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Thema: Odeur

  1. #1
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    Odeur

    Odeur

    Mit nackten Armen und zur Hand Lektüre,
    in die dein Geist sich innig schon verwoben,
    auf einem Stuhl, im Haar des Windes Welle,
    sitzt du im Sonnenlicht fällt ein von oben
    und ahnst nicht, dass ich dich sogleich verführe.

    Von schräg erspäh ich dich in dieser Pose
    und schleiche leise, unbemerkt im Bogen
    von hinten mich an die begehrte Stelle,
    als hätte ich dich lange schon betrogen,
    du, meine ungeliebte Ahnungslose.

    Dein Atem geht und saugt für die Sekunde
    der nahen Innigkeit vertraute Düfte.
    Kaskaden ungebremster Wasserfälle
    entschweben giftig in die schweren Lüfte
    und öffnen wieder die vernarbte Wunde.

    © LeVampyre | XXIII, Apr. 2005

    Dieser Text kann als mp3 auf meiner Homepage angehört werden.
    Bitte beachtet auch die besonderen Lizenzbestimmungen an meinen kreativen Werken!
    Eine Liste meiner bei Gedichte.com veröffentlichten Texte gibt es u.a. in meinem Sammelfaden.
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  2. #2
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    Hi LeV,

    ich dachte mir, es sei mal wieder an der Zeit, mich mit einem deiner Werke auseinanderzuesetzen. Da dieses hier noch unkommentiert ist, werde ich meine Gedanken auch mal niederschreiben. =)

    Mein erster Eindruck beim Überfliegen war (platt ausgedrückt) "gefällt mir nicht wirklich". Der zweite - beim genaueren Lesen - ging in die Richtung "ja, es hat was", aber letztlich gibt es noch einige Dinge, die mich bei diesem Gedicht stören. Ich gehe mal Stophe für Strophe vor.

    Mit nackten Armen und zur Hand Lektüre,
    in die dein Geist sich innig schon verwoben,
    auf einem Stuhl, im Haar des Windes Welle,
    sitzt du im Sonnenlicht fällt ein von oben
    und ahnst nicht, dass ich dich sogleich verführe.


    Der Beginn macht mich schon etwas stutzig. Der Verweis auf die "nackten Arme[]" ist wohl erotisch konnotiert ("nackt"), aber irgendwie ist es als Aussage über die Person sehr plump geraten. Ich schätze mal, als Einstieg wolltest du die beobachtete Situation schlichtweg wiedergeben. Deshalb das ehere schüchterne, vorerst distanzierte Betrachten (kein Blickkontakt, nur Beschauen der Arme). Nichtsdestotrotz greift die Formulierung nicht. Das anschließende "und zur Hand Lektüre" geht nach längerer Betrachtung in Ordnung. Ich persönlich störe mich an der "Lektüre", es klingt in meinen Ohren fast veraltet, zumindest im Zusammenhang mit Gedichten. Hier muss ich eher nach Empfinden urteilen.
    Die nächste Zeile bestärkt jedoch dieses Empfinden. Die Inversion plus die Auslassung klingt mir zu gewollt. Hinzu kommt der Begriff "innig". Den bringe ich zum einen nicht mit dem Lesen eines Buchs in Verbindung (dieses Adjektiv geht in seiner emotionalen/überbewußten Aussage doch nun weit über jenes Interesse oder Gefesseltseins beim Lesen hinaus; zumal es eher im Zusammenhang mit Menschen genannt wird), zum anderen beißt es sich in diesem Sinzusammenhang nachher mit seiner Wiederholung in S3Z2. Das Wort ist m.E. arg deplatziert. Bei "Geist [...] verwoben" muss ich ebenfalls zusammenzucken. Derartige Formulierungen mögen allerdings Geschmackssache sein. Für mich klingt es gekünstelt, es passt nicht zur Situation. Das Vertieftsein durch ein Innig-Verwobensein auszudrücken klingt nach Kitsch.
    Vers 3 gefällt wiederum besser, auch wenn ich hier die Inversion ebensowenig nachvollziehen kann (abgesehen von metrischen/reimtechnischen Gründen). Die Alliteration ist zwar hübsch, aber trägt zur Überformalisierung bei. Bisher dringt kein Hauch von Atmosphäre zum Leser hindurch oder besser: der Eindruck ist eindimensional, wird durch sprachliche Mittel unterdrückt und nicht gefördert. Ich habe zwar nichts gegen überlegte Gestaltung der einzelnen Stichpunkte und Aussagen, doch hier verschluckt die eher simpel gestrickte Situation an der sprachlichen Gestaltung.
    "sitzt du im Sonnenlicht fällt ein von oben" - hier musst du mir mal helfen. Ohne Interpunktion bekomme ich den Satz nicht hin. Da es nicht das erste Mal ist, dass ich irgendwelche Satzbauten beim Lesen falsch aufdrösle. Der Binnenreim Sonnenlicht-nicht ist im Übrigen eine gute Verknüpfung zur nächsten Zeile.
    Der letzte Vers von S1 ist quasi die Pointe des ersten Teils. Hier dringt eine Absicht (vom lyr. Ich) in die scheinbar harmlose Beschreibung. Zugleich mischt sich die Vorausdeutung seitens des Sprechers mit rein. Klasse Abschluss einer anfangs holprigen Strophe.

