1. #1
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    Herz aus Stein

    Herz aus Stein


    Ich habe ein steinernes Herz. Es besteht aus einer Mischung aus Granit und Basalt. Zum Glück überwiegt der Granitanteil, denn ansonsten wäre es wohl zu zerbrechlich, um dauerhaft in meiner Brust bestehen zu können. Ich sage bewusst „bestehen“ und nicht „schlagen“, denn schlagen kann es nicht. Konnte es in 24 Jahren noch nie.
    Ich weiß zwar nicht, warum ich ein steinernes Herz habe und andere Menschen nicht, aber für mich ist mein Herz normal. Es ist ein Teil von mir und wenn es auch nicht so ist, wie die Herzen meiner Mitmenschen, so ist es dennoch ein Herz, mein Herz.

    Vor einiger Zeit traf ich ein hübsches Mädchen im Wald. Das klingt nun seltsam, denn welche Art von Mädchen treibt sich alleine im Wald umher? Deshalb wartete ich erst einmal ab, vorsichtig, und überließ dem Mädchen die Initiative. Oder eigentlich der jungen Frau, denn sie war sicher nicht jünger als ich. Lange, dunkelbraune Haare umspielten ihr Gesicht, das feine, aristokratische Züge trug, die Augen waren dunkelbraun, ihre Glieder sehr zart, sie wirkte zerbrechlich und verletzlich. Dennoch strahlte sie Würde und Zuversicht aus.
    Sie stellte sich vor mit den Worten: „Hallo, ich bin die Liebe.“
    Und ich sagte darauf: „Und ich bin der Mann mit dem steinernen Herzen.“
    Wir gaben uns ein wenig förmlich die Hand, ich dabei bemüht, ihre schmalen Finger nicht durch meine Grobschlächtigkeit zu zerquetschen.
    Sie lächelte, dann forderte sie mich mit einer knappen Geste auf, Platz zu nehmen auf einem Baustamm, der bemoost über dem Herbstlaub lag.
    Ich fragte sie: „Warum sind wir uns früher nie begegnet?“
    Sie zuckte bloß mit den Schultern. Dann zog sie eine Zigarette aus ihrer Handtasche und zündete sie an. "Willst du auch?"
    "Nein danke. Nichtraucher. Aber du rauchst? Das wundert mich jetzt ein bisschen, offen gestanden.“
    Sie lachte kurz auf, dann meinte sie: „Was kann es mir schaden? Und so eine kleine Zigarette kann eine große Geste sein, wenn sie zur richtigen Zeit geraucht wird.“
    „Hast du große Gesten nötig?“
    Sie nickte. „Mehr als du denkst.“
    Ich starrte gedankenverloren auf das gelbe Laub, dann blickte ich auf und ihr direkt in die Augen. „Ich weiß nichts von Gesten. Ich habe ja nur ein steinernes Herz. Da komme ich gut ohne Gesten aus. Denn nichts würde sich verändern durch Gesten, wie groß sie auch sein mögen. Aber das ist in Ordnung, denn mein Leben wird dadurch einfacher. Ich muss mich nicht anstrengen, um Mädchen zu beeindrucken. Denn es hätte sowieso keinen Sinn. Deshalb frage ich mich jetzt auch, was unsere Begegnung soll. Wenn man logisch denkt, kommt man zu dem Schluss, das wir uns nie hätten kennen lernen dürfen.“
    „Aber wir haben uns kennen gelernt.“
    „Und was bedeutet das?“
    „Dass du vielleicht doch kein steinernes Herz hast? Dass du dir das immer eingeredet hast, wieder und wieder, Tag für Tag?“
    Ich war verunsichert. Das Herz – das wichtigste Organ im Körper – mein Herz sollte nicht das sein, was ich immer glaubte, dass es sei? Das war undenkbar für mich. So öffnete ich meinen Brustkorb, um mich selbst zu vergewissern. Nach einem kurzen Zögern griff ich hinein, schob den Magen zur Seite und zog mein Herz heraus. Es war schwer. Es war hart. Es war aus Stein.
    Sie zuckte bei diesem Anblick bloß mit den Schultern. „Okay, dann habe ich mich geirrt.“ Ein weiterer Zug von ihrer Zigarette und sie blickte stumm in den Wald hinein.
    „Du kannst es haben, wenn du willst“, bot ich ihr an. Doch sofort, nachdem ich dieses Angebot ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, wie unsinnig es war. Was hätte sie, die Liebe, mit meinem steinernen Herzen anfangen können? Und wie hätte ich ohne Herz weitergelebt?
    Sie ging auch nicht auf mein Angebot ein und erleichtert stopfte ich mein Herz zurück in den Brustkorb und schloss diesen wieder.
    „Und was machen wir jetzt?“, frage ich sie.
    „Ich rauche fertig und dann gehe ich weiter“, sagte sie, ohne mich anzublicken. „Und du gehst dann auch, wohin du anfänglich wolltest.“
    „Wir werden uns nicht wieder sehen?“
    Sie schüttelte den Kopf, mit einem Male traurig. „Ausgeschlossen. Selbst dieses zufällige Treffen hätte nicht sein dürfen. Da ist etwas gewaltig schief gelaufen.“ Nach ein paar Sekunden fügte sie leise hinzu: „Aber ich habe es sehr nett gefunden, dich kennen zu lernen.“
    „Ehrlich?“ Ich war überrascht. Unser Gespräch konnte man schließlich nicht wirklich als fließend bezeichnen.
    Sie nickte nachdrücklich. „Ja, ehrlich! Weißt du, das war wie eine kleine Auszeit für mich. Ganz unbefangen, ohne Pflichten oder Erwartungshaltungen.“
    Dann stand sie auf. „Aber nun muss ich weiter.“
    Auch ich erhob mich vom Baumstamm, stand ihr gegenüber. Unsere Nasen berührten sich fast, so nahe standen wir beisammen.
    Plötzlich beugte sie sich nach vorne und küsste mich sanft. Sie schmeckte fantastisch – es war, als wären alle wunderbaren Aromen der Welt in ihren Lippen vereint. Vanille, Kirsche, Orange, Erdbeere, Zitrone, Schokolade, Flieder, Tanne, Rose, Kamille, einfach alles. Und dann hörte ich es: Ein einziges lautes Schlagen meines Herzen. BUMM.
    Dann wieder Stille. Ihre Lippen lösten sich von den meinen und sie ging. Ich blieb zurück und starrte noch lange auf die Stelle, wo sie im Dickicht des Waldes verschwunden war.

