1. #1
    Shadow ist offline koffeinhaltiger Techniker
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    Der alte Mann und das Wasser

    Er wachte mitten in der Nacht auf, geweckt von heulenden Sirenen.
    Verschlafen tappte der alte Mann Richtung Fenster, um zu sehen, was
    denn passiert sei. Mit schlafverschwommenem Blick nahm er einen
    Feuerwehrwagen wahr, der in der Nähe stehenblieb. "Feuer" schoss es
    ihm durch den Kopf, irgendein Haus ganz in der Nähe musste brennen.
    Im nächsten Moment schalt er sich - nun immer mehr aufwachend -
    einen Narren, es regnete in Strömen, wahrscheinlich war bloss wieder
    irgendwo ein Keller überflutet. Mit langsamen, umständlichen Bewegungen
    zog er sich an und ging unsicher die Treppe nach unten, mit einer Hand
    immer an das Geländer gestützt. Er beschleunigte seine Schritte, als er
    sah, dass unter der Tür zu seiner Garage Wasser heraussickerte. Er riss
    die Tür auf und hielt erschrocken den Atem an. Er stand knöcheltief in
    schmutzig-braunem Wasser, links von seinem Haus hatte die Feuerwehr
    bereits begonnen, mit Hilfe von Sandsäcken einen Damm zu bauen. Wie sein
    Keller aussah, daran wagte er in diesem Moment nicht zu denken. Seufzend
    ergriff er einen Besen und versuchte, das Wasser nach draussen zu fegen.
    Aber - Ach! - er war zu alt und zu langsam, das Wasser floss viel schneller
    wieder zurück, als er es nach draussen zu schaffen imstande war. Dennoch gab
    der alte Mann nicht auf. Während er so kämpfte, dachte er in stummer Wut,
    dass er als das nur der raffgierigen Menschheit zu verdanken hatte, die stets
    nur im Sinn hatte, die natürliche Waage in ihre Richtung neigen zu lassen und
    so alles aus dem Gleichgewicht brachte. Er hielt sich zwar selbst nicht für
    einen Misanthropen, aber in diesem Augenblick hasste der alte Mann die Menschen
    für all das, was sie taten und waren, und er war verbittert.
    Nun näherten sich zögernd zwei junge Menschen, ein Mann und eine Frau.
    Zunächst sahen sie ihm schweigend zu, unsicher, was sie tun sollten. Schliesslich
    fragte der junge Mann, ob etwas aus dem Keller unbedingt gerettet werden müsse,
    worauf der alte Mann mit einem knappen Kopfschütteln antwortete und wortlos
    weiterfegte. Die beiden anderen sahen sich an und nahmen dann gleichzeitig die
    restlichen beiden Besen, die an der Wand lehnten, und begannen mit der ungestümen
    Energie der Jugend, das Wasser in großen Wellen aus der Garage hinauszufegen.
    Zwar regnete es noch immer stark, aber bald wurde deutlich, dass der Wasserstand
    immer geringer wurde. Im alten Mann wallte ein warmes Gefühl tiefer Dankbarkeit
    für seine beiden Helfer auf, die, nachdem ihre Arbeit fertig war, ihm ein
    freundliches Lächeln schenkten und weggingen, um anderswo von Nutzen zu sein.
    Einen Augenblick fragte der alte Mann sich, wie es möglich war, die Menschheit
    zu verabscheuen, diese beiden aber so zu achten, schüttelte dann den Kopf und ging
    selbst, um zu helfen.

    Ich hoffe, Ernest Hemingway verzeiht mir, dass der Titel an eines seiner Werke angelehnt ist...
    "if you don't learn from history, then you are an idiot by definition."
    -- vasim yasinovski

  2. #2
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    du hasst ein sehr aktuelles thema indeinr geschichte zur sprache gebracht. und das noch unter 2 gesichtspunkten. dem leid der menschen und der politischen ansicht.
    das beides ist gut kombiniert worden
    was mirbesonders gefällt, ist der alte mann,der nicht aufgubt, obwohl es eigentlich auswehslos ist und er viel zualt ist. er si tauch der grund, warum die jungen anfangenzu helfen. ich denke wir können viel von und durch alte menschen lernen. und vor allem wenn man sich in einer extremsituation befindet. es ist erstaunlich was selbst da ein alter mann leisten kann, der gerade noch unbeholfen die treppe runterging.

    mach weiter so
    tt
    es geht immer weiter-
    und bitte veröffentlicht meine gedichte ung geschichten nicht ohne mein einverständnis, oder bemächtigt euch meiner gedanken.

  3. #3
    Shadow ist offline koffeinhaltiger Techniker
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    ich danke dir, aber du tust mir zuviel der ehre.
    diese geschichte ist wirklich passiert, ich hab nur ein paar details umgeschrieben, um sie lesbar zu machen.

    das leben schafft die besten analogien.....

    tschüss!!
    tobi
    "if you don't learn from history, then you are an idiot by definition."
    -- vasim yasinovski

  4. #4
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    ohe erfahrungen aus dem leben könnte man auch nicht schreiben finde ich. in jeder geschichte findet man einen teil seiner selbst.
    dir ist so etwas widerfahren- vll auch nicht persönlich, aber so, dass du etwas davon mitbekommen hast.
    und ich bleibe dabei, dass es sehr gut in die geschehnisse der letzen zeit passt.

    tt
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