem Handtuch mehrmals energisch durch die Luft und im Nu war der üble Geruch verjagt.
    - Komm, wir trinken etwas, sagte sie und zog Laura am Oberarm ins Wohnzimmer.
    - Da, setz dich.
    Laura setzte sich auf die Couch. Veronika füllte Gläser mit dunklem Wein, schwer rollten die Tropfen, als wären sie aus Blei. Wie sie die Gläser hoben und mit ihnen anstießen, gab es einen hellen Klang, der zitternd in der Luft zu stehen schien.
    - Auf unsere Freundschaft. Veronikas Augen strahlten.
    - Auf unsere Freundschaft.
    Laura versuchte, in den Toast einzustimmen, fühlte aber in sich eine warnende Stimme der Vorsicht. Dann fiel ihr Blick auf ein Bild in der Vitrine des kleinen Wohnzimmerbüffets. Es zeigte einen sympathischen jungen Mann mit ovalem Gesicht, weich geschwungenen Wangen, glatt abfallender, länglicher Nase, und sanften Augen, die eher weiblich als männlich schienen. Weich moduliertes, etwas lockiges Haar zog sich über die Stirn.
    - Wer ist das, wollte Laura wissen.
    Veronikas Augen verengten sich plötzlich, ihre Lider begannen zu flattern, auch ihre Lippen zitterten.
    - Mein Fred, mein Geliebter. Nie werd ich ihn vergessen. Ihn hab ich geliebt, unsterblich. Heiraten wollten wir, da stürzte er vom Himmel.
    - Vom Himmel. Um Gottes willen. Das musst du erzählen. Was ist passiert. Laura blickte erschrocken, ihre Augen waren weit aufgerissen.
    - Beim Gleitschirmfliegen ist er verunglückt. Vom Pfänder wollte er in die Tiefe segeln. Eine Bö muss ihn erfasst haben. Noch seh ich ihn, wie er ins Trudeln geriet, dann plötzlich senkrecht abstürzte und - - - ach, ich mag nicht daran denken - auf eine Tanne stürzte, so unglücklich, dass er sich dabei aufschlitzte.
    Mit beiden Händen hatte Veronika ihr Gesicht bedeckt. Sie heulte krampfhaft und stoßweise. Laura war zu ihr hinübergegangen, hatte sich neben sie gesetzt, ihren Arm schützend um sie gelegt. Veronika barg ihren Kopf an ihrer Brust.
    - Das tut gut. Die Nähe eines Menschen. Seit das passiert ist, bin ich manchmal so seltsam verwirrt. Es fällt mir schwer, an etwas Greifbares zu denken.
    - Verstehe dich wohl, sagte Laura, aber du hast doch einen Beruf, die vielen Kinder, die an dir hängen.
    Veronika hatte zu weinen aufgehört, doch blickten ihre Augen auf seltsam verwirrte Art ins Weite, als wäre sie gar nicht hier zugegen.
    - Wenn ich an Fred denke, dann wird mir immer, als wären die Kinder gar nicht da. Manchmal vergesse ich die wichtigsten Dinge.
    Veronika seufzte. Immer noch schaute sie ins Weite, dann plötzlich, als ob sie sich innerlich einen Stoß geben müsste, fuhr sie im Erzählen fort .
    - Weißt du, dass ich einmal vergessen hab, die Kinder wieder ihre Straßenschuhe anziehen zu lassen. Ich hab sie mit Hausschuhen springen lassen. Die Mütter waren entsetzt. Kannst du dir das vorstellen? Ich war einfach abwesend, hab nicht daran gedacht. Die ganze Zeit fühlte ich, wie mein toter Fred mich umarmte und wie er seine Zunge über meine Lippen kreisen ließ."
    Nun war Veronika so erregt, dass sie am ganzen Körper zitterte. Laura streichelte sie so zärtlich, wie sie nur konnte.
    - Es hagelte saftige Rügen. Erst von der Oberschwester. Unser Kindergarten ist kirchlich, musst du wissen. Die Schwester ist ein alter Drachen, runzliges Gesicht in weißer Schwesternhaube, kurze, nervöse und fahrige Bewegungen in schwarzer Ordenstracht. Noch höre ich sie. 'Kein Verlass ist auf Sie. Kein Verlass! Wo soll das hinführen, wenn man die wichtigsten Sachen vergisst.' Ich wollte mich entschuldigen, doch sie geiferte weiter. 'Ob ich mir vorstellen könnte, wie sie damals als Novizin geprüft worden sei. Holzscheite hätte sie in Körbe füllen müssen und auf den Speicher hoch tragen. Und oben habe eine andere Schwester das ganze Holz wieder herunter geworfen. Den ganzen Nachmittag über. Nur um unsern Gehorsam zu prüfen. Da lernten wir Zucht, kann ich dir sagen. O, ihr verwöhnten und verweichlichten Mädels!'
    Laura hatte zugehört und nickte bedächtig.
    - Ja, das ist schlimm. Aber man kann ja auch einmal etwas vergessen.
    - Auch der Pfarrer hat mich kommen lassen. Eigentlich mag ich ihn sehr. Er ist ein gütiger und würdiger Herr, der die Menschen im allgemeinen gut versteht und immer das rechte Wort findet. Was mich am meisten kränken würde, worüber ich dann auf mich selbst böse wäre, wenn ich mir sein Vertrauen verscherzte. Er schaute mich nur an, traurig und missbilligend, dann ergriff er mit beiden Händen meine Rechte und sagte 'Streng dich an, Mädchen. Man muss sich auf dich verlassen können.' Diese Worte brannten sich in mein Gewissen, sie waren schlimmer als die schärfste Rüge der Schwester. Und ich fühlte, dass mir die Entlassung drohen würde, wenn mir noch etwas Gravierendes passierte."
    Und so sprachen sie bis spät in die Nacht über Veronikas früheres Leben. Auch ein Fotoalbum wurde durchgeblättert. Feierlich, wie mit innerer Andacht, zeigte Veronika die Aufnahmen aus ihrer Kindheit, die Bilder ihrer Eltern - Geschwister hatte sie nicht. Als aber die Bilder mit Fred an die Reihe kamen, begann sie wieder mit den Händen nervös zu zittern, geriet beim Sprechen ins Stottern, und fiel in einen so schrecklichen Weinkrampf, dass Laura wiederum den Arm um sie legen musste und sie schließlich das Album zumachten. Mit leichtem Entsetzen bemerkte Laura auch, wie Veronika sich immer schneller aus der Rotweinflasche nachschenkte. Sie selbst hatte schon nach dem zweiten Glas genug, denn der Wein war voll und schwer und sie spürte ihn schon im Kopf. Aber Veronika war beim Trinken nicht zu bremsen. Fast schien es, als wolle sie ihren Seelenschmerz im Alkohol ersäufen.
    - Trink doch nicht soviel. Das ist keine Lösung.
    Da wurde Veronika plötzlich böse.
    - Was weißt denn du? Vermutlich hast du nie geliebt. Den liebsten Menschen verlieren, ist, als ob einer Pflanze mit brennender Schere alle Wurzeln abgeschnitten würden. Du kannst nicht mehr leben, verstehst du!!!
    Veronika war ins Schreien geraten. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Laura an. Erst, als diese in völliger Ratlosigkeit das Thema wechselte, auf die Zimmerblumen deutete - "Der Christusdorn gefällt mir gut." - erst da beruhigte sich Veronika langsam und sprach etwas leiser und gedämpfter weiter.
    - Entschuldige. Manchmal überkommt es mich. Dann kann ich nicht anders. Bin immer so erregt. Entschuldige.
    Wie sie sich vom Sofa erhoben, schwankte Veronika leicht. Man sah ihr an, dass sie vom Alkohol leicht beschwert war. Endlich legten sie sich schlafen. Doch lange, sehr lange, dachte Laura an das Gespräch zurück, bevor ihr dann vor Müdigkeit die Augen zufielen.
    Am andern Tag gingen sie zusammen zur Arbeit in den Kindergarten. Veronika hatte gern Lauras Angebot angenommen, für die kranke Hilfskraft einzuspringen und ein wenig auf die Kinder aufzupassen, wenn sie selbst von einer Gruppe zur andern ging. Eigentlich war es vermutlich gar nicht gestattet, eine unausgebildete fremde Kraft in den Kindergarten hereinzulassen. Das war beiden wohl klar. Aber Laura war ja frei und wusste nicht wohin. Und so wollte sie sich bei Veronika für Kost und Logis erkenntlich zeigen. Laura verstand sich mit den Kindern auf Anhieb recht gut. Der Vormittag verging wie im Flug.
    In der Mittagspause wollte sich Veronika nur ein Fertiggericht aus einer Dose aufwärmen. Ernähren wollte sie sich nach amerikanischem Fast-Food-Prinzip, nur den Magen voll stopfen und weiter arbeiten. Doch hier kamen Laura plötzlich gewisse Erfahrungen aus der Gasthofküche zunutze. Sie kochte ein richtiges Gericht, Fleisch, Kartoffeln, Sauce und Salat, und achtete darauf, dass alles auch optisch ordentlich aufgetischt wurde.
    - Mensch, Laura, das ist jetzt bei mir ja wie am Sonntag, sagte Veronika bewundernd. Wo hast du das gelernt?
    - Im Gasthof. Selbst, wenn man irgendwo ausgenützt wird, kann man dabei noch was mitnehmen.
    Veronika war es beinah feierlich zumut, wie sie die Speisen dieses so schlichten bürgerlichen Gerichts sich in den Teller schöpfte. Laura öffnete eine Flasche Wein, den sie selbst beim Heimgehen vom Kindergarten in einem Supermarkt an der Ecke gekauft hatte. Obwohl sie vom letzten Abend her noch wusste, dass Veronika sich beim Trinken nicht sehr beherrschen konnte, wollte sie dieses Glas Wein nicht missen. Der Wein, das Anstoßen mit den Gläsern, der tiefe Blick dabei in die Augen, war das nicht wichtig für eine menschliche Beziehung? Laura überdachte, als sie den Wein eingoss, im Stillen all diese Dinge bei sich und ihr kam plötzlich klar zu Bewusstsein, dass sie selbst ihrer Natur nach eigentlich stets auf eine gewisse Ordnung bedacht gewesen war, ja nach Ordnung verlangte. Warum war sie von Hause geflohen, warum hatte sie es dort nicht mehr ausgehalten? Weil alle um sie herum sich gehen ließen, weil diesem Leben dort die Kraft fehlte, eine Zeit in den Bahnen der Ordnung bewusst zu gestalten.
    Und Laura stieß mit Veronika an. Die Gläser klangen hell und glockenrein. In den Strahlen der Mittagssonne funkelte der Wein tief rot .
    - Veronika, ich dank dir für die Nacht und für das Essen. Überhaupt dafür, dass ich bei dir bleiben durfte.
    - Laura, ich dank dir, dass du mir geholfen hast. Bleib noch ein bisschen. Vielleicht werden wir Freundinnen.
    Und nun ruhten ihre Blicke ineinander, sekundenlang. Der rote Wein machte ihre Lippen feucht. Es schimmerten Lippen und Augen. Vor Erregung waren auch ihre Wangen ein wenig erhitzt und glühten.
    - Ich denk, wir sind es schon, sagte Laura. Und dann tranken sie und nickten sich zu.
    Nach dem Essen wollte Veronika das Geschirr geschwind in die Küche stellen.
