1. #1
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    Sinnvollerschmerz

    SINNVOLLERSCHMERZ

    Bruch von Mensch und seiner Welt,
    ist was ihn lebendig hält.
    Welcher Sinn uns hier gestellt,
    ist was ihn so forthin quält.
    Sinn ist Nichts, in das er fällt,
    Trotzdem das, was für ihn zählt.

    Nichts bringt uns’re Augen auf,
    die so fest geschlossen.
    Nichts einmal trat selber auf,
    Träume schlicht zerflossen:

    Verliebt in die Idee,
    die stets als Traum erscheine.
    Verliebt zu sein, tut weh,
    wenn Glück das Schicksal meide.
    So weist wohl ein Stück Sinn
    im Nichts nun auf sich hin:

    Die Suche findet hier an sich
    Ein Mosaik aus uns’rem Ich.

    Würde mich über Eindrücke, Interpretationsansätze und konstruktive Kritik freuen
    Geändert von sonum solens (18.10.2006 um 14:52 Uhr)

  2. #2
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    Hmmm..mich würde mal interessieren, was Du unter "Nichts" verstehst. Mir erschließt sich nämlich nicht ganz, was Du mit "Sinn ist Nichts" (also wieso "Nichts" als Substantiv benutzt wurde) meinst.

  3. #3
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    Genau in dieser Beziehung von Sinn und Nichts soll der Schlüssel zum Verständnis liegen. Mir geht es um die Tatsache, dass wir gerade, wenn wir etwas nicht mehr haben oder etwas für uns nicht zugänglich ist, stark verspüren, welchen Sinn dieses etwas für uns hatte oder hätte. Daher weist der Sinn im Nichts auf sich hin. Abgesehen davon gebe ich gerne zu, das Wortspiel zum gewöhnlichen "nichts" auch gesucht zu haben, um die gemeinte Bedeutung davon abzusetzen.
    Geändert von sonum solens (19.10.2006 um 19:44 Uhr)

  4. #4
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    Hallöchen Sonum Solens,
    also ich muß dir sagen, das ich hin- und weg bin.
    Dein Gedicht ist genau meine Richtung, meine kleine verträumte, aber auch reale Welt.
    Es ist für mich wie eine kleine verschlüsselte Nachricht,die mich immer und immer wieder zum Nachdenken anregt.
    Einfach wunderschön

    Lieber Gruß alias3

  5. #5
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    Hallo sonum_solens!

    Ich versuche mich mal an deinem Werk, aber du seiest vor mir gewarnt, ich bin nur eine kleine Anfängerin

    Zuerst mal das Metrum, bitte nicht mit mir schimpfen, wenn was falsch ist:

    XxXxXxX
    XxXxXxX
    XxXxXxX
    XxXxXxX
    XxXxXxX
    XxXxXxX
    (Ich denke, das hast du astrein gemacht )

    XxXxXxX
    XxXxXx
    XxXxXxX
    XxXxXx
    (da lässt du zwei Mal eine Hebung weg… Ich finde das OK. )

    xXxXxX
    xXxXxXx
    xXxXxX
    xXxXxXx
    ???
    xXxXxX
    (Jetzt auf einmal am Beginn unbetonte Silben… Vielleicht wird’s jetzt doch ein bisschen bunt gemixt? Aber ich mixe ja auch wild rum… Bei den ??? bin ich mir übrigens unsicher, der Vers will mir nicht richtig über die Lippen… Vielleicht kann da jemand Kompetenter mal draufschauen…)

    xXxXxXxX
    xXxXxXxX


    In der zweiten Strophe würde ein Profi wahrscheinlich den „auf – auf Reim“ bemängeln und ob die restlichen Reime ganz rein sind, weiß ich auch nicht…

    nun zum Inhalt:
    Leider kann ich dem Inhalt das Essentielle auch nicht wirklich entnehmen… Mir fehlt sozusagen der „rote Faden“ durchs Gedicht. Kann man etwas, das wir einmal hatten und jetzt nicht mehr haben (aber vermissen), wirklich als „nichts“ bezeichnen? Das verwirrt etwas. Und was bedeutet „Nichts einmal trat selber auf“ in Strophe? Abgesehen davon gefällt mir deine Sprache, besonders „ein Mosaik aus uns’rem Ich“, das finde ich sehr schön und hat so etwas ganz Sanftes...

