1. #1
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    Ein schöner Tag im Mai

    Ein einsames Steak lag verzweifelt auf dem Grill und schmorte vor sich hin.Keiner wollte es mehr essen, weil alle schon satt waren, sagten sie, aber eigentlich war es allen zu fettig. Aber jetzt war es ja eh verbrannt.
    „Das soll mein Leben gewesen sein?“ fragte sich das Steak. „Erst war ich das Hüftstück einer fetten Kuh, lag in ihrer Scheiße, bekam die Sonne fast nie zu sehen. Dann ab in den Schlachthof, wo ich von meinen Hüftsteak-Freunden getrennt wurde und danach ab ins Kühlregal von Aldi. Da sag mal einer die Kinder in der dritten Welt hätten es schwer.“
    So lag es nun auf dem Grill, die Glut unter ihm brannte und sein Fett tropfte auf die heißen Kohlen. Dabei zischte es immer so furchterregend und einige Stichflammen verkohlten sein einst so schönes blutrotes Fleisch. Aber es tat ihm nicht weh, er hieß übrigens Gerd. Stattdessen genoss Gerd den Geruch des Grillgewürzes, das auf ihm lag.
    Das grillende Menschenvolk war schon bei Abräumen des reichlich gedeckten Gartentischs. Man sprach nochmals über das schöne Wetter und den gelungen Start in die Grillsaison. Einige Bierflaschen wurden hastig geleert.
    „Wat machen wa mitte Glut, Kalle?“
    „Einfach ausbrennen lassen.“
    „Und dat verbrannte Steak, wat noch drauf liegt?“
    „Ach, lasset liegen…können sich die Vögel oder Katzen holen!“
    So wurde Gerd von seinen potentiellen Fressern kaum beachtet liegen gelassen. Unfair, mögen manche behaupten. Dreist, würden andere sagen. Oder Verschwenderisch!Aber Gerd beklagte sich nicht weiter, er hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden.Also wartete er auf die Vögel und die Katzen, die ihn fressen sollten.
    Es wurde Abend und die Sonne verschwand allmählich am Horizont. Sie hatte ihren Job getan und diesen Tag im Mai zu einem schönen Tag im Mai gemacht. Aber Gerd hatte seinen Job nicht gemacht. Er hatte niemanden satt gemacht.
    Nein, sie ekelten sich gar vor ihm. Dabei konnte er selbst doch gar nichts für seinen Fettrand und die Sehnen die ihn durchzogen. Das war die fette Kuh in Schuld in der Gerd über Jahre festgessen hatte. Aber auf Einzelschicksale nimmt man heutzutage wenig Rücksicht.
    Und so wartete Gerd in der Dämmerung jenes schönen Tages im Mai auf die ersten Katzen. „Katzen sind nachtaktiv“, sagte er sich. „Die kommen erst wenn´s dunkel ist. Mann, werden die sich freuen, so ein braungebranntes Steak wie mich zu finden und fressen zu können!“. Aber da hatte Gerd die Katzen falsch eingeschätzt. Mit dem Einbruch der Nacht kamen zwar einige Kätzchen am Grill vorbei, aber keine von Ihnen zeigte auch nur das geringste Interesse an Gerd.
    „Fresst mich! Fresst mich doch endlich“ rief er nach einer Weile des Wartens, aber die Katzen erhörten sein Flehen nicht.
    „Warum wollt ihr mich denn nicht?“ fragte Gerd etwas weinerlich. „Bin ich euch auch zu fettig oder zu verbrannt?“
    „Nein“, logen ihn die Katzen an, „wir wollen uns unser Essen lieber selbst fangen, wir sind keine Aasfresser. Da musst du schon auf die Geier warten!“. „Aber hier gibt’s doch gar keine Geier“, erwiderte Gerd das Hüftsteak.
    „Dein Pech“ riefen die fiesen Katzen und verschwanden lachend im Schwarz der Nacht.
    Gerd hingegen war sehr traurig und nicht unbedingt zu Scherzen aufgelegt. Er wurde immer kleiner und hoffte bald durch das Grillrost auf die Glut zu fallen und dort zusammen mit den Holzkohle Briketts zu Staub und Asche zu werden.
    Doch dazu kam es nicht. Langsam kühlte die Glut unter ihm aus und passte sich den Temperaturen dieser milden, sternenklaren Nacht an. Gerd lag unverändert da, ich glaube auf dem Rücken, bei Steaks sind Rücken und Bauch nur schwer auszumachen, und schaute in den Himmel. Er war müde geworden von diesem anstrengenden Tag. Gerd schlief ein und träumte davon, in einem Restaurant von einem richtigen Sternekoch, nicht von irgendwelchen Hobbygrillern, die sich „Grillmeister“ nennen, zubereitet und auf einem schönen, großen Teller einem hungrigen Gast präsentiert zu werden. Freudestrahlend würde sich dieser über Gerd hermachen und ihn in Windeseile verspeisen. Vielleicht würde man ihn sogar mit einer frischen Pfefferrahmsauce begießen, mit etwas Schnittlauch garnieren und ihm ein paar Salzkartoffeln zur Seite legen.
    „Ich als Hauptgang im Ritz, das wäre ein Auftritt und gleichzeitig ein Abschied nach Maß“, dachte Gerd das Hüftsteak, „da würden alle große Augen machen und das Wasser würde ihnen im Munde zusammen laufen.“