    Vielleicht mache ich an dieser Stelle noch kurz die Bemerkung: Klasse Lesefluss. Beim Metrum fiel mir kein Fehler auf. Interessanterweise bleibt das Tempo trotz Jambus gemächlich und das ganze ist in der Tat ein richtiges, vorsichtiges Anpirschen an das "Opfer". Zwar wird der Leser auch durch die oben kritiserten Inversionen und komplizierten Formulierungen in der ersten Strophe gebremst, aber in den "sauberen" Teilen gerät der Rhythmus nicht aus den Fugen, wird nicht plötzlich schneller. Hier verhältst du dich sprachlich geschickt ("und ahnst nicht"--> wirkt z.B. träger durch das betonte, lange "a"). Technisch ist das mehr als ordentlich und teils ziemlich klasse gelöst.

    Nun aber weiter im Text:
    Von schräg erspäh ich dich in dieser Pose
    und schleiche leise, unbemerkt im Bogen
    von hinten mich an die begehrte Stelle,
    als hätte ich dich lange schon betrogen,
    du, meine ungeliebte Ahnungslose.


    Hm, hier beginnt es weniger durchwachsen als in S1. "Von schräg" ist eine komische Formulierung, die mir nicht in die Sprachebene dieses Gedichts passen will. Doch hier lasse ich mal ein Urteil bei seite, irgendwie gehe ich hier stark nach Gefühl bzw. meinem Sprachempfinden. Was ich jedoch sagen kann, ist, dass es phonetisch sehr interessant konzipiert ist: Zwei Äs hintereinander tun schnell in den Ohren weh, doch hier ist durch das "e(r)" eine gute Brücke zum deutlich betönten "(sp)ä(h)" geschlagen. Desweiteren: "Position" wäre anstelle von "Pose" m.E. passender, da letzteres in meinen Augen den Beigeschmack einer bewusst eingenommenen Stellung hat. Aber gut, das wäre jetzt schon 'ne Spur zu kleinlich, selbst für meinen Geschmack.
    Die nächste Zeile ist tadellos, enthält inhaltliche/sprachliche Feinheiten (das Anschleichen wird durch "leise", "unbemerkt" und "im Bogen" genauer spezifiziert - es soll anscheinend eine Überraschung werden) und phonetische Rafinesse.
    S2Z3 greift das Anschleihen weiter auf, ist ebenfalls phonetisch stark ("begehrte Stelle" wirkt spannungssteigernd, da es selbst etwas in-die-Länge-gezogen klingt) und schlägt eine gute Brücke zum Strophenanfang ("von...").
    Nun wird es aber interessant: Zwar ist diese Zeile nur im Konjunktiv, doch ist mir hier noch nicht ganz klar worauf jener sich bezieht. Auf das "betrogen" oder das "lange"? Hat das lyr. Ich nun seine Partnerin betrogen und deshalb ein schlechtes Gewissen? (Dies würde die Symbolik des Heranschleichens aufzeigen und das Verhalten erklären.) Aber erstmal keine weiteren Spekulationen, man lese...
    In der letzten Zeile kommt dann für mich etwas Ratlosigkeit auf. Nicht nur wegen dem Komma nach dem "du" (muss das sein?), sondern vor allem wegen dem "ungeliebte". Die Ahnungslosigkeit des lyr. Dus lässt sich hingegen leicht herleiten: Entweder es ist auf die Situation bezogen (heimliches Anpirschen) oder es könnte tatsächlich eine Affäre geschehen sein, von der das lyr. Du keine Ahnung hat. Und warum ungeliebt? Dies würde auf den Betrug hinweisen, könnte sich aber z.B. auch auf das Gefühl des Nicht-geliebt-Werdens, welches das lyr. Du empfindet, bezogen werden.
    Jedenfalls eine deutlich bessere Strophe, die Lesefreude verspricht und gegen Ende inhaltliche Kniffe anwendet, um auf die letzte Strophe vorzubereiten und Spannung zu erzeugen. Ein bisschen erinnert mich der Aufbau an das Drei-Akte-Schema von Drehbüchern, da hier jeder "Akt" in sich geschlossen und am Ende mit einer Art Pointe, einem "Plot Point" versehen scheint.

    Nun zum letzten Akt:
    Dein Atem geht und saugt für die Sekunde
    der nahen Innigkeit vertraute Düfte.
    Kaskaden ungebremster Wasserfälle
    entschweben giftig in die schweren Lüfte
    und öffnen wieder die vernarbte Wunde.


