1. #1
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    Smile Die Polizei, die Helle


    GLOSSE

    Die Polizei, die Helle


    Ja, schnell kam sie, die Polizei, im Januar '98. Um halb zehn Uhr morgens schrillt die Türklingel.
    Durch die Sprechanlage erhasche ich ein Räuspern, dann ertönt das Wort: "Polizei!"
    "Ach, um was geht es bitte?" Einer gewissen Schnippichkeit kann ich mich nicht enthalten.
    "Vor ihrer Türe, zu nahe an der Ecke, regelwidrig, steht ein Trabbi, der soll Ihnen gehören".
    "Ich komme runter".
    Ich suche nach dem Schlüssel für den Trabbi. Mein Mann hatte kurz zuvor das Haus verlassen, eventuell hat er den Schlüssel mitgenommen. Nun, ich finde den Schlüssel nicht. Also gehe ich ohne Schlüssel nach unten, um erst mal zu erfahren, was eigentlich los ist.
    Ein LKW will von einer Seitenstraße in die Ebersteinstraße einbiegen. Er kann nicht, der Trabbi steht wirklich eine Klitzekleinigkeit im Weg. Der Abschleppdienst soll geholt werden. Ich laufe noch einmal nach oben, um nach dem Schlüssel zu suchen. Ich finde ihn auch, ausnahmsweise hängt er an dem Platz, an dem er hängen soll; da hatte ich vorher nicht hingeschaut, warum auch, meistens hängt er nicht dort. Ich laufe wieder nach unten. Als ich den Schlüssel ins Schloß des Trabbis stecken will, stoße ich auf Widerstand.
    Vereist. Jetzt ist mir auch klar, warum einige andere Leute in der Straße so seltsam hektisch an den Schlössern ihrer Autos rumfuchteln. Auch diese sind vereist.
    Am Schloß des Trabbis ist nichts zu machen. Eisspray habe ich keins, mein Feuerzeug ist in der Wohnung, die Polizisten und der LKW-Fahrer sind Nichtraucher. Das Thema "Abschleppdienst" kommt wieder auf. Jetzt hetze ich nach oben, finde auch gleich mein Feuerzeug, renne nach unten und erwärme den Schlüssel mit dem Feuerzeug, um das Eis im Schloß zum Schmelzen zu bringen. Vergeblich. Die Umgebungstemperatur berägt mindestens -15° Celsius.
    Die Polizisten reden schon wieder vom Abschleppdienst. Ich versuche ihnen anschaulich darzustellen, was für ein Bild das abgäbe:
    Sooooooo ein kleiner Trabbi, und soooooo ein großer Abschleppwagen.
    Mein Vorschlag geht dahin, den Trabbi am Heck etwas anzuheben und auf den Bürgersteig zu hieven. Das Gewicht eines Trabbis übersteigt ja nicht die Kräfte von drei Männern. Dachte ich mir so.
    Weit gefehlt. Der LKW-Fahrer "hatte es im Kreuz", die Polizisten beriefen sich auf ihren Beamten-Status, was immer sie in dieser Situation auch damit meinten. Also schritt ich laut schimpfend zur Selbsthilfe.
    "Also was ist jetzt, ich bin z.Z. krank, klein, auch eine Frau. Ich werde den Trabbi jetzt selbst auf den Bordstein heben, würde mir freundlicherweise einer von euch Männern helfen?"
    Zögerlich nähern sie sich dem Trabbi. Einer versucht sich, indem er den Trabbi an der Stoßstange packt um ihn anzuheben. Die Stoßstange gibt nach. Mein Kommentar dazu: "Männer und Technik, ist ja nicht zu fassen. Ihr müßt schon am Chassis anpacken."
    Mitgerissen von den Aktivitäten kommt nun auch der zweite Polizist hinzu, und zu dritt schaffen wir es dann, den Trabbi die paar Zentimeter auf den Bordstein zu heben. Der Weg für den LKW ist frei. Einer der Polizisten kommt auf mich zu und zeigt mir seine Hand.
    "Sehen Sie, ich blute!" Tatsächlich weist die Hand ein mini-kleine Schnittwunde auf.
    Ich raffe mich zu meiner ganzen Größe von 1,60 m auf, stemme die Hände in die Hüften, und frage:
    "Soll die Mama mal pusten?"
    Nach einigen Sekunden betretenen Schweigens bedanke ich mich lieb für ihre Hilfe, und lobe ihre Mitarbeit. Ein Dammbruch, schon beginnen sich sich gegenseitig zu loben, wie gut sie ihre Sache doch gemacht hätten.
    Der LKW-Fahrer, der inzwischen den Wagen so um die Ecke gefahren hatte, daß er sicher war weiterzukommen, steigt nochmal aus (es ist keine sehr belebte Straße), und gesellt sich zu den Polizisten. Ich verabschiede mich und gehe zurück in meine Wohnung. Als ich von meinem Fenster herunter auf die Straße schaue, stehen sie immer noch da und beweihräuchern ihre Hilfeleistung. Ich schüttele nur den Kopf und überlege, bei welcher Tätigkeit ich denn nur war, bevor die Türklingel mich unterbrach.
    Geändert von edorre (29.09.2006 um 21:24 Uhr)