    - Das hat heut Abend noch Zeit, meinte sie und zuckte mit den Achseln.
    - Nein, jetzt räumen wir es in die Spülmaschine. Komm, wir helfen zusammen.
    Und wieder merkte Laura, wie ihre Hände mit ruhiger Sicherheit all das taten, was sie vor kurzem, unter Zwang, in der Küche des Gasthofes hatte tun müssen. Wo wachsen dir Fähigkeiten zu?, dachte sie im Stillen. Gibt es irgendetwas, was man nicht brauchen kann?
    Sie mussten sich sputen, um für den Nachmittag rechtzeitig im Kindergarten zu sein. Einige Kinder warteten schon mit ihren Müttern vor dem Eingang.
    Am Nachmittag konnte Laura Veronikas Art bewundern, wie sie froh und heiter mit den Kindern Gruppenspiele machte und wie sie das Geschrei ertragen konnte, welches dabei immer wieder aufbrandete. Diese Veronika, welche sich tags zuvor so sehr erregen konnte, stand nun, unter den tobenden und schreienden Kindern, wie ein Fels in der Brandung, sie glich einer ruhigen, gütigen Fee, deren helles Gesicht eine kühle Ruhe ausstrahlte.
    In einer kleinen Pause sagte Laura anerkennend zu Veronika:
    - Mensch, Veronika, ich find das toll, wie du das machst. Das könnt ich nie.
    Plötzlich standen Veronikas Augen in hellen Tränen. Sie weinte.
    - Um Gottes willen, was ist mit dir? Ich wollte dich nicht verletzten.
    - Schon gut, du weißt es nicht. Schon gut. Aber dass du es gesagt hast, freut mich. Jemand anders hätte es sagen müssen... Ach, nein. Schon gut.
    Schnell wandte sich Veronika wieder den Kindern zu, die sie umdrängten und nach neuen Spielen verlangten. Auch diese beiden Nachmittagsstunden vergingen wie im Flug. Um 16 Uhr durften die Kinder wieder ihre Jäckchen und Mäntelchen holen und die Hausschuhe gegen die Straßenschuhe austauschen.
    - Jetzt bin ich aber doch ganz schön geschafft, sagte Veronika mit einem befreienden Stoßseufzer.
    - Ich auch. Ganz schön anstrengend, das alles.
    Und sie machten sich auf den Weg in die kleine Dachwohnung und verbrachten den Abend mit Gesprächen, in denen Laura aus innerem Spürsinn das Thema "Fred und dessen Tod" bewusst vermied. Dafür erzählte sie allerlei aus ihrer eigenen Kindheit und Jugend, sparte aber ihrerseits alles aus, was mit ihrer eigenen Flucht zusammenhing. Veronika blieb ruhig und erlebte keinen Tränenausbruch mehr. Darüber war Laura sehr froh. Diese junge Frau besaß ein hochgradig empfindsames Gemüt, das war ihr klar geworden. Wie ein rohes Ei musste man sie behandeln. Bald gingen sie zu Bett, jede für sich, und sanken in einen langen und tiefen Schlaf. Noch ahnte Laura nichts von Veronikas Geheimnis.


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    9. Kapitel zu "Lauras Flucht"

    Lauras Tage bei Veronika sammelten sich bereits zu Wochen. In ihrem Kindergarten und ihrer Dachwohnung hatte sie sich recht gut eingelebt. Die Erzieherin und das entlaufene Mädchen bildeten miteinander so etwas wie eine symbiotische Gemeinschaft, in der jede die andere wundervoll ergänzte. Laura brachte eine gewisse Ordnung in den teilweise verlotterten Haushalt der Kindergärtnerin. Auch konnte sie Veronika über manche depressive Stimmung hinweghelfen. Veronika ihrerseits hatte im Umgang mit Kindern so viel Erfahrung, dass Laura jeden Tag aufs neue über die Einfälle staunte, mit denen sie ihre Schutzbefohlenen überraschte. Sie legte zum Beispiel Musik auf, klassische Musik, ungarische Tänze von Brahms, und ließ die Kinder sich zur Musik bewegen. Im ganzen Raum durften sie herumspringen, nur zur Musik musste es passen. Und wenn die Musik leiser wurde, mussten sie mit kleinen Schritten ganz vorsichtig auftreten.
    Ein lustiges Spiel hieß "Der Uhu sitzt im Baum". Zunächst durften alle Kinder durcheinander schreien, das war heiteres Vogelgezwitscher.
    - So unterhalten sich Vogelfamilien, wenn sie unbeschwert und sorglos sind, sagte Veronika, die sich eine selbstgebastelte Mütze aus Federbüscheln auf den Kopf gesetzt hatte.
    Dann plötzlich wurde alles still, Vogelpapa hat den Uhu entdeckt und will seine Kleinen warnen. Alle mussten sich dann ducken, den Kopf in beide Arme nehmen und ganz leise unter die Tische kriechen. Plötzlich rieb Veronika zwei gerippte Pappkartons geräuschvoll aneinander. Das hieß, der Uhu fliegt nun davon, in den Wald. Für die Kinder war das das Zeichen, so schnell wie möglich aus dem Versteck hervorzukommen und sich um den Vogelpapa, den Veronika spielte, zu scharen. Es gab eine Kleinigkeit zu naschen. Wer aber Letzter war, musste sich als Maus im Felde verkriechen und wurde dann vom Uhu, welcher wie aus heiterem Himmel heruntergeschossen kam, gepackt und in scharfen Klauen davongetragen. Laura spielte den Uhu. Man hatte ihr einen braunen Sack zurechtgeschnitten, mit Öffnungen für Kopf, Arme und Beine, und kleine Flaumfederchen draufgeklebt. Laura spielte gern den Uhu, galt er doch als Vogel der Weisheit, soviel wusste sie aus der Schule.
    Mit der Zeit fiel ihr auf, dass besonders ein Mädchen sich gerne von ihr packen und entführen ließ. Es war Bianca, das Mädchen, welches sie damals im Park entdeckt hatte, an ihrem ersten Tag in Konstanz, als sie eben das Münster verlassen hatte und nicht wusste, wo sie übernachten sollte. Mit großen Augen blickte Bianca Laura an und streckte ihr die beiden Händchen, an denen die Kratzspuren der tollwütigen Katze längst verheilt waren, erwartungsfroh entgegen.
    - Fang mich, fass mich. Aber pass auf, da tuts noch weh, da hat mich die Katze gekratzt.
    Das sagte sie mit schelmisch treuherzigem Blick, so dass Laura nicht anders konnte, als das Kind ausgiebig zu herzen und an die Brust zu drücken.
    - Jetzt hab ich die kleine Maus, sagte sie ein paar Mal und schmuste mit Bianca.
    - Halt mich fest, sonst lauf ich weg!, antwortete Bianca kichernd.
    Und schon war sie unter Lauras Armen auf den Boden entglitten und mit trippelnden Schritten, geschwind wie eine wirkliche Maus, an das andere Ende des Saales gehuscht. Danach musste Laura sie erneut einfangen, packen und mit ihr schmusen. Davon war das Kind immer ganz erhitzt.
    - Wenn doch nur meine Mami das auch machen würde. Aber die schimpft nur. Ist ja auch nicht meine richtige Mami.
    - Vielleicht kann sie's nicht besser, sagte dann Laura und schaute Bianca mit großen ernsten Augen an.
    - Meinst du?
    Und niemand hätte sagen können, ob im Blick Biancas ungläubiges Erstaunen oder Hoffnung auf eine Lösung ihres kindlichen Kummers überwog.
    In diesem Augenblick hatte aber auch jemand anders hergesehen, ein Erwachsener, nämlich Veronika, die ihren geliebten Fred durch einen Flugunfall verloren hatte.
    - Schluss jetzt, Kinder, wir hören mit dem Spiel auf.
    Total unvermittelt und für Laura unbegreiflich hatte die Gruppenleiterin das Spiel abgebrochen. Laura wandte sich ihr zu, wollte fragen, ob sie etwas falsch gemacht hätte. Veronika hielt ihren Blick gesenkt und sagte nur, fast mit einer barschen Stimme:
    - Ach, sei doch still.
    Doch Laura, die im Umgang mit ihrer älteren Freundin schon einige wesentliche Erfahrungen gesammelt hatte, ließ einen scharfen Blick über deren Gesicht gleiten und sah sofort, dass die Augenlider nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnten. An den Wimpern klebten erste Tropfen, bereit zum Fallen.
    - Verzeih, sagte Laura und fasste Veronikas Rechte.
    - Schon gut. Komm, wir machen Schluss für heute. Ist sowieso bald vier Uhr.
    Die Kinder wurden entlassen und Veronika verließ, an Lauras Seite, still und wortlos den Kindergarten.
    - Was ist? Warum bist du so?
    Laura hatte ganz still gefragt, mit zärtlicher Stimme, als müsse sie sich in ihre Seele vortasten. Veronika sagte nichts, ging schweigend neben ihr her.
    In der Stadt kamen sie an einem großen Kaufhaus vorbei.
    - Komm, wir machen Shopping!
    Als ob eine Lerche aus feuchtem Wiesengrund mit Jubelgesang in den blauen Himmel emporschieße, war Veronikas Stimmungsbarometer plötzlich nach oben geschnellt. Es war ein förmlicher Jubelschrei. Laura sah sie erstaunt an.
    - Hast du denn Geld dabei? Gestern warst du doch noch pleite und sagtest, du müsstest auf den Ersten warten.
    - Ach, jetzt sei doch nicht so. Kannst du mir nicht etwas borgen?
    Veronikas Augen wirkten gereizt und gequält, sie hatte die Mundwinkel verzogen.
    Wohl hatte Laura von ihrer Barschaft noch etwa 200 Euro übrig. Einiges hatte sie die letzten Tage ausgegeben, für kleine Aufmerksamkeiten, und auch um sich an den Kosten für das Essen zu beteiligen. Veronikas Sehnsucht, jetzt "Shopping" zu machen, war so unbezwinglich, dass sie es ihr unmöglich abschlagen konnte, Geld vorzustrecken.
    - Nun gut, so weit ich kann, helf ich dir aus. Aber - und Laura schaute Veronika eindringlich an - kauf nur nötige Sachen.
    - Aber klar doch. Komm, wir springen die Rolltreppe hinauf, zur Kleiderabteilung.
    Nun war Veronika wieder in bester Laune, aus ihren Augen strahlten hundert Sonnen. Als Laura sie so sah, fügte sie sich ins Unvermeidliche und spürte sogar ein wenig, wie diese Lust am Einkaufen auch auf sie übersprang.
    - Mensch, diese Schuhe, sind die nicht klasse! Ich brauch dringend neue Tanzschuhe. So elegant geschnitten und geformt. Und der Lack glänzt auf dem schmalen Leder. Echt cool. Die Schuhe muss ich haben.
    Veronika war high, als hätte man ihr Drogen verabreicht. Was die denn kosten, wollte Laura wissen.
    - Ist doch egal, die können wir uns leisten. Mensch, Laura, sei keine Spielverderberin. Gönn mir doch die schönen Schuhe.
    - Na, wenn du meinst.
    Unbemerkt hatte Laura das Preisschild entdeckt: 120 Euro. Nicht gerade billig, aber sie hatte das Geld und konnte es auslegen. Auf dem Weg zur Kasse kam noch so manches hinzu, Naschwerk und einige Artikel zur Schönheitspflege. Am Ende blieben Laura gerade mal noch 17 Euro von ihrer Barschaft übrig. Sie bezahlte, etwas missmutig, dann aber auch wieder zufrieden, als sie in Veronikas glückliche Augen sah.