    "Atem geht"? Anschleichen von hinten--> Schrecksekunde bei der Überraschung. Im gleichen Atemzug dann das rasche Ansaugen der "vertraute[n] Düfte". Kurz und knapp: Diese Zeilen sind großartig in meinen Augen. Auch der Aufbau jener Verse, "der nahen Innigkeit" (btw: hübsche Tautologie) wirkt wie eine Inversion beim raschen Drübersehen, doch bezieht es sich auf die Sekunde. Inhaltlich äußerst interessant: Jene Innigkeit bezieht sich auf einen sehr kurzen Zeitraum, es wirkt wie eine Handlung im Affekt; keine überlegte, sondern eine emotionsgesteurte Reaktion. Allerdings zweischneidig, wenn man die Kürze der Zeitspanne betrachtet. Als ob eine verglimmte Flamme wieder kurz auflodert, um gleich darauf zu erlischen. "Vertraute Düfte" beinhalten den Bezug zur Überschrift, sind Symbol der Flüchtigkeit und zugleich Indikator für die Stellung der beiden Handelnden zueinander.
    Dann die "Kaskaden"... Hier knüpfst du an die ersten drei Verse an: Es ist ebenso durchwchsen gestaltet. Die ganze Zeile "Kaskaden ungebremster Wasserfälle" überschlägt sich an Hyperbeln und Höhepunkten. Und ehrlich gesagt, ist mir dieser Aufschwung zu krass. Es ist kein Crescendo, dafür ist es zu abrupt. Es ist kein klarer Kontrast, das es inhaltlich noch keinen festen Rahmen hat. Nur ein sprachliches Aufschnellen, einer Exclamtio gleich, pathetisch und ziemlich unpassend. Um wieder auf das Drehbuchmodell zuzugreifen: An dieser Stelle vor dem Ende so einen Auf-/Umschwung in Rhythmus und Inhalt heraufzubeschwören, geht meist nicht gut, bzw. sollte besser nicht versucht werden.
    "[E]ntschweben giftig" ist nun der Kontrast, den es gebraucht hat. Der Bezug auf den Duft, das plötzliche Verderben der Vertrautheit; ein toller Transfer hinein in eine bittere Auflösung. Phonetisch wieder herrlich ausgewogen, sprachlich punktgenau und kunstfertig ("schwere Lüfte"). Klasse.
    Und die letzte Zeile deutet tatsächlich auf den Verdacht eines Betrugs hin. Das Bild der vernarbten Wunden ist zwar wenig einfallsreich, doch zeigt es, dass die Beziehung irgendwie beschädigt wurde und die Vertrautheit nicht mehr wiedereinkehren kann. Fraglich nur, ob genau dieses beschriebene Ereignis (Anpirschen, Erschrecken) die Narben wieder aufgehen lässt. Dann muss es ja etwas sein, dass damit assoziiert wird, damit jene Vertrautheit so plötzlich zerbrechen kann, oder?
    Ob es nun ein Betrug war oder nicht: Die Beziehung hat in der Vergangenheit Schaden genommen, der nun wieder ins Bewusstsein rückt. Allerdings kann ich noch nicht eindeutig sagen, wie die beschriebene Situation mit dem ganzen zusammenhängt, ob sie nun Auslöser der kurzzeitig eingekehrten Vertrautheit oder der abschließenden seelisch-symbolischen Entzweiung ist.

    Jedenfalls ein schönes Gedicht mit einigen Tiefen, aber vielen Höhen. Beim Inhalt bin ich mir zwar etwas unsicher geblieben, doch ich kann feststellen, dass sich für mich die Beschäftigung mit dem Gedicht gelohnt hat, auch wenn es eigentlich schon anderthalb Jahre alt ist.

    Grüße
    Philipp

  3. #3
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    Hallo AiAiAwa,

    ich habe mich sehr über deine Kritik gefreut, sie hat alles, was eine Kritik m.E. beinhalten muß: Stärken, Schwächen, Analyse, Deutung und Wirkung. Stellenweise mußte ich schon ziemlich schmunzeln, da du Stellen kritisiertest, dann aber deren Wirkung auf dich beschriebst, die intentionierter nicht hätte sein können. Das ist eine bessere Bestätigung, als es jedes Lob sein könnte. Aber ich gehe mal Stück für Stück darauf ein.

    Ich schätze mal, als Einstieg wolltest du die beobachtete Situation schlichtweg wiedergeben. Deshalb das ehere schüchterne, vorerst distanzierte Betrachten
    Nein, ich wollte mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zunächst geht es natürlich um die Einleitung und darum eine "Szene" aufzubauen. Dann wissen wir aber auch, dass es das ist, was das lyr. Ich beobachtet und seine Beobachtungen sind auch immer von dem gefärbt, was es denkt und fühlt. Es sieht Nacktheit, es sieht Ablenkung, es sieht Romanz-Kitsch Wind in Romanz-Kitsch Haar, du sprichst später von einem gefesselt Sein. Es geht also hier vorallem darum zu verdeutlichen, wie das lyr. Ich das lyr. Du sieht und wie es sich ihm gegenüber fühlt. Auf mich selbst wirkt das Atmosphärische der ersten Strophe sehr stark, deshalb enttäuscht es mich natürlich, wenn davon nichts für dich rüberkommt.

    Zu den Sprachgestaltungen: Du siehst in der ersten Strophe so viele Inversionen, an denen du dich störst. Ich sehe nur "des Windes Welle", was vielleicht als "die Welle des Windes" weniger anstößig ist. Damit ginge aber auch die daraus entstehende Wirkung verloren, was ich nicht hätte verantworten können. Die Grammatik in V4 ist nicht ganz, wie sag ich's, gewöhnlich. Dass ich da bewußt keine Interpunktion gemacht habe, ist vollste Absicht. Du kannst ja mal gucken, welche Interpunktionsmöglichkeiten es gibt und dann vielleicht rausfinden, wie dieser Satz funktioniert und warum er sinnvoll ist. In meinem Gedicht "Kaleidoskop" treibe ich dieses Stilmittel übrigens auf die Spitze, das hier war nur der erste Versuch.

