Thema: Winter

  1. #1
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    Lesepfad Winter

    Dieser Lesepfad wurde zusammengestellt von Monika Spatz und Thies


    Das Büblein auf dem Eise

    Gefroren hat es heuer
    noch gar kein festes Eis.
    Das Büblein steht am Weiher
    und spricht zu sich ganz leis:
    "Ich will es einmal wagen,
    das Eis, es muß doch tragen.
    Wer weiß!"

    Das Büblein stapft und hacket
    mit seinem Stiefelein.
    Das Eis auf einmal knacket,
    und krach! schon bricht's hinein.
    Das Büblein platscht und krabbelt,
    als wie ein Krebs und zappelt
    mit Arm und Bein.

    "O helft, ich muß versinken
    in lauter Eis und Schnee!
    O helft, ich muß ertrinken
    im tiefen, tiefen See!"
    Wär' nicht ein Mann gekommen -
    der sich ein Herz genommen,
    o weh!

    Der packt es bei dem Schopfe
    und zieht es dann heraus,
    vom Fuße bis zum Kopfe
    wie eine Wassermaus.
    Das Büblein hat getropfet,
    der Vater hat's geklopfet
    es aus
    zu Haus.

    Friedrich Güll


    Der erste Schnee


    Ei, du liebe, liebe Zeit,
    ei, wie hat´s geschneit, geschneit!
    Rings herum, wie ich mich dreh´ ,
    nichts als Schnee und lauter Schnee.
    Wald und Wiesen, Hof und Hecken,
    alles steckt in weißen Decken.

    Und im Garten jeder Baum,
    jedes Bäumchen voller Flaum!
    Auf dem Sims, dem Blumenbrett
    liegt er wie ein Federbett.
    Auf den Dächern um und um
    nichts als Baumwoll´ rings herum.

    Und der Schlot vom Nachbarhaus,
    wie possierlich sieht er aus:
    Hat ein weißes Müllerkäppchen,
    hat ein weißes Müllerjöppchen!
    Meint man nicht, wenn er so raucht,
    daß er just sein Pfeifchen schmaucht?

    Und im Hof der Pumpenstock
    hat gar einen Zottelrock
    und die ellenlange Nase
    geht schier vor bis an die Straße.
    Und gar draußen vor dem Haus!
    Wär´ nur erst die Schule aus!

    Aber dann, wenn´ s noch so stürmt,
    wird ein Schneemann aufgetürmt, dick und rund und rund und dick,
    steht er da im Augenblick.
    Auf dem Kopf als Hut ´nen Tiegel
    und im Arm den langen Prügel
    und die Füße tief im Schnee
    und wir rings herum, juhe!

    Ei, ihr lieben, lieben Leut´,
    was ist heut´ das eine Freud´!

    Friedrich Güll


    Die drei Spatzen

    In einem leeren Haselstrauch,
    da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.
    Der Erich rechts und links der Franz
    und mittendrin der freche Hans.
    Sie haben die Augen zu, ganz zu,
    und obendrüber, da schneit es, hu!
    Sie rücken zusammen dicht an dicht,
    so warm wie Hans hat's niemand nicht.
    Sie hör'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
    Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

    Christian Morgenstern


    Wenn es Winter wird

    Der See hat eine Haut bekommen,
    so daß man fast drauf gehen kann,
    und kommt ein großer Fisch geschwommen,
    so stößt er mit der Nase an.
    Und nimmst du einen Kieselstein
    und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
    und titscher - titscher - titscher - dirr . . .
    Heißa, du lustiger Kieselstein!
    Er zwitschert wie ein Vögelein
    und tut als wie ein Schwälblein fliegen -
    doch endlich bleibt mein Kieselstein
    ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.
    Da kommen die Fische haufenweis
    und schaun durch das klare Fenster von Eis
    und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
    doch sosehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
    das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
    sie machen sich nur die Nasen kalt.
    Aber bald, aber bald
    werden wir selbst auf eignen Sohlen
    hinausgehn können und den Stein wiederholen.
    Christian Morgenstern


    Ein großer Teich war zugefroren


    Ein großer Teich war zugefroren;
    Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
    Durften nicht ferner quaken noch springen,
    Versprachen sich aber, im halben Traum:
    Fänden sie nur da oben Raum,
    Wie Nachtigallen wollten sie singen.
    Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
    Nun ruderten sie und landeten stolz
    Und saßen am Ufer weit und breit
    Und quakten wie vor alter Zeit.
    Goethe


    Ein Lied hinterm Ofen zu singen

    Der Winter ist ein rechter Mann,
    kernfest und auf die Dauer;
    sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
    und scheut nicht süß noch sauer.

    War je ein Mann gesund, ist er's;
    er krankt und kränkelt nimmer,
    weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs
    und schläft im kalten Zimmer.