    Die Wände von der Kasse zum Ausgang waren mit Spiegelglas verkleidet und so sah man sich beim Hinausgehen noch einmal in der Wand. "Zufriedene Mienen danken es Ihnen" stand über den Spiegeln. Laura dachte etwas wehmütig an ihr verlorenes Geld, aber sie tröstete sich mit Veronikas wiedergewonnenem Frohsinn. Und eigentlich, so sagte sie sich, hat man dir dieses Geld ja auch geschenkt. Es ist schon recht so, dass auch du es für einen andern einsetzt. Was man gibt, kehrt tausendfach zurück. Mit ähnlichen frommen Weisheiten suchte sie sich selbst zu beschwichtigen.
    Plötzlich entdeckte sie hinter Veronika im Spiegel ein Gesicht, das ihr bekannt vorkam. Es gehörte einem sympathischen jungen Mann. Ein ovales Gesicht, mit weich geschwungenen Wangen, glatt abfallender, länglicher Nase, und sanften Augen, die eher weiblich als männlich schienen. Weich moduliertes, etwas lockiges Haar zog sich über die Stirn. Fred! Das musste Fred sein. Ein Zweifel war nicht möglich. Sie hatte das Foto von dem Wohnzimmerbüffet genau im Gedächtnis. Sofort stupste sie Veronika.
    - Schau mal, wer hinter dir geht!
    Kaum hatte sich Veronika umgedreht, als sie, wie von einer Tarantel gestochen, davonrannte, verzweifelt das Weite suchte, dabei mehrere Kaufhauskunden anrempelte, die sich erbost nach ihr umdrehten und zornig hinter ihr herschimpften.
    Vergeblich versuchte Laura ihr zu folgen, sie war sofort im Gewühl der Menschenmenge des Busbahnhofs verschwunden. Noch eine Weile hielt Laura nach Veronika Ausschau, allmählich gab sie es auf. Mittlerweile war sie beim Ausgang angelangt und auch jener Mann, der Fred so ähnlich sah und selbst dieser Fred sein musste, war ihr gefolgt und stand nun ganz dicht an ihrer Seite.
    - Entschuldigen Sie, kennen Sie die Dame?, sagte er und seine sanften Augen blickten sie weich und verträumt an.
    - Heißt du etwa Fred mit Vornamen?
    Laura musterte ihn eindringlich.
    - Ja, ich bin Fred. Hat sie dir auch das Märchen vom abgestürzten Gleitschirmfliegers aufgetischt?
    - Warum, stimmt das nicht? Laura wirkte erschrocken und ratlos.
    - Würde ich sonst vor dir stehen. Fred sprach's mit liebenswürdiger Ironie. Komm auf einen Kaffee. Ich erklär dir alles.
    Laura ließ sich gern von Fred einladen, denn nun war sie wirklich gespannt. Ihr schien, als ob Veronikas Glück nun ganz in ihre Hand gegeben sei. Ja, sie fühlte sich verantwortlich für ihre Freundin.
    - Die Sache war die, begann Fred, dass wir, Veronika und ich, seit einem halben Jahr ein festes Verhältnis hatten, wie man so schön sagt. Wir trafen uns täglich, und da Veronika allein in Konstanz wohnte, ergab es sich bald, dass wir in ihrer kleinen Dachwohnung zusammen lebten. In den ersten Wochen war das Leben mit diesem Mädchen wunderbar. Sie müssen wissen, ich studiere Philosophie, und bei Veronika schien mir das Glück in höchster Perfektion gelungen. Wir lagen uns in den Armen, liebten uns und schauten einander an, senkten unsere Blicke bis tief hinab auf den Grund der Seele des andern.
    Fred seufzte, holte Atem, fast hatte er sich schon müde gesprochen.
    - Eine Ausdrucksweise hast du, sagte Laura. Redet ihr eigentlich immer so geschwollen?
    - Siehst du, das ist der Punkt. Jetzt sind wir schon dem Unglück auf der Spur. Ich glaubte in Veronika das Glück gefunden zu haben, das perfekte Glück. Sie war so heiter, so lebenslustig und konnte mich aufheitern, denn manchmal neige ich ein wenig zum Grübeln. Wir Philosophen sind alle ein bisschen schwermütig.
    Laura dachte sich: au je, der würde nicht zu mir passen. Wie konnte sich Veronika auf so einen Schwätzer einlassen. Schließlich fragte sie ihn direkt:
    - Und wie kam es dann zur Trennung?
    - Weißt du, was eine Klette ist? Ein weibliches Wesen, das einen umgarnt wie eine Feuerqualle, mit hundert Fäden sich an den Gliedern festklammert und einen nicht mehr loslässt. Schlimmer als jedes Nesselgift war ihre krankhafte Eifersucht. Ich durfte nicht erzählen, wenn ich im Hörsaal einer Kommilitonin begegnet war und mit ihr anschließend Kaffee getrunken hatte. Einem eingehenden Verhör wurde ich unterzogen, als wär ich ein Spion, der sein Vaterland verraten hätte. Ich erstickte mit der Zeit in der Luft Veronikas. Ich konnte nicht mehr.
    - Aber glaubst du denn nicht, dass du Veronika vielleicht vernachlässig hast. Vielleicht hast du mit ihr zu wenig über deine geistigen Interessen gesprochen?
    - Was weißt denn du, geistige Interessen! Bei diesem Mädchen. Im Bett ist sie wohl ganz gut, allerdings auch wieder so unersättlich, dass es einem auch schon wieder zuviel wird. Sonst ist sie dumm. Unfähig, auch nur einen philosophischen Lehrsatz zu begreifen. Wie soll man denn mit so einem Menschen diskutieren? Sag selbst: was kann sie denn? Ein paar blödsinnige Spiele mit kleinen Kindern, naives Geplapper, sentimentales Gesinge. Was glauben Sie, wie mir das mit der Zeit auf die Nerven ging.
    Laura durchzuckte die Lust, diesem eingebildeten Menschen ordentlich hinauszugeben. Doch sie bezwang ihre Versuchung, denn sie wollte noch mehr von ihm wissen.
    - Und wie kam es zur Trennung?
    - Ganz einfach. Ich erklärte ihr eines Abends in ruhigen Worten, dass wir nicht zueinander passten. Dass ich an ihrer Seite niemals glücklich werden könnte, sie übrigens auch nicht an meiner Seite. Und dass wir nun vernünftig sein müssten und eine Beziehung beenden, die doch nur aus seichter erotischer Befriedigung bestanden hätte. Sogar Blumen hab ich ihr mitgebracht, zum Abschied. Schöne weiße Rosen. Zuerst wollte ich Chrysanthemen kaufen, aber dann dachte ich, das sieht zu sehr nach Kirchhof aus. Und wir sind doch junge Menschen, die das ganze Leben vor sich haben. Nicht wahr?
    - Und wie hat Veronika reagiert?
    - Ja, das kann man sich denn nun überhaupt nicht erklären. Stell dir vor, eine schallende Ohrfeige hat sie mir gegeben, dann mit beiden Fäusten auf meine Brust getrommelt. Ich sei ein Schuft, hat sie dabei geschrieen, immer wieder, so dass ich mich zuletzt mit sanfter Gewalt befreien musste. Das war nun wirklich das Allerletzte für mich. So was muss man sich ja nun wirklich nicht gefallen lassen. Ich hab die Dachwohnung verlassen mit dem festen Vorsatz, nie mehr dahin zu gehen. Und diesen Vorsatz habe ich gehalten. Ein Mann, ein Wort. - Aber nun ist es Zeit, dass ich wieder gehe.
    Fred schaute auf seine Uhr und gab dem Ober ein Zeichen zum Bezahlen.
    - Entschuldige, aber von dir lass ich mir keinen Kaffee bezahlen, sagte Laura, die ihre Empörung nicht mehr verbergen konnte. Kannst du dir vorstellen, dass du die Seele eines jungen Menschen zerstört hast?
    Nun wurde ihre Stimme leise und bitter.
    - Veronika hat einen Menschen geliebt und verloren, den es in Wirklichkeit gar nicht gegeben hat. Ihr Geliebter ist vom Himmel gestürzt, als du sie allein ließest. Ihr Märchen ist wahr, fürchterlich wahr, nur du, du studierter Philosoph, kannst es nicht verstehen, denn du bist blind und dumm.
    Sie hatte sich erhoben und für den Kaffee zwei Münzen auf den Tisch geknallt. Sprechen muss sie mit Veronika, das stand nun klar vor ihren Augen. Zurückholen muss sie sie in die Wirklichkeit und ihr den Glauben an die eigene Zukunft wieder geben. Sie muss zu Veronika und ihr helfen, vielleicht so lang bei ihr bleiben, bis sie wieder selbst ihr Leben in die Hand nehmen kann. Und wie sie das Lokal verließ, die Treppen hinuntereilte, fühlte sie in sich eine unbesiegbare Stärke, eine unerschütterliche Entschlusskraft, als wäre sie noch einmal im Begriff, ihr Elternhaus zu verlassen.


  10. #10
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    Das Gespräch

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    10. Kapitel zu "Lauras Flucht"


    Laura hatte kein gutes Gefühl, als sie wieder die Treppen zu Veronikas Dachgeschosswohnung hinaufstieg. Sie klingelte. Doch es wurde ihr nicht aufgemacht. Dabei war sich Laura sicher, dass ihre Freundin wieder zu Hause sein musste. Sie überlegte, ob es sonst in dieser Stadt einen Ort geben könnte, den Veronika hätte aufsuchen können, um sich innerlich zu erholen. Da war das Wasser, die altbekannte Zufluchtstätte für Menschen, die sich an der Grenzlinie zwischen Hoffen und Verzweiflung, Leben und Tod bewegen. Aber soweit war Veronika wohl noch nicht, glücklicherweise. Laura glaubte ihre Freundin zu kennen. Sie kannte ihre Tränenausbrüche. Wohl hatte sie am Wasser gebaut, aber zum Hineinspringen würde ihr der Mut fehlen, dessen war sie sich sicher. Nein, sie musste in der Wohnung sein, im Schneckenhaus, in das sie sich verkriechen konnte, wenn die menschliche Umwelt sie drangsalierte.
    Erneutes Klingeln. Keine Reaktion. Blick durchs Schlüsselloch. Ach so, bei modernen Schlössern sieht man überhaupt nicht mehr durch. Aber unter dem Türspalt glaubte Laura einen Lichtschimmer wahrzunehmen. Immerhin ging es schon gegen Abend, von der Sonne konnte der Schimmer wohl nicht mehr sein. Aber da war Licht in der Wohnung. Sie musste da sein.
    - Mach auf, ich bin's, rief Laura, zuerst mit gedämpfter Stimme, sie wollte nicht das ganze Haus alarmieren, dann aber immer lauter.
    Keine Antwort. Mit der Zeit machte sich Laura doch ernsthafte Sorgen. Könnte sie sich im Haus etwas angetan haben. Sie schnüffelte am Schlüsselloch, legte sich flach auf den Boden und schob ihre Nase ganz nah an den unteren Türspalt. Kein Gasgeruch.
    - Veronika, mach doch auf! Ich bin es, deine Freundin Laura.
    - Lass mich in Ruhe, tönte es da ganz schwach aus der hintersten Ecke der Wohnung zur Tür herüber.
