Thema: Bahnsteig 1

  1. #1
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    Bahnsteig 1

    „Klapp, klapp, klapp, klapp, klapp....“, mit schnellen Schritten ließ Markus die Stufen und das dämmrige Abendlicht hinter sich und eilte in die Stille des Bahnsteiges. Erschöpft vom harten Arbeitstag, aber voller Vorfreude auf ein warmes Bad und ein warmes Abendessen, schritt er voran und konnte es gar nicht abwarten endlich zu Hause zu sein. Seine Mutter sollte einen Preis verliehen bekommen, für die Menüs die sie täglich zusammenstellte, dachte er und ließ sich auf die alte Holzbank fallen, deren Lack allmählich aber sicher komplett abblätterte.
    „ACH, Scheiße verdammt...“ motzte er leise vor sich hin, als ihn ein Holzsplitter in den Mittelfinger stach. Rasch zog er ihn heraus und versuchte die Blutende Wunde auszusaugen, damit nichts von dem alten Holz stecken blieb und sich der Finger womöglich noch entzündete. Ein leises Kichern aus einiger Entfernung ließ ihn aufblicken.

    Als er die Quelle des "kleinen Lachens", wie seine Ma immer sagte, erblickte, traute er seinen Augen kaum. „Wunderschön“ dachte er so oft und schnell nacheinander, das er gar nicht mitbekam, als er es laut aussprach. Diesmal lachte sie richtig, immer noch leise, aber sie lachte. Und ihr Lachen entfachte in Markus eine Wärme, wie er sie lange nicht gespürt hatte.
    Mit einer Hand versuchte sie ihr Grinsen zu verbergen und schaute verlegen auf den Boden.
    Ab und zu hob sie ihren Kopf und ihre dunklen Augen reflektierten das flackernde Licht direkt über ihm und schienen den ganzen Bahnsteig zu überstrahlen. Ihr langes dunkles Haar hatte sie zu einem Zopf gebunden und sich über die Schulter gelegt. Nur einige wenige Strähnen hingen ihr ins Gesicht und ließen sie ein wenig geheimnisvoll wirken.

    Erst jetzt, durch die Anwesenheit ihrer Schönheit, bemerkte Markus wie heruntergekommen und düster der kleine Vorortsbahnhof war. Nur dunkle und triste Farben, wohin er schaute. Hier und da flackerten noch andere Lampen und die Elektronischen Anzeigen ratterten hier und da völlig ohne Sinn und Verstand rauf und runter. Sogar der Himmel hatte sich mittlerweile angepasst und ein leiser Nieselregen fiel, aus schwarzen Wolken, leise auf das in den Jahren marode gewordene Holzdach. Als er seinen Blick wieder dem Objekt seiner Begierde widmete, lächelte er unwillkürlich, als sich ihre Blicke kreuzten und ein ganzer Schwarm von Schmetterlingen seinen Bauch malträtierte. Mein Gott, hoffentlich hat der Zug Verspätung. „Los, geh rüber man, geh und frag sie nach ihrem Namen, wo sie herkommt, oder ihre Nummer, aber GOTTVERDAMMT NOCH EINS GEH ZU IHR!“ dachte er sich, als er sein Glück nicht fassen konnte. Hatte sie ihn wirklich herüber gewunken? Mit Sicherheit nicht, doch sie tat es schon wieder. Mit einem kurzen Blick auf die Uhr vergewisserte er sich, das er noch ein wenig Zeit hatte, bis sein Zug fuhr und wollte sich grad zur Unterführung wenden, als ihn ein schleifendes metallenes Klopfen zurückschrecken ließ.

