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    Südliches Forentreffen

    Bericht vom Südlichen Forentreffen, 10./11. Oktober 2006
    Mit der Protokollführung wurde beauftragt: Miranda


    Vom 10. bis zum 11. Oktober fand an dem Schnittpunkt von 48° 09´ nördlicher Breite und 11° 35´ östlicher Länge das südliche Forentreffen statt.

    Von weit her waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer angereist, sie kamen aus Nordwesten und Südosten. Der Startschuss war für 15 Uhr geplant, doch alle, da sie die anderen keinesfalls warten lassen wollten, waren bereits eher da.

    Die unterschiedlichsten Charaktere waren anwesend, sowie Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Foren. Auch gebannte Mitglieder waren zugelassen und, wann immer sie sich einbringen wollten, sehr willkommen. Nicht eingeladen hingegen war die Moderation, hat die Erfahrung doch gelehrt, dass hierarchische Bezüge solchen Treffen eher abträglich sind.

    Die Haiku-Fraktion kam voll zu ihrem Recht und hatte ausführlich Gelegenheit, Form und Inhalte der reinen Haiku-Lehre in all ihren klaren kristallinen Strukturen vor einem Auditorium zu referieren, welches dieser in aller Welt beliebten und allzu vielseitig verwendeten Lyrikform relativ skeptisch, um nicht zu sagen ablehnend, der Kürze und strengen Form wenig zugeneigt, gegenüberstand.

    Die Vertreter der erotischen Gedichte waren nach sehr persönlichen Gesichtspunkten ausgewählt worden, wobei die literarischen Produktionen der Nicht-Anwesenden jedoch keinesfalls außer Acht gelassen, sondern in aller Form kommentiert und ihrer gerechten Beurteilung zugeführt wurden.

    Manche Anwesenden blieben von Kritik nicht verschont und wurden gleich zu Anfang auf das Belastende in ihren Formulierungen und Aussagen so nachdrücklich hingewiesen, dass sie sich außerstande sahen, weiterhin auf ihrer Wortwahl zu insistieren und diese bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit sogleich schleunigst entfernten, wodurch sie feststellen konnten, wie wenig aussagekräftig, wie unangemessen, ja geradezu betonklotzartig Wörter wirken können, denen andererseits in den Medien, namentlich in Filmen und moderneren Musikstücken, eine alles entscheidende Bedeutung zugewiesen wird.

    Gerade stellen wir fest, dass wir hier in den Strudel eines kleinen Exkurses geraten sind, verlassen diesen und fahren umgehend in unserer Berichterstattung fort.

    Überproportional vertreten war „Erzählungen, Kurzgeschichten und Märchen“, vor allem letzteres. Aus diesem Forum waren zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer gekommen. Neben den absolut durchschnittlich bis langweilig schreibenden, denen niemals eine Antwort zuteil wird und deren Anzahl von Hits die Zweistelligkeit nicht zu überschreiten vermag, begrüßten wir freudig einen in der Regel als gut bewerteten Proaisten des Forums, dessen Äußerungen im realen Diskurs gelegentlich zu heimlichem Vergnügen und erheiternder Überraschung führen können. Auch eine recht umstrittene Persönlichkeit, derart provozierend, dass man ihr sogar die Rechte entziehen musste, riskierte ihr Kommen, polarisierend, gelegentlich gehasst bis hin zu Äußerungen, die mit der ganzen Wucht ihrer Schwerkraft hart auf die Schreibenden zurückfallen mögen. Bedauerlicherweise musste er auf Grund der Zusammensetzung der Anwesenden dieses Mal weitestgehend auf Kritik verzichten, verzichtete jedoch seinerseits keineswegs auf die Ausübung dieser und wies mehrfach energisch auf die literarische Erzeugung von Langeweile hin, der sich Texte, die sich aus der Gefühlslage ihrer AutorInnen speisen und dieser ausgiebig widmen, niemals entziehen können, sondern geradezu prädestiniert dafür sind.

    Ein Autor autobiographisch geprägter Texte war ebenfalls anwesend, gestärkt hervorgegangen aus diversen Dialogen mit der Moderation, und last but not least soll die Gruppe der Kritiker nicht unerwähnt bleiben, fachlich kompetent, hart am Text orientiert, gerecht, unerschrocken, stets zu klaren Aussagen bereit, bis zur letzten Konsequenz auf Seiten der Wahrheit und alles dessen, was des Schutzes bedarf.


    Das Thema des Symposions lautete: „Literatur live – wie überschreite ich die magische Grenze und werde selbst Teil einer Fiktion“.

