1. #1
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    Griechenland Teil V

    Schau nun an, was ich vollbrachte;
    Meister kam und ... Meister lachte:
    Junge, Junge, glaub!, du musst
    doch noch eine Menge lernen.
    Hier, zum Beispiel diese Brust
    musst du wieder flugs entfernen.
    Die passt nur zur Göttermutter!
    Jenes wollne Vlies ... Athene!
    Bei Kypris, komisch, alles in Butter.
    Du bist wohl verliebt in die Schöne?

    Dieses Wort hat mich erschreckt!
    Lieb ich denn ein steinern Weib?
    Hab zwar manchen Reiz entdeckt
    an dem göttlich-schönen Leib,
    spür im Herzen süße Triebe,
    `s kann auch weiter abwärts sein,
    ist das wirklich wahre Liebe
    zu dem Weib aus Marmorstein?
    Ich umfang sie liebeslüstern,
    beginne gemeißelten Ohren
    irres Liebeswort zu flüstern,
    ach! Ich hab mein Herz verloren.

    Die Umarmung - ziemlich kühl.
    Marmor mangelt `s an Gefühl.
    Dennoch greif ich liebestoll
    um die Taille - wespengleich -,
    so, wie man wohl packen soll,
    und dann gleich der nächste Streich:
    Greife kühn, ... ja grade so,
    an den marmorkalten Po,
    frag erst gar nicht, ob sie `s mag.
    Plötzlich kracht `s, ein dumpfer Schlag!
    Fing eben an, verliebt zu lallen,
    da bin ich aus dem Bett gefallen.
    Droll, der Schalk des Oberon,
    hat auch mir wie andern schon
    Eselsohren aufgesteckt,
    mich mit Gelächter aufgeweckt.

    Aber jetzt, da es tagt und die rosenfingrige Eos erwacht,
    kehrt kühler Verstand mit Macht ins traumschwere Hirn zurück.
    Freuds Schülern vermach ich den seltsamen Traum, sie mögen ihn deuten.
    Ich selbst ermunt`re nach köstlichem Frühstück die willigen Füße
    zum Parke zu schlendern, um die marmornen Göttinnen endlich zu sehen.

    Ergriffen steh ich vor des Phidiasenkel Schöpfung,
    seh mein Traumgebild wahrhaftig. Zu umfangen
    treibt es mich. Trinkt ihr Augen! Schwelgt, ihr Sinne!
    Macht zu eigen, was schon immer still im Busen
    von Natur gesät geschlummert, ahndungsvoll
    der Erweckung lange harrend, endlich aufblüht.

    Dem Schönen vermählt ist unsere Seele! Alle Sinne
    dienen nur dem einen Ziel: Zu erinnern
    an den Ursprung allen Seins. Ihn zu finden,
    heimwärts gehend, irrend, doch beständig wandernd,
    gibt alles Schöne Pfade weisend unserer Suche,
    niemals trügend, stets die rechte Richtung an.

    So wie eine Rosenknospe sich entfaltend wächst,
    errötend und prächtiger blühend der Sonne Kuss empfängt,
    dehnt die Seele ihre Fesseln, füllt und fühlet
    neue Räume, reift zur Höhe, mit offnen Augen
    vormals Ungeschautes nun erblickend, ahnt sie
    der gesamten Schöpfung Größe, Gottes Allmacht.

  2. #2
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    Wow, nicht schlecht! Aber mal ein paar ganz andere Fragen:
    Wie lange brauchst Du für so etwas?
    Außer welcher Laune/welchem Moment/wo heraus schreibst Du so etwas?
    Fließen dir die Worte zu oder feilst Du?
    Beschreibe!

