1. #1
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    Lasker - Schlechter, 1910

    Lasker – Schlechter, 1910


    I

    Zunächst in Wien.

    In einem Schachlokal, das abgeschieden,
    kam es zur sportlichen Vereinigung.
    Die ersten Spiele waren unentschieden,
    denn ausgezeichnet die Verteidigung.

    Im fünften Spiel ging durch's Lokal ein Raunen;
    dem Meister unterlief ein schwerer Fehler.
    Die aufgewühlte Menge war am staunen:
    Der Österreicher führt mit einem Zähler.

    Und dann Berlin.

    Das letzte Spiel: Noch immer hielt die Führung,
    und schon zum greifen nah die Sensation.
    Die Funktionäre zeigten erste Rührung –
    ein einziges Remis noch für den Thron.

    Doch unerwartet kam das böse Ende,
    als Schlechter sich als Hasardeur versuchte.
    Für Lasker brachte dies die unverhoffte Wende,
    da er den letzten Sieg für sich verbuchte.


    II

    Wir wissen nicht, warum Karl Schlechter
    so plötzlich in den Angriff ging.
    Vielleicht erkannte er, dass Lasker
    ein wenig mehr am Titel hing.

    Man glaubt, er fühlte sich nicht würdig,
    ein großer Weltmeister zu sein
    aufgrund von Laskers Missgeschicke
    in einem einz’gen Spiel allein.

    Die noble Haltung zeigt uns allen deutlich:
    Als Sportler war er sehr famos
    auch ohne Titel, Ruhm und Ehre;
    als Gentleman war er gar beispiellos.
    Geändert von Roderich (16.10.2006 um 10:01 Uhr)
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

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    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  2. #2
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    Hallo ferdi,

    vielen Dank für deine konstruktive Kritik, mit der ich viel anfangen kann. Die von dir beanstandete Stelle S1Z1 hat mir selbst auch schon die Runzeln auf die Stirn getrieben, allein an einer Verbesserung bin ich bis dato gescheitert. Z3 in der gleichen Strophe finde ich jedoch korrekt - vielleicht meinst du ja Z4, wo ich wieder die Grammatik ein klein wenig beugen musste. Wenn auch diese vermaledeiten Wörter so lang sind ...

    Das "staunen" ist ebenfalls dem Reim geschuldet und gehört nicht unbedingt zu meinen Lieblingsstellen. Hier widerstrebt es mir aber, statt des "war am staunen" ein simples "musste staunen" einzubauen, denn das klingt für mich noch infantiler als es die von mir gewählte Formulierung ist. Wenn du aber Verbesserungsvorschläge hast, dann bitte immer heraus damit. Ich ringe ja selbst mit den Händen, kann mir aber (im Moment) nicht helfen.

    Was die inhaltliche Kritik betrifft, dass nur Lasker am Weltmeistertitel hängen konnte, so ist das wohl sprachlich zutreffend, aber ich denke, dass man mit gutem Willen auch das Streben nach dem Titel als ein "Hängen", zumindest gewissermaßen, sehen kann.

    Was die Schwächen betrifft, so bin ich für jeden Hinweis, der mir hilft, diese auszubügeln, sehr dankbar. Fürs Erste freut es mich zumindest, inhaltlich mal was anderes als das übliche Angebot, wie du schreibst, geboten zu haben.

    Viele Grüße

    Thomas
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  3. #3
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    Grüß dich Thomas,

    welch freudige Überraschung, ein schachhistorisches Gedicht von dir zu lesen, gerade jetzt, da ich zusammen mit ferdi, dem nicht nur fachlich beschlagenen Erstkommentator, mitten in einer spannenden Fernpartie im entsprechenden Wohnzimmerfaden stecke. Noch scheint die Partie ausgeglichen.

    Ich gehe mal Strophe für Strophe durch und schaue, ob ich dir passable Vorschläge an den bereits vordiskutierten Stellen machen kann.
    In einem Schachlokal, das abgeschieden,
    kam es zur sportlichen Vereinigung.
    Die ersten Spiele waren unentschieden,
    denn ausgezeichnet die Verteidigung.
    Durch die Elision des Wörtchens "war" in Z4, das wohl zugunsten der Metrik weichen musste, entsteht hier ein grammatikalisch unbefriedigendes Bild, das aber gelöst werden kann, indem man schreibt:
    denn beide Spieler setzten auf Verteidigung.