    Gott sei Dank, dachte Laura, sie lebt.
    - Nein, ich lass dich nicht in Ruhe. Du musst jetzt reden, und zwar mit mir, und zwar über Fred. Ich weiß, dass er lebt. Ich hab mit ihm gesprochen. Du musst jetzt mit mir reden.
    Sehr eindringlich hatte ihre Stimme geklungen. Laura war selbst überrascht von der Festigkeit ihrer eigenen Stimme. Schon nach wenigen Sekunden hörte sie Schritte. Der Schlüssel wurde herumgedreht.
    - Komm rein.
    - Endlich.
    Laura umarmte Veronika, deren ganzes Gesicht verheult aussah. Dann nahm sie sie bei der Hand und führte sie zur Couch.
    - So, und jetzt erzählst du, wie du Fred kennen gelernt hast. Vor allem erklärst du mir, wie deine Liebe zu ihm entstanden ist. Das muss ich jetzt ganz genau wissen.
    - Ich kann nicht, hauchte Veronika in sich hinein.
    - Doch du kannst. Du kannst nicht nur, du musst sogar. Wenn du nicht sprichst, gehst du zugrunde, an deiner Liebe.
    Veronika ließ sich auf das Kopfkissen fallen, mit dem Gesicht nach vorn, und begann zu heulen. Man sah, wie ein heftiges Schluchzen sie schüttelte. Laura näherte sich ihr von hinten, packte sie mit beiden Händen fest an den Schultern und riss sie hoch.
    - Du musst reden, sagte sie, so streng sie konnte.
    Veronika, sichtlich erschrocken über die ungewohnte Härte im Ton, schaute sie aus kleinen, verengten Augen von unten an. So hatte dieses fremde Mädchen noch nie mit ihr geredet. Ihr schien plötzlich, als spürte sie in dem festen Blick dieser Sechzehnjährigen, in der harten Stimme und dem strengen Griff die Autorität eines Menschen, den sie selbst sehr lange nicht mehr gesehen hatte. Ihr Vater. So hatte ihr Vater noch vor Jahren mit ihr gesprochen, kurz bevor er an einem Herzinfarkt früh verstorben war.
    - Du redest ja zu mir wie mein Vater, sagte sie, während sie sich wieder normal auf der Couch hinsetzte.
    - Der Vater. Auch ich ... Aber nein, nicht um mich, um dich geht es.
    Laura seufzte. Dann fuhr sie fort.
    - Wenn der Vater uns nicht mehr führt, wenn er weit fort ist, davongegangen, verstorben, dann muss man sein eigener Vater sein. Stell dir vor, ich sei dein Vater. Und nun erzähle mir, wie du Fred kennen gelernt hast.
    Veronika atmete mehrere Male tief durch. Ihr Gesicht gewann wieder eine normale Farbe, Augen und Lippen wurden ruhiger. Schließlich begann sie zu sprechen.
    - Es war im Mai letzten Jahres. Zum Sommerfest des Kindergartens waren auch die Angehörigen unserer Kinder eingeladen. Fred kam als Pate eines unserer Mädchen und schaute sich die Vorstellung der Kinder an. Oh, wir hatten ein reichhaltiges Programm. Ich tanzte in einem kurzen Sommerkleid zum Lied "La Cucaracha schnelle aufregende Schritte, dazu schlug ich ein Tamburin. Die Kinder bewegten sich im Kreis um mich her, im Rhythmus, sie lachten und sangen. Nach der Vorstellung lud mich Fred zum Abendessen ein. Ich war von der Sanftheit seines Wesens gleich hingerissen. Dabei hatten seine tiefbraunen Augen eine merkwürdige Art, mich fest anzuschauen. Ich konnte diesen Blick kaum ertragen und musste ihn doch aushalten. Irgendetwas zwang mich dazu. Wir trafen uns in dem vornehmen Strand-Restaurant "La Romantica", direkt am Seeufer. Bei Wein und Kerzenlicht saßen wir einander gegenüber. Er ergriff meine rechte Hand und hielt seinen tiefbraunen Blick auf mich gerichtet, dabei murmelte er, mit halblauter Stimme, so dass ich ihn kaum verstehen konnte, immer wieder einige Worte, kurze Sätze, die aber ganz tief in mich eindrangen. "Esmeralda - Tänzerin - du kennst mich wohl - kennst mich wohl - kennst mich wohl..."
    Veronika war bei diesen Worten wieder in eine ganz seltsame Stimmung geraten. Ihre Augen verengten sich, die Lider waren fast zusammengesunken, ihre Lippen zitterten. Und sie schien kraftlos auf die Rückenlehne ihrer Couch zurückzusinken.
    - Bitte, weiter, erzähl weiter! Veronika, Ve-ro-ni-ka!...
    Laura hatte jede Silbe ihres Namens betont, einzeln, als müsste sie sie aus einem Schlaf oder Traum erwecken. Plötzlich zuckte Veronika wieder zusammen, riss ihre Augen auf, als ob sie sich umschauen müsste.
    - Wo bin ich? Oh, entschuldige, ich war plötzlich abgelenkt, ganz weit weg. ...Ja, Fred flößte seltsame Worte in mich ein. Ich sah ihn wie einen in Weiß gekleideten Tanzlehrer vor mir. Er ergriff meine Hand und zog mich über die schimmernde Tanzfläche eines unendlichen Ballsaals mit vielen Spiegeln an den Wänden. Hunderte, ja Aberhunderte junger, eleganter Paare schauten auf uns, hielten ihre Blicke auf uns gerichtet, und dann zog er mich in wirbelndem Walzer über die Tanzfläche. Noch höre ich die Worte, die er mir ständig ins Ohr flüsterte: "Du bist meine Fee, meine Tanzfee. Mit dir will ich durchs Leben tanzen. Du bist mein Schönheitstraum, die denkbar schönste Frau, das Idealbild meines Glücks." Immer wieder flüsterte er mir diese Worte zu, ich spüre jetzt noch seine Lippen an meiner Ohrmuschel. Ich hatte beim Tanzen den Kopf leicht zurückgebeugt, er hielt mich in seinen starken Armen. Je schneller wir uns drehten, umso stärker wollte mich der Schwung der Bewegung von ihm wegschleudern und umso stärker fühlte ich die Kraft seiner Arme, die mich hielten und vor dem Fallen schützten. Seine Augen standen direkt über mir. "Nur mit mir wirst du glücklich, nur mit mir. Nur ich kann dich vor dem Fall bewahren. Bin ich nicht mehr da, stürzt du in einen gähnenden Abgrund. Siehst du dort die feurigen Schlangen. Ich kann sie bannen mit meinem Blick. Wenn ich an deiner Seite bin, können sie dir nichts anhaben."
    Veronika atmete heftig. Immer schneller hatte sie gesprochen. Sie war ganz außer Atem, ihre Brust ging auf und nieder, wohl schien ihr Herz zu rasen.
    - Beruhige dich, du saßest doch am Tisch im Strand-Restaurant, du warst nicht im Ballsaal. Besinne dich, erzähle der Reihe nach.
    - Nicht im Ballsaal. Komisch. Ich dachte, ich hätte mit ihm getanzt. Aber ja doch, ich war im Restaurant. Es war so seltsam. Seine braunen Blicke bohrten sich in meine Seele und wenn er redete, dann glaubte ich, ganz woanders zu sein, im Ballsaal zum Beispiel. Ich weiß nicht mehr, wie es gekommen ist. Am gleichen Abend noch schliefen wir zusammen. Hier in meiner kleinen Dachwohnung. Eigentlich wollte ich es gar nicht. Aber seine Stimme, seine Blicke, seine sanften Berührungen. Da war etwas, gegen das ich mich nicht wehren konnte. Als wir ganz eng umschlungen zusammenlagen, glaubte ich, in einem anderen Menschen zu leben. Ich hatte das Gefühl, als hätte sich mein Körper geöffnet und dieser junge Mann wäre mit mir einsgeworden. Und immer wieder hörte ich seine leise und doch so beschwörende Stimme: "nur mit mir, nur mit mir, mit mir nur ganz allein, wirst du jemals glücklich sein." Im Rhythmus der Bewegung sprach er diese Worte. Er war in mir und schien mit mir zu tanzen. Ich war nicht mehr im Bett, ich tanzte mit ihm, nackt, im Ballsaal. Wir waren nur noch ein Wesen, seine Augen waren meine Augen, seine Stimme war meine Stimme, seine Arme waren meine Arme. Ach, es war schön.
    Veronika hielt ihre feuchten Lippen leicht geöffnet. Sie schienen zu lechzen, nach einem fernen, fremden Glück. Laura hatte gebannt zugehört. Sie sah vor sich eine Veronika, die nun wieder fast in den früheren tanceartigen Zustand zu versinken drohte.
    - Und du, wo warst du? Du warst doch immer noch Veronika, neben deinem Fred?
    Scharf und laut wirkten Lauras Worte. Erschrocken riss Veronika wieder die Augen auf.
    - Ich, ich, ja wo war ich? Aber begreif doch - und auch sie wurde nun heftig - ich war doch bloß so glücklich, weil er so mit mir sprach, so mit mir tanzte, so - Veronikas Stimme erstarb beinah - so mich liebte. Ich kann dir sagen, dieses Gefühl hatte ich mir nie und zu keiner Zeit vorstellen können. Wenn er zu mir sprach, mich dabei anschaute, mich anfasste, dann war ich seine Ballkönigin, seine Tanzfee, seine Auserwählte.
    - Wohl versteh ich’s, sagte Laura, du warst abhängig von ihm, du warst an sein Gesicht, seine Augen, seine Stimme gebunden. Und sein Duft, das Aroma seines Körpers wurde für dich zum Sauerstoff, ohne den du nicht leben konntest. Stimmt's?
    - Ja, es stimmt. Es stimmt, es stimmt. Warum fragst du, wenn du's doch weißt. Veronika hatte angefangen zu schreien.
    - Weil du es nicht weißt, oder bis jetzt nicht wusstest. Hast du dir nie überlegt, dass auch du ihn glücklich machen kannst. Dass er dich genauso braucht, wie du ihn?
    - Manchmal schon, aber ich konnte es nie sagen. Da war etwas in der Art, wie er sich immer ausdrückte. Diese gehobene Sprache. Ich kam dagegen nicht an. Manchmal schien es, als ob seine Gedanken gegen mich auftraten wie herrschende Könige, denen man nur gehorchen konnte. Ich bin doch nur eine Kindergärtnerin.
    Bei diesen Worten war Laura aufgesprungen und gab Veronika zwei Ohrfeigen, eine links und eine rechts, dass es nur so schallte.
    - Verzeih, Veronika, verzeih deiner jungen Freundin. Aber ich musste es tun. Sag nie mehr "nur eine Kindergärtnerin". Sag es nie mehr. Und wenn du es auch nur denkst, dann sollst du deine brennenden Wangen spüren.
    - Du nimmst dir schon viel heraus, viel gegen deine Gastgeberin. - In Veronikas Augen stand fassungslose Erregung, aber auch Nachdenklichkeit, als müsste sie plötzlich aufhorchen und sich etwas ganz Neues zurecht legen. - Aber du hast recht. Du hast recht, tausendmal hast du recht. Manchmal schien es mir selbst so, als ob eine leise warnende Stimme mich zu mir selbst zurückführen wollte. Aber das Rauschen meines Blutes hat sie übertönt. Ich wollte nicht auf sie hören.