    Desweiteren: "Position" wäre anstelle von "Pose" m.E. passender, da letzteres in meinen Augen den Beigeschmack einer bewusst eingenommenen Stellung hat.
    Den Beigeschmack einer bewußt eingenommenen Stellung - wir bedenken, dass es sich noch immer um die Sicht des lyr. Ichs handelt und nicht etwa um eine objektive Bildbeschreibung. Need i say more?

    Die Affekte, die sich in S2 ergeben, diese Atmosphäre des Anschleichens, die Spannung, das sind hauptsächlich Ergebnisse der vokalischen Gestaltung. Die Wahl eines "von schräg" in V1 zählt ebenso dazu wie das lange "du" in V4. Es müßte an der Stelle eigentlich "dich, meine ungeliebte Ahnungslose" heißen, was genauso gut ins Metrum paßte, aber im Gegensatz zu "du" sehr viel spannungs- und farbloser klingt. Außerdem wirkt der Rückschwung auf den Nominativ wie eine Reduzierung des Blickfeldes oder zumindest war das intentioniert. Das Komma steht nach allen Regeln der Zeichensetzung, was folgt, ist eine nachgestellte Erklärung: "Frau Molle, die neue Barfrau" = "du, meine ungeliebte Ahnungslose"

    Und warum ungeliebt? Dies würde auf den Betrug hinweisen, könnte sich aber z.B. auch auf das Gefühl des Nicht-geliebt-Werdens, welches das lyr. Du empfindet, bezogen werden.
    Das geht zumindest stark in die von mir intentionierte Richtung. Ob sich das lyr. Du auch ungeliebt fühlt oder nur das lyr. Ich weiß, dass es das lyr. Du nicht liebt, spielt zunächst weniger eine Rolle. Zumindest gibt es die Annahme eines Betrugs und Betrug kann vieler Art sein. Es steht an keiner Stelle, dass es sich um eine Affäre oder gar um ein Pärchen handelt.

    Inhaltlich äußerst interessant: Jene Innigkeit bezieht sich auf einen sehr kurzen Zeitraum, es wirkt wie eine Handlung im Affekt; keine überlegte, sondern eine emotionsgesteurte Reaktion.
    Ja, das hast du sehr schön festgestellt, hier kommt die Wirkung einer unbewußten Handlung auf. Wir wissen aber, dass zumindest das lyr. Ich sie geplant hat, denn es erzählt ja in S2 so ausführlich davon. Wem versucht also das lyr. Ich etwas vorzumachen und was erhofft es sich davon?

    Je näher wir dem Ende kommen (und ich lege ja immer sehr viel Wert auf die Schlußgestaltung) desto begreiflicher sollten auch die offenen Fragen aus den Vorrunden werden. Du erkennst ganz recht den Schlüssel im letzten Vers, weißt ihn aber noch nicht richtig (oder was heißt richtig? logisch) zu deuten. Du sprichst von einem Betrug, einem Zerbrechen der Vertrautheit und fragst dich, was wohl der Auslöser ist. Dabei breitet S3 eigentlich alles feinsäuberlich vor dir aus: Da ist ein lyr. Du, das atmet völlig natürlich ein und wird plötzlich von einem vertrauten Duft überrascht, der vom lyr. Ich wie ein Wasserfall ausströmt und als giftig beschrieben wird. Dann reißt eine Wunde auf, die zuvor fast verheilt war. Was ist der Auslöser, was passiert denn hier und welche Rollen spielen lyr. Ich und lyr. Du?
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  4. #4
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    Moinsen levampyre

    Nun, hier haben sich zwei schon ordentlich ausgelassen. Ich muss mich teilweise leider auch auf die Seite des AiAiAwa stellen und zugeben, dass mir dein Dings nur mäßig zusagt.

    Wunderbar traktierst du den Leser mit einer harmlos gehaltenen Szenerie, die allein schon durch die geistige und literarische Komponente - dein Ziel der Begierde liest schließlich -, eine kaum größere Antipode zum lyr. Ich darstellen könnte, welche sich in Liebe verzehrend, diesem schleichend nähert.
    Die zweite Strophe bietet, auch wenn sie wohl formuliert ist nichts Neues, da wir, uns immer noch der ersehnten Beute nähernd, dem vorangeganen Bild weiterhin anheim fallen, ohne dass estwas geschieht.

    In Strophe drei, da nun angekommen, geschehen so viele Dinge auf einmal. Den zeitlichen Fluss betrachtend haben wir hier nun Stromschnellen zu durchschwimmen, während S1 und S2 nicht einml Riffeln aufwiesen.
    Hier allerdings stört mich gewaltig dies:

    Kaskaden ungebremster Wasserfälle
    Dies mag zunächst poetisch klingen, ergibt aber kaum einen Sinn, es sei denn du verdoppelst die Bedeutung des Wortes Kaskade im Zusammenhang mit Wasserfällen. Da eine Kaskade aber bereits einen gewissen Wasserfalltypus beschreibt, also ein Wasserfall ist, bedeutet "Kaskaden ungebremster Wasserfälle" eben genauso viel wie "Wolkenkratzer hocherbauter Steinhäuser".
    Hier fehlt mir die Logik.
    Kaskade hier nun als Salto mortale oder artistische Übung einzuführen, so ist mir, war nicht in deinem Sinne, auch wenn in der nächsten Zeile ebenjene kaskadischen Wasserfälle entschweben und damit in Zeitlupe artistisch werden.

