Thema: Stimme

  1. #1
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    Stimme

    Stimme



    Gott?, ich habe am Strand Hyazinthen gepflanzt,
    saurer Regen verwischte die blutige Spur;
    wie ein witziges, hitziges, launiges, fauliges … Gespür
    für guten Wein & Sakrileg
    - herrgott, Sakrament! -
    ist’s mir in die Glieder gefahren!

    Erinnerst du dich deiner Völker, wen sie bekriegten,
    deiner Väter, was sie verbrannten,
    deiner Mütter, wie sie sich grämten,
    deiner Kinder … ach … deiner Kinder?
    … in deinem Namen!

    Auch war ich ein Kind;
    auch habe ich die Psalter geblättert,
    sie aufgesogen wie
    Löschpapier schwarze Tinte,
    die ein blasser & zorniger Schreiber verkleckst hat.
    Stand nicht dort:

    Wer nach Lust sich verzerre nach deinem Gesetz
    sei gepflanzt wie ein Baum an den Bächen
    & er bringt seine Frucht zu gegebener Zeit
    & vom Welken verschont sind die Blätter
    & was er schafft, gelingt ihm wohl?


    o, wir wandelten auf deinen Pfaden, folgten dir Psalmen für Psalmen,
    keinen Bach aber fanden wir & keine Pfütze;
    nur ein Meer, dessen Salz meine Wurzeln verdorrte,
    &
    eine Wüste
    - nirgends Wurzeln konnte ich schlagen,
    weil Stürme den Sand stets zerrieben -
    die brannte am Tage,
    & nachts fröstelten wir nackt.
    & wir klagten dir’s
    & wir vernahmen
    ein lähmendes Schweigen.

    Einer aber, der dich
    gesehen
    - an einem Ort ohne Schatten; in der Stille; kein Wind wehte -
    hörte uns & sprach:

    Die Leiden dieser Welt sind nicht von Dauer,
    Gott heißt Euch diesen Kahn mit Mut zu rudern.
    Erreicht ihr ohne Schand’ & Fehl das Ufer,
    so schenkt er Euch vom Glück des Lebensbaumes.


    Gott?, wenn Eifersucht dein einzig Laster ist,
    warum?,
    klagte ich, warum machst du deinen treuen Lämmern
    erst solchen Kummer?

    & da begab auch ich mich
    an einen Ort ohne Schatten; in die Stille; kein Wind wehte
    &
    ich schwieg - ich meditierte,
    lauschte, schaute, spürte dich
    aus jedem Stock, jedem Stein, jedem Stoff,
    der eine Seele hat,
    &
    wurde zornig.

    Ha!, schallte ich dreimal: Ha!, Ha!, ha? -
    Gott?,
    nicht transzendent allein bist du, du bist imaginär.

    *

    & da hab ich am Strand Hyazinthen gepflanzt,
    saurer Regen verwischte die blutige Spur;
    & ich begrub dich hier aus meinem Herzen,
    an diesem Bach aus Blut.
    & Satan lud ich ein,
    deiner zu lachen.




    Geändert von Kajn Kokosknusper (25.10.2006 um 21:52 Uhr)
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    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  2. #2
    zuckerschnäuzchen ist offline DroElfteEdeLyrikProstiStuTante
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    hallo

    ich kanns nicht ganz deuten, ist es ein spottgedicht auf gott und eine glaubensänderung? das würde ich oberflächlich so sehen wenn ich nur auf die worte achte
    wenn ich die bilder deuten soll versage ich leider, das kann ich irgendwie nicht, sorry, ich finde keinen ansatz für mich
    es ist wunderbar geschrieben, klingt wie ein bibelpsalm
    jemand der auswandert auf der suche nach erleuchtung und gott denke ich, die worte sind sehr formell, daher klingen sie aber teilweise etwas verdreht im wortlaut, was allerdings gewollt zu sein scheint

    nirgends Wurzeln konnte ich schlagen

    ein gläubiger auf der suche nach gott, er stellt gott fragen aber bekommt keine antworten, am ende denkt er sich wohl es ist einfacher satan zu huldigen als hilferufe und fragen an gott zu wenden die in seinen augen nicht beantwortet werden, er fühlt sich vielleicht verhöhnt dadurch und im endeffekt könnte gott ihn selbst damit zum falschen saday getrieben haben
    gottes wege sind schliesslich unergründlich

