Thema: Be-sinnung

  1. #1
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    Be-sinnung

    Vor mir liegt ein Blatt Papier,
    möcht es gern mit Versen füllen.
    Meinen Schaffensdrang zu stillen,
    sitz ich schon sehr lange hier,
    warte auf den Musenkuss.
    Der Reim gelingt, noch fehlt`s an Sinn,
    Sinn muss sein, Sinn ist Gewinn!
    Sag mir selbst, es soll, es muss
    weiter Reim auf Reim gelingen,
    will meinem Schatz ein Liedchen singen.

    Stelle mir mein Liebchen vor:
    Mund und Nase, Auge, Ohr,
    Schultern, Hüfte, volle Brust,
    beneide dabei still die Bluse,
    .....ist das noch die holde Muse,
    die das Auge voller Lust
    auf den Bauch, die Beine lenkt,
    auf halben Weg Erregung schenkt?
    Augen zu! Kopf wieder hoch!
    Der Sinn, der Sinn fehlt immer noch.

    Den Musenkuss nun abzuwarten
    ging ich `nunter in den Garten,
    verließ die düstre Dichterstube,
    wo ein loser Lotterbube
    frivolen Angriff fast vollbrachte.
    Hier steigt in meine Nase sachte
    ein Hauch Paris, ein zarter Duft
    schwebt lockend in der Sommerluft.
    Parfüm Givenchy auf nackter Haut
    wieder den Weg zum Sinn verbaut.

    Nein!, es soll dir nicht gelingen,
    mich vom Reimen abzubringen.
    Küsst auch süß dein Honigmund
    mir Poetenlippen wund .....
    fühl mich wie im Paradiese,
    o Erdbeerlippen, Himbeersüße!
    Huris wollen mich geleiten
    zum Liebesmahle, Tanz und Wein,
    Pegasus!, dich wollt ich reiten,
    und nun ... fällt mir nichts mehr ein.

    Leiser wird der Engelsang,
    zärtlich-rauer Stimmenklang
    hat mich lieblich aufgeweckt.
    Ach, ich sehe ganz erschreckt
    aufs Papier - es ist noch leer!
    Lausch viel lieber deinen Worten,
    Hoffnung hab ich eh` nicht mehr,
    Dichterkränze mir zu horten.
    Mehr als Lorbeer freut es mich,
    flüsterst du: Ich liebe dich.

    Muse wollt sich nicht erbarmen,
    aber du in meinen Armen
    bist der prächtigste Gewinn!
    Wenn wir beide zwischen Sternen
    nach Gottes Wunsch e i n Wesen sind,
    was schert mich Reim, wer fragt nach Sinn,
    wenn selbst die Hände sehen lernen?
    Ist alles andre nicht Haschen nach Wind?
    Was soll dann Sinn und Reim, Papier?
    Ich liebe dich und bin bei dir.

  2. #2
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    Guten Morgen Heinzi

    Ich erspare es mir, hier zu xen. Dein Gedicht liest sich flüssig und es gefällt mir sehr
    gut. Wie oft möchte man schreiben und sitzt vor dem leeren Blatt Papier, das sich
    einfach nicht mit Worten füllen mag, oder verwirft was man geschrieben hat, Blatt
    um Blatt...

    Schön, dass nur das LI diese Probleme hat, und nicht du

    Gerne gelesen

    liebe Grüße

    Shadow...
    neu: Düsteres Tal
    Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt den Augen verborgen.
    ( Der kleine Prinz, Saint Exupéry )


  3. #3
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    Moin, Moin, liebe Lady
    Du bist ja schneller als der Schall! Vielen Dank für Deine verständnisvollen Worte.
    Liebe Grüße, heinzi

  4. #4
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    Liebe diechallenger,
    Du hast Dich ja richtig als Archäologin betätigt, so tief war dieses Frühwerk meiner Reimphase schon unter dem Abraum verschwunden. "Nachgooglen" - was eine hübsche Wortschöpfung. Nee, meistens braucht man das bei mir nicht. Und wenn was unverständlich ist, bin ich ja immer gern bereit zur Aufklärung.
    Vielen Dank für Dein Lob (ich müsste jetzt eigentlich noch ein Bild der Dame hinzu fügen, aber Givenchy-Duft, den muss man sich schon in einer Parfümerie vorduften lassen).
    Liebe Grüße,
    Heinz