    Das Ende erscheint mir ebenfalls problematisch, weil die zukunftsweisende Zeile der ersten Strophe: "dass ich dich sogleich verführe" nun nicht erfüllt wird. Stattdessen ergibt es sich, dass LI so scheint mir, im Gegensatz zu seiner anfänglichen Absicht in sich zusammensackt und gelähmt, ob seiner Schmerzen handlungsunfähig wird. Nun, irren ist menschlich und ich räume dem LI ein, sich in der ersten Strophe bezüglich der zukünftigen Handlungen geirrt zu haben, aber wundert's mich dennoch.
    Aber dies Problem ist ja bereits geklärt worden.

    Bis dahin grüßt dich lyr.
    mechellion
    Geändert von mechellion (19.09.2006 um 11:50 Uhr)

  5. #5
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    Mechellion,

    ich danke dir für deine Kritik, aber ich glaube, du mußt mein "Dings" noch einmal in Ruhe lesen. Da steht nichts davon, dass sich das lyr. Ich in Liebe verzehrt. Oder meinst du das lyr. Du? Das wiederum nähert sich nicht schleichend. Auch die Verführung muß dir wohl beim über die Strophen, in denen nichts passiert, Hinweggehen entgangen sein. Verführung ist hier natürlich nicht mit der semantischen Engstirnigkeit einer im Geschlechtsakt klimatisierenden Anbiederung zu verstehen. Aber wer wird schon so eindimensional an ein Gedicht herangehen, eine Form, die schon vom kulturellen Erbe her höchst metaphorisch betrachtet wird. Ob es letztlich nämlich das lyr. Ich ist, das "in sich zusammensackt", bleibt kritisch zu hinterfragen. Auf mich wirkt es zumindest nicht wie ein Depp, der sich vollkommen bewußt selbst eine Grube zum Hineinfallen gräbt.

    Was nun aber die Handlung betrifft, so ist diese in der Tat nicht in epischer Breite geschildert und es "passiert" relativ wenig. Es handelt sich eher um den kurzen Ausschnitt aus einer Szene, in der Dinge scheinbar nur passieren, um Affekte auszulösen. Könnte das daran liegen, dass es sich um einen lyrischen Text handelt und nicht um eine Kurzgeschichte?

    Dies mag zunächst poetisch klingen, ergibt aber kaum einen Sinn, es sei denn du verdoppelst die Bedeutung des Wortes Kaskade im Zusammenhang mit Wasserfällen.
    Na sowas, ist es mir doch tatsächlich passiert, dass ich in einem poetischen Text eine rhetorische Stilfigur verwandt habe, nämlich die der Tautologie. Das ist mir ja wirklich peinlich. Ich denke, ich sollte mich in meinen Versen zukünftig nur noch auf Figuren beschränken, die einer logischen Rationalität, einem ehrbareren Zweck als aussclhießlich dem Ornat dienen. Überhaupt ist diese ganze l'art pour l'art Bewegung doch total überbewertet!

    Nein, im Ernst, du bist dir des Umstandes bewußt, dass die Poetik ihrem Wesen nach ein Spiel mit der Sprache ist, das sich in erster Linie nur aus sich selbst begründet, oder? Wenn darüber Zweifel bestehen, dann lies mal hier, besonders genau (und damit meine ich genauer, als mein Gedicht oben) Absatz 5. Das ist ein Aufsatz der Uni Essen zu einem der einflußreichsten Werke in Bezug auf das Verständnis von Poetizität.
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  6. #6
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    Grüß dich Beißzähnchen,
    für mich klingt das eher nach einer Vergewaltigung als nach einer Verführung und das nicht zum ersten Male.Dafür spricht die "ungeliebte Ahnungslose"
    und das "anpirschen".Und auch die "Giftigkeit der Luft" ,sie erkennt den Duft den sie mit ihren Peiniger asoziert, der ihr im negativen Sinne vertraut ist.So brechen also alte Wunden wieder auf.
    Meine Deutung... und weit daneben?
    Liebe Grüße

    badico

  7. #7
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    Nun räume ich ein, dass ich wohl über das "Dein" S3 hinweggelesen habe und mir dadurch der Wechsel der Person entgangen ist. Dies beachtend, kannst du den letzten Absatz meines vorangegangenen Kommentars als nichtig betrachten.

    Was ich allerdings nicht einsehe, ist dein Einwand der die Kaskade betrifft. Selbst wenn du Wikipedia anführst (hochwissenschaftlich, natürlich) handelt es sich meines Erachtens nicht um eine Tautologie. Deine Aussage ist doch wohl, dass du "kaskadenmäßig" ungebremste Wasserfälle hast, was bei aller Metaphernschmiederei, wenig sinnvoll ist. Eine Kaskade ist ein Stufenwasserfall! Wenn du schreibst "Kaskaden, ungebremste Wasserfälle", also eine Aufzählung draus machst, ist die Stelle wesentlich sauberer und du kommst um den peinlichen Schnitzer mit den Wasserfällen auch ohne Anführen der angeblichen Tautologie herum. Mag es auch so erscheinen, als sei der Sinn doppelt vorhanden, so gibt dir doch die Stellung der Wörter Aufschluss darüber, dass sich bei dir die "ungebremsten Wasserfälle" auf deine "Kaskaden" (was immer du damit meinst) beziehen und dies unlogisch ist.

