Die Insel
Mein Bruder bemerkt den kleinen dicken Hobbit und seine Familie, die völlig selbstvergessen in aller Öffentlichkeit ein kleines Furzkonzert veranstaltet. „So ein dicker Bauch ! Das würde der Zeljko niemals zulassen“, sagt eine etwa 20jährige Opernsängerin auf Kroatisch. Ich schaue zu ihr hinüber und überlege, warum sie den dicken Bauch des kleinen Hobbits nicht einfach Bauch lassen sein kann. Ein Hobbit ohne Bauch ist wie eine Opernsängerin mit piepsiger Stimme. Die Opernsängerin setzt ihre Sonnenbrille auf. Ich begutachte ihre Beine und alles, was ihr Körper noch so zu bieten hat.


Auf der anderen Seite des Felsens sitzt ein Mädchen mit Sommersprossen, eingehüllt in einem grünen Handtuch, das sie den ganzen Tag über nicht auszieht. Ihre Freundin, Schwester oder Cousine lässt sie meistens den ganzen Tag einfach so da sitzen. Nur manchmal wirft sie einen schrägen Blick hinüber und meint, dass sie „jetzt doch endlich mal dieses hässliche Handtuch ausziehen soll“. Das Mädchen mit den vielen Sommersprossen antwortet nie und starrt den ganzen Tag regungslos aufs offene Meer. Gebrochenes Herz, denke ich. Ich schlürfe an meinem Bananendrink als Erwin, der arbeitslose Schiffskapitän aus Australien vorbeikommt und mich fragt, wie ich denn gestern Nacht gepennt hätte. Erwin ist ein sehr langsamer Bursche aber irgendwie scheint er hier jeden zu kennen - vor allem die „hübschen Bienen“ aus Übersee, die hier Ausschau nach Südländern halten. Er hat sich mit der Rolle des Vermittlers zufrieden gegeben. Auch mich vermittelt er andauernd, wahrscheinlich weil ich südländisch aussehe und das bei den „Übersee-Bienen“ gut ankommt. Dabei ist mit mir außer beobachten und Cocktails schlürfen nicht viel los diesen Sommer. Ich überlege, ob ich nicht einfach mit Erwin losziehe und auf Schiffen als Matrose anheuere.

Mein Bruder denkt nur ans Vögeln. Er gibt nie Kommentare zu Erwin ab. Nur zu den Schnecken hier am Felsen und den Schnecken dort unten in der Altstadt und sonst wo. Also habe ich meine Konversationsthemen für ein paar Tage auf Titten und Ärsche beschränkt, um nicht ganz so „luschihaft“, wie mein Bruder immer so schon sagt, „rüberzukommen“. Erwin will heute auf die Insel schwimmen. Ich sage ich hätte keine Lust auf „so etwas Anstrengendes“. Mein Bruder meint, ich sei eine „Lusche“ und ich solle doch mitkommen. Die Amerikanerin von gestern ist auch da. Sie meint, mein Bruder hätte Recht. Ich sein eine „Lusche“. Am Tag zuvor massierten wir ihre Schultern und mein Bruder wollte schon Wetten mit mir abschließen, wen sie denn als erstes mit in ihren Bungalow nimmt. Die Amerikanerin aus Washington, die hier nach drei Scheidungen und dem 4. Job Immobilien an der kroatischen Adria an reiche Kalifornier verkauft meinte, dass der große Bruder besser gewesen sei und das wahrscheinlich am Altersunterschied läge. Ich sage schließlich doch „na gut, lass uns rüber schwimmen“ und halte Ausschau nach einer Blondine, die mich vorher angelächelt hatte. Sie hat einige Kilos zu viel denke ich, so wie auch die Amerikanern und überhaupt so ungefähr die Hälfte aller Frauen die ich diesen Sommer kennen lerne. Die andere Hälfte ist mager und brustlos. „Interessant“, denke ich und mache mir darüber keine weiteren Gedanken.

Die Amerikanerin will jetzt schwimmen gehen. Mein Bruder meint, die Insel sei mindestens 8 Kilometer entfernt. Er müsse das unbedingt seiner Freundin in Deutschland erzählen. Erwin schüttelt den Kopf und meint, nein es seien nur 800 Meter. Ich lache nicht, weil ich Entfernungen genauso schlecht einschätzen kann und wahrscheinlich 3 Kilometer gesagt hätte. Ich überlege, ob die Amerikanerin wohl noch eine weitere Massage auf der Insel haben möchte und stelle mir vor, wie mein Bruder die zweite Massageaktion auf der Insel anzetteln wird. Mich langweilt das eigentlich alles. Ein bleicher Psychologiestudent aus Ohio möchte wissen wo man in Heidelberg ausgehen kann. Ich sage, er soll warten bis ich von der Insel zurückkomme und auf dem Weg dorthin werde ich mir das überlegen. Der kleine Hobbit grüsst uns freundlich und geht runter zur Promenade Kletteraffen verkaufen. Er meint, jetzt sei die beste Zeit dafür, zwischen 15 und 18 Uhr. Er erzählt uns von Prag und dass Prag unter Wasser liegen würde. Auch von den beiden Opernsängerinnen erzählt er, die gestern mit seinen tschechischen Freunden Nacktbaden waren. Ich frage, ob sie denn auch gesungen hätten. Der Hobbit meint nein, nicht dass er wüsste und schenkt uns seine handgeschriebene Visitenkarte, auf der „Hobbit“ steht und eine Adresse in Prag. Wir springen kopfüber ins Wasser. Ich frage meinen Bruder nach jedem Sprung, ob ich diesmal meine Beine schon wieder verkrümmt habe. Er sagt, ja wie immer.