    Ich wache immer noch oft in der Nacht schweißgebadet auf, da ich glaube, mein Herz würde wieder schlagen. Doch jedes Mal muss ich feststellen, dass ich bloß von diesem einen Moment im Wald geträumt habe.
    Und, um ehrlich zu sein, ist es mir ganz Recht, wenn es beim Träumen bleibt, denn so schön und aufregend jener Moment auch war, würde mir wohl das Herz zerplatzen, müsste es öfter schlagen. Es ist schließlich nur aus Stein.
    Geändert von Roderich (02.11.2006 um 20:06 Uhr)
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  2. #2
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    Hallo Thomas,

    weil dein Name drüber steht, habe ich trotz des etwas verbrauchten Titels geklickt und möchte dir sagen, dass du die Story gar nicht schlecht erzählt hast. Die Personifizierung der Gefühle (bzw. Nichtgefühle) finde ich gelungen, weil du hier ein wenig vom Klischee abweichst. Du zeigst die Liebe auch von ihrer schwachen Seite. (Notwendigkeit großer Gesten oder teilweise starker Erwartungsdruck, den sie ertragen muss)

    Zitat Zitat von Roderich
    „Ja, ehrlich! Weißt du, das war wie eine kleine Auszeit für mich. Ganz unbefangen, ohne Pflichten oder Erwartungshaltungen.“
    Ebenso die klaren Vorteil eines "gefühllosen" Menschen:
    Zitat Zitat von Roderich
    Denn nichts würde sich verändern durch Gesten, wie groß sie auch sein mögen. Aber das ist in Ordnung, denn mein Leben wird dadurch einfacher.
    Es ist tatsächlich so, dass man weniger verwundbar ist, wenn man seine Gefühle hinter dicken Mauern verbirgt. Ein Selbstschutz, der solange funktioniert, bis man zwischen ihnen erstickt.

    Manchmal bist du in deinen Ausführungen zu ausführlich, zu erklärend, was sich dann (sorry) wie in einem Schüleraufsatz liest.
    Beispiele:

    Zitat Zitat von Roderich
    Konnte es in 24 Jahren noch nie. Wie denn auch, wenn es nur aus hartem Stein besteht?
    ...Wie denn auch? Ende - Rest ist logisch.