    Den Umstand, dein Gedicht "überflogen" zu haben bitte ich zu entschuldigen.

    herzlichst
    mechellion

  8. #8
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    @badico:
    Dein Ansatz ist nicht zu widerlegen, aber er ist auch nicht zu belegen, denn von einer Vergewaltigung steht so nichts im Text. Deine Deutung ist keine Interpretation, sondern eine "Allegorese", d.h. du legst eine konkrete Deutung in einen Text, der solche konkrete Deutung zwar hergibt, aber nicht bestätigt. Mittelalterliche Theologen sahen in Odysseus z.B. Jesus und die Odyssee als Passionsgeschichte an, das ist eine Allegorese.

    @mechelion:
    Sei die Wissenschaftlichkeit der Wikipedia mal dahingestellt! Aber beschwertest du dich nicht selbst darüber, dass Kaskaden bereits ein bestimmter Typus Wasserfall seien und die Formulierung deshalb "doppeltgemoppelt" anmute? Und egal in welche Literatur zur Stilistik zu spähst, die Tautologie wird dir immer als eine Inhaltsverdopplung durch gleichbedeutende Wörter gleicher Wortart präsentiert werden. Ich bin mir hunderprozentig sicher, dass es sich bei der Figur um eine Tautologie handelt, deren Logik eben in der Dopplung selbst liegt. Ich verstehe also dein Problem nicht.
    --LeV

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  9. #9
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    Bevor wir uns zerfleischen, will ich das Tempo drosseln und dir mein "Problem" kurz und knapp schildern.
    Tautologien, wie "gut und schön" oder "hinter Schloss und Riegel" sind verständlich. Jedoch habe ich hier den Eindruck, dass Kaskade des Klanges wegen steht und sich sinngemäß mit dem dahinterstehenden Wasserfällen beißt.
    Vielleicht kommt Licht ins Dunkel, wenn du erläuterst, was du mit Kaskaden meinst. Vielleicht ist deine Vorstellung ja auch völlig anderer Natur als meine und wir streiten uns wegen eines einfachen Missverständnisses.
    Denn - mein oben angeführtes Beispiel mit den Häusern muss dir doch auch aufstoßen, oder haben wir da einfach ein unterschiedliches Empfinden von Satzstrukturen und ihrem Sinn?

    Kohlen vom Feuer nehmend
    mechellion

  10. #10
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    Also von der grammatischen Struktur her ist das ein einfacher Genitiv. Wessen Kaskaden? Die der ungebremsten Wasserfälle. Soweit ist das sicher klar. Diese wasserfallartigen Sturzbäche, die in sich eine Tautologie als Tropus jedoch eine Metapher zu den entschwebenen Düften sind, stürzen nun auf das lyr. Du ein, sie ergießen sich frömlich über es. Ich weiß nicht, was daran unlogisch oder unverständlich ist. Und natürlich steht das Wort "Kaskaden" da auch wegen des Klangs. Das ganze Gedicht arbeitet aktiv mit Klangwirkungen, also erscheint mir auch das in seiner Konsequenz logisch.
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  11. #11
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    Ich denke nicht, dass wir uns einigen werden. Es scheint ein generelles unterschiedliches Verständnis deiner Phrase vorzuliegen. Daher schlage ich vor, diese Debatte zu beenden, die Tropen mit all ihren unterschiedlichen Ausprägungen ruhen und deine Kaskaden bis zu ihrem Entschweben fließen zu lassen.
    Es scheint mir tatsächlich an der Kaskade an sich zu liegen, die die Verwirrung stiftet, weil unsere geomorphologischen Kenntnisse sich hier zu teilen scheinen. Deshalb ist es das Beste deine Dopplung großzügig zu interpretieren, um so der von mir hier überbewerteten Stelle die Dynamik zu nehmen.
    Damit bleibt die Stelle offen und weiter frei interpretierbar - dies macht schließlich die Faszination von Gedichten aus.

    Grüße
    mechellion

    p.s. "Dings" ist kein abwertender Begriff, den ich mir für dein Gedicht ausgedacht habe, sondern eine meiner Standardformulierungen hier im Forum. Du bist somit nicht die erste Poetin, deren Gedichte von mir so bezeichnet wurden.

  12. #12
    Glorfindel Guest

    Oduer-oder der Duft der dich Verriet

    Hallo Lev,

    ich habe dein verspieltes Dichtwerk nun von allen Seiten
    begutachtet und wage mich nun an eine Interpretation
    des Geschehes.

    Mit nackten Armen und zur Hand Lektüre,
    in die dein Geist sich innig schon verwoben,
    auf einem Stuhl, im Haar des Windes Welle,
    sitzt du im Sonnenlicht fällt ein von oben
    und ahnst nicht, dass ich dich sogleich verführe.
    Also, eine Dame oder auch ein Herr, ich nehme die Dame, sitzt in ihrem
    weißen Sommerkleidchen, mit einem Konsalik-Roman bewaffnet, auf einem
    teakfarbenen Schaukelstuhl und verweilt in ihrern Gedanken bei der goßen
    romantischenLiebe. Der Wind streicht über die 753m hoch gelegene alte,
    weiße Villa und bringt ihr mit 3-Wettertaft vollgesogenes Haar in Schwingung.
    Die Sonne strahlt schon recht steil von oben - wahrscheinlich ist es spät
    am Morgen.

