1. #1
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    In den Feldern

    In den Feldern


    I. Am Morgen

    Sanfte Hügel recken sich
    und gähnen dem wachsenden Licht entgegen.
    Die Sonne – rot und fern – bestäubt den wogenden Mais
    mit Leben und Hasen bereiten sich auf die Hunde vor.
    In der Ferne das Knattern der ersten Traktoren,
    die ihren Morgengruß in die staubige Erde ziehen.
    Im Roggen nebenan ein Lachsfischer.


    II. Zu Mittag

    Die Äcker zerbrechen in dem glühenden Tag
    und furchtsam verstecken sich die Fische im Schilf
    des kleinen Baches, der dürstend seine Bahnen zieht
    zwischen Apfelbäumen und toten Mäusen.
    Der Sommer dauert ewig
    in diesen Stunden
    und alles
    ruht.


    III. Am Abend

    Sie kauen an Gerstehalmen und rauchen gestohlene Zigaretten.
    Sie schweigen in ihrer eigenen Sprache.
    Sie trinken hastig von den erkaltenden Schatten
    und vom schalen Bier
    und sie planen den nächsten Tag,
    an dem sie sich aufs Neue betäuben werden.
    Es gibt kein Entkommen aus den Feldern.


    IV. In der Nacht

    Der Mond rollt sich auf die Seite
    der Weizenfelder,
    und silbern glänzen die goldenen Ähren.
    Der Tag wird zur Nacht, die Nacht wird zu Schweigen,
    und nur das geckenhafte Lachen des verlorenen Knaben zerbirst in der Luft.
    Seufzend trinkt er die Stunden und wartet
    auf neue Tage
    oder Leben.

    Ein Lachsfischer im Roggen nebenan.
    Geändert von Roderich (19.10.2006 um 14:59 Uhr)
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


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  2. #2
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    stimmige sache, finde ich.
    ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich da noch einen sozial-agrarkritischen unterton mitgehört habe, oder ob der text die neuzeitliche bauernomantik besingt.
    jedenfalls ist in jeder strophe ein humoriger glanzpunkt festzustellen, der dem beschreibenden ton mit liebe zum detail guttut.
    in III die 2maligen zigaretten finde ich etwas merkwürdig. ausser das gedicht hiesse auch so tut es aber nicht.
    ich habe mir jedenfalls ein bild zusammengestellt, das mir sehr gefällt, und wo ich gerne selber etwas hand anlegen wollte!
    gruass lepi
    .
    .
    "Vielleicht fing ich an zu dichten, weil ich arm war und einer Nebenbeschäftigung bedurfte, damit ich mich reicher fühlte." ROBERT WALSER

  3. #3
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    Hallo Lepi,

    vielen lieben Dank für deinen Kommentar, der mich sehr gefreut hat.

    Zum Inhaltlichen: Habe vor kurzem eine Landschaft genossen, die ich zwar von meiner Jugendzeit kenne, die mir aber dennoch unvertraut und fremd geblieben ist - wodurch mich selbst die banalsten Bilder fasziniert haben. Diese "vertraute Fremdheit" habe ich versucht, in Worte zu fassen. Einen sozialkritischen Ton hast du aber zu Recht herausgelesen, wenngleich sich dieser nicht unbedingt auf die Agrarwirtschaft allein beschränkt. Ich müsste ziemlich weit ausholen, wenn ich dir das Ganze aufschlüsseln möchte, also lass ich es lieber. Ich belasse es bloß bei einem dankenden Nicken, dass du auch diesen Aspekt aus dem Gedicht herausgelesen hast.

    Ach ja, was die Doppelung der Zigaretten betrifft, so bin ich selbst auch nicht ganz glücklich darüber und wenn du einen stimmigen Vorschlag hättest, dann nehme ich diesen sehr dankbar an.