    Klonk, Klonk, Klonk, Klonk, Klonk. Je öfter es ertöhnte desto lauter und unheimlicher wurde es.
    „Was zur Hölle...?“, dachte er und blickte mit fragendem Blick zu seiner neuen Bahnhofsbekanntschaft herüber. KLONK KLONK, wieder lauter, es kommt von unten, dachte er, es kommt aus der Treppe zur Unterführung. Als er auf die gegenüberliegende Seite blickte weiteten sich seine Augen vor Schreck. Ein gurgelndes Geräusch, ließ ihm alle Haare zu Berge stehen. Dann sah er die dunklen verklebten Haare zwischen den Gitterstäben, und sein Herz zertrümmerte beinahe seinen Brustkorb als er hinter den Fransen, denn Haare konnte man das wirklich nicht mehr nennen ein leuchtend rotes Augenpaar entdeckte, welches ihm direkt ins Hirn zu starren und seine Gedanken zu lesen schien. Beinahe teilnahmslos drehte sich die finstere Gestalt wieder weg und machte sich auf den Weg den Bahnsteig vollends zu erklimmen. Mit jeder Treppenstufe erklang das nun dumpf dröhnende Schleifen, gefolgt mit einem regelmäßigem KLONK. „Nicht gut, gar nicht gut, BULLSHIT, ABSOLUTER SCHEISS!“ schrie er in sich hinein als der Mann aus dem Dunkel des Treppenschachtes entstieg und Markus das Blut aus seinen Mundwinkeln strömen sah.

    Ein tiefroter zäher Fluss, vom Kinn, über die Schultern, den Arm, der seltsam träge im Gelenk verankert schien, und dann in kleinen Bächen den dicken hölzernen Stiel des Vorschlaghammers herab, welcher eine feine Blutspur hinter sich her zog, floss leise klagend abwärts. „SCHRRRRRRRIIRIIRIRIRIIRRRRRIIIIIIEEEE“, kreischend zog der träge Arm mit dem zerfetztem Hemd und der seltsam lächerlich wirkenden Grellorange leuchtenden Weste den Hammer über den Graubeton. Erstarrt vor Entsetzen erkannte Markus das Ziel des seltsamen Wesens, dessen linkes Knie plötzlich mit einem Grässlichen Knacken wegknickte, wodurch der Oberschenkelknochen mit der Spitze austrat und laut knallend auf den Beton aufschlug.

    Markus unterdrückte den Brechreiz und versuchte stattdessen zu schreinen. Doch kein Laut verließ seine Kehle. Die Lunge schnürte ihm die Luft ab und mit einem groteskem Lächeln, schüttelte der Hammermann, dennoch leicht verärgert wirkend den Kopf, stellte sein Spielzeug kurz ab und renkte sich das Bein mit einem kurzem, heftig krachendem Ruck wieder ein. An der Stelle wo der Knochen ausgetreten und aufgeschlagen war, markierte eine kleine rote Pfütze den exakten Punkt. Dann richtete er sich tief Luft gurgelnd auf und schwang seinen baumelnden Arm wieder um den Schwarz verkrusteten Griff.
    „LAUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUF“, endlich“LAUUUUUF“ schrie Markus und sein Hals brannte aufgrund der Lautstärke.

    Doch sie rührte sich nicht, verständnislos blickte sie umher und zuckte nur mit den Schultern bevor sie ihm den Vogel zeigte.
    Langsam drehte sich der Hammermann zu Markus und hob langsam den Zeigefinger vor den Mund ,,Sssshhhhhhhh, sie sieht mich nicht, wir wollen uns doch nicht den kleinen Spaß verderben, was Kleiner? grinste er diabolisch, dann hob er schwingend den Hammer und musste aufpassen nicht das Gleichgewicht zu verlieren.Aber wie kann sie IHN nicht sehen?IHN? DAS GRAUEN?DAS BÖSE?WIE ZUR HÖLLE...?