    Übrigens dieses Spiel mit dem Sonnenlicht, indem du das selbige als eine Art
    Konjunktion zweier Satzteile verwendest, ist schon recht interessant,
    fungiert mir aber schon als ein zu dominanter Interrupt.

    Weiter...

    Also der Verfüher bekommt nun zum Schluß unerwartet seinen Auftritt. Er ist
    gut angezogen, aber sie hat das Geld. Er heißt übrings LI Wushi.

    Von schräg erspäh ich dich in dieser Pose
    und schleiche leise, unbemerkt im Bogen
    von hinten mich an die begehrte Stelle,
    als hätte ich dich lange schon betrogen,
    du, meine ungeliebte Ahnungslose.
    LI steht also an der Ecke der Autogarage und linzt schräg um die
    Ecke. Diese neuen Nobelkarossen sind echt was feines - man hört sie
    einfach nicht. Er erblickt sie, um sich dann von hinten an die begehrte Stelle
    zu schleichen. Allein der Umstand, dass er schleichen muss, macht ihn
    verdächtig. Die Wortkette "lange schon betrogen" impliziert, dass er sie
    schon zumindesten kurz betrogen haben könnte. Der verdacht erhärtet sich,
    als man erfährt, dass LI, LD (Louise Douglas = Erbin eines Parfümimperiums)
    scheinbar gar nicht mag. Warum sein Zielstandort so begehrt ist, bleibt
    offen. Doch wahrscheinlich ist, dass sie, wenn er unbemerkt hinter sie
    kommt, nicht ausmachen kann woher er kommt. Seine Idee scheint erstmal
    gar nicht so dumm.

    Dein Atem geht und saugt für die Sekunde
    der nahen Innigkeit vertraute Düfte.
    Kaskaden ungebremster Wasserfälle
    entschweben giftig in die schweren Lüfte
    und öffnen wieder die vernarbte Wunde.
    Doch dann, als er sich über sie beugt, um sie mit einen Kuss zu überraschen, nimmt sie die zwei Düfte die seiner Haut entweichen wahr, uns sie weiß, dass er wieder bei der anderen war, die er schon vor 2 Jahren, 127 Tagen und 3 Stunden schon einmal gepimpert hatte.

    Die Lösung lautet also Chanel Nr.5.

    Fortsetzung folgt?

    Dieses Werk konnte mich, durch das zu erwartenden Maß an Poezität (neu
    in der Datenbank) überzeugen.

    lg
    day-shadow
    Geändert von Glorfindel (20.09.2006 um 18:07 Uhr)

  13. #13
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    Hallo day-shadow,

    von deinem Namen habe ich ja bisher noch nichts gehört. Aber dieser erste Eindruck von dir, macht dich sympathisch. Ich mußte sehr schmunzeln über deine Ausführungen und sie bezeugen, dass du Phantasie und Spaß am Geschichten Erzählen hast. Auch wenn dies natürlich wiederum eine Allegorese ist, zugegeben eine wirklich süße, hast du die Stimmung der Strophen sehr schön eingefangen. Den sommerlichen grünen Rasen in einem weiten Garten, den Schaukelstuhl und das weiße Kleidchen hatte ich in S1 auch im Sinn, auch wenn ich aufgrund meiner subjektiven Befangenheit als Verfasser an teure Villen und schicke Flitzer so nicht gedacht habe. (Ist eben einfach nicht Teil meiner Realität und war ja auch nicht themenrelevant.) Zumindest freut es mich, dass der Text dich so anregen konnte.

    @mechellion:
    Hm, ich vermeide in meinen Kritiken zu schlechten Kiddie-Texten oftmals bewußt das Wort "Gedicht", um damit subtil verständlich zu machen, dass mich das Script nicht überzeugt hat. Das "Dings" fand ich dann schon ziemlich deutlich, aber gut, wenn du das nicht abwertend meinst, sollte ich mir das vielleicht nicht so zu Herzen nehmen. Was die Kaskaden betrifft, so ist das ja durchaus ein Wort, das einen semantisch weiteren Sinn als Wasserfall hat. Ich verwende es z.B. zur Erklärung poetischer Figuren, wenn ich von Vokal-Kaskaden oder Kaskadenstrophen wie in Descendo spreche. Also laß deiner Phantasie freien Lauf, vielleicht ergibt sich daraus doch irgendwann etwas für dich Stimmiges.
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  14. #14
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    Hi LeV,