    - Und dann kam, nach einigen Wochen, der Tag, an dem er sich von dir verabschiedete, nicht wahr. Und du warst nicht mehr die Glücksfee, die Tanzkönigin, sondern Aschenputtel, das gewöhnliche Mädchen mit den einfachen Gedanken und dem naiven Zuschnitt. Nicht wahr, so war es. Was hast du mit den weißen Rosen gemacht?
    - Hat er dir das so genau erzählt? Kommt ihm diese Geschichte meiner Demütigung so frei und leicht über die Lippen? Einem fremden Menschen? - Ich hab es nicht glauben können, nicht vor mir selbst zugeben können. Mir schien, ich sei eine verlassene Kriegsbraut. Ich redete mir ein, er sei tot, tragisch verunglückt. Dabei kam ich mir sofort viel besser vor. Diese erfundene Geschichte gab mir etwas von meiner Selbstachtung zurück. Immerhin hätte es ja doch auch so sein können?
    - Dafür, liebe Veronika, sollte man dich jetzt noch einmal ohrfeigen. Du fliehst in eine Lüge, um dich selbst vor der Realität zu bewahren. Du musst endlich erkennen, dass du ein eigenständiger Mensch bist, der selbst viele gute Seiten hat. Und du lebst auf dem Boden einer Wirklichkeit, die man greifen und spüren kann. Spürst du diesen Boden?
    Laura sann kurz nach. Dann sagte sie, indem sie Veronikas Hände ergriff:
    - Komm, wir gehen ein paar Schritte.
    Veronika folgte ihr willig. Sie verließen die Wohnung und atmeten die kühle Nachtluft ein. Über den Himmel fegten Wolken, vom leuchtenden Mond silbergrau beschienen. Manchmal sah man blinkende Sterne. Hastig gingen sie nebeneinander her. Sie hielten sich an den Händen gefasst. Im Park sagte Laura unvermittelt:
    - Pass auf, jetzt machen wir etwas. Komm, zieh Strümpfe und Schuhe aus. Keine Sorge, du wirst dich nicht erkälten.
    Veronika, ein wenig verdutzt, gehorchte. Sie schrie auf, dann die spitzen Kieselsteine hatten in ihre Fußsohlen gestochen.
    - Komm, ich halte dich. Wir gehen jetzt vorsichtig ein paar Schritte miteinander. Auch wenn's weh tut.
    - Langsam, ganz langsam! Au, wieder ein Stein. Ich glaub, ich hab mich verletzt. Muss das sein.
    - Ja, es muss sein. Schau, da vorn ist eine Bank, bis zu der Bank schaffen wir's, dann ziehen wir die Strümpfe und Schuhe wieder an.
    Sie gingen zur Bank, Veronika presste die Lippen zusammen, vorsichtig tastete sie mit ihren nackten Füßen den Boden ab. Mit der Zeit gelang es ihr, das heftige Eindrücken von spitzigen Steinen zu vermeiden. Es war auch ein wenig mondhell, man konnte auf den Boden sehen. Schließlich waren sie bei der Bank.
    - So, jetzt haben wir Bodenhaftung, wir beide.
    Lauras Stimme war voller Anerkennung.
    - Nicht nur du, auch ich. Jetzt ziehen wir unsere Strümpfe und Schuhe wieder an. Nun haben wir's verdient.
    Als sie ihre Schuhe zubanden, fielen sie beide plötzlich in ein befreiendes Lachen. Veronika war von einer Heiterkeit erfüllt, einer solchen Gelöstheit, wie sie sie schon lange nicht mehr empfunden hatte. Sie hatte Lust, mit Laura durch den Park zu rennen, mit ihr zu tanzen, irgendetwas ganz Verrücktes zu machen. Denn ihr war so unbeschreiblich leicht ums Herz.
    - Morgen bin ich an der Reihe. Morgen werde ich dir meine Geschichte erzählen, sagte Laura.








  11. #11
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    Die Eltern

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    11. Kapitel zu "Lauras Flucht"


    Am anderen Morgen erlebte Laura eine böse Überraschung. Veronika kam nicht aus ihrem Schlafzimmer. Laura war es mittlerweile schon gewohnt, um halb nach sechs Uhr aufzuwachen, aufzustehen, sich im Badezimmer zu richten und für das Frühstück Kaffee aufzusetzen. Veronika war dann immer wie von selbst auch da, stand hinter ihr, umschlang sie mit beiden Armen und wünschte ihr einen guten Morgen. Seltsam, wie sich in wenigen Tagen ein gewisses Ritual eingespielt und sich zur Gewohnheit verfestigt hatte. Immer war es so, immer wachte sie von selbst auf, immer stand Veronika hinter ihr, immer spürte sie den Druck ihrer Arme, den feuchten Kuss ihrer Lippen auf ihrem Nacken, und immer sah sie das sonnige Lachen, wenn sie sich nach ihr umdrehte. Heute morgen sollte es nicht so sein. Veronika fehlte, blieb weg, verweilte in ihrem Zimmer. Mehrmals klopfte Laura an die Tür, mehrmals rief sie den Namen ihrer Freundin, alles war vergeblich. Nichts rührte sich, sie gab kein Lebenszeichen.
    Als Laura schließlich in das Zimmer eintrat, schlug ihr ein Geruch alkoholischer Essenzen entgegen. Veronika lag, halb zugedeckt, in ihrem Bett, das Gesicht zur Seite gedreht, einen Arm angewinkelt, den andern lose herunterhängend. Ein Bein streckte sie unter der Decke hervor.
    - Veronika, wach auf, es ist Zeit.
    Laura war an das Bett herangetreten und fasste ihrer Freundin unters Kinn. Sie lag da wie tot und rührte sich nicht. Laura betrachtete sie genauer. Das Gesicht war blass, hatte schon fast einen Stich ins Bläuliche und zeigte kaum Leben. Wenn man den angefeuchteten Finger vor ihre Nase hielt, spürte man kaum mehr den Luftzug regelmäßiger Atmung. Laura schlug die Decke zur Hälfte zurück und senkte ihr Ohr prüfend auf Veronikas Brust. Nur noch ganz schwach pochte irgendwo weit drinnen im Körper ein müdes Herz. Auf dem Nachttisch daneben lag ein angebrochenes Schächtelchen Tabletten, Tranquilizer, ein einfaches Produkt, das man rezeptfrei in Apotheken kaufen kann.
    Nun kam Fahrt in Laura. Sie alarmierte telefonisch sofort den Notarzt. Mit Sirene und Blaulicht war nach nur wenigen Minuten der Rettungsdienst zur Stelle. Fachmännisch untersuchten die Herren in Weiß die Bewusstlose, dann lächelten sie geringschätzig und gaben zu verstehen, dass sie derlei Alkoholleichen schon oft hätten fortbringen müssen. Alkohol und Beruhigungsmittel könnten, meinten sie, Personen schon gründlich lahm legen. Aber zur Panik sei kein Grund. In der Klinik würde man mit solchen Fällen problemlos fertig, das sei reine Routinearbeit, in unserer Zeit, leider.
    Laura schaute auf die leblose Veronika, die, als man sie emporhob, schwache röchelnde und seufzende Lebenszeichen von sich gab, auch mal die Augen zu schmalen Schlitzen öffnete und Laura wie durch engmaschiges Gefängnisgitter Blicke zuwarf, die zu sagen schienen: lass mich doch, du siehst doch, wie ich bin und wie es mit mir steht. Veronika wurde dann auf einer Bahre die Treppen hinuntergetragen und in dem Sanitätswagen zur nächsten Klinik fortgefahren. Es sei keine Gefahr, meinten die Herren in Weiß. Man könne ja nach ein paar Stunden nachmittags einmal nach ihr schauen.
    Laura blieb zurück. Heute doch hatte sie ihrer Freundin ihre eigene Geschichte erzählen wollen. Heute wollte sie durch ihr eigenes Vertrauen Veronika so viel Selbstgefühl einflößen, dass sie den Bezug zur Wirklichkeit, den sie immer wieder, ohne es zu wollen, verlor, wieder fest und stabil hätte aufbauen können. Das wollte sie heute tun. Und nun war es nichts. Zugleich wurde ihr bewusst, wie der Anblick der leblosen Kindergärtnerin sie in bedrängender Weise an ihre eigenen Eltern erinnert hatte, an den alkoholischen Vater und die depressive Mutter, an die beiden Menschen, denen sie doch ihr Leben, ihre Kindheit und ihre Jugend verdankte, die sie großgezogen hatten und die sich seit den letzten Monaten so furchtbar gehen ließen, dass Laura von zu Hause getürmt war. Warum nur hatte Veronika diesen Rückfall erlebt, nachdem sie gestern Nacht zusammen doch so gut drauf waren? Laura konnte es sich nicht erklären. Ihr wurde klar, wie rätselhaft und verborgen doch Menschen sein können.
    Sie machte sich nun daran, die nötige Wäsche für Veronika zusammenzusuchen, die sie ihr heute Nachmittag ins Krankenhaus bringen würde. Wie sie im Schlafzimmer die Türchen des Kleiderschranks öffnete, stürzte ihr ein wahrer Berg von Schuhen entgegen, alles lackierte Tanzschuhe, in der Morgensonne glänzend, elegant gearbeitete Tanzschuhe, wie sie Tourniertänzerinnen gut gestanden hätten. Mitten in den übereinander purzelnden Schuhen entdeckte sie auch das Paar, für das sie am vorigen Tag ihr Geld vorgestreckt hatte. So also ist das, fuhr es Laura durch den Kopf. Kauflust als Ersatzbefriedigung, wenn der große Liebesentzug dich mit seiner ganzen elenden Traurigkeit befällt. Laura wandte sich angeekelt ab. Sie fühlte so ein grenzenloses Mitleid mit ihrer älteren Freundin und zugleich aber auch das Gefühl der eigenen Ohnmacht. Stieß sie hier nicht an Grenzen, wo all ihr guter Wille versagen musste?
    Laura verließ nun das Haus und ging in die kühle Morgenluft hinaus. Der Gang zum Kindergarten war ihr in den letzten Tagen zur Gewohnheit geworden. Auch heute folgte sie dieser täglichen Spur.
    - Können Sie mich bei Herrn Pfarrer Rathgeb anmelden?
    Die Haushälterin des Pfarrhauses, das sich dem Kindergarten gegenüber befand, machte große Augen, als dieses Mädchen, das sie eigentlich die letzten Wochen über nur vom Sehen kennen gelernt hatte, so früh am Morgen vor ihr stand.
    - Was wollen denn Sie um diese Zeit von Herrn Pfarrer?, fragte sie fassungslos.
    - Veronika entschuldigen. Sie ist heute morgen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Kreislaufkollaps.
    Laura hatte sich diese kleine beschönigende Lüge zurechtgelegt, denn sie wollte ihre Freundin nicht in Misshelligkeiten stürzen.
    - Um Gottes willen, und was passiert mit den Kindern?, fragte die Haushälterin. Die kommen doch um acht und müssen versorgt werden. Die können wir doch nicht heimschicken.
    - Ja, dann .... dann müssen Sie um eine Ersatzkraft einreichen.
    Laura sagte diese Worte nur so dahin, obwohl sie vielleicht im Innersten schon hoffte, man könnte an sie denken. Immerhin hatte sie schon einige Erfahrungen gesammelt, wie man mit Kindern umgeht, und fühlte sich bei dieser Arbeit auch sehr wohl.
