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  1. #1
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    Aus den Städten

    Aus den Städten

    Unterhaltsamer Lärmpegel
    dröhnt durch die Viertel.
    So gewöhnlich
    und niemals allein
    schwelt die Angst
    in den Tiefgaragen.

    Sex for free
    in Hotel- und gegen
    bar in Rotlichtbetten.

    Dealer in Schächten,
    geflutete Bars,
    Filme, große Filme
    von den großen Gefühlen
    und irgendwo
    auch sorgenfreies Grinsen
    auf gute Geschäfte.

    Alle haben Platz,
    auf Bänken, Theken
    zuhause, auf Straßen,
    vergessen in Häusern,
    großen Büros und
    den alten Stadtfriedhöfen.

    Alles ist gut,
    alles hat Platz,
    denn keiner geht verloren
    und nichts geht umsonst.
    Geändert von Kerlchen40 (16.10.2006 um 17:27 Uhr)

  2. #2
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    hi, Kerlchen,

    dein Gedicht gefällt mir ausnehmend gut.
    Mit interessanter und dennoch unprätensiöser Sprache führst du die Lesenden auf den Höhepunkt zu, die Quintessenz sozusagen.

    "Alles ist gut,
    alles hat Platz,
    denn keiner geht verloren
    und nichts geht umsonst."

    Letztendlich banal und Binsenweisheiten, aber diese Binsen in neuer, ansprechender Form gebracht, so daß die Lesenden doch noch einmal innehalten können, sinnen darüber, "was ist Stadt", wo finde ich mich da, wo ist mein Platz.

    gerne gelesen und sinniert

    liebe Grüße
    edorre
    Geändert von edorre (14.10.2006 um 13:57 Uhr)

  3. #3
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    edorre

    Das freut mich SEHR, da mir dieser Text von meinen letzten wohl am stärksten aus der Seele geklettert ist. Beobachtungen der letzten Wochen und Tage... ja und die Frage wo ordne ich mich wohl ein ?
    Wo ordnet sich mein Nachbar ein und wo, wohl jener ?

    Ein freudiger Gruß aus Stuttgart

    Stefan

  4. #4
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    Hi mein Lieber ,

    also erst einmal ein paar Formale Verbesserungen/Vorschläge, teils ziemlich subjektiv gehalten

    Zitat Zitat von kerlchen32
    Aus den Städten

    Lärmpegel brummt - warum hier Zeilenbruch? Die Atempause stört und "brummt" wird in m.M. zu sehr in Szene gesetzt
    durch die Viertel.
    So gewöhnlich
    und niemals allein
    schwelt die Angst
    in den Tiefgaragen.

    Sex for free
    in privat - und gegen
    bar in Rotlichtbetten.
    Du bist wirklich gut im Aufbau von Atmosphäre. Ein fühlendes Auge, das durch die Stadt schwebt. Die Antithese in S1 gefällt mir gut.
    Aber "Sex for free im privat"... da könnte man noch mehr draus machen, grade hier. Du bist doch ein Meister des kritischen Beobachtens. Gibt´s zuhause wirklich "Sex for free"?

    Zitat Zitat von kerlchen32
    Dealer in Schächten,
    geflutete Bars,
    Filme, große Filme
    von (den) großen Gefühlen (könnte man auch weglassen, da du sonst auch viel mit Ellipsen arbeitest)
    und irgendwo
    auch sorgenfreies Grinsen
    auf gute Geschäfte.
    Der Beobachter spiegelt das Stadtleben weiter aus einer entrückten (stillstehenden) Perspektive und ist durch die Wortwahl auch gleichzeitig verwoben in dieses Leben.

    Zitat Zitat von kerlchen32
    Alle haben Platz,
    auf Bänken, Theken
    zuhause, auf Straßen,
    vergessen in Häusern,
    großen Büros und
    den alten Stadtfriedhöfen.

    Alles ist gut,
    alles hat Platz,
    denn keiner geht verloren
    und nichts geht umsonst.
    Bei den letzten beiden Strophen, bin ich mir nicht ganz sicher, wie das "Fazit" des Sprechers ausfällt. Ist es eine ironische oder lakonische Formulierung, wenn er "vergessen in den Häusern[...]den Stadtfriedhöfen" sagt"? Das würde sehr gut passen. Dann würde die letzte Strophe aber eher ins melancholische abdriften. Sehr gut hast du hier das Entfernen aus der Szenerie eingefangen. War der Beobachter noch eben mitten im Leben, schließt das Gedicht hier mit einem nachdenklichen "und nichts geht umsonst."

