1. #1
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    Über die Kunst des Pfannkuchenbackens

    "Morgen sind wir dran!" Au, verdammt, das hatten wir, Sabine, Andreas, Tina, Mike, Dagmar, Wolfgang und ich beinahe vergessen. Sabine erwähne ich nicht ohne Absicht am Anfang meiner Aufzählung unserer temporären Wohngemeinschaft in einer Hütte fernab der Zivilisation. Nach gründlicher Reisevorbereitung, die auch eine gemeinsame Lektüre der "Kalevala", des finnischen Nationalepos, bestand, hatten wir uns entschlossen, im Ursprungsland dieses in Versen geschriebenen epischen Werkes Urlaub zu genießen. Dreißig Leute, Studenten zumeist, aber auch ein richtiger Doktor, zwei somnambule Esoteriker, ein Pastor mit Familie, hatten den Landweg bis Travemünde mit Autos zurückgelegt, sich dann auf der Fähre nach Schweden die Bäuche am abendlichen Büffett vollgeschlagen, um dann wieder auf der Autobahn Schweden zu durchqueren und dann noch einmal die Fähre nach Turku zu nutzen. Von da fuhren wir immer weiter in die Einsamkeit der finnischen Wälder, vorbei an Dutzenden von Seen, bis wir an "unseren" Lappajärvi ankamen. Gruppenweise nahmen wir unsere Hütten in Beschlag, dann war erst einmal Sauna angesagt. Damit wäre ich wieder bei Sabine. Bei allen Urzeitgöttern Suomis, das war ein Weib zum Verlieben! Da sie trotz ihrer zum Träumen anregenden Figur durchaus praktisch veranlagt war, konnte die Erinnerung, wir seien morgen "dran", für sie nur die Aufforderung sein, nun auch die entsprechenden Vorbereitungen zu starten. Womit waren wir dran? Jede Hüttenbelegschaft hatte turnusmäßig und unwiderruflich die Verpflichtung, alle anderen zum Abendessen einzuladen. Als Studenten, deren aktueller Bildungsstand auf einer noch niedrigen Ebene der Organisationssoziologie verharrte und dessen Dynamik sich erst vier Wochen vor den Examensterminen entfaltete, fiel es uns nicht schwer, einen Plan zu entwerfen. Erstens: Was soll auf die Speisenkarte? Welche Zutaten versprachen ein opulentes Mahl? Und vor allem: Wie wird das alles zubereitet? Unglaublich, aber ich schwöre bei Vachäomäinen (vielleicht hieß der wirklich so), nach dreistündiger Diskussion stand fest: Wir fabrizieren Heidelbeer-Pfannkuchen. Dazu werden - der Name verrät es ja schon - Blaubeeren (manche sagen Heidelbeeren, aber das auszudiskutieren fehlte uns nach dreistündigem Disput die Spannkraft). Davon gab es im Umkreis von unübersehbaren Kilometern jede erdenkliche Menge. Sie warteten nur darauf gepflückt zu werden. Dazu wurden außer Sabine und mir alle anderen eingeteilt. Eingedenk der heimlichen Luftwaffe der Finnen - Miriaden stechlustiger Mückenweibchen - hielt ich es für gefahrloser, mit Sabine im nächsten Ort die anderen erforderlichen Zutaten einzukaufen. Die Dünnbesiedelung des wald- und seenreichen Landes war eine optimale Voraussetzung für die mangelhafte Zeitkontrolle unseres Einkaufunternehmens. Die Mücken kannten auch bei uns kein Erbarmen, aber Sabines Früchte waren um vieles köstlicher als die beim eifrigen Pflücken genaschten Blaubeeren der Sammlergruppe. Die Blaubeerflecken auf Tinas Bluse, vor allem, weil sie auf dem Rückenteil verortet waren, wurden vergeblich mit einem Ausrutscher auf dem feuchten Moos erklärt. Ich greife vor, also kommen wir wieder zum Einkauf. Dieses Unterfangen war abenteuerlich, denn kein pisastudiengequälter, normaler Mitteleuropäer wird beim Studieren der Packungsaufschriften auch nur ein Wort verstehen. Das führt hin und wieder zu überraschenden Geschmackserlebnissen. Wie sollten wir wissen, dass fast alle Buttersorten gesalzen sind? Die erste mit Honig bestrichene Stulle war schon ein seltsames Gourmet-Event. Mehl zu finden gaben wir uns Mühe; belohnt wurde sie mit dem Fehlkauf in Form von Buchweizenmehl. Aber auch damit können Pfannkuchen gebacken werden - quot erat demonstrandum! Beladen mit ein bisschen schlechten Gewissen wegen der langen Einkaufstour, was sich dank der hämischen Bemerkungen über die schon erwähnten rückseitigen Blaubeerflecken als völlig überflüssig erwies, bepackt auch mit dem besagten Buchweizenmehl, Oel und Öl (Öl, das war das Bier, das wegen seiner fehlenden Alkoholprozente in Massen getrunken wurde), gesalzener Butter, Milch, Eiern und anderen Lebensmitteln, deren Geschmack nur durch Probieren festzustellen war, kamen wir erschöpft, aber außerordentlich beglückt in unserem Camp am riesigen Lappajervi an. Es galt die gesammelte Menge der Blaubeeren zu bewundern, die zerstochenen Hautpartien bedauernd zur Kenntnis zu nehmen, um dann frohgemut mit den Vorbereitungen der Blaubeerpfannkuchenherstellung zu beginnen. Die Projektbenennung entsprach in ihrer Wortlänge der Dauer der Realisierung. Eine Schüssel und eine Pfanne waren bald gefunden. War das eine Pfanne! Unsere zarteren Mitbewohnerinnen besaßen nicht die erforderliche Kraft, um dieses finnische, aus schwerem Gusseisen gefertigte Küchengerät zu heben. Also