    Gerade in diesem Moment wachte Gerd auf aus seinem Traum. Ein Regentropfen hatte ihn geweckt. Erst einer, dann zwei, drei, vier. Auf einmal goss es wie aus Eimern und ein wohliges Wärmegewitter ließ die Nacht dieses schönen Tages im Mai aufatmen. Alle freuten sich, die Grashalme, die Bäume, die Regenrinnen, die Gullideckel, der Aspahlt, sogar die Katzen freuten sich über den Regen. Nur Gerd war in dieser Nacht nicht mehr zu trösten. Jedes Leben sollte einen Sinn, zumindest aber einen Zweck erfüllen, meinte er. Und seines tat dies scheinbar nicht. Denn welchen anderen Lebenssinn, als den, gefressen zu werden, kann ein Steak schon haben? Naja, bald schon würde sein Leiden vorüber sein, die Grillmeister würden ihn beim Grillsäubern wohl von seinem Leiden erlösen und auf den Kompost werfen, wo er dann seinem Leben als fruchtbarer Humus doch noch einen Sinn geben könnte.
    Aber mal wieder kam es anders, als Gerd gedacht hatte.Die Sonne hatte ihren Dienst schon wieder fast angetreten, der Tau auf dem Rasen trocknete allmählich, die Vögel stimmten ihre ersten Lieder noch etwas verhalten an, als plötzlich ein Geier am Himmel auftauchte und seine Kreise zog. „Guck mal da!!!“ rief die Grashalmgöre Gitte „Ein Geier im Ruhrgebiet!“
    Da wurde Gerd hellhörig, er schaute zum Himmel. Dann sah er ihn auch. Einen großen schwarzen Geier, der gezeichnet von seiner langen Reise etwas erschöpft seine Flügel ausbreitete und durch das Morgenrot schwebte. Gerd rieb sich verwundert die Augen. War der schöne Geier extra wegen ihm gekommen? Nur um ihn zu fressen und von seinem Leid erlösen?
    Gerd wollte Gewissheit und rief dem Geier zu: „Dich schickt der Himmel!! Bist du gekommen um mich zu erlösen?“.
    „Nein, ich bin aus dem Duisburger Zoo ausgebrochen. Und eigentlich würde ich dich lieber fressen als dich zu erlösen. Ich will kein Erlöser sein, dann endet man nur am Kreuz.“
    „Ja, dann komm schon und friß mich. Ich bin zwar etwas zäh, aber ich bin gut gewürzt!“
    Da setzte der Geier zu einem beherzten Sturzflug an und setzte sich zu Gerd auf den Grill.
    „Ich bin Detlef, der einsame Geier.“
    „Ach, jetzt red nich so lange herum, mich interessierts nicht, wen ich satt mache. Friß mich einfach und halt die Klappe!“ wurde Gerd langsam ungeduldig. „Mir wäre jetzt eher nach einem guten Gespräch“, murmelte Detlef vor sich hin.
    „Mann, du bist doch n Aasfresser und kein depressives Menschenarschloch. Du lebst noch und du hast ein leckeres Steak vor dir liegen. Da macht man sich doch keine Gedanken übers Leben, sondern man frißt. Das ist deine verdammte Pflicht, deine verfickte Verantwortung der Welt gegenüber. Und meine Bestimmung ist es jetzt und hier gefressen zu werden. Also bringen wir´s hinter uns! Los!!!“. „Eigentlich sollt ich dich hier liegen und verrotten lassen, weil du so unhöflich bist“ , sagte Detlef, der für einen Geier ein sehr großes Verständnis von sozialer Gerechtigkeit zu haben schien, „aber die Sache mit der Verantwortung der Welt gegenüber hat mich überzeugt.“
    Detlef fraß Gerd, der aus dem Schnabel des Geiers noch den Katzen zuwinkte, die ihn gestern Nacht ausgelacht hatten.
    „Seht ihr?!? Ihr hattet recht, ich musste nur auf den Geier warten. Ihr wolltet mich ja nicht!“ Dann verschwand Gerd in Detlef´s Schlund. Jetzt wurmte es die Katzen doch sehr, Gerd nicht selbst gefressen zu haben und sie gingen hungrig zu ihren Frauchen und Herrchen um ihr whiskas-Frühstück einzufordern. Detlef hingegen war satt geworden und hatte sogar ein paar Probleme beim Start, aber er schaffte es und er flog non-stop durch bis zum Duisburger Zoo.
    Auf dem Flug musste er immer wieder an Gerd`s Worte denken: „Das ist deine verfickte Verantwortung der Welt gegenüber!“
    Zurück im Zoo, flog er in sein Gehege. Sein kleiner Ausflug blieb unbemerkt und es waren noch keine Besucher im Zoo. Von diesem Tag an wollte Detlef nicht mehr aus seinem Gehege ausbrechen, er gewöhnte sich an die Einsamkeit und erfüllte fortan seine Pflicht. Er fraß, schiß und flog. Denn das war ja schließlich seine verfickte Verantwortung der Welt gegenüber.
    Das alles ist nun schon etliche Jahre her, die Katzen im Ruhrgebiet erzählen sich aber noch heute von dem Geier der eines Morgens kam und das Steak erlöste. So entstehen nun mal Mythen und Legenden.
    Geändert von Berchner (18.10.2006 um 16:39 Uhr)
    "Ich leide an Versagensangst
    besonders, wenn ich dichte
    Die Angst, die machte mir bereits
    manch schönen Reim zuschanden"
    (Robert Gernhardt)

  2. #2
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    hey challenger,

    etwas verspätet aber besser als nie: vielen dank für deinen netten kommentar. Und mit den Katzen hast du wohl recht, aber die geschichte ist ja eh etwas realitätsfern, denke ich

    krefeld? ja, die stadt mag ich nicht so, aber vielleicht ist das ja ein guter grund, drüber zu schreiben. mal sehn.

    lieben gruß in die nachbarstadt,

    stephan
    "Ich leide an Versagensangst
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