    Ein anregendes Gedicht, in dem du erneut deine Beobachtungsgabe im Detail beweist, passend zum Thema wählst du keine zu poetische Sprache.

    Gerne gelesen und viele Grüße


    Yours

    Flo
    Was nützt es, dass du die Schlacht gewinnst, wenn du tags zuvor den Geschichtsschreiber beleidigt hast.... (W. Brudzinski)

  5. #5
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    Hi Flo,

    Danke für Deine sehr ausführliche Interpretation. Was den Beginn betrifft und Umbruch mit dem brummt - da werde ich nochmal ran.
    Den Part mit "Sex for free" in Privatbetten überdenke ich nochmal.
    Ich wollte damit eigentlich zum Ausdruck bringen, dass es wohl weitgehend gefühllos abläuft und nichts davon bleibt.

    Ansosten freut mich Dein Lob am Gedicht.

    Gruß Kerlchen
    Geändert von Kerlchen40 (16.10.2006 um 10:52 Uhr)

  6. #6
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    Ja, kerlchen, das ist ein Text von dir, der sehr tief geht. Wenn man in einer großen Stadt lebt, hört man manchmal stumme Hilfeschreie und kann sich nicht vorstellen, dass irgend jemand, der in ihr lebt, noch glücklich ist.

    Mich hat der Text sehr berührt, und ich würde alles so lassen, wie es ist (meine Meinung nur).

    Ich lese fast alles, was du schreibt, kommentiere aber nur jene Werke, die mich berühren - dieses hier tut es.

    Große Qualität, großes Herz -
    in diesem Sinne
    deine Eva
    EvaAdams

    (c) Mein Werkverzeichnis: Unterm Feigenbaum = überholungsbedürftig, aktuelles bitte unter Profil nachsehen


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  7. #7
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    Aus den Städten

    Liebes kerlchen,
    ich lebte lange im Dorf und die Steigerung ist die jetztige Kleinstadt.
    Bei Großstadtbesuchen gehe ich mit ähnlichen Gedanken durch die Straßen, besonders den dicht bewohnten.
    Jeder hat einen, seinen Platz. Man könnte denken, dann ist es gut so.
    Dein Gedicht jedoch rüttelt ohne zu "schreien". Es stimmt traurig und macht nachdenklich.
    Bin sehr angetan.
    (Statt brummt -rauscht-(?) - aber das nur so )
    Liebe Grüße
    Dana
    Die Seele ist kein Wasser, dessen Tiefe gemessen werden kann. (ind. Sprichwort)

    - Ich bin umgezogen. Meine neue Zuhause-Seite ist in meinem Profil zu finden -

  8. #8
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    Hallo Expressle,

    für mich zumindest in Teilen ein eher bedrückender Stadtrundumblick, den du hier aufzeigst. Wieder gewohnt souverän in Szene gesetzt, lässt du dein LI in unprätentiöser Weise und ohne jegliche moralische Anspielung seinen Platz und Standort in seiner Stadt suchen. Deine scharfe Beobachtungsgabe übersieht nichts und so setzt du ein buntes Mosaik aus flüchtigen Lebensbruchstücken zusammen. Das geht von schwelenden Ängsten in Tiefgaragen über die Tristesse des Rotlichtmilieus bis hin zu den Drogendealern in obskuren Schächten und zufrieden grinsenden Geschäftemachern. Alle haben irgendwo ihren Platz, ihre Funktion und sind am Lärm, der durch die Vierteln brummt, beteiligt. Zwar somehow binsig im Sinne von nichts Neues, wie auch schon edorre meinte, aber doch gut erzählt und stimmig ausgeleuchtet.

    Ich mags und hebe den Daumen, hat was von Bordsteinbeobachtungen...

    Liebe Grüße
    crux

  9. #9
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    Hallo Kerlchen,

    da ich in einer Großstadt lebe, sind mir deine Gedanken und Beobachtungen wohlvertraut....