    Im fünften Spiele dann ein lautes Raunen;
    Im fünften Spiel ging durch's Lokal ein Raunen; (wg. "lautes")
    dem Meister unterlief ein schwerer Fehler.
    Die aufgewühlte Menge war am staunen:
    Die Leute hörten nicht mehr auf zu staunen
    Der Österreicher führt mit einem Zähler.
    Und dann Berlin.
    Das letzte Spiel: Noch immer hielt die Führung,
    und schon zum Greifen nah die Sensation.
    Die Funktionäre zeigten erste Rührung –
    ein einziges Remis noch für den Thron.
    Weiß nicht recht, ob Funktionäre überhaupt zu so etwas wie Rührung fähig sind, hüstel, aber wie ersetzen? Hm, vielleicht kriegen wir ja was hin mit "Berührung"...z.B.:
    Die Hände zittern leicht vor der Berührung (?) oder:
    Auf den Gesichtern lag schon erste Rührung

    Doch unerwartet kam das jähe Ende (jähe statt böse?)
    als Schlechter sich als Hasardeur versuchte.
    Für Lasker brachte dies noch mal die Wende,
    Für Lasker brachte dies die unverhoffte Wende
    da er den letzten Sieg für sich verbuchte.
    II
    Wir wissen nicht, warum Karl Schlechter
    so plötzlich in den Angriff ging.
    Vielleicht erkannte er, dass Lasker
    ein wenig mehr am Titel hing.
    weit mehr als er am Titel hing. (?)

    Man glaubt, er fühlte sich nicht würdig,
    ein großer Weltmeister zu sein
    der Weltmeister danach zu sein (?)
    aufgrund von Laskers Missgeschicke
    in einem einz’gen Spiel allein.
    Das zeigt mir jedenfalls ganz deutlich:
    Die noble Haltung zeigt uns allen deutlch: (?)
    Als Sportler war er sehr famos
    auch ohne Titel, Ruhm und Ehre.
    als Gentleman jedoch gar beispiellos.
    Als Gentleman war er gar beispiellos.

    Nun weiß ich natürlich nicht, ob dir alle diese Vorschläge zusagen oder auch nur Teile davon, du bist Chef im Ring, wähle also einfach nach Belieben aus.

    Liebe Grüße
    crux

  4. #4
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    Hallo Crux,

    vielen lieben Dank für deinen Kommentar und noch mehr für die Arbeit, die du dir mit den Vorschlägen gemacht hast. Werde gleich einmal nachschauen, was ich davon ins Gedicht einbauen werde - gut sehen sie alle aus.

    In Strophe 1 kann ich leider nicht auf deinen Vorschlag zurückgreifen, obwohl der sprachlich natürlich top ist. Allerdings würde mir das den Inhalt etwas verfälschen (obwohl es außer mir vermutlich sowieso niemand weiß). Aber die Sache ist so, dass Lasker in den ersten vier Partien gegen die Verteidigung von Schlechter (der damals als weltbester Verteidiger bekannt war) angerannt ist. Vielleicht, dass mir noch etwas einfällt, um das auch inhaltlich sauberer herauszuarbeiten. Das Sprachliche könnte sich dann auf diesem Weg ebenfalls einrenken.

    Ebenfalls wichtig ist mir auch die Rührung der Funktionäre. Hierbei muss man wissen, dass ich mich sehr stark auf das Buch "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" von Thomas Glavinic stütze, in dem genau jener Weltmeisterschaftskampf zwischen Lasker und Schlechter (in dem Buch Haffner) thematisiert wurde. Und hier sind es vor allem die Funktionäre, die nach dem Sieg von Schlechter in der 5. Partie sehr euphorisch reagieren.

    Das Raunen im Lokal hingegen ist ganz ausgezeichnet und ich werde das gern so abändern, das passt besser.

    Was die "staunen"-Zeile betrifft, so bin ich mir bei deinem Vorschlag nicht ganz sicher, da ich hier die "Leute" etwas schal finde. Sprachlich sehe ich hier keine wesentliche Verbesserung zu meiner Version - aber vielleicht kommt da die Erleuchtung später noch.

    Die unverhoffte Wende gefällt mir hingegen ganz ausgezeichnet und wird dankend übernommen.

    Über die "Titel"- und die "Weltmeister"-Zeilen muss ich noch ein wenig sinnieren. Da stören mich meine Formulierungen nicht allzu sehr, andererseits sind auch deine sehr gut und passend.

    Hingegen sind deine Vorschläge für die letzte Strophe allererste Sahne und ich wäre ein Idiot, wenn ich diese nicht so schnell wie möglich reinzimmern würde.

    Nochmals vielen Dank für deine zahlreichen guten Vorschläge. Und jetzt knöpfe ich mir gleich einmal den Editier-Button vor.

    Viele Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
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