  5. #5
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    Be-sinnung

    Lieber Heinz,
    das Besondere an deinem Gedicht ist die "Unabsichtlichkeit".
    Du beginnst mit der "Qual des Schreibens" und gehst über zum schönen Liebesgedicht.
    Das Gedicht entsteht eigentlich, indem du vom Thema abweichst. Einfach schön und vom Gedankengang genial.
    Liebe Grüße
    Dana
    Die Seele ist kein Wasser, dessen Tiefe gemessen werden kann. (ind. Sprichwort)

    - Ich bin umgezogen. Meine neue Zuhause-Seite ist in meinem Profil zu finden -

  6. #6
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    Guten Morgen, liebe Dana,
    uiii, "vom Gedankengang genial", - Du machst mich verlegen. Ich danke Dir für Deine lobenden Worte! Das Abweichen vom Thema - hast ja völlig Recht - habe ich aber verschämt in der Überschrift versucht anzudeuten. Be-sinnung sollte signalisieren, dass die Sinne gewissermaßen zurück kehren, besser: Die Sinnlichkeit, denn Gedichte schreiben ist ja eher eine intellektuelle Betätigung.
    Egal - wenn Du die Folgestrophen als schönes Liebesgedicht empfindest, habe ich mein Ziel erreicht.
    Liebe Grüße, Du slawische Seele,
    Heinz

  7. #7
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    Entzückend! Ich liebe dieses Gedicht. Oft durchbricht man die Blockade, ohne dass man es ahnt!
    Vorallem das Ende ist wahnsinnig entzückend!
    al cori

  8. #8
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    Hallo Heizi,
    ein hübsches Gedicht mit langem Anlauf.
    Gelegentlich erlaubst du dir kleine Ausbrüche aus dem Rhythmus, der im übrigen, wie immer bei dir, sehr regelmäßig ist:
    S.1: alles trochäisch, außer: der Reim gelingt.. Warum nicht einfach "Der"
    weglassen?
    S.2.Z. 4, 8: dito, aber M.E. leicht zu bereinigen.
    S.3. im wesentlichen jambisch.
    Givenchy würde ich auf der letzten Sibe betonen. Vor vielen Jahren habe ich in Paris gelernt, wie man Parfum kauft: Beide Unterarme frei, etwa je 3 Proben auftragen, Namen und Reihenfolge notieren, und eine halbe Stunde einwirken lassen. Danach erst kaufen. Damals habe ich mich für Givenchy entschieden.
    S.4. Wieder Troch.
    Z.6 "o" entbehrlich?
    Naja, es ist alles nicht so wichtig. Ich bin da kein Feteschist.
    Liebe Grüße,
    P.

  9. #9
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    Liebe cori,
    Du findest ein Ding von mir entzückend. Das freut mich! Tausend Dank für Deinen Beitrag!
    Liebe Grüße,
    Heinz
    Hi, parlevio,
    die kleinen Schwächen kenne ich. Es handelt sich um ein Werklein meiner Frühzeit, da war ich mit den Trochäen und Jamben noch nicht per Du. Ich will mal sehen, wenn es meine Zeit erlaubt, werde ich Deine Verbesserungsvorschläge berücksichtigen und einbauen. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ein jambischer Vers das Gefüge und die Lesbarkeit so zerrüttet. Ich verspreche Dir, ich werde drüber nachdenekn.
    Vielen Dank für Deinen Beitrag!
    Liebe Grüße,
    Heinz

  10. #10
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    hallo heinz,
    hier greift mein motto:wer nicht sucht der findet..dein leeres blatt füllt sich so ganz nebenbei mit worten..und man vergißt wirklich daß man gerade dabei ist ein Gedicht zu lesen..sondern ist eher in einem Gedanken karussell unterwegs..sehr gern gelesen..war ja noch vor meiner zeit..grüße Stundenblume
    "Ich lösche meinen Durst an Räumen die ich füllen kann"

  11. #11
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    Hallo, Stundenblume,
    vielen Dank für`s Lesen. "Vor Deiner Zeit"? Nee, so alt ist das Ding nun auch wieder nicht.
    Liebe Grüße,
    Heinz

  12. #12
    Tessa Guest
    Lieber Heinz,

    ich habe dein Gedicht wirklich gern gelesen und werde es auch gleich noch einmal tun.
    Ganz recht, das wahre Leben findet nicht auf dem Papier statt und hin und wieder muss es auch mal beiseite gelegt werden, alles andere dann einfach genießen.
    Nur so lässt sich eine Balance halten zwischen dem Schreiben, dem Leben und der Liebe.

    Du hast in deinem Werk schöne Stimmungen und Gedankengänge verarbeitet, ich schwebte förmlich durch den Text und konnte mir jede Situation bestens vorstellen, vor allem aber, wie der Dichter abschweift, zurückkehrt, wieder an etwas anderes denkt, sich selbst ermahnt...
    einfach gelungen diese Passagen.

