1. #1
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    Rainer Maria Rilke

    Hallo,
    kann mir jemand helfen das folgende Sonett von Rilke zu interpretieren?
    Ich finde es sehr schön, würde aber gerne wissen worum es wirklich geht..
    Wer sind die Treibenden? Wer die Knaben/ die Angesprochenen?
    Hat es etwas mit Jung/Alt oder göttlich/ menschlich zu tun?

    lg

    Rainer Maria Rilke
    Sonett XXII

    Wir sind die Treibenden.
    Aber den Schritt der Zeit,
    nehmt ihn als Kleinigkeit
    im immer Bleibenden.

    Alles das Eilende
    wird schon vorüber sein;
    denn das Verweilende
    erst weiht uns ein.

    Knaben, o werft den Mut
    nicht in die Schnelligkeit,
    nicht in den Flugversuch.

    Alles ist ausgeruht:
    Dunkel und Helligkeit,
    Blume und Buch.
    Beware of all enterprises that require new clothes.
    Henry Thoreau

  2. #2
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    Hi Little One

    Bin nicht ganz so bewandert im Gedichteinterpretieren, weiß nicht warum, aber leider Gottes ist es, ich neige vor allem zur Überinterpretation... Aber ich will mal ein paar Gedanken zusammenhangslos einwerfen... vielleicht hilft es dir, vielleicht baut es auch jemand aus:

    Zunächst einmal eine banale Antwort auf die Frage wer die Treibenden sind: Wir.
    Nicht bloß, die, in seiner Zeit, die mit ihm lebten, wenn er auch damit wohl eine Kritik an den zu irdischen Interessen derer seiner Zeit übt.
    Wir alle sind also Treibende, im "Schritt der Zeit" (hier muss ich wieder ein meinen liebsten griechischen Satz denken, von Heraklit: Potamois tois autois embainomen te kai uk embainomen, eimen te kai uk eimen. Kurzum: panta rei - alles fließt). Doch es wird gesagt, dass der "Schritt der Zeit" also der Fluss, nur eine Kleinigkeit ist, "im immer Bleibendem".
    Dann wird weiter auf den Fluss geschaut, es wird gesagt, er sei eilend, und daher schnell vorrüber, nahezu so schnell, dass man es kaum wahrnimmt. Wohlmöglich soll gesagt werden, dass alles, was so im Fluss vorbeieilt, an und für sich nicht von Bedeutung ist. Sowohl die Menschen, die sich selbst hetzen und sich hetzen lassen, als auch die ständig wechselnden Dinge in der Welt, wie weit es auch geht.
    Was genau mit dem Bleibenden gemeint ist, wird nur durch Negation deutlich:
    Es ist nicht im "Schritt der Zeit", sondern "Verweilend", Des weiteren sollen die Knaben nicht ihren Mut in die "Schnelligkeit" werfen, (da sie (wohl) auch kein Teil des Bleibenden ist,) oder alles bloß für einen Flugversuch hinwerfen, wahrscheinlich daher auch Knaben, also Menschen, die noch nicht fest im Leben stehen, nicht wissen, was sie tun sollen, und sich zu sehr auf etwas "falsches" nämlich fließendes konzentrieren. Wie Vögel, die Flügge werden und dann den Flugversuch wagen und hart auf dem Boden aufprallen.
    Stattdessen soll man es eher ruhig angehen, wie alles wesentliche im Leben, soll man geduldig sein, weder "Dunkel und Helligkeit" noch "Blume und Buch" lassen sich hetzen, und der Mensch soll es ihnen gleich tun.

    Der Mensch, ganz besonders zu seiner Zeit, und in unserer Leider wieder, lässt sich hetzen und durch allzu irrelevante Dinge aus der Ruhe bringen.

    Gott könnte man, wenn man wollte mit in das Gedicht interpretieren als das "Bleibende", da Rilke in all seinem Tun um Gott, den alten Turm, kreist, aber man muss es nicht. Es gibt leider (oder zum Glück) keine genauere Beschreibung des Bleibenden, es ist einfach nur nicht das, was dem Fluss der Zeit zum Opfer fällt.


    (So jetzt habe ich mir das nochmal durchgelesen, was ich geschrieben habe und würde es am liebsten wieder löschen.... ohh mann! Aber ich poste es trotzdem mal, vielleicht kann sich jemand begabteres eine Quintessenz aus dem Chaos rauskratzen und sie sinnvoll verwenden...
    Good luck...)
    Aus dem eigenen Bewusstsein heraus resigniert...

    So ganz ohne etwas was einen hält, dem Nichts ganz nahe...
    (Was ich kann, das will ich nicht;
    Was ich will, das kann ich nicht!)

  3. #3
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    Hallo Zephred,
    danke, dass du es trotzdem gepostest hast!

    Nun dazu: Du sagst, dass wir die Treibenden seien. Ich glaube ich kann dir nicht ganz zustimmen. Immerhin sagen die "Treibenden", dass "das Verweilende" sie erst einweihe. Müsste das nicht heißen, dass sie über dem "Schritt der Zeit" stehen unabhängig dieses Systems: also ewig sind?

    Ich kann mir nich vorstellen, dass das Bleibende Gott ist, vielmehr die Ewigkeit, die im Kontrast zum Zeitfluss steht? Aber vielleicht sind die Treibenden Gott? Aber warum dann der Plural? Neee, das gäbe keinen Sinn ...

    Dass die Knaben Menschen sind, die zur Ruhe und ausgelichenheit aufgefordert werden, kann ich mir auch vorstellen, bin mir aber nicht sicher...

    lg
    lO
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    Henry Thoreau

  4. #4
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    Hi Little One,
    Ich noch ma

    Also, dass wir die Treibenden sind kann dennoch sein, wenn man die erste Zeile als unabhängigen Satz ansieht, was auch den Punkt erklären würde. Ab der zweiten Zeile folgt dann eine Erklärung eines Treibenden, der die tatsächliche Relevanz im Leben entdeckt hat und andere Treibende aufklärt.
    Nur 'ne Idee...
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  5. #5
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    Das "aber" im zweiten Vers suggeriert aber (zumindest mir), dass die ersten beiden Verse inhaltlich zusammen gehören!

    Grüße little O
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  6. #6
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    Kann gut sein....
    Wie gesagt... Interpretationen liegen mir nicht ganz so...
    Es wäre einfach mal sinnvoll wenn noch jemand drittes reinschauen würde um vielleicht das Problem zu lösen...

    Aber naja...
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