Und wenn der Morgen niemals endet...

Die Müdigkeit beschwerte seine Lider. Ein...zweimal zwinkern und er gewöhnte sich an die warme Helligkeit, die das kleine Zimmer überflutete und die eigentlich weißen Wände orangerot malerte. Er sog die Luft durch die Nase in seine Lungen. Ein kandierter unschuldiger Duft, ganz leicht. Er sah sich um; seine blauen Augen wanderten von der Zimmerdecke über die kahlen Wände und zu der Person neben ihm. Wie Elfenbein war ihre Haut, das Gesicht so zart wie das einer Marmor-Madonna. Als hätte ein Künstler mit größter Sorgfalt und Hingabe ihre Züge in Stein gemeißelt. Sie schlief auf dem Rücken, ihr entblößter Busen hob und senkte sich gleichmäßig und mit jedem Atemzug. Den Kopf hatte sie auf ihre Schulter gestützt und sie hatte die linke Hand an die Wange geführt. Wie ein Engel, der ohne Sünde ist, lag sie da. So friedlich. So zerbrechlich wie kristallenes Glas. Er wollte sich räuspern, hatte aber Angst sie zu wecken, seine Erlöserin.
Ohne Hast und mit größter Vorsicht richtete er sich auf, die leichte Leinendecke glitt dabei von seinem Oberkörper in seinen Schoß und seine Augen ruhten unbeweglich auf ihr. Noch einmal atmete er ihren süßen Unschuldsduft. Jetzt erst bemerkte er die kleinen Schweißtropfen auf ihrer Stirn und ihrer Brust, die ihre Haut wie von Perlenschmuck bedeckt schimmern ließen. Seine Mundwinkel formten ein sanftes Lächeln und er war versucht seine Hand nach der ihm naheliegenden Schönheit auszustrecken, doch er besann sich. Er wollte sie keinesfalls wecken und stattdessen betrachtete er sie weiter. Ihr goldbraunes Haar umrahmte ihr makelloses Gesicht und umspielte ihre schmalen Schultern. Ein metallener Schmetterling, verziert mit türkisen Opalen, die das Licht der aufgehenden Sonne wiederspiegelten, zierte diese feine und dichte Lockenpracht. Ein Windzug hauchte durch das Fenster und trieb ihr eine Strähne ins Gesicht und kitzelte sie wach. Ihre langen schwarzen Wimpern erhoben sich mit ihren Lidern und gaben den Blick auf die strahlend grünen Augen frei, die irritiert und benommen nach oben sahen.
"Guten Morgen." Seine tiefe Stimme erklang ruhig und sanft in ihren Ohren, sodass sie genießerisch die Augen wieder schloss. Nun wagte er sie zu berühren. Mit seinen Fingern strich er zärtlich über ihre Schlüsselbeine. So weich. So weich wie ein Rosenblütenblatt im Frühling und so warm wie ein lauer Sommermorgen.
"Warum bist du schon auf?", flüsterte sie kaum hörbar und drehte den Kopf in seine Richtung.
"Die Sonne steht bereits am Himmel. Die Helligkeit hat mich geweckt."
"Oh diese grausame Sonne, sie bricht die Harmonie der dunklen Nacht und erhellt alles so, dass es seine Geheimnisse preisgibt.", sagte sie.
"Hätte ich gewusst, dass die Nacht so sehr liebst, hätte ich die Fenster verdunkelt."
"Schon gut, ein Tag dauert nicht ewig und die Dunkelheit kehrt zurück und alles ist wieder still und friedlich."
"Ist es denn nicht jetzt auch still und friedlich?", fragte er und küsste ihre Wange.
"Nein.", sagte sie entschieden. "Hörst du es nicht? Es ist laut, es ist grell und unfreundlich und alles regt sich und ist hektisch und kreischt und schreit. Meine Ohren schmerzen von dem Lärm und meine Augen tränen von der Farbigkeit."
"Ein Wesen der Finsternis bist du, das weiß ich, denn nur die Nacht enthüllt deine wahre Lieblichkeit, die mich betäubt und betört und verrückt macht.“ Er machte eine kurze Pause. Hast du deshalb gestern zur Dämmerung am Fluss gesessen?"
