1. #1
    Registriert seit
    Oct 2006
    Ort
    Mainz
    Beiträge
    118

    Exclamation Fahrstuhlmusik Teil 1

    Ich komponiere Fahrstuhlmusik. Nebenbei betreibe ich eine Videothek. Nicht dass ich das nötig hätte, im Gegenteil, ihr würdet nicht glauben wie viel Geld man mit Fahrstuhlmusik verdienen kann, weshalb ich es auch besser für mich behalte, aber ich bin ein großer Liebhaber von bewegten Bildern, weswegen es mir im Grunde genommen auch völlig gleich ist welche Art von Film ich mir gerade anschaue.
    Ich fließe dahin bei Liebesfilmen, werde verrückt vor Blutsucht bei Actionfilmen, schlafe nächtelang nur mit Licht nachdem ich eine Nacht damit verbracht habe, mir ein Horror Gemetzel nach dem anderen reinzuziehen und bin auf der Stelle geil bei Pornos.
    Doch was vor allem anderen immer wieder mein vollstes Interesse erweckt, sind die verschiedenen, skurrilen, stereotypen Kunden die jeden Tag meine Videothek betreten. Da wäre beispielsweise der einsame Junggeselle, nicht gerade mit einem gesunden Selbstbewusstsein gesegnet, dafür aber mit roter Lockenmähne, Hornbrille und einem nicht zu übersehenden Bauchansatz ,der, so vermute ich, eine Koproduktion von Frust und Vergessen ist, welcher schuldbewusst durch die Tür mit der Aufschrift “Ab 18" schlüpft und zehn Minuten später mit drei Videomarken zurückkommt, sich ängstlich umblickt ob ihn auch niemand bei seinem schmutzigen Treiben beobachtet hat und dann langsam zu mir an die Theke tappt, Blickkontakt möglichst vermeidet, mir die Marken zusteckt und wartet bis ich kurz darauf mit seinen beiden Schmuddelfilmen und seiner Dokumentation über die Jagdgewohnheiten des bengalischen Tigers zurückkomme, die mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit zurückgespult in die Videothek zurückkehren wird, denn er wird sie sich nicht angeschaut haben.
    Auch der Familienvater ist zu nennen, der meist am Freitag Nachmittag mit seinen Kindern in meine Videothek gleitet und einen leichten Hauch von Familienidyll hinterlässt, während sich seine Kinder einen Zeichentrickfilm und ein Videospiel, beides natürlich gewaltfrei, und er für die Zeit nachdem seine Kinder im Bett und seine Frau auf seiner Brust liegt, eine Romanze ausleiht, und eben so schnell wie sie gekommen ist, verschwindet diese Bilderbuchfamilie auch wieder, einzig ihr Duft haftet noch eine Weile in meinen Räumen, und so mancher Kunde zieht ihn leicht in die Nase ein um auch einmal zu spüren wie es ist eine Familie zu haben.
    Es gibt noch einige wunderliche Gestalten die es ebenso wert sind genannt zu werden, wie den Actionfreak, der “Lethal Weapon” 1-4 ausleiht, sowie “Stirb langsam” und “stirb langsam-jetzt erst recht” , und dem man den Wahnsinn der ihn bei diesem Actionmarathon ereilen wird bereits im Voraus ansieht., dann der alternde Geschichtslehrer, der es als letzten Lösungsversuch des Rätsels der Desinteresse seiner Schüler mit dem Einsatz von modernen Medien versucht, der früher oder später jedoch ohnehin resignierend abwinken wird und meinen wohl unangenehmsten Kunden, den deutschen Kriegsveteranen, dem seine Haut in Lappen am Kinn hängt und der mit seinen Altersflecken wie eine überreife Banane wirkt, welcher sich “Steiner” ausleiht, in alten Erinnerungen schwelgend und der mich mit so durchdringendem Blick ansieht, dass ich glaube er riecht meine polnischen Wurzeln schon auf hundert Meter Entfernung. Doch lassen wir das, hier soll es um wichtigere Dinge gehen, wichtiger deshalb weil sie mich betreffen.
    Johnnys in the basement
    mixing up the medicine
    I´m on the pavement
    thinking about the government


    -Bob Dylan-

  2. #2
    Registriert seit
    Oct 2006
    Ort
    Mainz
    Beiträge
    118
    Das ist also sozusagen der Prolog zu dieser Kurzgeschichte, der Rest folgt häppchenweise innerhalb der nächsten Tage.
    Johnnys in the basement
    mixing up the medicine
    I´m on the pavement
    thinking about the government


    -Bob Dylan-

  3. #3
    Registriert seit
    Jul 2006
    Beiträge
    867
    Hallo Jad,

    interessanter Einstieg. Die Kombination Fahrstuhlmusikkomponist und Videothekar macht neugierig. Dazu trägt auch dein angenehmer Schreibstil bei. Gegen Ende hatte ich Angst, dass du dich in Details verzettelst, aber du hast die Kurve noch bekommen und die nötige Spannung geschaffen, die mich ungeduldig auf die Fortsetzung warten lässt. Mal sehen, ob du hältst, was dein Prolog verspricht.

    Gruß VC
    Das System sagt, ich will das, aber ich will das nicht.
    Peter Arbeitsloser

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Ein Teil
    Von küsschen im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 08.07.2008, 18:17
  2. Fahrstuhlmusik Teil 4
    Von jad im Forum Archiv
    Antworten: 11
    Letzter Beitrag: 02.11.2006, 19:28
  3. Fahrstuhlmusik Teil 3
    Von jad im Forum Archiv
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 25.10.2006, 15:19
  4. Fahrstuhlmusik Teil 2
    Von jad im Forum Archiv
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 23.10.2006, 21:45
  5. Da ist er! (Teil I)
    Von Ca.T-Lyrics&Photos im Forum Archiv
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 07.01.2006, 17:40

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden