1. #1
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    Das Mädchen, der Heilige und der Prophet

    -- was befindet sich außerhalb des universums ? wann das universum tatsächlich gekrümmt war, am ende eine kugel und sich dennoch weiter ausbreitete...in welchem raum bewegte sich dann das universum ? war es DAS was man als gott bezeichnete ? die existenz in der das universum einzig existieren konnte ? gab es dort draußen andere welten, andere universen, sind wir nur ein atom im haar eines wolfes in einer anderen realität ? wenn man darüber zu lange nachdachte wurde einem schwindelig. ihr rückgrat kribbelte. sie liebte es, am rande des möglichen entlangzudenken - barrieren menschlichen denkens federleicht zu berühren...was lag auf der anderen seite des denkbaren...was das die genialität ? sind genies menschen, die diese barrieren überspringen konnten ? --

    " Janet, sieh mich an". Es störte. Dr. Johnsons Stimme störte. Da sie aber wußte, dass er nicht eher aufhören würde, auf sie einzureden, bis sie das Verlangte tat hob sie kurz die Lider, um an seiner Schulter vorbei an die Wand zu sehen. Das genügte ihm. Er hatte es schon lange aufgegeben, sie am Kinn fassen zu wollen. Das hatte er vor vielen Jahren mit einem blitzschnellen Biß in seine Hand bezahlt. Man konnte noch immer die kleinen weißen Narben sehen. Das registrierte sie aus dem Augenwinkel. Ihr entging fast nichts.

    "Sieh her, was ist das ?" Er zeigte ihr das Bild einer Katze. Warum hielten sie die Leute für dumm ? Natürlich war das eine Katze. Katze. Katze.Katze. Das nächste Bild würde ein Auto sein, darauf ein Haus, ein Buch, eine Frau, ein Mann, ein Hund. Sie kannte sogar die Reihenfolge der Bilder auswendig. Sie machten sich nicht einmal die Mühe, sie zu ändern. Teufel, sie war nicht dumm ! Sie würde nicht amtworten, niemals. Konnte es nicht. Aber selbst wenn sie es konnte, sie würde es niemals tun.

    Sie schlug dem Arzt die Karten aus der Hand und rannte aus dem Zimmer. Sie würden nicht nach ihr suchen. Sie waren das gewohnt.

    -- merry war so ein genie, schien es ihr. er lebte jenseits der barrieren des möglichen. sie selbst lebte in der irrealität. manchmal stellte sie sich vor, sie sei bloß ein gedanke. aber sie lebte im möglichen. manchmal bedauerte sie es. aber manchmal durfte sie merry folgen in den raum jenseits des denkbaren, wenn er sie mitnahm auf seiner reise. merry war nicht verrückt. auch sein zimmergenosse nicht, den alle den heiligen nannten nicht. auch sie nicht. die einzigen verrückten hier waren die ärzte. das schreckliche daran war nur, dass dies niemand erkannte. heile menschen braucht man nicht gesundzumachen, und es entbehrte nicht einer gewissen tragik, dass dies gerade selbst die kranken versuchten (janet war nicht entgangen, dass seit zwei jahren an der gebissenen hand der ehering fehlte)--

    Sie gelangte ungesehen in den Männertrakt der Anstalt und schlüpfte in das Zimmer, das sich Merry und der Heilige teilten. Sie schob sich durch einen Spalt in der Tür, fürchtete sich, sie zu weit zu öffnen, damit keine Realität hineinschlüpfen (oder vielleicht entweichen ) konnte und zwängte sich in die Nische zwischen dem Bett des Heiligen und der Wand. Die Enge mochte sie. Wände auf allen Seiten, die ihr Leben festhielten und das Gebet des Heiligen. Der Heilige hörte nicht auf zu beten, als sie hereinkam und Merry lag auf dem Bett wie meist und lauschte der Stimme des Mannes (oder dem Universum) den er gelegentlich mit einem Lachen oder einem Vers unterbrach, der von seinen Lippen fiel, wie ein Blatt im Wind, aus dem Raum jenseits der Barrieren. Vielleicht. Man nannte ihn Merry, weil er immer lachte. Vielleicht. Janet liebte seine Verse. Janet liebte die Gebete. Dies war das Mysterium, das sie mit Merry und dem Heiligen teilte.

    Ihre Hand klatschte im langsamen Rythmus des Ave Maria an die Wand und ihre Lippen formten das Amen lautlos und ungesehen ganz am Schluß.

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    whiteraven

  2. #2
    Niquita Guest
    Wirkt auf mich recht unabgeschlossen, wie ein Fragment aus einem größerem Zusammenhang. Ist dem so? Dann wäre es für den Leser wohl interessant, den Kontext zu erfahren.

    Liebe Grüsse
    Nicole

  3. #3
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    Hast du "Veronika beschließt zu sterben" gelesen? Erinnert mich von der Thematik daran. Ansonsten schließe ich mich Niquita an: Es wirkt wie ein Auszug aus etwas "Größerem". Aber sehr interessant (ich habe "Veronika" verschlungen )

    Gruß,Dete
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  4. #4
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    genialität und wahnsinn... das gleiche ?

  5. #5
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    hallo ihr beiden

    @Dete, nein das Buch kenne ich nicht - ich sollte es aber vielleicht einmal lesen ?!

    An euch beide: ja, ihr lagt mit dem "Fragment" schon ziemlich nahe - eigentlich sollte dies der Anfang einer längeren Geschichte, vielleicht sogar eines kurzen "Romans" sein - einer Gratwanderung zwischen den Welten - was ist normal,was nicht, gibt es noch so etwas wie ein Mysterium, und wenn ja, wer ist es, der es noch sehen/wahrnehmen kann, und die Geschichte strandet schließlich irgendwo zwischen Realität und Fantasy - um am Ende wieder an den Anfang zurückzukehren.
    -bloß hab ich leider nicht das Durchhaltevermögen das tatsächlich durchzuziehen . Naja, vielleicht schreibe ich eines Tages ja tatsächlich weiter (den "Plot" der Story habe ich ja so ungefähr im Kopf) - dann bekommt ihr den Fortgang der Geschichte auch zu lesen.


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    whiteraven

  6. #6
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    Wenn dich die Thematik: "Wer ist verrückt, der Verrückte oder der "Normale"" interessiert kann ich das Buch auf jeden Fall nur empfehlen.

    Gruß Dete
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