    Liebe Grüße,
    Kari

  6. #6
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    Hallo zusammen:

    ja, freut mich, dass das Gedicht teilweise auf Gefallen stößt: Die Beschreibung: "kleine verschlüsselte Nachricht" von alias3 trifft es, find ich, ganz gut. Der kryptische Charakter kann aber natürlich auch auf Zweifel stoßen wie du sie, s.Kari, äußerst. Danke übrigens für die ausführliche Darstellung deines Erlebnises mit dem Gedicht! Ich werde mich mal bemühen, in der Zeit, die mir bleibt, auf möglichst viele deiner Fragen einzugehen:
    Einen Roten Faden des Gedichts (wenn man einen solchen ausmachen will) würde ich in der Wiederholung der Begriffe "Sinn" und "Nichts" und in der sich steigernden Eindeutigkeit ihrer Beziehung erkennbar sehen. In der ersten Strophe ist noch nicht einsichtig, was mit "Sinn ist Nichts, in das er fällt" gemeint ist. Die folgenden Strophen nennen dann allgemein Situationen, die dies veranschaulichen, um die These, wie der Zusammenhang von Sinn und Nichts wirklich gemeint ist, in der vorletzten Strophe und als Konklusion im anschließenden Paarreim dann beim Namen zu nennen.
    "Nichts selbst trat auf" sollte den Zustand beschreiben, dass etwas, nämlich ursprüngliche Träume, mögen sie teils verwirklicht sein oder auch nicht, nicht mehr sind. Dieser Gedanke wird dann in der folgenden Strophe mit der "Idee, die stets als Traum erscheine" fortgesetzt.

    Dabei sollte eigentlich, so wie ichs vertanden wissen wollte, nicht das, was nicht mehr ist, als Nichts bezeichnet werden, sondern der Zustand des Fehlens dieser Sache, der uns letztlich zumindest meiner Erfahrung nach darauf verweist, wieviel uns dieses etwas bedeutet hat oder bedeuten würde.

    Zur Metrik will ich noch sagen, dass die dritte Strophe und das Abschlusspaar tatsächlich zumindest geplanter Weise im Iambus stehen (auch der Vers, den du mit Fragezeichen versehen hattest: war zumindest so gedacht). Diese Frage fänd ich an dieser Stelle überhaupt mal spannend zu stellen:

    Inwieweit wird die Einheitlichkeit des Metrums als notwendig erachtet, um etwas ein Gedicht nennen zu können?

    Mir liegt auch sehr viel am Metrum und es wäre sicher einheitlicher, wenn man die dritte Strophe auch in einen Trochäus brächte. Inhaltlich begründen kann man den Formwechsel aber dadurch, dass das zuvor aufgebaute Rätsel infolge des Wechsels seine Auflösung erfährt.

    Danke noch mal für eure Eindrücke!