    Viele Grüße

    Thomas
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  4. #4
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    einfach streichen!?
    oder was machen die kerle sonst noch? ich kenne sie nicht

    und sie planen den nächsten Tag,
    an dem sie sich mit Bier (wieder) betäuben werden.
    Es gibt kein Entkommen aus den Feldern.

    jetzt hast du mir grad mut gemacht ev. auch ma mein erstes(!!!!!) ungereimtes ungemetrischtes gedicht zu schreiben. die skizze ist schon alt, ich wollte es immer noch verdichten, aber es gefällt mir auch so in freuier form.
    mal sehen...
    Geändert von leporello (19.10.2006 um 14:26 Uhr)
    .
    .
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  5. #5
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    Servus noch einmal,

    ja, ich denke, dass hier das Streichen wohl die beste Lösung ist. Ich hänge halt immer so an den Worten, aber wenn man mir einen Tritt in den Allerwertesten gibt, dann finde auch ich die Delete-Taste.

    Vielen Dank noch mal für deine Anregung und die Beschäftigung mit dem Gedicht.

    [edit]: Habe deinen Vorschlag leicht abgeändert, da mir das Bier sonst zu abrupt wiederholt wird.

    Viele Grüße

    Thomas
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  6. #6
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    Hallo Thomas,

    dieses dein Werk hätte ich unter "Natur..." nur unter dem Vorzeichen vermutet, als dass du den glühenden Sommer
    diesen Jahres beschreibst, als tagsüber das Leben fast ausgestorben war und Flora und Fauna
    nach Wasser dürsteten....

    Liest man da nicht auch die Ausweglosigkeit von Mensch und Natur, die dem allen nicht trotzen können und den
    Naturgewalten hilflos ausgeliefert sind, heraus?

    Nachdenkliche Grüße,
    Katzi
    Nickänderung: supikatzi wurde zu Chavali


    ~WÖRTERWUNDERTÜTE~

    Werkeverzeichnis (unvollständig - ruft nach Aktualisierung): Katzenspuren

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    auf alle meine Texte!

  7. #7
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    das 2fache bier stöhrt dich weniger? mich etwas
    es sind wohl so kleine flugzeug 2dl-dosen, da kann man schon 2 davon hinschreiben
    .
    .
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  8. #8
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    Hallo Katzi,

    vielen Dank für deinen nachdenklichen Kommentar, mit dem du schon in die richtige Kerbe schlägst. Mir ging es zwar weniger um die Naturgewalten, denen man ausgeliefert ist, sondern darum, wie eine bestimmte Landschaft die Menschen, die dort wohnen, prägen kann und zu einer Verwurzelung führt, der man nicht wirklich entkommen kann. Aber das ist nur ein Aspekt des Gedichtes - viel mehr ging es mir, wie ich weiter oben schon geschrieben habe - darum, eine ganz bestimmte Landschaft einzufangen, so wie ich sie selbst wahrgenommen habe und nicht so, wie sie von denjenigen, die dort wohnen, wahrgenommen wird.

    @ Lepi (da haben wir uns gerade überschnitten): Noch einmal geändert - passt es nun besser? Vielen Dank noch mal für deine Hilfe. Langsam, aber sicher sollte ich mich auf den richtigen Pfad hin hangeln.

    Viele Grüße

    Thomas
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  9. #9
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    finde ich gut so.
    man könnte noch etwas rumwinkeln...; d.h. es geht wirklich um die trostlosigkeit, und und das bier als droge? dass den leuten die gegend nicht so sehr gefällt, wie du sie uns darstellst? das erste bier klingt jetzt einfach sehr gemütlich nach feierabend, (die gestohlenen zigaretten geben zwar einen schmutzigen touch dazu). dann kommt der betäubende alkohol als ziemlicher hammerschlag. wenn man nun das bier oben etwas weniger lecker darstellt (ich mag sowieso keins) und dafür unten den alkohol weglässt? (die enter-taste spinnt grad, entschuldige) Sie trinken hastig von den erkaltenden Schatten und zuviel Bier
    und sie planen den nächsten Tag,
    an dem sie sich aufs Neue betäuben werden.
    Es gibt kein Entkommen aus den Feldern. so als idee und nörgelei g.l. scheissentertasteverdammtdummesau*hämmerhämmerhämmerfluch*
    .
    .
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  10. #10
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    Hallo Lepi,

    ich mag deine Ideen und Nörgeleien.

    Den Alkohol werde ich gerne weglassen, was das "zu viel Bier" betrifft, bin ich mir noch nicht sicher. Das klingt mir fast ein wenig banal und zudem habe ich gehofft, durch das hastige Trinken angedeutet haben, dass es sich hier eher um einen Verdrängungsmechanismus handelt als um ein gemütliches Beisammensitzen nach Feierabend.