    ich muss gerade an etwas denken, in mir kommt urplötzlich das bild einer sexuellen neuorientierung des lyr.ichs auf, keine ahnung wie ich darauf komme
    hat aber vielleicht mehr persönliche gründe, kann es aber irgendwie nicht beschreiben, sorry

    mir hat es gut gefallen, da hab ich noch einen kleinen fehler entdeckt

    o, wir wandelten auf deinen Pfaden, folgten dir Psalmen für Psalmen

    das wir bezieht sich ja auf die folgenden,also können diese nicht im singular stehen oder? oder hab ich da was missverstanden? dann war das mein fehler, wie gesagt, dein text ist für mich nicht leicht

    Erinnerst Du dich deiner Völker
    auch hier herrscht doch eine persönliche anrede vor oder nicht?

    entweder war das erste Du falsch oder die restlichen anreden sind nicht persönlicher natur, dann kann aber das erste Du auch nicht persönlicher natur sein, schliesslich sah man gott ja nie...oh hilfe, hiiiilfe kann nich mehr gut denken jetzt

    gerne gelesen
    glg pringles *smack* ^^
    Geändert von zuckerschnäuzchen (25.10.2006 um 21:46 Uhr)

  3. #3
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    Hallo pringles,

    danke für den Hinweis mit dem Du. Trotz persönlicher Anrede sollten alle kleingeschrieben sein. Und natürlich ist es Mehrzahl "folgten".

    Das formell verdrehte, wie Du es nennst, ist natürlich Absicht.
    ... am ende denkt er sich wohl es ist einfacher satan zu huldigen als hilferufe und fragen an gott zu wenden die in seinen augen nicht beantwortet werden, er fühlt sich vielleicht verhöhnt dadurch und im endeffekt könnte gott ihn selbst damit zum falschen saday getrieben haben
    Nun, dass ist nicht wirklich die Aussage, die ich treffen will. Lies bitte noch einmal die vorletzte Strophe.

    Eine sexuelle Umorientierung des lyr. Ichs kannst Du natürlich herauslesen, solange Du sie belegen kannst. Aber - das gilt für beide Interpretationen - mache nicht den Fehler Autor und lyr. Ich zu verwechseln .
    Danke für das Lob!

    Es grüßt

    Kajn
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  4. #4
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    Hallo Kajn,
    dein Gedicht klingt ein wenig wie die anklagenden Worte eines Kindes, dessen sich niemand annahm. Ich denke, dass das LI noch ziemlich jung und unschuldig sein muss um solche Worte an Gott und die Welt zu richten. Ich weiss nicht in wie weit du es beabsichtigt hast, doch ich fühle mich an einigen Stellen stark an die Leidensgeschichte Jesu erinnert. Das LI durchläuft eine Entwicklung, die schließlich zur Erkenntnis und zur Distanzierung von Gott führt. Es wirkt dabei zunehmend überheblich und macht auf mich einen leicht wahnsinnigen Eindruck.

    Ich denke dass das LI beim Durchforsten seiner eigenen Seele gmerkt hat dass es nicht wie alle anderen von Gott berührt ist und sich deshalb von ihm abwendet. Die letzte Strophe erschließt sich mir leider nicht ganz. Ich kann mit den Hyazinthen und den blutigen Spuren irgendwie nichts anfangen.

    Dein Gedicht ist sehr interessant und ich hoffe du verrätst mir deine Intentionen.
    Gern gelesen und kommnetiert.

    LG
    Rosiel
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    Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein.
    Faust

    ...frech grinsend in Richtung Schweiz

  5. #5
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    Hallo Rosiel,

    Die Vergleichbarkeit mit der "Leidensgeschichte Jesu" (ist der Kasus richtig? - Gott, ich müsste es wissen, ich hab noch Lateinhausaufgaben auf dem Tisch ) ist schon beabsichtigt. Allerdings wendet sich das lyr. Ich aus einem anderen Grund von Gott ab. Ein Kind ist es auch nicht wirklich, was auch im Text steht, ein kindliches Naturell ist deshalb aber nicht auszuschließen.