  3. #3
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    Lieber Tobi,
    Wenn "Wow, nicht schlecht" ein Lob ist, dann danke ich sehr!
    Zu Deinen Fragen: Für "Griechenland" (das noch nicht vollständig eingestellt ist, dauert noch zwei - drei Tage) habe ich ca. 6 Wochen gebraucht. Das aktuellste Werklein war "Angst und Scham", das dauerte einen Nachmittag. Ob die Worte fließen? Schwer zu beantworten. Manchmal läuft es so aus der Feder, ein andermal zerkaue ich zwei Bleistifte. Das Feilen, o je, das dauert manchmal wirklich lange und hat mit meinem Anspruch zu tun, Stimmungen nicht zu beschreiben (a la "ich bin verlassen worden, jetzt bin ich traurig und möchte mir ein Messer ins Herz stechen"), sondern die Stimmung indirekt zu vermitteln (durch bestimmte "Reizwörter", Metrik, Versfuß, Reimschema usw.). Gern ergehe ich mich auch in Andeutungen, benutze möglichst nicht abgedroschene Metaphern, verlase mich auf einen Mindeststandart von Bildung beim Leser. Beispiel: "Beine sind sehr bivalent. Die gewünschte Stellung einzunehmen, sträuben sich der Pallas Schenkel wohl zumeist." Wenn der Leser/die Leserin nicht weiß, dass Pallas (Athene) eine Jungfrau war, versteht er/sie auch nicht, warum sich der Pallas Schenkel ...
    Weitere "Geheimnisse": Reihenfolge bei Aufzählungen (wie Goethe es ganz meisterhaft beherrscht: "Weit, hoch, herrlich der Blick"), Vermeidung "unmöglicher" Sachverhalte (ohne die Fantasie einzuschnüren), gezielter Einsatz z.B. "deutsch" anmutender vierfüßiger Jamben und Wechsel in (vielleicht) griechisch anmutende Sechsheber bei sicherlich unsauberen Hexametern, "stotternde" Verse, um aufgeregte Situationen nicht "aufgeregte Situationen" zu nennen, sondern sie durch freie Rhythmen oder konfuses Gestammel anzudeuten, Rückkehr in gemäßigtere Metrik, wenn es besinnlich sein soll usw., usf. Dann gibt es noch Experimente wie die Strophe "Welcher Göttin diese Füße, diese Zehen, jene Knöchel...". Die Strophe zählt 168 Wörter = Körpergröße der Angebeteten in Zentimetern. Nach dem "Goldenen Schnitt" müsste bei 168 x 0,618 der Punkt des Körpers genannt werden, durch den der Goldene Schnitt geht (der Nabel). Und da steht dann eben "Nabel". Dass da zu feilen ist, kannst Du Dir sicher denken. Dann versuche ich noch, keine verqueren Sätze, die kein Mensch so spricht, zu bauen. Und: Das ganze dann auch noch mit einem Mindestmaß an Rechtschreibfehlern. Nicht zuletzt will ich durchaus so schreiben, dass man meine Werke auch erkennt. Ein Chefredakteur, dem ich mal einige Artikel geliefert habe, sagte mir mal, ich könne Pseudonyme benutzen soviel ich will, er erkenne meine Schreibe. Meine Frage, woran?, beantwortete er recht profan: "Schweine erkennt man an ihrem Gang." Bei mir wirst Du oft eine Mischung von Flapsigkeit, Hochsprache, manchmal Tiefsinnigeres entdecken. Damit ich nicht heilig gesprochen werde, haue ich dann wieder ein Ding raus, bei dem ich im Nachhinein selbst rote Ohren bekomme.
    Zur Laune und zum Moment: Je nach Laune entstehen heitere, nachdenkliche, flapsige, tiefer schürfende Sachen. Manchmal alles auf einmal. Wann und wo "Griechenland" entstanden ist, das will ich noch nicht verraten. Die Kenntnis der Umstände würde eine Interpretation unsäglich beeinflussen. Wer genau liest, wird eine Vorstellung vom Entstehungsort bekommen (Griechenland war es nicht). Wer noch genauer liest, wird auch die oft zugrunde liegende Ironie erkennen, aber auch die echt empfundenen Sehnsüchte, Fantasien usw.
    So, das war eine sehr lange Antwort. Jetzt gehe ich ins Bett und träume von der Frau, deren Name später im "Gedicht" in einem Kypriseinmaleins verraten wird. Mit besten Grüßen! Heinzi
    Geändert von Festival (16.10.2006 um 18:29 Uhr)

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