    Zitat Zitat von Roderich
    Ein wenig glich sie einem Reh, das sich in den Körper einer Frau verirrt hatte.
    Lass diesen Satz weg, du hast die Frau ausreichend beschrieben, der Vergleich mit dem Reh ist ausgekaut und wirkt daher hineingepresst.

    Das klingt nun seltsam, denn welche Art von Mädchen treibt sich alleine im Wald umher? Genau dieser Gedanke ging mir auch durch den Kopf und so wartete ich erst einmal ab,
    Bereits im ersten dieser beiden Sätze drückst du aus, was dir gerade durch den Kopf ging. Vielleicht kannst du das kursiv geschriebene einfach durch "deshalb", "daher".. ersetzen?


    Zitat Zitat von Roderich
    Sie zuckte bloß mit den Schultern. Dann zog sie eine Zigarette aus ihrer Handtasche und zündete sie an.
    Naja, und hier hab' ich mich gefragt, warum die Liebe (Freundin großer Gesten) ihm nicht auch eine angeboten hat? Aber vielleicht habe ich das auch nicht richtig verstanden.

    Am gelungensten finde ich das Ende. Das LI ist immer noch gefangen in seinen kühlen Mauern, befindet sich aber bereits im Zwiespalt (obwohl es sich dessen noch nicht voll bewusst ist) zwischen der schönen Erfahrung eines schlagenden Herzens und der Angst, das Schlagen könnte es ihm zertrümmern. Gelungenes Bild.

    Freue mich auf neues.

    Gruß Carsten
    Das System sagt, ich will das, aber ich will das nicht.
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  3. #3
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    Hallo Thomas!

    Eine Allegorie, welch seltenster Anblick!
    Vorab: Man merkt hier, dass "Herz und Stein" kein lieblos hingeklatschtes Werk ist, sondern ein Konzept hat.

    Es ist die alte Geschichte des Konflikts zwischen heißer Liebe und kalter Ratio, die du hier erzählst. Das gelingt dir auch sehr gut, weil du einige Aspekte reinbringst, die von den gängigen Phrasen abweichen, so finde ich es beispielsweise sehr interessant, was die Liebe über die Last ihres Daseins sagt.
    Die Ratio erinnert mich unweigerlich an Walter Faber, besonders ein Satz, in dem sie über die Bedeutung von Gesten spricht. Im Zusammenhang mit dem Schicksal der Ratio gefällt mir der Schluss sehr, er stellt einen kleinen Seitenhieb dar, gegen alle "Kopfmenschen", erzeugt jedoch auch eine Spur Mitleid mit diesen verkappten Geschöpfen.
    Allein der Anfang der Geschichte ist dir nicht gelungen, so dass ich beim Lesen zu Beginn befürchtete du könntest das im Laufe des Geschehens nicht mehr egalisieren. Auf sämtliche Mängel diesbezüglich ist VC bereits eingegangen, so dass ich dem nichts mehr beizufügen habe. Auch die teilweise unsauberen Sätze sind schon angesprochen worden.

    Abgesehen von diesen Kritikpunkten muss ich sagen, dass mir "Herz aus Stein" sehr gut gefallen hat.

    Eine Frage noch: Liege ich richtig in der Annahme, dass die Liebe nur raucht, weil sie jemandem gegenübersteht, den sie nicht zu beeindrucken braucht?
    Wenn ja, verstehe ich nicht, was die Bemerkung die Bedeutung der Gesten betreffend bezweckt.

    Mfg

    Jad
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    mixing up the medicine
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  4. #4
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    Hallo Roderich.

    Nachdem ich von deiner "Fahrschulgeschichte" eher enttäuscht war, muss ich sagen, dass mir diese Geschichte sehr viel besser gefällt. Die Charaktere finde ich gelungener, die Atmosphäre stimmiger. Aus Zeitmangel belasse ich es vorerst bei diesem Kommentar, evtl komm ich zu späterem Zeitpunkt nochmal zu einer ausführlicheren Darstellung.

    Gruß,

    J._J.

  5. #5
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    Hallo,

    vielen herzlichen Dank für eure Kommentare und hilfreiche Kritik. Ich werde mich im Anschluss an das Geschreibsel hier gleich dransetzen und den Text mal ein wenig nach euren Anregungen polieren.