    Nach einigem Hin und Her, den Tagungsort betreffend, einigte man sich zur Einstimmung und leichteren Übung darauf, im ersten Feldversuch keinen Text, sondern ein Foto zu betreten. Das Bild steht für jedermann zugänglich im Internet; wer sich dafür interessiert, kann es leicht über die google-Bildersuche finden und anschauen. Den Hintergrund bilden eine Hand voll verschlungener weißer Kreise auf roten Grund, angeordnet über einem schneckenartigen Gebilde, von dem niemand so genau weiß, was es bedeuten soll. Darunter, im Bildmittelgrund, kommt ein Schmetterling mit ausgebreiteten Flügeln auf den Betrachter zu. Ein kleines Foto nur, ab und zu mal auf den Bildschirm geholt, und nun - wir mittendrin. Staunend stellten wir fest: wir sind tatsächlich Teil eines Bildes geworden.

    Trotz dieses anfänglichen Erfolges überstürzten wir nichts, sondern gingen in kleinen Schritten voran und einigten uns darauf, als nächstes in ein Sachbuch zu gehen. Die Wahl fiel auf ein italienisches Kochbuch. Wir öffneten es orakelhaft an einer beliebigen Stelle, und siehe da, es funktionierte abermals: wir wurden eingesogen, glitten durch die Spaghettisierung, ohne Schaden zu nehmen, und fanden uns mittendrin zwischen weichen, anschmiegsamen Zucchinistreifen, zart gesalzenen Kapern, ungehäuteten kleinen Tomaten, ließen uns durch Olivenöl und Limonensaft gleiten und begegneten schließlich karamellisierten Rosinen in herb-säuerlicher Crème. Auch dieser Versuch ein voller Erfolg. Ganz offensichtlich kann die Verwandlung in eine Buchgestalt bei entsprechender Disposition problemlos gelingen.
    q.e.d.

    Nachdem wir nun zweimal den Beweis angetreten hatten, dass die magische Grenze überschritten werden kann, wollten wir es nicht länger hinauszögern. Wir nahmen all unseren Mut zusammen und betraten die Seegraswiese. Ein Hinweisschild mit ein paar Zeilen, farbig akzentuiert, wies uns den Weg. Vor uns lag der Ort der erdachten Geschichten, der Sehnsüchte und Träume. Was mochte uns dort erwarten?

    Allerlei lustiges kleines Meeresgetier tummelte sich auf türkisgrünem Grund, vielfarbig bunt wie auf einer Kinderzeichnung. Neugierig gingen wir darauf zu, um es näher zu betrachten und zu sehen, ob es sich wohl streicheln ließe oder scheu davonschwimmen würde.

    Wir werden es niemals erfahren, denn genau in diesem Augenblick ließ der dänische Magier seine Buchseiten rauschen, und unaufhaltsam zog es uns hinein, immer weiter hinein, und wir rutschten zwischen die Seiten unseres Lieblingskinderbuches mit den geheimnisvoll flüsternden Geschichten, die wir kaum verstanden, doch die wir immer wieder lesen wollten, abends im Bett, das Bild der Hexe so sehr fürchtend, dass wir nur mit angehaltenem Atem und klopfendem Herzen weiterzublättern wagten. Und nun – wir mittendrin.

    Es wurde eine unruhige Nacht.

    Alles, was wir noch aus der realen Welt bei uns trugen, ließen wir auf der Schwelle zurück und betraten irreversibel den fiktionalen Raum. Verwundert und erstaunt, zögernd eintretend, begreifend und gänzlich verzaubert fanden wir ihn bis zum Rand mit riesigen Seifenblasen in allen Spektralfarben des gebrochenen Lichts gefüllt: rot, orange, gelb, grün und blau. Wie von Zauberhand fügten sich unsere Beine zu einem Fischschwanz zusammen, silbrig schillernd, schlank und biegsam, und als kleine Meerjungfrau ritten wir auf den Seifenblasen, leichter als Luft, ließen uns tragen vom Atem des Walfischs, der uns hielt und wärmte und auf dem Regenbogen schweben ließ, uns dann sachte hineinsinken ließ in alle Regenbogenfarben, ein Märchen.

    Unaufhaltsam trieb uns die Meeresströmung hin zu dem großen Fisch, wir überließen uns ihr so gern. Mit zarten Händen streichelten wir ad infinitum das Fell des Fisches, und durch diese magische Berührung war nichts anderes mehr von Bedeutung, wir waren nur noch glücklich geborgen im Hier und Jetzt, alle Fragen ausgelöscht, der Augenblick ist Ewigkeit.