    „Und ich dachte du wärest ein netter ....,UFF“,dann verstummte sie. Die Hände vors Gesicht gerissen, fiel Markus auf seine Knie als der Hammermann sein Werkzeug der Hölle in ihren Rücken niederschmettern ließ. Ihre Schreckgeweiteten Augen und ihr Verständnisloser Blick in seine Richtung bevor sie mit dem Gesicht voran auf den harten Beton aufprallte brannten sich für immer in all seine Hirnwindungen. „DAS IST NICHT REAL! WACH AUF!“, beschwor er sich, und schlagartig rannen ihm Tränen über die Wangen als er die Augen öffnete und stumm das kreischende Geräusch des Hammers vernahm, welcher sich als treuer Gefolgsmann erwies und seinem Herrschen stur hinterher schliff. „Bleib ganz ruhig Kleiner, lauf nicht weg, ich koooohoooomeeeeee“, sang der Hammermann als er gurgelnd die Treppen hinabstieg. KLONK,KLONK,KLONK...diesmal leiser werdend, doch Markus wusste, dass es bald wieder lauter werden würde, nämlich dann, wenn der Hammermann seine Treppe besteigen würde und ihm das Rückrad herausdreschen würde.

    klonk, KlonK, KLONK; da war es schon, verdammt, wie konnte der so schnell sein. Als Markus sich umdrehte und die blutigen Haare, aus dem Dunkel auftauchtensah, wie aus den Tiefen des bösartigsten Meeres, besann er sich, sprang auf die Beine und stolperte beinahe über die Schienen als er zu der Frau rannte. Regungslos lag sie da, aber er konnte zu seiner Erleichterung erkennen, das sie noch atmete. Ihr zertrümmerter Rücken senkte und hob sich langsam aber sicher auf und ab. Hammermann musste ihre Wirbelsäule verfehlt haben. Schnell erklomm er behände den Bahnsteig und fühlte ihren Puls um sich zu vergewissern, dass sie noch atmete und er sich nicht getäuscht hatte. Seit zwei Minuten traute er seinen Augen keine Sekunde mehr. Wenn doch nur ein paar Rippen gebrochen waren, könnte er sie tragen ohne ein größeres Risiko für sie einzugehen. ,,Besser schmerzen als Tot“, dachte er und griff ihr unter die Achseln um sie hochzuheben. KLONK, KLONK, KLONK,, Diesmal noch näher als vorhin ,,Wieso geht der Idiot nicht über die Gleise, wieso nicht?, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen und ohne sich umzudrehen schob er den schweren Körper der Frau vom Bahnsteig auf die Gleise und ignorierte das Surren des Schweren Hammers, als dieser nur Knapp seinen Kopf verfehlte.
    Gerade noch rechtzeitig hatte er sich geduckt und einen Satz nach vorn gemacht. „ Räumler, dieser verfickte Räumler, verdammte Scheiße“ flüsterte er in sich hinein als er den leblosen Körper mit aller Kraft anhob. ,,DU BIST TOT DU PENNER“, brüllte er vor Wut und Verzweiflung und wähnte sich in Sicherheit.

    „29.02.2002.Bahnarbeiter von wartender Person vor den Zug gestoßen, Täter flüchtete unerkannt!“,

    schwirrte ihm immer wieder die Schlagzeile durch den Kopf, welche er vor wenigen Jahren gelesen hatte, wobei er rückwärts aus dem Bahnhof stolperte. Seinen Blick stur auf den Hammer, und die groteske Gestalt gerichtet. „Hier kriegst du uns nicht, hast Schiss wa? Scheiss Gleise, scheiss Zug, häh?“, kicherte er böse und kam sich selbst ein wenig wahnsinnig vor. Ein Schreck durchfuhr ihn als der Hammermann einen Schritt auf die Gleise zu machte und abermals ausholte. Markus sah noch wie er den Hammer fallen lies und den Nacken nach hinten warf um in lautes Gelächter auszubrechen, als er sich geistesgegenwärtig umdrehte und in drei grelle Augen blickte die laut und wild hupend auf ihn zurasten. KLONK, dachte der tote Räumler und schleifte sein Lieblingsspielzeug hinter sich her, als er wieder Metallisch krachend in seinen U-Bahn Schacht hinab stieg. „Irgendwann erwisch ich denjenigen, der mich hierher verbannt hat“ dachte er noch, bevor er sich für weitere vier Jahre zum Schlafen auf die Gleise legte um auf den nächsten Zug zu warten.
    Geändert von Gedankenperlentaucher (24.10.2006 um 21:41 Uhr)
    Gedankenperlentauchen - seit kurz oder länger bei lulu.com zu haben

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