    @ VC: Was den Titel betrifft, so habe ich mich bewusst für diesen abgedroschenen entschieden, da ich hier die Metapher "Herz aus Stein" einfach mal wörtlich nehmen wollte um sie damit zu einer neuen Metapher zu machen. Ich weiß, dass der Titel unter Umständen abschreckt, aber mittlerweile habe ich hier genug gespammt, dass die Leute, die mich gerne lesen, sich ohnehin kaum von einem Titel abschrecken lassen (und im Übrigen ist dieser Titel ja noch ziemlich gut - da hatte ich schon andere "Glanzstücke" ... ).

    Zu deinen Vorschlägen: Da kann ich überall nur zustimmend mit dem Kopf nicken. Vor allem bei der Zigarette - das habe ich wirklich glatt vergessen.

    Im Übrigen muss ich dir voll und ganz zustimmen, was das Übermaß an ausführlichen und erklärenden Bemerkungen in meinen Texten betrifft. Ich neige leider immer ein wenig zum schwafeln, da muss ich mich selbst noch bei der Nase nehmen und prägnanter werden. Ist nicht so leicht - wie du siehst, zieht sich das auch in meinen Kommentaren durch ...

    @ Ferdi: Auch dir vielen Dank für deine Hilfestellungen. Das mit der Geschwätzigkeit habe ich ja schon gesagt. Was viele andere Fehlerchen von mir betrifft, die sich in meinen Texten (und auch in diesem) einschleichen, so liegt das wirklich daran, dass ich viele Worte als Österreicher anders (und falsch) verwende als die Deutschen. Klingt blöd, ist aber so. Insofern bin ich immer dankbar, wenn man mir solche Stellen aufzeigt, denn mir selbst fällt das gar nicht auf.

    ad Personenbeschreibung: Auch so ein Punkt, der bei mir jedesmal zum Haare raufen ist. Um ehrlich zu sein: Mir sind (als Leser) Personenbeschreibungen immer völlig egal, denn ich mache mir mein eigenes Bild. Oft ist es auch so, dass zB ein Protagonist als blond beschrieben wird und ich stelle ihn mir dennoch braunhaarig vor, weil mir das besser reinpasst. Personenbeschreibungen (wenn es um Äußerlichkeiten geht) sind für mich eine lästige Notwendigkeit, der ich aber nicht viel abgewinnen kann, was sich dann auch in meinen Texten zeigt. Auch hier ist akuter Verbesserungsbedarf gegeben, keine Frage.

    Freut mich aber, wenn du diese kleine Allegorie insgesamt aber doch als lesenswert erachtet hast.

    @ Jad: Wieder hat sich gezeigt, dass wir büchermäßig gesehen tatsächlich in die gleiche Richtung marschieren, denn "Homo faber" ist eines meiner Lieblingsbücher, sowie Max Frisch ohnehin mein Lieblingsschriftsteller ist - ich habe so gut wie alles von ihm gelesen.

    Am Anfang habe ich übrigens tatsächlich am längsten gebastelt, danach ist es mir ganz gut von der Hand gegangen. Aber zu Beginn habe ich ordentlich herumgemurkst und - wie durch die Kommentare offensichtlich wird - immer noch keine wirklich befriedigende Lösung gefunden. Ich hoffe aber, dass der Beginn allein durch eure Vorschläge genug gewinnt, sodass er nicht stört.

    Was deine Frage bezüglich des Rauchens betrifft: Mir gefällt der Gedanke, dass das Rauchen für die Liebe selbst nur eine Gewohnheit ist und dass sie die großen Gesten bloß als Vorwand, als Ausrede vor sich her schiebt. Ich wollte das nur nicht allzu sehr vertiefen, nicht allzu sehr darauf herumreiten, denn so wichtig erschien mir dieser Punkt nicht. Aber eine Liebe, die sich selbst nicht wirklich unter Kontrolle hat und sich daher selbst belügt, um ihre kleine Schwächen rechtfertigen zu können, hat was, in meinen Augen.

    Es freut mich sehr, dass dir mein Text im Großen und Ganzen zugesagt hat. Das ehrt mich sehr, denn obwohl ich bisher nur einen Text von dir gelesen habe, kann ich schon behaupten, dass ich ein Fan von deiner Schreibe geworden bin.