    ich bemühe mich nochmal einen kleinen Nachtrag zu deiner Antwort auf meine Antwort.
    In der Tat ist bei all dem Kommentieren der Inhalt etwas unter den Tisch gefallen, da ich doch bei der Betrachtung von sprachl. Gestaltung, den darin enthaltenen Stärken und Schwächen, dem Sinnzusammenhang etc. manche Dinge übersehe oder nicht ausführlichen genug beleuchte(n kann). Irgendwas fällt immer unter den Tisch bei meinen Antworten, ich mache es ja für lau. ^^ Ebenso übertreibe ich mit den Inversionen (wobei ich "in die dein Geist sich innig schon verwoben" dazuzählen würde, da die übliche Satzstellung "in die sich dein Geist..." lauten müsste; insofern eine kleine Abweichung vom "normalen" Deutsch zur Betonung von "dein Geist"). Letztlich wollte ich mit den Inversionen (sieh' sie einfach als Pars pro Toto ) nur auf die teils arg gekünstelte Sprache zu sprechen kommen, die in den ersten drei Zeilen auftritt. Nun steckt in "gekünstelt" natürlich auch der Begriff der "Kunst"; man erkennt eine bewusste Einflussnahme auf das Arrangement der Sprache. Allerdings ist die Wirkung eher negativ auf den Leser ("gekünstelt" ist ja auch eher negativ konnotiert). Es wirkt umständlich und weicht schon _zu_ sehr vom gewohnten Alltagsdeutsch ab, so dass man sich als Leser schwer darin zurechtfindet. Natürlich kann man auch Texte voller Tautologien, Inversionen oder sonstigen Gimmicks machen, die dennoch (oder besser: gerade deshalb) gelungen sind; doch dies war halt m.E. nicht der Fall bei deinem Gedicht. Und auch wenn solche Satzgerüste zu deinem Stil gehören, habe ich schon einige Gedichte erlebt, wo du jene Stilmittel kunstvoller angewendet hast.
    Desweiteren muss ich sagen, dass natürlich meine Kritik an den Stellen natürlich bestehenbleibt, selbst wenn die Wirkung die beabsichtigte gewesen ist. Selbst wenn ich die Intention nachvollziehen kann, sind es nichtsdestotrotz m.E. fehlerhafte Stellen, auch beim x-ten Drüberlesen. Und nur weil der Autor es geschafft hat, seine Verdichtungen so zu gestalten, dass der Leser sie enstchlüsseln kann, ist jene Verdichtung auch nicht gleich eine gelungen (z.B. im ästhetischen Sinn). Aber dass nur nochmal als (weiterführende) Anmerkung. Ich habe hier schon zu häufig Autoren erlebt, die Beanstandungen mit "Ach, das war aber genau meine Absicht" übergehen. Denn so einfach ist es nun nicht.

    Aber das nur nebenbei.
    An den "Kaskaden" störe ich mich ebenso wie mechellion, wenn auch die Ursache meiner Kritik eine andere ist als der Sinn jener Tautologie. Eben durch jene Wortverdoppleung und das "ungebremste" wird der ganze Satz dermaßen übersteigert, dass er das vorherige vor den Kopf stößt. Der Umschung ist zu extrem. Der Leser wird nicht plötzlich in die Handlung hinein-, sondern aus dem Gedicht herausgerissen.
    Ich wollt's nur nochmal klarstellen, ich glaube, du bist auf jenen Punkt noch nicht eingestiegen. Sollte ich was überlesen haben, zitiere einfach die Stelle aus deinem vorherigen comment. Ich bin gerade aufgrund von MSN-Chats nicht ganz auf der Höhe, wollte aber noch ein paar Kleinigkeiten zurechtrücken. ^^

    Grüße
    Philipp

  15. #15
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    Hallo AiAiAwa,

    ich wollte mit meiner zustimmenden Antwort keineswegs leichtfertig über deine Kritikpunkte hinweggehen. Im Gegenteil, Kritiken, in denen der Kritiker beschreibt, welche Wirkung der Text oder bestimmte Stellen auf ihn haben, sind mir sehr wertvoll, denn ich kann überprüfen, ob das Mittel, das ich einsetzte, auch den Effekt hatte, den ich mir davon erhofft hatte. Deine Kritik zeigt mir, dass das z.T. so ist, auch wenn natürlich das negative Empfinden, das du dabei hattest völlig unbeabsichtigt war, klar. Ich kann aber bei diesen Punkten nicht mehr, als sie hinnehmen. Denn würde ich selbst deinem Empfinden zustimmen, hätte ich den Text ja von vorn herein anders gestaltet. Selten passiert es, dass mich ein Kritiker auf einen Punkt im Text aufmerksam macht, der mir nach seiner Kritik dann auch irgendwie seltsam vorkommt. Diesmal ist das nicht der Fall.

    Ich kann zwar dein Unbehagen an gekünstelter Sprache nachvollziehen, denn es gibt Texte, in denen sie mir ebenfalls aufstößt. Aber dein Problem mit der Kaskaden-Stelle verstehe ich jedoch noch nicht so recht. Ich habe mir die Strophe mehrmals vorgesprochen und nach ihr gelauscht; für mich ergibt sich da kein Bruch in der Intensität der Verse. V3 ist in meinem Empfinden ein geschmeidiger Wendepunkt, ganz als hätten wir es mit einer Kurvendiskussion zu tun.

    Ich hoffe, es enttäuscht dich nicht, dass ich ob deiner Kritik nicht sofort Textänderungen vornehme. Aber ich veröffentliche keine unfertigen Texte. Fertige Texte im Nachhinein ändern, tue ich ganz selten, da muß ich mich schon wirklich schlecht mit einem Makel fühlen. Die Kritik ist eher etwas, das mir für die zukünftige Arbeit hilft. Wenn der Text in deinen Augen also verloren ist, so wie er jetzt ist, ist er verloren...
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

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