    Wenn du aber schreibst, dass das Bier etwas weniger "lecker" dargestellt werden könnte, dann fällt mir dazu spontan "schales Bier" ein. Das ist vielleicht ein wenig extrem dargestellt, könnte aber die Stimmung gut transportieren. Ich probier's einfach mal aus. Bei Nichtgefallen gerne mit dem Hammer draufschlagen.

    Viele Grüße

    Thomas

    PS: Schöne Grüße auch an deine Entertaste - sie soll hier nicht so rumzicken!
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  11. #11
    Tessa Guest
    Lieber Thomas,

    ich konnte "in die Felder" sehen, zu jeder Tageszeit.
    Wundervolle Bilder, unglaublich gute Beschreibungen eines Lebens auf dem Land. Ein wenig Sozialkritik, doch nur in der Form, dass "niemand" aus seiner Haut kann und ein Landleben prägend ist.

    Ich bin sprachlos, dass kommt selten vor und weiß gar nicht, welche Strophe ich hervorheben sollte.
    Alle sind dir gelungen, als würdest du diese Bilder malen.

    Viell. eine Zeile,

    Der Mond rollt sich auf die Seite
    der Weizenfelder,
    ---einfach gelungen, obgleich ich jetzt hier jede Zeile zitieren könnte .

    Gern gelesen,
    ganz liebe Grüße, Tessa

  12. #12
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    Hallo Tessa,

    ich danke dir sehr herzlich für dein wunderschönes Lob - das lässt mich hüpfen und springen.

    Übrigens sehr interessant, dass du gerade den Mond, der sich auf die Seite der Weizenfelder rollt, hervorgehoben hast - mit dieser Zeile hat nämlich alles angefangen. Wieder mal typisch Dichtung a la Roderich: Plötzlich taucht ein Bild, eine Formulierung in Gedanken auf, die ich nicht zuordnen kann, die einfach so dasteht und darauf wartet, verwendet zu werden. Dann ein Blick aus dem Fenster und plötzlich formt sich zu dieser Zeile eine Strophe. Der Rest ist dann oftmals (wie auch hier) mühevolle Kleinstarbeit, alle anderen Zeilen wollen hart erarbeitet werden. Nur die eine - mit der alles angefangen hat - flutscht so richtig gut. Übrigens auch bezeichnend, dass ich am Schluss angefangen habe - das geht mir oft so. Danach kam die erste Strophe, dann eine längere Pause von etwa drei Wochen und vor einigen Tagen die Strophen 2 und 3. Wahrscheinlich auch deshalb die kleine Bastelstunde mit Lepi an Strophe 3 - im Gegensatz zu den anderen Strophen habe ich mir diese mühevoll erarbeitet und mir scheint sie immer noch ein klein wenig hinterher zu hinken. Aber das Gott sei Dank nicht allzu sehr, sondern in einem akzeptablen Rahmen.

    Viele Grüße

    Thomas
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  13. #13
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    In den Feldern

    Lieber Thomas,
    auch ich kann dein Gedicht nicht ungelobt lassen.
    Gesagt wurde fast alles, du hast einiges erklärt.

    Mir gefällt auch die Aufteilung in Tageszeiten - morgens das Gähnen, mittags die Glut und erst gen Abend tauchen die Knaben auf.
    Du beschreibst die Landschaft in schönen Bildern, die direkt beim Lesen auch im Kopf entstehen.
    Die Erzählweise ist die eines Betrachters, der sich einen Tag und eine Nacht für eben dieses Fläckchen Erde genommen hat.
    Imponierend auch die Ruhe im Gedicht.
    Liebe Grüße
    Dana
    Die Seele ist kein Wasser, dessen Tiefe gemessen werden kann. (ind. Sprichwort)

    - Ich bin umgezogen. Meine neue Zuhause-Seite ist in meinem Profil zu finden -

  14. #14
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    Hallo Dana,

    vielen lieben Dank für deinen netten Kommentar. Es freut mich sehr, wenn das Gedicht bei dir so gut angekommen ist.

    Liebe Grüße

    Thomas
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