    @ Jakobus: Vielen Dank für deine Worte, freut mich, dass diese Geschichte besser ankommt als die Fahrstuhlgeschichte, die wirklich nicht das Gelbe vom Ei war. Es war auch so, dass ich bei der Fahrstuhlmusik einfach nur Bock hatte, wieder was zu schreiben, nachdem ich in der Nacht im Schlaf einen diesbezüglichen Impuls bekommen habe, während diese Geschichte hier - zumindest im Unterbewusstsein - lange gereift ist, ehe ich mich daran gesetzt habe. Ich denke, dass dieser Unterschied in der Qualität der Texte spürbar ist.

    Noch einmal vielen Dank euch allen. Eine Überarbeitung nehme ich in Angriff, sobald ich meine Kommenare für heute fertig geschrieben habe.

    Viele Grüße

    Thomas
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  6. #6
    Schattenblume ist offline Etwas mit den Scherenhänden
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    hallo Thomas, erster Ritter der Schwafelrunde

    ich habe diesen Text nur angeklickt, weil der Titel so abgedroschen ist. Soll heissen: ich glaube, du könntest mittlerweile mit Dreschflegel-Titeln nur so um dich werfen - ich würde dich trotzdem lesen !

    Nun bin ich erstmal froh, ein Werk von dir kommentieren zu können,
    das noch keine 50 Antworten erhalten hat, und in dem ich auch noch Schwachstellen entdecken darf...

    wie du schon treffend bemerkt hast, fehlt es (auch) hier an Prägnanz.
    Ich meine, du beschreibst Gedankengänge, die für den Leser ohne weiteres selbst leicht erdenklich sind. An einigen Stellen hast du das Prinzip der Reduktion auf das Nennenswerte bereits umsetzen, und zumindest bei mir genügend Neugier zum Weiterlesen wecken können. ´Granit und Basalt´ konnte mich jedenfalls mit dem schwachen Anfang versöhnen. Leider bist du auf dieses Bild im Darauffolgenden nicht mehr näher eingegangen, was mich - gesteinshungrig wie ich bin - schon etwas enttäuscht hat.

    Den Sinn der Raucher-Nichtraucher-Passage kann ich auch nicht wirklich nachvollziehen. Zum einen spiesst sie Klischees bis ins Mark auf, zudem meine ich, dass sie hier wie eine zu sehr gewollte Verbindung zur Welt ausserhalb des genannten Waldes wirkt. Vielleicht wolltest du damit ja eine nüchterne Komponente in dein Bild einbringen, oder die Unterschiedlichkeit der beiden Protagonisten verdeutlichen (?). Sag du es mir...
    (abgesehen davon halte ich Rauchen im Wald für asozial ! )
    In diesem Zusammenhang schreibst du von ´grossen Gesten´, und das scheint mir doch sehr an den Haaren herbeigezogen zu sein. Soll dieser gedankliche Ausflug vielleicht nur als Überleitung zum gestenarmen lyrI dienen ? Es erscheint mir fast so.

    Dann gibt es wieder Stellen wie

    Nach einem kurzen Zögern griff ich hinein, schob den Magen zur Seite und zog mein Herz heraus....und erleichtert stopfte ich mein Herz zurück in den Brustkorb und schloss diesen wieder.

    , die mich begeistern können. Da spüre ich das, was du mitteilen willst unter der Haut, und ich will mehr davon, mehr von diesem Gefühl, das man sich nicht eingesteht und dennoch in sich trägt.

    wie auch immer - ich bin mir sicher, du machst das schon, und es war mir wiedermal eine Freude, zwischen deinen Worten rumdümpeln zu dürfen.

    vlg

    Schattenblume
    Geändert von Schattenblume (09.11.2006 um 14:30 Uhr)
    Tipp für mißachtete Analphabeten: auch hinter einen nicht geschriebenen Satz lässt sich ein Punkt setzen.

  7. #7
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    Hallo Schattenblume,

    Zitat Zitat von dieSchattenblume
    ich habe diesen Text nur angeklickt, weil der Titel so abgedroschen ist. Soll heissen: ich glaube, du könntest mittlerweile mit Dreschflegel-Titeln nur so um dich werfen - ich würde dich trotzdem lesen !
    wow - das ist wirklich nett von dir. Ich werde mich natürlich bemühen, die Anzahl der Dreschflegel-Titeln möglichst gering zu halten, aber das Gefühl, Stammleser zu haben, ist wirklich wunderbar. Das wollte ich einfach mal loswerden und ich danke dir und den anderen, die regelmäßig meine Sachen lesen und kommentieren, sehr herzlich.