Sie sah ihn an und ein Schauer durchzuckte all seine Muskeln im Rücken und in den Beinen. Auch wenn er gerade gesagt hatte, dass sie nur in der Dunkelheit ihre wahre Schönheit erlangte, gelang es auch dem Licht sie von einem Glanz zu umgeben, den ihr sonst die Sterne verliehen.
"Ich habe gebadet. Deswegen war ich auch nackt"
Er erinnerte sich an den Moment, als er hinter den Bäumen auf die Lichtung kam. Sie saß dort im klaren glitzernden Wasser, die Brust und die angewinkelten Beine ragten aus dem Nass und ihr Gesicht war dem Mond zugewandt, dessen Licht dem Grün ihrer Augen einen ungewöhnlich hellen Farbton beimischte. Er hatte die schützenden Bäume verlassen und kam auf sie zu. Lange schon hatte sich ihn bemerkt und beobachtet, seine Schritte waren zu laut und seine Bewegungen zu hastig, als dass sie ihn nicht bemerkt hätte. Dabei hatte er gedacht, er bewege sich lautlos über den weichen Waldboden. Er hielt jäh an als sie plötzlich aufgestanden war, ihre langen Haare umwehten ihren nur von Wassertropfen bekleideten Körper. Sie war dann aus dem Wasser gestiegen und ging leichtfüßig auf ihn zu. Er war unfähig sich zu rühren.
Sie stand vor ihm, ganz nah. Er konnte ihren kalten Atem an seinem Hals spüren und bemerkte wie ihre Hände über seinen Rücken glitten. Ihre Lippen waren so weich und zart, dass er fast Angst hatte sie zu berühren. Ihr nasser Busen drückte gegen seine Brust während sie ihn küsste. Das Herz klopfte so schnell, so schnell. Sein Herz...ihres konnte er trotz der Nähre nicht spüren.
In der Hütte dann hatte sie ihn ausgezogen, schnell aber mit bedachten und sicheren Bewegungen. Er hätte am liebsten die Augen geschlossen, aber er konnte nicht. Ihre Schönheit zwang seine Augen geöffnet zu bleiben und sie zu betrachten, ihr Bild in sich aufzunehmen, sie mit Blicken zu verschlingen.
Er hatte das Gefühl, dass sich die Welt und alle Bilder und Töne um ihn auflösten. Wärme durchströmte ihn. Es hätte nie enden können. Sie hätte nie aufhören brauchen, ihn niemals mehr loslassen müssen. Nie. Noch nie hatte eine Frau ihn so in Ekstase gebracht, fast zur Besinnungslosigkeit und bis zur totalen Erschöpfung. Und dann fragte er sich, ob sie überhaupt eine Frau war, ob sie irdisch war, nur eine Illusion oder Wirklichkeit...
Und nun am Tage fiel es ihm auf, als das Licht Geheimnisse preisgab. Er wusste nicht wieso oder weshalb und eigentlich war es egal, aber irgendwas an ihr war in der Tat nicht irdisch.
"Was hast du?", fragte sie und lächelte ihn an.
Er konnte nichts sagen und seine Augen blieben starr auf sie gerichtet, er versuchte herauszufinden, was so befremdlich an ihr war..
"Ja, seltsam, nicht?" Ein Nicken seinerseits, ein kurzes Auflachen ihrerseits. Hatte er denn in der Nacht nicht bemerkt, wie anders sie war? War er so naiv zu glauben, eine normal Sterbliche wäre wie sie?
Sie schloss ihn in ihre Arme und er lies sich fallen, hörte auf zu denken. Er akzeptierte diese unnatürliche Besonderheit seiner Erlöserin und tat sie vielleicht sogar als Einbildung ab.
Sie duftete so unschuldig und süß, er wollte ihr nah sein.
Der letzte Kuss war der süßeste, der absoluteste, der vollkommenste. Das rote Blut in seinem Körper pulsierte energisch und strömte hastig durch seine Adern. So weich...
Und sein Kopf wurde schwer und sein Körper leicht und die letzten Schläge seines Herzens waren langsam und friedlich.
Als die Sonne unterging, stieg sie wieder in den Fluss...