oblag ihnen die leichtere Arbeit der Teigzubereitung. Die Blaubeeren zu waschen fiel niemanden ein, waren sie doch der unberührten Natur entrissen (von Pflücken war nämlich nach einer halben Stunde keine Rede mehr). Zudem waren wir einhellig der Meinung, das Waschen verwässere nur das Aroma. Die Grundsubstanz aus Milch, Mehl und Eiern war bald fertig und in der Riesenpfanne schien das Oel (ich schreibe Oel, damit niemand auf die Idee kommt, wir seien so blöde gewesen und hätten das - wenn auch unsägliche - Bier da hinein gekippt) heiß genug zu sein. Immerhin warf das Ende eines hineingehaltenen Holzlöffelstiels erhebliche Blasen. Doch jetzt stockte der Fortgang des Kollektivunternehmens. Hier der Teig - da die Blaubeeren - dort die Pfanne, das alles musste in eine sinnvolle Beziehung zueinander gesetzt werden. Dass die Pfanne während der sich nun ergebenden Diskussion immer heißer wurde, schließlich war niemand auf die Idee gekommen, die Energiezufuhr zu drosseln, sei nur am Rande, aber mit Bedacht erwähnt. Die Pfanne war ja, abgesehen von ihrem Gewicht, auch nicht das Problem. Das schier Unlösbare war begründet im Auseinanderdriften der Auffassungen: Gehört zuerst der Teig in die Pfanne, auf den dann die Blaubeeren gestreut werden, oder mischt man die Früchte unter den Teig. Eine Einigung wurde erzielt. Learning by doing war die Parole, und als Pädagogikstudenten und -innen hatten wir für diese Art, einen Gordischen Knoten zu lösen, größtes Verständnis. Also - erster Versuch: Schöpfkelle in den Teig, kurzer Hub und rein in die Pfanne. Das zischte wie verrückt, weil die Erhitzung dieses Tiegels erheblich fortgeschritten war. Von der hinein gegebenen Teigmenge war ein Pfannkuchen zu erwarten, der mindestens drei Leute zu sättigen versprach. Als der flüssigen Konsistenz ein Trend zur festeren Masse anzumerken war, gab Dagmar die Blaubeeren auf den Teig. So weit, so gut. Nach diffus begründeten Bauchgefühl unternahm Wolfgang die Aufgabe des Wendens. Gut, dass die Unterseite so festgebacken war, dass sich ein Pfannenschwung (abgesehen vom bereits erwähnten Gewicht des Küchengeräts) nicht anbot. Das Drehen wurde mühsam vollbracht und nach kurzer Zeit glaubten wir alle, nun müsse das erste Exemplar fertig sein. Es war fertig, - wir auch! Die Unterseite hatte aus den schwarzblaukugeligen Waldfrüchten platte, tiefschwarz verkrustete, um nicht zu sagen verkohlte, uns hämisch angrinsende, vor allem ungenießbare Zahnbrecher gemacht. Nach sehr kurzem Streitgespräch entschieden wir uns nach weniger als einer halben Stunde, der erste Versuch sei fehlgeschlagen. Mit zunächst ruhigen, dann ungeduldiger werdenden Einwänden meinerseits, die zum Ziel hatten, die Heidelbeeren der Einfachheit halber in den Teig zu mischen, setzte sich die Mehrheit mit dem Vorschlag durch, man müsse zuerst die Beeren in die Pfanne geben, allerdings bei reduzierter Hitze. Gebe man dann den Teig darauf, würde sich eine allseits befriedigende Durchmischung der Elemente ergeben. Die Pfanne wurde gereinigt, Oel hineingegeben und alles wartete gespannt auf den zweiten Anlauf des Experiments. Die Holzlöffelprobe zeigte eine hinreichende Hitze an. Hinreichend wofür? Eine drei Zentimeter starke Fleischschnitte wäre binnen kürzester Frist durchgebraten gewesen. Andreas, der über genügend Mut verfügte, erklärbar nur durch seine allgemeine, und was Sabine anging, spezielle Ahnungslosigkeit zu erklären war, nahm eine große durchlöcherte Schöpfkelle voller Blaubeeren, hielt sie, gleich einem Dirigenten vor dem ersten Taktschlag, kurz über der erwartungsvollen und aufnahmebereiten Pfanne verweilend, waagrecht in die hitzeschlierende Luft, wir hielten den Atem an, außer dem leicht brutzelnden Oel war kein Laut zu vernehmen und - mein lieber Schwan! - dann geschah es: Die Heidelbeeren gehorchten der Erdanziehung, fielen in die Pfanne und sprangen pritzelnd und knallend zerplatzend bis zu einen Meter gen Himmel. Das war eine Eruption! Da war aber kein Himmel. Da war eine Decke und da war eine Wand. Die Beeren färbten blaurot, was auch immer ihren Höhen- und Seitenflug bremste. Wir gingen in Deckung, irgendeine Mutige riss die Pfanne vom Herd, natürlich mit dem Ergebnis, dass der Boden auch seinen Teil abbekam. Damit, da waren wir uns noch schneller einig als nach dem ersten Versuch, war auch der zweite fehlgeschlagen. In der allgemeinen Wirrnis gelang es mir, den noch nicht verbrauchten Teil der Waldfrüchte in den Restteig zu kippen und - nach erneutem Reinigung des Bratapparates, konnten sieben Pfannkuchen gebacken werden. Es sei angemerkt, dass sie von unseren Freunden mit viel Lob bedacht wurden. Am nächsten Tag sollte es beim Hüttennachbarn eigenhändig gesammelte Pilze geben. Aber das ist eine andere Geschichte. Da ich diese aufschreiben konnte, ist der Beweis geführt, dass wir auch die Schwammerlmahlzeit überlebt haben.
    Geändert von Festival (11.11.2006 um 18:15 Uhr)