    Was die Schwachstellen betrifft: Es freut mich, dass ich dir mal die Gelegenheit bieten konnte, mich so richtig auseinanderzunehmen. Im Ernst: Du hast natürlich vollkommen Recht mit den angesprochenen Kritikpunkten, habe ich sie selbst ja schon als solche erkannt. Daran muss ich noch arbeiten, aber das wird mit der Zeit und Übung. Noch bin ich wirklich nicht lange bei diesem Schreibverein dabei. Wenn ich daran denke, dass manche schon seit zehn, zwanzig, dreißig Jahren schreiben und ich erst seit etwa 1,5 Jahren so richtig, dann ist klar, dass da noch eine Menge Aufholbedarf ist und ich noch viel lernen kann und muss. Reduktion fällt mir immer sehr schwer, wie du schon bemerkt hast, und doch muss das mein erster Ansatzpunkt sein. Sprich: Ich werde bei meinen zukünftigen Texten verstärkt darauf achten. Das ist wenigstens etwas, was offensichtlich und leicht zu erkennen ist. Problematischer für mich wäre es, wenn man mir beispielsweise sagen würde, dass mein Stil ganz allgemein einfach mies ist. Denn das zu ändern wäre wohl so gut wie unmöglich. Hier weiß ich aber ganz konkret, was ich zu tun habe und ich werde das in Zukunft natürlich beherzigen.

    Das Granit-und-Basalt-Bild: Das war nur zur Verdeutlichung, dass der Erzähler tatsächlich ein Herz aus Stein hat. Mit dieser Konkretisierung wollte ich dem Leser die letzten Zweifel nehmen. Weitere Bedeutung hat die Gesteinsmischung aber nicht. Da muss ich dich, gesteinsverliebt hin oder her, leider im Regen stehen lassen.

    Die Raucher-Nichtraucher-Passage: Wie du schon bemerkt hast, ging es mir hier um die Verbindung von Innenwelt und Außenwelt, wie du es bezeichnet hast. Ich wollte hier zweierlei aufzeigen, nämlich dass die Liebe tatsächlich von diesen kleinen Gesten, die sie selbst als große Gesten bezeichnet, abhängig ist. Dazu muss ich sagen, dass ich persönlich das Anzünden einer Zigarette faszinierend finde - und das als Nichtraucher. Aber man kann eine Menge Mimik und Gestik in das Anzünden selbst legen, man kann die Zigarette beiläufig anzünden, man kann sie mit einer gewissen Erotik anzünden, mit einem verschmitzten Charme, verlegen - für mich kann man durch das simple Anzünden einer Zigarette eine Menge an Zeichen senden an den, der das Anzünden der Zigarette beobachtet. Nicht umsonst ist es in Hollywood-Filmen immer ein sehr spannungsintensiver, knisternder Moment, wenn der Held der Verdächtigen (beispielsweise) Feuer gibt. Das mag nun eigenartig für dich klingen, aber das ist nun mal meine Sichtweise hier und das habe ich den Text hineingelegt. Das wäre mal der erste Aspekt. Der zweite Aspekt ist, dass ich die Liebe selbst als fehlbar, lasterhaft darstellen wollte, denn Rauchen ist nun mal ein Laster, das auf mangelnder Selbstdisziplin (in dieser Hinsicht) beruht, denn jeder weiß, dass Rauchen gesundheitsschädigend ist und trotzdem rauchen so viele. Die fehlerhafte Liebe, die von ihrem kleinen Laster nicht loskommt, ist ein Gedanke, der mir sehr gut gefallen hat. Der Erzähler hingegen muss Nichtraucher sein, denn er will a) niemanden beeindrucken durchs Rauchen (so fängt es ja meistens an) und b) ist Rauchen doch eher gesellschaftlich bedingt (so rauchen die meisten beim Fortgehen am meisten), was ich hier für den Erzähler auch als nicht gegeben sehe. Ich denke nicht, dass der Erzähler jemand ist, der oft und gerne in Gesellschaft ist.

    So viel zu diesem.

    Vielleicht werde ich mir in einer ruhigen und inspirierten Stunde den Text noch mal zur Brust nehmen. Anregungen habe ich ja jetzt genug, wo ich ansetzen könnte.

    Vielen Dank für deine ausführliche und konstruktive Kritik.

    Liebe Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
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