1. #1
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    Exclamation Fahrstuhlmusik Teil 2

    Ich war an diesem Tag, es war ein Mittwoch, bisher mein einziger Kunde gewesen und hatte mir bereits zwei Filme angesehen. Einen hatte ich gerade erst geliefert bekommen, und er behandelte die Geschichte eines Bankräubers, der, nach erfolgreich beendetem Raub die Liebe seines Lebens trifft, eine hübsche, junge Blondine, ich schätze aus Skandinavien, die ihm kurz vor seiner Verhaftung zur Flucht nach Mexiko verhilft, wo sie sich eine neue Existenz aufbauen und eine Familie gründen. Kurzweilig. Nett.
    Der zweite war ein ostasiatischer Martial-Arts Film den mir ein Freund ans Herz gelegt hatte, leider in der Originalfassung, unglücklicherweise ohne Untertitel. Ich glaube der Held hieß Chao, bin mir aber alles andere als sicher. Ich verstand die Handlung jedoch trotz der sprachlichen Barriere recht gut, Gewalt ist universell.
    Kingsley war geblieben, obwohl wir bis jetzt keine Kundschaft zu verbuchen gehabt hatten. Er wusste dass ich etwas Gesellschaft brauchte. Während ich die sich immer schneller vermehrende Schimmelfläche an meiner Bürodecke beobachtete und mir zum x-ten mal vornahm etwas dagegen zu unternehmen, schaute Kingsley, entspannt in meinem Sessel zurückgelehnt mit einer Tüte Chips und einem Bier, hinter der Theke zum dritten Mal in dieser Woche, (ich zählte: Montag, Dienstag, Mittwoch), Gandhi, mit Ben Kingsley, der auch sein Namengeber war, aufgrund der heavy rotation auf der dieser Film allwöchentlich lief.
    Es war 22 Uhr, Ladenschluss. Ich hatte den ernüchternden Inhalt der Kasse abgerechnet, Kingsley nach Hause geschickt und festgestellt dass zwei Videos sowie ein Computerspiel seit einer Woche überfällig waren. Ich fühlte mich klein. Ich fühlte mich am Boden, auch die allerletzen Kraftressourcen erschöpft. Gregor Samsa kann sich nicht schlechter gefühlt haben, in Käfergestalt und mit einem Apfel im Rücken.
    “Hey, sie da!”.
    Worte durchschnitte den Schleier meines Selbstmitleids und ich drehte mich zur Tür um. Ein Gesicht, oder vielmehr ein Gemälde eines Gesichts, strahlte mich mit dem lieblichsten Lächeln dass ich je gesehen hatte an, und zeigte dabei seine weißen Zahnreihen mit einer kleinen Zahnlücke zwischen den beiden oberen Schneidezähnen. Das Haar, pechschwarz und schulterlang, lag aufgrund des immer noch starken Regens klatschnass auf ihrem Gesicht und verhüllte so ihr rechtes Auge.
    “Was ist, wollen sie mich jetzt reinlassen oder nicht?”

    “Sie heißt Lene. Kommt aus Wiesbaden. Ist zu Besuch bei ihrer Großmutter.”
    “Wie sieht sie aus?”, fragte Kingsley nur mit einem Ohr hinhörend und stopfte sich eine handvoll Erdnussflips in den Mund.
    “Toll, sie sieht einfach großartig aus. Sie kommt ursprünglich aus Uruguay, das heißt ihr Vater ist von da. Sie hat in Montevideo gelebt bis sie drei war. Wir haben uns wirklich toll unterhalten .”
    “Spricht sie spanisch?” Ich hatte jetzt sein volles Interesse. Kingsley war für einen Fernsehsüchtigen sehr wissbegierig und ließ keine Gelegenheit aus, etwas dazu zu lernen.
    “Das kann ich dir nicht sagen Kingsley, aber ich werd sie heut Abend mal für dich fragen.”
    “Nett von dir. Ach ja, diesmal will ich ́n Foto.”
    Er drückte mir seine Erdnussflips in die Hand und verschwand auf die Kundentoilette. Er ließ mich allein. Wunderbar. Ich war nervös, sehr nervös und das bekam die Tüte Erdnussflips zu spüren, die ihr Unbehagen mit lautem Rascheln und Knacken mitteilte..
    Seit nunmehr zehn Jahren hatte ich so etwas nicht mehr machen müssen, hatte zehn Jahre lang kein Date mehr gehabt und das merkte ich. Sämtliche Horrorszenarien die sich während des Dates verwirklichen könnten kamen mir unverhofft in den Sinn und ich wünschte mir fast sie würde im letzten Moment absagen. Doch wenn sie, was wahrscheinlich war, nicht absagen sollte, wieso sollte ich die Sache nicht selbst in die Hand nehmen? Nein, ich war einfach noch nicht soweit, ich spürte es noch zu stark...
    Mein linkes Ohr begann zu pochen und wurde schließlich unerträglich heiß hinter meinem halblangen Haar. Ich nahm eine Cola aus dem Kühlschrank und presste sie gegen das Ohr. Doch wie sollte ich es ihr beibringen?
    ,,Hey Lene, ich bińs, Serge, du weißt schon, der Kerl aus der Videothek. Du, hör mal, aus unserem Essen heute wird wohl nichts, meine Mutter ist krank geworden (immer hielt ich einen meiner Angehörigen vor) Keine Sorge, das wird schon wieder, aber es ist wohl trotzdem besser wenn sie ihren Sohn an ihrer Seite weiß und außerdem würde ich mich einfach nicht wohl dabei fühlen wenn ich sie zu Hause liegen liesse während ich mich amüsiere. Ich hoffe du bist mir nicht böse, aber du musst verstehen, es ist ein Notfall.”
    Ja, so würde es wahrscheinlich funktionieren. Jetzt musste nur noch das Zittern in der Stimme verschwinden, und schon...
    In diesem Moment platzte die Chipstüte, und eine Armee von Erdnussflips ergoss sich über meine Füße. Kingsley kam aus der Kundentoilette.
    ,,Kann man noch essen.”, entschied er nach einem kurzen, prüfenden Blick und genehmigte sich eine Handvoll Erdnussflips.
    Ich holte den Staubsauger.
    Geändert von jad (21.10.2006 um 11:17 Uhr)
    Johnnys in the basement
    mixing up the medicine
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  2. #2
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    Da wo du nich bist =)
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    Ich warte auf eine Fortsetzung !!
    Du hast das ganze richtig interessant geschrieben, und teilweise sehr Humorvoll.
    Da regt es mich an.. weiterlesen zu wollen !!

    übrigens... mit dem 2.Teil verwirrt mich der Titel ziemlich! "Fahrstuhlmusik" ... deine Geschichte hat damit nicht allzu viel zu tun... oder kommt das noch?

    ,,Kann man noch essen.”, entschied er nach einem kurzen, prüfenden Blick und genehmigte sich eine Handvoll Erdnussflips.
    meine lieblingsstelle

    MEHR MEHR MEHR MEHR MEHR
    Wie viel Blut muss vergossen werden, um die Wolken rot zu färben?

  3. #3
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    Hi das Daihatschi!
    Freut mich, dass dir Fahrstuhlmusik gefällt, und keine Sorge, der Sinn des Titels wird sich dir noch erschliessen!
    Der dritte Teil kommt sofort...!
    Johnnys in the basement
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