    - Das sagen Sie so leicht, junges Fräulein.
    Der Geistliche war unbemerkt hinter der Haushälterin aufgetaucht.
    - So leicht geht das nicht, wie Sie sich das denken.
    Bedächtig wog er seinen Kopf hin und her, dann fügte er hinzu:
    - Es sei denn, Sie könnten vielleicht - aber nein, das geht ja wohl nicht. Sie sind doch nicht ausgebildet.
    - Und ob das geht, bitte, bitte, Herr Pfarrer, geben Sie mir eine kleine Chance.
    Laura spürte, dass sie hier vielleicht ein bisschen Geld verdienen könnte. Sie lächelte dem Herrn Pfarrer zu, so liebenswürdig, wie sie nur konnte. Sogar ein kleines Augenzwinkern riskierte sie. Und es schien, als ob auch im Blick des Geistlichen eine gutmütige Freundlichkeit aufleuchtete, von der Art, wie zum Beispiel ein Onkel seine Nichte am Bahnhof begrüßt, wenn er sie sehr lange nicht mehr gesehen hat.
    - Na schön, mein Kleines, dann wollen wir dich heute mal auf die Horde Kinder loslassen. Ist dir denn davor überhaupt nicht Angst, mit so vielen Kindern allein zu sein, einen ganzen Vormittag lang?
    - Nee, Herr Pfarrer. Ich fühl, dass ich das kann.
    Laura bekam den Schlüssel für den Kindergarten ausgehändigt und bald füllten nahezu 30 Kinder mit lautem Geschrei den Saal. Sie umringten ihre Laura, die sie schon sehr gut kannten und bestürmten sie gleichzeitig mit Bitten um Spielzeug und mit Sonderwünschen für das heutige Programm. Laura konnte sich der Zuwendungen kaum erwehren. Sie rang förmlich um Atem. Aber dann sagte sie sich, dass sie es schaffen würde. Schaffen müsste, denn ihr Bares war aufgebraucht, ausgegeben für Veronikas Tanzschuhe. Bei diesem Gedanken fühlte sie einen kleinen Zorn in sich aufsteigen.
    In der Mittagspause besuchte sie Veronika in der Klinik.
    - Was machst du für Sachen? Warum betrinkst du dich?
    - Entschuldige. Ich schäme mich so. Ich schaff es nicht. Ich lag da in meinem Bett und fühlte mich so elend. Ich bin so klein neben dir. Du kannst barfuß auf Steinen gehen. Allein würde ich das nie schaffen.
    - Mensch, Veronika, nimm dich zusammen. So kann dich doch kein Freund mehr lieben.
    Die Schwester war hinzugetreten.
    - Sie müssen jetzt gehen, die Patientin braucht Ruhe. Ihre Nerven sind zu angegriffen.
    - Ich komm wieder.
    Laura drückte Veronikas Hand lang und fest und sah ihr dabei in die Augen. Ein kleines glückliches Lächeln huschte über die Lippen der Kranken.
    Am Ende des Nachmittags, als die Kinder schon wieder nach Hause geschickt werden konnten, stand der Pfarrer in der Tür.
    - Na, das läuft ja fabelhaft. Sie sind, wie es scheint, eine gute Kraft. Kommen Sie zu mir ins Büro. Nur noch einige Formalitäten wären zu erledigen.
    Mit ungutem Gefühl folgte Laura dem Geistlichen ins Pfarrhaus.
    - Wenn wir Sie beschäftigen, auch nur aushilfsweise, müssen wir ihre Personalien aufnehmen. Wenn Sie bitte diesen Bogen ausfüllen würden.
    Es kam, wie es kommen musste. Laura musste beichten, woher sie kam und warum sie allein unterwegs war. Dass sie ihren Eltern davongelaufen war, weil sie es zu Hause nicht mehr ausgehalten hatte. Der Pfarrer bekam große Augen und schaute das Mädchen mitleidig an. Aber dann sagte er, nach längerem Nachdenken:
    - Nein, mein liebes Kind, so geht das nicht. Sie sind nicht volljährig. Sie müssen vor allem zuerst einmal Ihre Eltern benachrichtigen, wo Sie sind. Können Sie sich vorstellen, welche Sorgen sie sich machen? Können Sie sich das vorstellen?
    Laura nickte und schluckte einige Male bitter und leer in sich hinein.
    - Dann wählen wir jetzt die Nummer Ihrer Eltern und Sie sprechen mit ihnen.
    Der Pfarrer hatte das Telefon zu Laura hinüber geschoben und ihr den Hörer in die Hand gegeben. Er schaute sie herausfordernd an. Laura nahm den Hörer, schickte sich an, mit der andern Hand die Nummer zu wählen, dann, plötzlich, ohne Übergang und Vorwarnung, schoss sie von ihrem Stuhl in die Höhe, warf den Hörer auf die Gabel und rannte schnurstracks zur Tür hinaus, während der Herr Pfarrer ihr erschrocken nachschaute.
    Laura rannte, so schnell sie konnte, durch die Straßen der Stadt. Nur fort von hier! Sie fühlte sich plötzlich so eingewickelt von der betulichen Fürsorglichkeit des Pfarrers und fürchtete sich zugleich vor der seelischen Hinfälligkeit einer Veronika, die sich wie eine Ertrinkende an sie klammern würde, dessen war sie sich sicher. Frei sein wollte sie, frei sein, und sich nicht in eine neue Abhängigkeit begeben. Laura rannte, sie war außer Atem, japste an den erstaunten Menschen vorbei, keuchte, schnaufte, atmete schwer. Dann ließ sie sich plötzlich, in einer sehr belebten Geschäftsstraße, auf eine Bank fallen und versuchte ihr Herz zu beruhigen. Gegenüber war ein Fernseh- und Radiogeschäft. In der ganzen Schaufensterfront waren fast ein Dutzend Fernsehgeräte aufgestellt, verschiedene Fabrikate, alle auf denselben Sender eingestellt. Es sah komisch aus, zwölfmal dasselbe Programm, dieselben komischen Menschen, die sich mit einem Moderator, einem geschniegelten Typen, der sein Konfektionslächeln aufgesetzt hatte, artig und gezwungen unterhielten. Plötzlich schienen Laura die Augen aus dem Kopf zu fallen. Das waren doch ihre Eltern! Wie kamen denn ihre Eltern ins Fernsehen? Sie sprang von der Sitzbank auf und rannte, ohne auf den Verkehr zu achten, auf die andere Straßenseite. Fast wäre sie von einem Auto überfahren worden, dessen Fahrer ihr schreckensbleich nachsah und den Kopf über so viel Leichtsinn schüttelte. Da stand Laura schon vor dem Schaufenster und starrte in einen der Bildschirme.
    - Und nun wenden Sie sich mit Ihrem Appell an Ihre Tochter .
    Der Mann, ihr Vater, trat ans Mikrofon. Sein zerfurchtes Gesicht schien eingefallen, tiefe Ränder zogen sich um seine Augen, die müd und traurig blickten. Neben ihm stand die Mutter, abgehärmt und ein wahres Bild des Jammers. Langsam begann der Mann zu sprechen.
    - Laura, wenn du uns hören kannst, dann bitte, melde dich. Wir machen uns große Sorgen um dich. Wenn du kannst, dann gib uns ein Lebenszeichen. Bitte, komm zu uns zurück.
    Des Vaters Stimme war am Zerbrechen. Schließlich raffte er sich zu einigen letzten Sätzen auf.
    - Wenn du nicht zurückkehren willst, was wir gut verstehen können, nach dem, was du bei uns mitgemacht hast, dann sag uns doch, wo du bist. Du brauchst doch Geld. Wir wollen dir helfen. Nur sag, dass du noch lebst und - nun versagte dem Mann fast gänzlich die Stimme - dass du uns verzeihst.
    Laura war aufs Trottoir gesunken verbarg ihr Gesicht in beiden Händen. Sie fühlte in ihrem Innern so großen Schmerz, auch Schuld, dass sie ganz verzweifelt war und nicht mehr wusste, was sie überhaupt machen sollte. Zu guter Letzt, nach einigen Minuten der Ratlosigkeit, erhob sie sich mühsam und ging, langsam und unentschlossen, wieder den Weg zu Veronikas Dachwohnung zurück. Dort schloss sie sich ein, nahm den Hörer vom Telefon und wählte die Nummer ihrer Eltern.




  12. #12
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    Der Auftrag

    Der Auftrag

    12. Kapitel zu "Lauras Flucht"

    - Hab dich gesehen im Fernsehen, Papa. Deshalb mein Anruf. Bin am Leben. Geht mir gut. Mach dir keine Sorgen um mich. - - - Tut mir leid, aber konnte nicht bei euch bleiben. Wäre in eurer Luft eingegangen. Bitte, forscht nicht nach mir. Ich komm wieder, wenn ich weiß, wer ich bin und was aus mir werden soll. - - - Noch was, eine Bitte. Hab kein Geld mehr. Hätte welches gehabt, hab aber alles einer guten Freundin vorgestreckt. Die liegt nun im Krankenhaus. Bitte, schick mir 100 Euro, postlagernd auf die Konstanzer Hauptpost. Kennwort "Eichhörnchen". Bitte, mach das für mich. Zuhause müsste ich ja auch essen. - - - Ich werde bald selbst für mich sorgen können. Ich weiß, dass ich das kann.
    Laura hatte den Hörer aufgelegt. Das Gespräch hatte sie angestrengt. Der Vater war noch ganz erregt, er wollte wissen, wo sie sei, was sie genau mache und wovon sie lebe. In seiner Stimme hatte Laura so viel Wehmut gespürt, dass sie mit der großen Versuchung kämpfen musste, sich einfach per Taxi nach Hause fahren zu lassen. Mit offenen Armen wäre sie aufgenommen worden, von Vater und Mutter. Sie war sich dessen so gewiss, nach der Fernsehsendung und jetzt vor allem, nach dem Telefonat. Aber sie fühlte in sich auch die klare Erkenntnis, dass sie jetzt stark bleiben müsse, bis sie genug erfahren und erlebt hätte, um mit einem neuen und sicheren Auftreten in die Familie zurückkehren zu können. Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen, die ganze Unsicherheit, auch die Zufälle, die sie mit den verschiedensten Menschen in Berührung brachten, flößten ihr eine gewisse Ruhe und Sicherheit ein, vor allem Zutrauen zu sich selbst, auch zu ihrer Zukunft, die dunkel und ungewiss vor ihr lag, irgendwo in der Fremde, in der kommenden ungeplanten Zeit. Bis jetzt war sie nicht verhungert, sie würde es auch in den kommenden Tagen nicht. Fast schien es Laura, als ob ihr von irgendwoher diese innere Festigkeit eingegeben würde. Gläubig war sie eigentlich ja nicht, im landläufigen Sinne, aber die Vorstellung von Gott als einem alles regierenden Weltgeist, zu dem sich in höchsten Notlagen beten ließe, diese Vorstellung war ihr schon vertraut. Auch ihre Eltern, die sich gedanklich wohl nie mit höheren Dingen beschäftigten, hatten doch immer wieder vom "Herrgott" und vom "Himmel", auch von der "Hölle" gesprochen, ohne dass man hierbei allerdings das Gefühl bekam, sie würden daran glauben. Auch in die Messe waren ihre Eltern lange nicht mehr gegangen, nur manchmal an hohen Feiertagen, wenn sie etwas fürs Gemüt brauchten, an Weihnachten zum Beispiel.
    Am andern Morgen verließ Laura Veronikas Wohnung, endgültig, wie sie ganz klar wusste. Dieses Kapitel war für immer abgeschlossen. Einmal noch würde sie ihre Freundin im Krankenhaus besuchen, dann würde sie zu neuen Ufern aufbrechen.
    Auch der Kindergarten war für sie nun verbotenes Land, obwohl sie gerne dahin zurückgekehrt wäre. Aber nach ihrer Flucht aus dem Pfarrhaus hatte sie deutlich empfunden, dass sie aus instinktivem Impuls heraus gehandelt hatte und einer inneren Stimme gefolgt war. Laura hatte ihren Rucksack umgeschnallt, zählte die Münzen in ihrem Portemonnaie, genau 12 Euro 30 waren ihr von jenem unglückseligen Einkauf mit Veronika geblieben. Fürs Erste sollte es reichen. Sie würde nicht verhungern. Sie nicht.
    Im Krankenhaus wurde sie von einer freundlichen Schwester sofort zu Veronika vorgelassen. Veronika lag in einem reinlichen weißen Bett und sah mit dem vertrauensvollen Lächeln eines kleinen Mädchens zu Laura auf. Sie schien hilflos wie ein Kind. Und kindlich freute sie sich über Veronikas Besuch.
    - Find ich toll, dass du kommst, sagte sie ganz leise.
    Sie erblickte Lauras umgeschnallten Rucksack. Nach einer Weile, als Laura immer noch nichts erwiderte, sondern nur stumm ihre Hand ergriffen hatte, fügte sie hinzu, langsam Wort für Wort betonend.
    - Ich weiß, du willst jetzt wieder gehen. Vielleicht ist das unsere letzte Begegnung. Das kann ich gut verstehen.
    Veronikas Augen füllten sich mit Tränen.
    - Aber das ist vernünftig. Wir müssen stark sein und ich muss jetzt allein zurecht kommen. Gerade nach meinem Rückfall weiß ich es gut, dass ich es muss, aber auch, dass ich es kann.
    - Ja, du kannst es, sagte Laura und drückte dabei ihre Hand fest. Du bist nämlich eine ausgezeichnete Kindergärtnerin. Du bist für viele kleine Seelen ein großes Glück. Alle deine Kinder freuen sich, dass es dich gibt. Das musst du wissen. Daran musst du immer denken.
    Veronika hatte sich im Bett aufgerichtet und beide Arme nach Laura ausgestreckt. Nun geschah doch, was sie hatte vermeiden wollen und Laura sperrte sich nicht dagegen. Der Abschied war bewegend, herzzerreißend. Einer plötzlichen Eingebung folgend, streifte Laura ihr silbernes Ringlein vom Finger, eigentlich nur billiger Modeschmuck, den ihr ein Klassenkamerad zum letzten Geburtstag geschenkt hatte, und gab es Veronika.
    - Da, nimm. Wenn du wieder schwach wirst, dann schau dir diesen Ring an und denk dabei ganz fest an mich.
    Veronikas Augen glänzten vor Glück und Dankbarkeit. Laura drückte ihrer Freundin noch einmal die Hand, dann wandte sie sich entschlossen um und verließ das Krankenzimmer.
    Draußen ging sie rasch weiter. Es nieselte, längst war der Sommer vorbei und graue Novembertage kündigten sich an. Viele Passanten eilten an ihr vorüber, alle sehr korrekt gekleidet, vorwiegend in dunkelgrauen Anzügen und Mänteln. Stadtwelt, dachte sie, Stadtmenschen, sie gehen alle zu ihrer Arbeit, alle schauen sie regelmäßig auf die Armbanduhr, um ihren Bus oder Zug nicht zu verpassen. Du dagegen, du hast viel Zeit. Nein, die Zeit hat dich. Sie schaukelt dich einem ungewissen Ziel entgegen. Laura war mit sich zufrieden, dass sie mit Veronika nicht über das vorgestreckte Geld gesprochen hatte. Es ist gut so, dachte sie bei sich.
    Wie durch Zufall gelangte sie zu der Verbindungsstraße, welche auf die Insel Mainau führt, die Blumeninsel, die Konstanz vorgelagert ist und während der Sommermonate von vielen Urlaubern und Blumenfreunden besucht wird. Am heutigen grauen Werktage schien sie halb menschenleer, auch die Straße war nicht sonderlich stark befahren. Ich bin ebenso ein Blümchen, das im Verborgenen blüht, dachte Laura bei sich, warum soll ich nicht auf die Mainau gehen. Wer weiß, was mir dort blüht.
    An einem Kiosk kaufte sie sich ein Wurstbrötchen und heiße Schokolade. Jetzt musste sie etwas essen, sonst wär ihr übel geworden. Darauf schlenderte sie über die vielen Promenadenwege und bestaunte die üppige Blumenpracht. Sogar in späten Herbsttagen blühte es hier noch bunt von Dahlien und Astern, die in vielen ausgefallenen Züchtungen das Auge der Passanten erfreuten. Auf einer Anhöhe, die schon das Schloss der Bernadotte von ferne ahnen ließ, geriet sie in ein gläsernes Gebäude, eine Art Gewächshaus, in dem hohe Luftfeuchtigkeit und tropische Temperaturen herrschten. Große Schmetterlinge flatterten dicht an ihr vorüber. Fast war sie daran erschrocken, denn die Schmetterlinge waren so groß, dass man sie leicht mit Fledermäusen hätte verwechseln können. In leuchtenden Regenbogenfarben schillerten ihre Flügel und waren von so unnatürlich grellem Blau und Rot, dass die Augen schmerzten, wenn man nur lang genug auf sie hinsah. Laura wunderte sich. Blaue Schmetterlinge setzten sich auf blaue Blüten, rote Schmetterlinge auf rote Blüten. Klar doch, dachte sie dann und erinnerte sich plötzlich an ihre Biologiestunden und an die Lehre der Selektion und Anpassung in der Natur. Du nimmst die Farbe der Blüte an, auf der du dich niederlässt. Und wieder überdachte sie ihre Zeit bei Veronika, dachte an die schlimmen Tage im Gasthof. Und wieder fühlte sie mit untrüglicher Sicherheit, wie richtig ihr Entschluss war, von Veronika fortzugehen. Man darf da nicht bleiben, wo man eine Farbe annehmen muss, die einem nicht behagt.
    Nach einiger Zeit verließ sie das Schmetterlingshaus wieder und setzte sich auf eine Parkbank. Sie quälte das das unruhige Gefühl, dass sie rasch irgendetwas unternehmen müsste, um die weiteren Tage zu regeln. Auf einmal kam ihr ein rettender Gedanke. Sie riss aus dem Notizblock, den sie immer bei sich führte, ein großes Blatt heraus und schrieb mit einem Filzstift in großen Buchstaben darauf:
    - Suche dringend Arbeit. Schenken Sie mir Ihr Vertrauen. - Laura.
    Diesen Zettel befestigte sie mit zwei Kieselsteinen vor der Parkbank, so dass alle Passanten ihn sehen mussten. Danach streckte sie sich der Länge nach auf der Bank aus, blinzelte in die Morgensonne, welche sich nun verschämt zwischen den grauen Wolken milchig weiß zeigte, und schlief langsam ein.
    Einige Zeit musste sie so dagelegen und geschlafen haben, als sie fühlte, wie ihr jemand an die Stirn tippte. Erschrocken schlug sie die Augen auf und sah vor sich einen älteren Herrn: graumeliertes Haar, dunkle, buschige Augenbrauen, Brille, beiger Anzug, rotgestreifte Krawatte und glänzende Lackschuhe.
    - Stimmt das, was da auf dem Zettel steht, frage er leicht spöttisch.
    - Glauben Sie es etwa nicht?, gab sie etwas schnippisch zurück. Aber nicht so, wie Sie es vielleicht meinen.
    - Na, hören Sie mal, jetzt beleidigen Sie mich aber. Wie soll ich es denn meinen? Die Stimme des Mannes klang nun einerseits etwas streng, aber auch vertrauenerweckend.
    - Entschuldigung, man kann ja nie wissen, sagte Laura.
    - Ich auch nicht. Übrigens, ich heiße Doktor Leander, Clemens Leander, Marketing und Anlageberater. Ich habe Büro und Kanzlei in der Nähe von Konstanz. Ja, Sie heißen Laura. Wie alt sind Sie denn?
    - Sechzehn. Laura schaute den fremden Herrn mit gespannter Erwartung an.
    - Nun, ich hätte eine Tätigkeit für Sie. Eigentlich nur kleinere Botendienste. Würde Sie gut entlohnen.
    Obwohl Laura gerne gefragt hätte, um welche Botendienste es sich hier handelte, überwogen in ihr Neugier und Abenteuerlust und sie erklärte kurzerhand ihr Einverständnis. Der fremde Herr führte Laura zu seinem Wagen, einem chicen dunkelgrauen Mercedes und ließ sie auf dem Nebensitz vorne Platz nehmen. Es ging zur Stadt hinaus, an einem Arm des Bodensees entlang, durch viele Dörfer, in denen die Bauern auf ausgedehnten Feldern ihre letzten Ernten einbrachten. Manchmal waren am Wegrand Rübengeister aufgestellt, aus deren geschnitzten Augenhöhlen schummeriges Kerzenlicht hervorleuchtete. Alte Vogelscheuchen standen auf den Feldern, mit zerzausten blauen Kleidungsstücken. Irgendwo, Laura hatte schon längst die Orientierung verloren, hielt Herr Leander an.
    - So, da wären wir. In diesem Ort Gaienhofen hat übrigens ein berühmter Dichter gelebt. Haben Sie etwas übrig für Dichtung?
    - O ja, Eichendorff zum Beispiel mag ich sehr, seinen Taugenichts.
    - Da wird Ihnen Hermann Hesse auch gefallen. Wenn Sie wollen, besuchen wir bald sein Museum. "Der Adler kämpft sich aus dem Ei." Irgendwo in einem seiner frühen Romane steht dieser Satz. Habe ihn nie vergessen.
    Dr. Leander schien in diesem Ort bekannt zu sein. Die Bauern, aber auch der Ortspfarrer, ein würdiger Herr in schwarzer Soutane, grüßten ihn mit Ehrfurcht. Sie lenkten die Schritte zu einem eher unscheinbaren Bauernhaus in der Nähe des Seeufers.
    - Hier können Sie wohnen, so lange Sie für mich arbeiten. Ich kenne die Leute. Sie haben genug Platz. Zimmer und Verpflegung bezahle ich.
    - Oh, danke. Sie sind sehr großzügig. Aber nun sagen Sie mir, was ich als Gegenleistung für Sie tun muss.
    Dr. Leander richtete einen leicht forschenden Blick auf Laura, lächelte fast spöttisch und sagte dann, geheimnisvoll.
    - Das wird sich finden. Wird sich finden. Warten wir's ab.
    - Können Sie mir nicht genau erklären. Ich muss doch wissen, worauf ich mich einlasse.
    - Doch, doch. Sie können zum Beispiel schon eines tun. Mich begleiten zum andern Seeufer hinüber. --- Wissen Sie, was eine Solarfähre ist?
    Laura schüttelte den Kopf. In technischen Dingen war sie nicht bewandert. Immer hatte sie sich eher für Dichtung interessiert. Sie war die Leseratte in ihrer Klasse.