    Du weiß, wie gern ich deine Gedichte lesen, dieses gefällt mir besonders gut. Feine, gefühlvolle Wortwahl und eine leise Melodie.
    Wieder etwas barok, aber ich mag das "Liebchen" richtig gern.
    Einzig IHR Parfüm...schüttel...das mag ich gar nicht, aber das ist wohl mehr als subjektiv, zwinker.
    Ich empfehle DKNY, was sich leserhythmisch allerdings nicht so gut macht, auf der Haut aber schon.
    Gut, dann könnte ich noch ANGEL oder OPIUM beisteuern, passt besser in ein Gedicht, nun aber genug, jeder darf seine Favoriten haben und wo kämen wir denn hin, wenn alle gleich riechen würden.
    Bin Geruchsfetischist.

    Nochmals mein großes Kompliment,
    ganz liebe Grüße,
    Tessa

  13. #13
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    Liebe Tessa,
    erst einmal herzlichen Dank für Deine anerkennenden Worte!
    Was Parfum angeht, na ja, als Frau weißt Du ja, dass ein Parfum auf jeder Haut anders duftet. Und Givenchy, das war eben "der" Duft, der mich einmal sehr bezaubert hat. An Ambraduft (den ich ja schon mindestens zweimal verwendet habe) komme ich selbst in den besten Parfümerien nicht ran. Deine Interpretation im zweiten Satz ist wie immer treffsicher und ich freue mich, dass ich meine Absicht erreicht habe.
    Liebe Grüße,
    Heinz

  14. #14
    Falderwald Guest
    Lieber Heinz,

    weißt du was mein Problem ist?
    Auch wenn du es gar nicht wissen willst, ich will immer ein Gedicht von dir kommentieren und sehe, es hat schon 20 oder 30 Antworten.
    Kein Neid, im Gegenteil ich bedaure dich, da du ja auch immer zurückschreiben mußt, aber ich will mich dann auch nicht noch hinten dranhängen.
    Dieses Gedicht hat erst schlappe dreizehn Antworten und da habe ich gedacht, schauste mal rein und dann so'n Ding.
    Da schreiben die Kerle bei meinem letzten Gedicht es wäre zu lang (mickrige 32 Zeilen) und dann sehe ich sowas hier.


    Den Heinz, den plagten arge Nöte,
    saß er doch wartend vorm Papier,
    auf daß Gelegenheit sich böte,
    um etwas hinzuschreiben hier.

    Ein wenig Poesie und Dichtung,
    doch fehlte ihm dazu der Sinn,
    kam nicht mal nahe in die Richtung,
    es fehlte sogar der Beginn.

    Die Muse wollt' ihn nicht erfreuen,
    auf dem Blatt kein einz'ger Klecks,
    da dachte er so zum Zerstreuen
    ganz lüstern mal an wilden Sex.

    Ach wär' es schön ganz lieb zu Schmusen,
    schon brannte Heinzi lichterloh,
    ein runder Po, ein praller Busen
    macht auch den ärmsten Dichter froh.

    Da lockte ein beweibtes Treiben
    und stellte ihn nun vor die Wahl,
    entweder lieben oder schreiben,
    da ward das Dichten ihm egal...

    Ich denke, so oder so ähnlich waren deine Intentionen zu diesem Werk hier.

    Ja, was soll ich sagen?
    Sehr schön, blumige Wortwahl, vielleicht wirklich ein wenig lang, aber ohne eigentlichen Längen und gekonnt umgesetzt.

    Gerne gelesen und kommentiert...


    Liebe Grüße

    Bis bald

    Falderwald

  15. #15
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    Guten Abend, lieber Falderwald,
    Deine Antworten sind ja schon manchmal besser als die Grundlage für den Beitrag. Ja, ist ein bisschen lang geworden, aber die Kürze ist nicht so mein Ding. Villon: Wer lang hat, der lässt lang hängen! Ich freue mich immer über Deine Kommentare! Dass die Leser/innen bei mir weniger über die Länge meckern als bei Dir, hat mit der Qualität des Geschriebenen wahrscheinlich nichts zu tun. Ich denke eher, dass andere Sachen von mir noch länger sind und bei so einem "kurzen" Ding Erleichterung darüber eintritt, dass nicht noch vier Strophen folgen.
    Übrigens: Z w e i u n d d r e i s s i g ist deutlich länger als fünfzig.
    Ich danke Dir für Deinen sehr netten Kommentar!
    Liebe Grüße,
    Heinz

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