    Zu Zeile 1 habe ich auch noch einen Vorschlag:

    "Lärmpegel zieht..." oder " ....strömt"

    Lieben Gruß,
    Katzi
    Nickänderung: supikatzi wurde zu Chavali


    ~WÖRTERWUNDERTÜTE~

    Werkeverzeichnis (unvollständig - ruft nach Aktualisierung): Katzenspuren

    ©
    auf alle meine Texte!

  10. #10
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    Dieses Gedicht atmet Stadtleben ein und Zeit aus. Ich fühle mich von dieser nicht wertenden und objektiven Beobachtung sehr angesprochen, weil ich hier die Stadt so beschrieben wieder finde, wie sie sich mir im wirklichen Leben auch darstellt, zumindest manche Facetten der Stadt.
    Gut beobachtet, gut umgesetzt. War allerdings auch nicht anders zu erwarten.

    lg/Peter

  11. #11
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    Hallo Ihr,

    auf einen Rutsch an alle ein großes Danke zu meinem Stadttext. Freut mich sehr!

    Das Thema "brummt" habe ich nach mehrmaliger Aufforderung geändert.

    Ansonsten grüßt Euch Kerlchen
    aus der Schwabenmetropole

  12. #12
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    Guten Morgen,

    ich muss den Text nochmal nach oben zerren, geht mir doch grade heute ein ähnlicher Gedankengang durch den Kopf und wurde von dir hier wunderbar in Worte gefasst.

    Gruß,
    Flo
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
    Die Melancholie des Seins - Gesammelte Werke

  13. #13
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    Hi Ensi,

    Danke - ist ja auch jender Texte, in denen viel von meinem Lebensgefühl steckt. Von daher freut mich das sehr.

    Gruß Kerlchen32

  14. #14
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    hallo kerlchen,

    wie konnte ich nur dieses ansprechende Gedicht übersehen? Es gefällt mir außerordentlich gut. Du gehörst anscheinend auch zu den Menschen, die eine gute Beobachtungsgabe haben. Treffend hast du das Stadtleben mit allen seinen Schattenseiten beschrieben, die Ängste, das Elend, die Kluft zwischen Arm und Reich die immer größer wird. Am besten gefällt mir die letzte Strophe, die zum Nachdenken anregt und zugleich herausfordernd klingt:

    Alles ist gut,
    alles hat Platz,
    denn keiner geht verloren
    und nichts geht umsonst.

    Ja, alles hat Platz, die Frage ist nur: Wo?
    Und nichts geht umsonst. Eine traurige Wahrheit.

    Gerne gelesen.

    Viele Grüße
    Speedie
    [FONT="Arial Narrow"]Fantasien sind für manche Menschen unvorstellbar. (Gabriel Laub)

  15. #15
    Tessa Guest
    Liebes Kerlchen,

    nun finde ich noch dieses wunderbare Werk, fühle mich angesprochen und berührt.
    Du zeigst das Leben in der Stadt/Großstadt auf, verteufelst es nicht, beschönigst auch nichts. Nimmst einige Facetten, streust sie gekonnt in ein Gedicht, baust einen Spannungsbogen, ziehst Rückschlüsse und schlussfolgerst, dass alles wohl sein Dasein und seine Daseinsberechtigung hat, ob es uns nun gefällt oder nicht.

    Jeder hat seine Nische in diesem Raum, jeder seine Bestimmung, jeder sein Ziel oder seinen Plan.
    Andere sind wiederum plan- ziel- und bestimmungslos und leben trotzdem an ihren Plätzen, noch andere sind einsam und allein und auch das scheint so sein zu müssen, wie eben auch der Friedhof.
    Niemand will oder mag ihn, dennoch bleibt er ein Teil des Lebens.

    Deine Beobachtungsgabe ist unschlagbar, deine Umsetzungen auch.
    Ich lese tausend Sachen und mehr daraus und könnte ganze Seite vollschreiben..lasse ich aber jetzt mal, zwinker, will sagen:
    mein großes Kompliment, deiner gefühlvollen und nicht angreifenden Beschreibung, deiner Wortwahl und besonders an die Schlusszeilen.

    Gern gelesen, gern sinniert und nachdenklich geworden.
    Ganz liebe Grüße,
    Tessa

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