  2. #2
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    Dazu werden gebraucht, der Name ist da ja sehr verräterisch: Blaubeeren
    ich würde irgendwie auf den Doppelpunkt verzichten, denn hier ist der Satzbau irgendwie ziemlich umständlich!
    mein Lösungsvorschlag:
    Dazu werden - der name ist ja schon sehr verräterisch- Blaubeeren gebraucht (.....).


    Ich greife vor, zurück zum Einkauf.
    das unmittelba nacheinander verwendete vor, bzw zurück verwirrt auch etwas..

    quot erat demonstrantum
    !--->demonstrandum

    Öl und Oel (Öl, das
    ich würde hier Oel und Öl schreiben, denn denn ist die klammerbemerkung unmittelbar an das beziehungswort angehängt!

    Mir hat deine Erzählung- Kurgeschichte ist es ja keine- recht gut gefallen, obwohl das thema jetzt nicht weiß Gott wie lustig war, musste ich trotzdem schmunzeln!
    Ein paar Dinge würde ich welassen, die nicht unbedingt notwendig sind, keinesfalls aber die lusltigen dinge!

    lg
    C~k
    Der Boden unter meinen Füßen bewegt sich wie Treibsand;
    Aus keiner Ecke leuchtet mir mehr ein Licht.
    Ich muss den Sand der Zeit aus meinen Augen reiben.
    von Dornenrose in "Schwarzes Licht"

  3. #3
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    Hi, mood
    ich sage ganz artig: Danke! Wie Du bemerken kannst, habe ich alle vorgeschlagenen Änderungen übernommen. Mir scheint, Du liest die Sachen anderer genauso kritisch wie ich. Dass Dir die Erzählung (klar, die Stilmittel einer Kurzgeschichte sind hier nicht auffindbar oder nur in Grenzen) ein Schmunzeln entlockt hat - Herz, was willst du mehr. Ich weiß noch nicht genau, was wegzulassen sinnvoll wäre, aber ich werde mir Gedanken machen.
    Merci für Deine Kritik und Dein leises Lob.
    heinzi

  4. #4
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    na ist doch gern geschehen: D

    ist doch unser aller hobby, unseren beitrag zur literatur zu machen, oder?

    Wie Du bemerken kannst, habe ich alle vorgeschlagenen Änderungen übernommen.
    *stolzbin*

    Dreißig Leute, Studenten zumeist, aber auch ein richtiger Doktor, zwei somnambule Esoteriker, ein Pastor mit Familie, hatten den Landweg bis Travemünde mit Autos zurückgelegt, sich dann auf der Fähre nach Schweden die Bäuche am abendlichen Büffett vollgeschlagen, um dann wieder auf der Autobahn Schweden zu durchqueren und dann noch einmal die Fähre nach Turku zu nutzen.
    Das hätte ich weggelassen, muss aber nicht sein, ist jetzt kein Sakrileg ..(hoofentlich habe ich dieses wort jetzt richtig verwendet )


    Auf ein Wiederlesen und danke für die Blumen,
    C ~k
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    von Dornenrose in "Schwarzes Licht"

  5. #5
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    Guten Abend, mood
    wie schon gesagt, ich werde mich nochmal dran setzen. Klar, Du verwendest immer die richtigen Worte. Die Blumen - gern!
    Liebe Grüße,
    heinzi

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