    Er zieht sein Hemd im Freien an
    und läßt's vorher nicht wärmen
    und spottet über Fluß im Zahn
    und Kolik in Gedärmen.

    Aus Blumen und aus Vogelsang
    weiß er sich nichts zu machen,
    haßt warmen Drang und warmen Klang
    und alle warmen Sachen.

    Doch wenn die Füchse bellen sehr,
    wenn's Holz im Ofen knittert,
    und um den Ofen Knecht und Herr
    die Hände reibt und zittert;

    wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
    und Teich' und Seen krachen;
    das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
    dann will er sich tot lachen. -

    Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
    beim Nordpol an dem Strande;
    doch hat er auch ein Sommerhaus
    im lieben Sch\veizerlande.

    So ist' er denn bald dort, bald hier,
    gut Regiment zu führen.
    Und wenn er durchzieht, stehen wir
    und sehn ihn an und frieren.

    Matthias Claudius



    Sehnsucht nach dem Frühling

    O wie ist es kalt geworden
    und so traurig, öd' und leer!
    Rauhe Winde wehn von Norden,
    und die Sonne scheint nicht mehr.

    Auf die Berge möcht' ich fliegen,
    möchte sehn ein grünes Tal,
    möcht' in Gras und Blumen liegen
    und mich freun am Sonnenstrahl.

    Möchte hören die Schalmeien
    und der Herden Glockenklang,
    möchte freuen mich im Freien
    an der Vögel süßem Sang.

    Schöner Frühling, komm doch wieder,
    lieber Frühling, komm doch bald,
    bring uns Blumen, Laub und Lieder,
    schmücke wieder Feld und Wald!

    Hofmann von Fallersleben



    Winternacht

    Verschneit liegt rings die ganze Welt,
    Ich hab' nichts, was mich freuet,
    Verlassen steht der Baum im Feld,
    Hat längst sein Laub verstreuet.

    Der Wind nur geht bei stiller Nacht
    Und rüttelt an dem Baume,
    Da rührt er seine Wipfel sacht
    Und redet wie im Traume.

    Er träumt von künft'ger Frühlingszeit,
    Von Grün und Quellenrauschen,
    Wo er im neuen Blütenkleid
    Zu Gottes Lob wird rauschen.

    Joseph Freiherr von Eichendorff


    Ein Winterabend

    Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
    Lang die Abendglocke läutet,
    Vielen ist der Tisch bereitet
    Und das Haus ist wohlbestellt.

    Mancher auf der Wanderschaft
    Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
    Golden blüht der Baum der Gnaden
    Aus der Erde kühlem Saft.

    Wanderer tritt still herein;
    Schmerz versteinert die Schwelle.
    Da erglänzt in reiner Helle
    Auf dem Tische Brot und Wein.

    Georg Trakl

    Im Winter

    Der Acker leuchtet weiß und kalt.
    Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
    Dohlen kreisen über dem Weiher
    Und Jäger steigen nieder vom Wald.

    Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
    Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
    Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten
    Und langsam steigt der graue Mond.

    Ein Wild verblutet sanft am Rain
    Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
    Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
    Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

    Georg Trakl


    Winter

    Die Kälte kann wahrlich brennen
    Wie Feuer. Die Menschenkinder
    Im Schneegestöber rennen
    Und laufen immer geschwinder.

    Oh, bittre Winterhärte!
    Die Nasen sind erfroren,
    Und die Klavierkonzerte
    Zerreißen uns die Ohren.

    Weit besser ist es im Summer,
    Da kann ich im Walde spazieren,
    Allein mit meinem Kummer,
    Und Liebeslieder skandieren.

    Heinrich Heine


    Der Winter

    Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
    Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
    Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
    Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

    Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende,
    Wie einer Frage Ton, daß dieser sich vollende,
    Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
    So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.

    Mit Unterthänigkeit
    d. 24 April Scardanelli.
    1849

    Friedrich Hölderlin


    Erster Schnee

    Aus silbergrauen Gründen tritt
    Ein schlankes Reh
    Im winterlichen Wald
    Und prüft vorsichtig, Schritt für Schritt,
    Den reinen, kühlen, frischgefallenen Schnee.

    Und deiner denk ich, zierlichste Gestalt.

    Christian Morgenstern

  2. #2
    Registriert seit
    Feb 2003
    Ort
    Leipzig
    Beiträge
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    Ursprünglich eingetragen von Micha
    Bin nur zufällig auf diesen Faden in der Rubrik Natur gestoßen.
    Da wir ja mittlerweile eine Bibliothek haben verschiebe ich diese recht interessant zusammen gestellten Fäden dorthin.

    Ich hoffe das geht ok, Thies und Moni.

    -verschoben-

    Herzlichen Gruß
    Micha

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