    In jeder der schillernden fragilen Lichtkugeln war ein Wunsch versteckt, unerfüllte Wünsche eines kleinen Mädchens, und der Fisch erfüllte sie alle. Nicht buttje, buttje in de see, nein, da waren keine Wünsche nach Reichtum noch Palast, und keiner der Wünsche ging über den Augenblick hinaus. Der Mondstein, der über uns wachte, leuchtete blau, so blau.

    Ging unser Blick in die Ferne, so sahen wir leicht verschwommen einige fast unwirklich erscheinende dunklere Flecken auf hellerem Grund. Wir schauten genauer hin und trauten unseren Augen kaum: ganz unzweifelhaft lag dort tatsächlich der Strand jenes sagenumwobenen Magnetberges, der einst die Nägel aus den Schiffen zog und diese so dem sicheren Untergang weihte in tobender See, der gleichzeitig der Strand ist jener Trauminsel, nur ein einziges Mal gesehen und niemals vergessen, wo einst die schöne Paulina ihren nackten weißen Leib in den kristallklaren, fast magisch türkisgrün anmutenden transparenten Meeresfluten einer verschwiegenen Bucht badete, Schwester eines Kaisers und doch nur das, was wir alle sind, die wir etwas geworden sind in den Augen der Welt, das, was wir wirklich sein wollen: ein Mädchen.

    Doch da raschelten schon wieder die Seiten, das Bild verwandelte sich, und wir waren die Prinzessin auf der Erbse, der großen gelben Erbse, der riesigen roten Erbse, oder war es doch die blaue? Sie waren weich und nachgiebig, sie verletzten die Prinzessin nicht, doch ließen sich später bei genauerer Betrachtung ein paar winzige blaue Flecke nicht wegleugnen. Ob sie von den Erbsen kamen?

    Doch auch die Erbsen blieben nicht von Dauer, sondern fielen bald einem entschlossenen Vegetarier zum Opfer, wurden verzehrt und waren fort. Der märchenhafte Ort löste sich von uns, und wir sanken zurück in die reale Welt. Die Landung war langsam und behutsam.

    Zum Ausklang wartete noch ein Liederbuch auf uns. Spielerisch sprangen und hüpften wir über die Noten, rasch über die Achtel, auf den Vierteln etwa doppelt so lang verweilend, ruhten dann wieder ein wenig auf den weichen runden halben Noten, an ihre schlanken Hälse gelehnt. Auf diese Weise ließen wir den Winter vergehen, begegneten häufig dem Frühling, trafen dort einen Bären und begleiteten ihn bis zu seinem frühen und gewaltsamen Tod, doch das ist eine andere Geschichte und wird ein andermal erzählt werden in Worten, Bildern und Musik. Wollt ihr sie hören?

    In dem Liederbuch lebten auch zwei Königskinder, die nicht zusammen kommen konnten, denn das Wasser war viel zu tief; ein Lied so traurig, weil es nichts weiß von dem leisen, stillen, springquellklaren Glück im Herzen einer Prinzessin, das gefunden werden muss, da es geheimnisvoll verborgen liegt in den weichen Nebelbänken, die sich sammeln in der Senke jener Grauzone zwischen dem immer und dem niemals, dem nein und dem ja, dem fortgehen und dem wiederkommen und dem immer da sein, im Herzen.


    Nach Beendigung des Symposions begab sich etwa die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einen nahe gelegenen Markt, noch ganz dem Nachklang der vorangegangenen Eindrücke hingegeben, während der andere Teil seine gewohnten Beschäftigungen wieder aufnahm. Das südliche Forentreffen war beendet.


    Zurück blieb ein feiner leiser Duft, der sich unbemerkt von der einen auf die andere Haut gestohlen hatte bei einer letzten Umarmung, ein paar Moleküle nur, die sich in der Sonnenwärme kurz intensivierten, sorgsam eingesogen, damit keines von ihnen verloren gehen möge, und fort

    Und ein Mädchen, einen gelben Luftballon im Arm, allein in einem großen fremden Bett.

  2. #2
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    Hallo Miranda,

    du hast dich also mit dem verbannten Zackenbarsch getroffen? Grüße ihn doch bitte von mir und sag ihm, dass er in der Prosaecke fehlt. Das meine ich jetzt durchaus ernst.

    Viele Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  3. #3
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    Richte ich gerne aus. Danke, Thomas, für deine freundlichen Worte. Schade, dass sie ihn nicht zurückbringen können.

    Er fehlt mir auch. So sehr.

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