    Hyazinthen kenne ich als Boten des Frühlings und Symbol der Treue.
    Wie man eine "blutige Spur" hinterlässt, dachte ich eigentlich, ist fast schon eine Floskel.

    Meine Intention verraten? - Mache ich aus Prinzip nicht. Denn es verfälscht die individuelle Interpretation des Rezipienten. Genauso wie die Hinweise, die ich oben gegeben habe (Böser Kajn! Wusch! Au!).
    Ich hoffe, ich enttäusche dich jetzt nicht und bedanke mich aufrichtig für dein Lob .

    Es grüßt

    Kajn
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  6. #6
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    @Kajn
    Ja, deine „Stimme“ hier ist recht eigenartig. Ich überlege ob die Hyazinthen am Strand eine tiefere Bedeutung haben könnten, aber ich denke nein. Der Inhalt geht für mich mehr ins nachdenkliche, weniger ins mystische, oder religiöse. Nein, das war nur eine Inhaltsrichtung, der Text ist gut, sehr gut. Nun ja, das Fazit (Satan) ist eher nicht so mein Geschmack. Ich hätte da das Ganze etwas offener gelassen. Die Denkweisen Gott oder Satan sind mir zu abstrakt. Ich möchte aber da nicht tiefer abtauchen. Der Inhalt ist gut und überzeugt. Daher lesenswert und fördernd, für das Eigendenken. Bis später.

  7. #7
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    Krek-krek,

    vielleicht hilft es dir, wenn Du Satan metaphorisch liest, denn anders als metaphorisch ist er auch nicht gemeint, also im Sinne eines Literarischen Satanismus: Wenn schon Gott imaginär ist, warum sollte Satan das nicht sein? Du hast schon recht, der Text hätte auch im Nachdenklichen seine Berechtigung. Aber das mir rubriktechnische Entscheidungen schwer Fallen, hast Du ja auch an anderer Stelle bemerkt Danke fürs Lob.

    liebe Grüße
    Kajn
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  8. #8
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    Hallo Kajn Kokosknusper,
    ich lese dein Gedicht als klassische Auseinandersetzung mit einem Gott, der seine gegebenen Versprechen nicht einhält (jedenfalls nicht in dieser Welt), den das lyrische Ich auf die Probe stellt und dem das LI schließlich einen geschürzten Schwinger verpasst. Das gefällt mir, auch sprachlich, dieses etwas ins "altmodische" Gezogene passt zum Thema. Bis auf den Schluss, die letzten zwei Zeilen. Der Protagonist hat sich echt Mühe gegeben, alles aufzudröseln, und dann lädt er doch nur den alten Kontrahenten, den gefallenen Engel ein, an seiner Stelle zu lachen. Ich hätte es passender gefunden, wenn das "Ich" des Textes lachte. So schließt es sich (in meiner Lesart) nur einem anderen Führer an.
    LG,
    R
    P.S. Hier villeicht ein "ein" einschieben? Ließe sich besser lesen.
    "Gott?, ich habe am Strand Hyazinthen gepflanzt,
    (ein) saurer Regen verwischte die blutige Spur;
    Ich darf das.

  9. #9
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    Krek-krek,

    ich sehe nicht, dass die Verse ausschließen, dass auch das lyr. Ich lacht. Es lädt Satan zum Leichenschmaus wie einen guten Kumpel. Von Satan als einen neuen Führer lese ich soweit nichts. Das liegt aber natürlich im Auge des Lesers, darüber zu urteilen.
    Dein Vorschlag klingt zwar, Spielereien mit dem unbestimmten Artikel mag ich hier und da auch sehr gerne, würde aber mit dem anapästen Rhythmus brechen. Den Bruch setzte ich bewußt in der dritten Zeile.
    Danke fürs:
    Das gefällt mir, auch sprachlich, dieses etwas ins "altmodische" Gezogene passt zum Thema. Bis auf den Schluss...
    liebe Grüße
    Kajn
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