    - Dann werden Sie staunen. Kommen Sie, wir gehen gleich.
    - Aber ich muss doch zuerst meine Sachen unterbringen.
    - Machen Sie schnell. Frau Haberstroh zeigt Ihnen das Zimmer.
    Eine alte Frau, würdige Matrone, deren Alter man schwer schätzen konnte, zwischen 60 und 80 Jahren, empfing die beiden, grüßte dabei Herrn Leander so vertraut, als würde er zur engeren Verwandtschaft gehören, beäugte daraufhin Laura neugierig und ausgiebig, als wollte sie die moralische Zuverlässigkeit dieses Mädchens aus der Stadt überprüfen und taxieren. Dann machte sie kehrt und stieg die knarrende Treppe zum Obergeschoss empor. Laura folgte ihr und nahm, mit seltsamen Gefühlen, den unangenehmen Kleidergeruch der Bäuerin wahr, der sie stark an Mottenkugeln erinnerte. Oben ging die Frau einen kleineren Gang entlang und öffnete dessen letzte Tür.
    - Das ist die Mägdekammer. Hier können Sie wohnen.
    Laura beschaute sich den Raum, in dem sie, wenn alles recht lief, die kommende Zeit wohnen sollte. Er war zwar recht primitiv und rustikal eingerichtet, eine rohe Kiste als Bett, mit grobem leinernem Bettzeug, ein Schrank, mit Bauernmalerei verziert, bis hoch an die Zimmerdecke. An den Fensterflügeln hingen Spinnweben. Laura warf ihren Rucksack auf das Bett und ging dann wieder hinunter. Dr. Leander stand schon wartend an der Tür. Zusammen gingen sie zum Seeufer hinunter. Trauerweiden säumten den Uferweg, Wildenten schwammen im Wasser, Möwen zogen kreischend ihre Bahnen. Das Wasser lag vor ihnen wie eine große graue Decke, von schwachen Wellen nur leicht gekräuselt. Von ferne erkannte man wie ein zartes Aquarell das gegenüberliegende Schweizer Seeufer. Ein Holzsteg führte zur Landestelle der Solarfähre.
    - Sehen Sie, dort liegt schon unsere Solarfähre. Diese Fähre wird nur durch Sonnenenergie angetrieben. Deshalb sind an der gläsernen Überdachung auch die großen Kollektoren angebracht.
    - Aber heute scheint doch keine Sonne, fragte Laura.
    - Wohl sieht man sie nicht, pflichtete Dr. Leander bei, aber hinter den Wolken, unsichtbar unseren Blicken, scheint sie doch.
    Dann fügte er tiefsinnig hinzu:
    - Kein menschliches Leben ist ohne Sonne denkbar.
    Laura dachte an ihre Mutter und erwiderte, mit schwacher Stimme:
    - Wie recht Sie haben.
    - Immer, liebes Kind, immer.
    Der Fährmann stand schon bereit, auch er begrüßte Dr. Leander wie einen alten Bekannten. Laura entging dabei nicht, dass Herr Leander diesem Menschen unbemerkt einen weißen Umschlag zusteckte und dabei mit ein paar Gesten andeutete: wie immer. Ein längliches Holzbrett, einen halben Meter breit, zwei Meter lang, mit angebrachten Querleisten, führte abschüssig schräg vom Landungssteg in das Fähreninnere hinunter. Dr. Leander ergriff Laura am Oberarm und geleitete sie die paar Schritte. Ihr schien, als würde sie, wie auf einer schiefen Ebene, in eine ganz andere Welt gelangen. Unter ihr war nun Wasser, kein solider fester Boden mehr. Sie nahmen auf den weißen Stühlen innerhalb der Fähre Platz.
    Der Fährmann, ein dunkler Typ, wildes schwarz glänzendes Haar, raue Bartstoppeln im Gesicht, gekleidet in fleckiger Lederjacke, drückte auf ein Knöpfchen des Armaturenbrettes und schon setzte sich die Fähre geräuschlos in Bewegung. Es war gespenstisch. Kein Laut, nur ein ganz schwaches Brummen oder Surren war vernehmbar. Die Fähre glitt über das unbewegte Wasser, als würde sie von Geisterhand gezogen. Laura konnte sich nicht erinnern, je einmal so still über ein Wasser gefahren zu sein. Auch war die Geschwindigkeit des Fahrens kaum einzuschätzen. Das andere Ufer rückte plötzlich in greifbare Nähe. Schon konnte sie die Silhouette von Steckborn erkennen, dem kleinen Schweizer Ort an der anderen Seeseite. Kaum 20 Minuten hatte die Überfahrt gedauert. Dr. Leander half Laura wieder beim Aussteigen und dann bummelten sie einige Zeit durch das kleine Städtchen und bewunderten die alten, historisch bemalten Häuser. Seltsam, jedes Haus hatte einen Namen oder einen sinnigen Spruch, der auf Sitte und Ehrbarkeit der Bewohner schließen ließ. Hier herrscht Bürgersinn, dachte Laura. Da sind die Sitten noch stabil, die Menschen rechtschaffen. Einige Leute standen auf dem Bürgersteig, vor den kleinen Geschäften, und unterhielten sich in der hiesigen breiten Mundart. Schleppend wirkten die Worte, aber die munteren Äuglein schauten dabei verschmitzt und schlau. Laura war so seltsam zumute. Alles schien ihr fremd und doch wiederum vertraut. In einem Straßencafé lud sie Dr. Leander zu Kaffee und Kuchen ein. Der ganze Gastraum duftete stark nach dem unverwechselbaren Aroma des Schweizer Kaffees, den man hier ausschenkte. Wie sie den goldbraunen Kaffee in kleinen Schlucken aus der Tasse trank, fühlte sie augenblicklich dessen anregende Kraft und spürte eine kleine Benebelung in ihrem Innern. Kann denn Kaffee so schnell und stark wirken, dachte sie verwirrt.
    - So, und jetzt kommen wir auf unsere Arbeit zu sprechen, sagte Dr. Leander plötzlich sehr sachlich und geradezu nüchtern.
    - Ja, bitte, hörte sich Laura sagen.
    - Was wir bei der Rückfahrt gemeinsam machen, das tust du an den folgenden Tagen allein. Alles genau so, wie heute.
    Sie gingen danach die Hauptstraße der kleinen Stadt weiter abwärts und gelangten zu einem hohen, mehrstöckigen Gebäude, dessen Dach mehrere kuppelartige Aufsätze aufwies und in seiner Art beinah an das alte Russland erinnerte. "Museum für Stadt- und Heimatgeschichte" war an der Tür zu lesen. Auf das Klingelzeichen hin öffnete sofort ein jüngerer Mann, dessen blonde Haare buschig in alle Richtungen standen.
    - Ach Sie, Herr Leander. Warten Sie, ich hol's geschwind.
    Er verschwand im Hintergrund des Kassenraums und erschien nur wenige Sekunden später wieder mit einer schwarzen Aktentasche, fast so groß wie ein Arztköfferchen. Wortlos drückte er dieses Köfferchen Dr. Leander in die Hand. Dieser sagte nur "Danke, wie abgemacht." Dann wies er mit der Hand auf Laura und erläuterte kurz und präzis.
    - Sie wird künftig kommen und die Sendungen abholen. Sie können ihr vertrauen.
    Laura war sehr unbehaglich zumute, als sie zusammen zur Anlegestelle der Solarfähre zurückgingen.
    - Was ist in dem Köfferchen?
    - Liebes Fräulein. Sie schrieben doch auf Ihrem Zettel: 'Sie können mir vertrauen.'
    Eindringlich sah sie Doktor Leander von der Seite an.
    - Ja schon, aber ich will doch wissen...
    - Nein, fuhr ihr der Mann ins Wort. Sie sollen Botengänge machen, ohne große Fragen zu stellen.
    Darauf fixierte er Laura plötzlich mit so scharfem Blick, als ob seine Augen ihr mitten in die Seele stechen müssten.
    - Im übrigen sollten Sie wissen, dass es auch belasten kann, wenn man zu viel weiß. Schauen Sie mich nur an. Sagen Sie, halten Sie mich für einen schlechten Menschen? Schauen Sie mich nur an.
    Dr. Leander hatte nun wieder ein freundliches Lächeln aufgesetzt, es wirkte nicht leichtfertig, aber doch entgegenkommend und Vertrauen erweckend. Lauras Augen waren von diesem Blick gefangen, sie war wie gebannt. Ihr war plötzlich zumute, als könne sie gar nicht mehr in irgendeine andere Richtung schauen. Am liebsten hätte sie den älteren Herrn, der wohl über eine Generation älter war als sie und für sie niemals als Liebhaber in Frage gekommen wäre, umarmt und geküsst.
    - Nein, Herr Doktor Leander, ich kann es mir nicht vorstellen.
    - Na also, liebes Kind, dann nimm die Tasche und vertraue mir. Und diese Tasche gibst du künftig der Bäuerin ab, bei der du wohnst. Mehr brauchst du nicht zu machen. Meine Leute holen dann die Ware ab. So, und für jede Fahrt in die Schweiz mit abgelieferter Tasche gibt es 20 Euro, Kost und Logis frei. Ist das recht?
    So viel, dachte Laura nur, so viel für eine Gefälligkeit, ohne eigene Arbeit, was kann das wohl sein. Aber wie Dr. Leander sie von der Seite betrachtete und seinen großen tiefen Blick wieder auf sie richtete, konnte sie nur nicken.
    - Gewiss, es ist recht. Es ist sogar sehr großzügig von Ihnen.
    - Natürlich ist es großzügig. Ich bin sowieso ein großzügiger Mann. Du wirst sehen, mein junges Fräulein.
    Dabei hatte er seinen rechten Arm um ihre Schultern gelegt, seine Hand strich dabei über ihren bloßen Hals und streifte ihr Ohrläppchen. Laura erschauerte und wusste nicht, warum.
    - Bitte, lassen Sie das.
    - Oh, Verzeihung. Ah, da sind wir bei der Anlegestelle. - Da ist ja auch schon die Solarfähre. Guido, sagte er schon von weitem zu dem Fährmann, das ist Laura. Du sollst sie kennen lernen. Sie wird künftig oft über den See fahren, in meinem Auftrag, du weißt schon.
    Der Fährmann, den Dr. Leander mit Guido angesprochen hatte, nickte nur kurz, so unauffällig, als ob er befürchten müsste, jemand könnte sein Kopfnicken bemerken. Die Rückfahrt verlief genauso ruhig und problemlos wie die Hinfahrt, wieder war es dieses unheimlich ruhige Gleiten auf dem Wasser.
    - Da schau, die Wildenten und die Möwen. Manche Wasservögel kommen über den Winter hierher, weil es da wärmer ist als im Hochrhein. Sie überwintern hier.
    Auch ich bin ein wilder Wasservogel, dachte Laura und sah schwärmerisch auf die Wasserfläche. Der Tag neigte sich dem Ende zu, die Sonne war schon am Versinken, ihre Strahlen spiegelten sich flimmernd auf dem Wasser. Mit Sonne endet der Tag, der so neblig begonnen hatte, dachte Laura, als sie an der Seite Dr. Leanders auf das Bauernhaus zuschritt.
    - So, und nun lasse ich dich allein mit Frau Haberstroh. Mach ihr keinen Kummer.
    - Wird schon nicht, sagte die Angesprochene in süddeutscher Mundart. Sie lächelte breit und zeigte dabei gelbe Zähne.

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