    Lieben Gruß,
    sonum solens

    P.S.: Ach so, vielleicht noch so als Anregung: Der Titel ist nicht zufällig zusammen geschrieben.
    Geändert von sonum solens (21.10.2006 um 03:47 Uhr)

  7. #7
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    Oh, Etwas nennt sich schon ganz schnell Gedicht, sonum solens: Es gibt sehr viele, sehr berühmte Gedichte, die keine Metrik, keine Reime, ja oft nicht mal Wörter haben. Lyrik ist so schwer zu definieren, dass man es am besten damit definiert, dass meist viel mehr Platz auf der Seite übrig bleibt als es bei Prosa der Fall ist. ;] (die Betonung liegt auf meist)
    Aber jetzt zu Deinem Gedicht selbst:
    Stilistisch gefällt es mir zu 99%, das heißt, dass es mir fantastisch gut gefällt; was mir nicht gefällt ist das "meide", weil es "meidet" heißen müsste. Das tut mir ästhetisch mehr weh, als ein t dranzuhängen, und auf den Reim zu verzichten. (Spätestens jetzt solltest Du wissen, wer ich bin)
    Auch von der Aussage her finde ich das Gedicht rundweg gelungen. "Die sinngebende Suche nach dem Sinn, die vor allem in der Sinnlosigkeit ihre ganze Kraft entfaltet", würde dazu vielleicht ein poetisch angehauchter Kritiker sagen. Auch der Schluss passt sehr gut.
    Die Tatsache, dass bei solchen Gedichten, die Meinungen über den Inhalt variieren, hängt sicher auch mit der hohen Subjektivität zusammen. Man muss sich hier schon ein wenig identifizieren können, oder zumindest ahnen können, welche Sinnlosigkeit man in bestimmten Situation verspürt und wie sehr gerade diese auch motivieren kann, weiterzumachen.

    Es folgen eventuell weitere Interpretationen
    wer weiß das schon
    (Ich hoffe ich hatte dich richtig in Erinnerung mit Paragraph 83)

    Vielfältige Grüße
    Es ist schon spät und leere Seiten starren mich anklägerisch an. Also mach ich`s kurz.
    Licht wird alles, was ich fasse
    Asche alles, was ich lasse
    Flamme bin ich sicherlich (Nietzsche)
    Regenwege Perlenschrift
    Schönheit in der Tiefe
    Bild oder Wort
    Neu:Reiselust

  8. #8
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    Hallo sonum solens!

    Danke für deine ausführliche Antwort, freut mich sehr! Ich denke, jetzt habe ich es vollständig begriffen Ich verbinde den Begriff „nichts“ nicht mit dem Fehlen einer Sache… aber da du es mir ausführlich erklärt hast, blicke ich da nun durch Ich glaube, das war auch der Grund, warum sich mir der Inhalt nicht wirklich erschloss. Ich bin überhaupt kein Metrikfreak (und wusste, als ich hier in dieses Forum kam, auch noch gar nichts davon), insofern erachte ich das nicht als besonders wichtig. Aber es interessiert mich immer, wie die Gedichte strukturiert sind und was der Autor/die Autorin damit bezwecken wollte

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!
    Kari

  9. #9
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    Hi 0Eigenschaften,
    Ja, das gib ich gerne zu, dass ich den Konjunktik I hier deshalb gewählt habe, weil es sich dann rein reimt. Vielleicht fällt euch oder mir da ja noch ne Alternative ein. Andererseits wäre der Konjunktiv hier im potentialen Sinn verstanden vielleicht auch haltbar. Aber danke auf jeden Fall für den Hinweis: das hatte ich schon aus dem Auge verloren. (Paragraph 83 stimmt übrigens )

    Hi s.Kari,
    Klar, das finde ich auch immer das Spannende, wenn man hier ein wenig rumstöbert. Schön, dass du jetz nachvollziehen kannst, was ich meine.
    Übrigens die im Titel vereinten Lesarten sind, so wie ich das meinte: "Sinnvoller Schmerz", weil es der Schmerz des Verlustes war, der mich einen Sinn erkennen ließ und damit sinnvoll ist, und "Sinn voller Schmerz", weil diese Erfahrung von Sinn umgekehrt eben ziemlich schmerzvoll/haft war bzw. sein kann.

    Liebe Grüße und ebenso ein schönes Wochenende!

    sonum solens
    Geändert von sonum solens (21.10.2006 um 17:00 Uhr)

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