  2. #2
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    Hallo edorre,

    eine lustige Geschichte über die Eitelkeit (der Männerwelt?). Auch wenn sie einfach geschrieben ist, weiß jeder, der längere Texte schreibt, wie schwierig es ist, einen flüssiger Lesefluss zu komponieren. Das ist Dir aus meiner Sicht voll gelungen.

    Am schönsten fand ich den Satz:

    Ich raffe mich zu meiner ganzen Größe von 1,60 m auf, stemme die Hände in die Hüften, und frage:
    "Soll die Mama mal pusten?"
    Einen schönen Gruß

    Wenningter

  3. #3
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    Liebe edorre,

    ja, das ist flott und amüsant dargebracht. Nun, glaub ich, weiß ich auch, was du mit dem pratchettesken Einfluss meinst, ich hatte, obwohl sie größer als 1.60 ist, Esme vor Augen .

    Die Figuren haben schon einigen Wiedererkennungswert, denn manche neigen ja wirklich dazu, kleinen Schwierigkeiten mit groooßen Maschinen zu Leibe rücken zu wollen. Wenh man selbst mal anpackt und den Stein ins Rollen bringt, geht es oft auch so, auch, wenn hinterher das Blut in Strömen fließt *hüstel*.

    Ein paar wenige Erdnüsse hab ich noch gesehn, ich hoffe, das Aufzeigen ist okay:
    "räuper, Polizei"
    Das ist für mich nicht ganz klar - ist "Räuper" der Name des Polizisten, oder enspricht das einem *räusper*? Non-finite Verblets finde ich in Prosa nicht so gelungen eingesetzt, vielleicht eine Konstruktion mit "Durch die Sprechanlage räusperts"?
    Sonst sind nur wenige Nüsse drin, die Vertipper, die immer durchgehen:
    "Vor ihrer Türe, zu nahe an der Ecke, regelwidrig, steht ein Trabbi, der soll ihnen gehören".
    Ich finde ihn auch, ausnahmsweise hängt
    steht ein Trabbi, der soll Ihnen gehören".
    Am Schloß des Trabbis ist nichts zu machen.
    Jetzt steht einer der Polizisten vor mir und zeigte mir seine Hand.
    Ein kleiner Zeitsprung.

    Ein amüsantes Stück, that is .

    Lieben Gruß,
    Frau Malle

  4. #4
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    Hi, Frau Malle,

    lieben Dank für deinen Lob und Kritik zu meiner kleinen Geschichte.
    Die angegebenen Stellen habe ich verändert.
    Unglaublich, daß immer wieder noch Tippfehler in den längeren Texten sind, egal, wie oft ich die durchgehe.
    Das mit dem "räusper" war reingerutscht, weil ich den Text für eine Frauen-Laiengruppe als Theaterstück geschreiben habe. Das war der Rest einer Regieanweisung, die ich vergessen hatte rauszunehmen.
    Ja, Esme ist in solchen Situationen immer hilfreich, und wenn ich mich in sie hineinversetze, dann klappen die Dinge auch in der Regel wie von selbst.

    liebe Grüße
    edorre

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