Wir schwimmen nicht um die Wette, weil die Strömung zu stark ist. Erwin scheinen Strömungen nichts auszumachen. Er schwimmt wie ein Delphin und dabei wiegt er mindestens 120 Kilo, wenn nicht mehr. Die Strecke die wir zurücklegen ist nicht lang und trotzdem fühle ich mich so, als müsste ich all meine lädierte Willenskraft aufbringen, um es auf die Insel zu schaffen. Ich komme dennoch als erster dort an, weil Erwin auf meinen Bruder und die Amerikanerin aufpasst. Sie gratuliert mir und mein Bruder kann gar nicht mehr ans Massieren denken weil er völlig kaputt ist. Ich bin auch kaputt und denke an die Blondine, die mich angelächelt hatte. Wir sonnen uns und ruhen für eine halbe Stunde. Erwin und die Amerikanerin reden über Immobilien. Ich und mein Bruder über Frauen und Beziehungen im Allgemeinen. Nach einer Weile schwimmen wir zurück. Diesmal dauert es ungefähr doppelt so lang und fast werde ich von einem rieseigen Dampfer platt gemacht. Ich erreiche als zweiter den Felsen. Erwin liegt in der Sonne und ruht sich aus. Er grinst und meint, jetzt hätte ich mir die Zigarette danach wahrhaft verdient. Die Amerikanerin verflucht meine Nikotinabhängigkeit, weil sie gerne länger auf der Insel geblieben wäre und meint, sie hätte fast einen Schock gekriegt als der riesige Dampfer mich fast platt gemacht hat. Wir verabreden uns für später am selben Ort, denn am Felsen werden nachts Beach Partys veranstaltet.

Die Beach Party

Mein Bruder schaut aufs offene Meer und meint hier sei’s schön. Wir sitzen in unserem kleinen Zimmer in der Dubrovniker Altstadt mit Blick auf eine Bucht. Es ist etwa 20 Uhr und die Sonne geht langsam unter. Wir sind jetzt seit 5 Tagen in dieser weißen Stadt aus Marmor. Das letzte Mal waren wir mit unseren Eltern in den 80er Jahren hier, bevor es der Bürgerkrieg unmöglich machte Urlaub an der kroatischen Adriaküste zu machen. Meine Kindheitserinnerungen sind auch Schuld daran, dass ich hier mit meinem Bruder 15 Jahre später zurückkehre. Dubrovnik erschien mir schon immer als eine Art verlorenes Kindheitsparadies. Die schönsten Urlaubsfotos in Mutters Familienalbum stammen aus Dubrovnik. Auf einem Foto trage ich eine dieser braunen Halsbänder, die damals alle trugen, stehe barfüssig auf dem glatten Marmorboden vor dem Brunnen im Zentrum der Stadt, braun gebrannt und lächelnd. Ich erinnere mich, dass wir damals mit meinen Großeltern im Urlaub waren. Großvater wollte dauernd Fische essen. Vater sparte an allen Ecken und Enden, so dass wir im Supermarkt einkauften und in einem schäbigen Zimmer, das ungefähr eine halbe stunde Fußmarsch von der Altstadt entfernt war, zu sechst schliefen, Karten spielten und Tütensuppen aßen. Wir reden über diese Erinnerungen, witzeln und rätseln woran Vater überall zu sparen versuchte.

Mein Bruder braucht unterdessen Ewigkeiten um sich zum Weggehen fertigzumachen, so dass wir uns jeden Abend dieselben Anekdoten erzählen. Ich liege im Bett und warte darauf, dass jede Strähne richtig sitzt und bis soviel Parfum in der Luft liegt, dass man selbst beim Ausatmen nach Calvin Kline riecht. Schließlich glaubt mein Bruder fertig gestylt zu sein und fragt, warum ich denn immer noch im Bett liegen würde. Er meint, mein T-Shirt sähe beschissen aus und kramt deshalb eines seiner Che Guevera T-Shirts aus der Tasche, das gerade „mega trendy“ sein soll. Ich vertraue seiner Meinung nicht, ziehe das Che Guevara T-Shirt aber dennoch an. Ein paar Gedanken verliere ich an Kuba, und dass es dort wohl auch sehr nette Beach Partys geben müsste.

Die Abende in Dubrovnik haben einen besonderen Zauber. Die weiße Stadt leuchtet geradezu. An allen Ecken Straßenmusikanten. Wir setzen uns auf den Boden und hören einem Zigeuner mit Gitarre zu, der irische Folksongs zum Besten gibt. Ich frage mich, warum er nicht Zigeuner Lieder singt, aber seine Interpretation irischer Liebeslieder ist ausgesprochen authentisch und so stört es mich nicht weiter, dass der Zigeuner keine roten Haare und keinen irischen Akzent hat. Mein Bruder meint, die beiden süßen Opernsängerinnen wollen heute Abend in das Jazzcafé. Wir sitzen bereits seit 4 Tagen nebeneinander am Felsen, lächeln uns ab und zu an und geben Kommentare zu diesem oder jenem ab. Wahrscheinlich denken sie, wir seien Deutsche, meint mein Bruder. Da wir ihre Kommentare und neckischen Blicke verstanden haben, sind wir heute Abend guter Dinge.

Als wir im Jazzcafé ankommen, sind die beiden noch nicht da und so setzen wir uns und hören den beiden Musikern, einem Pianisten und einem Sänger zu. Sie spielen Nat King Cole Sachen, auch ein paar Sinatra Songs sind darunter. Die Blondine, die mich am Felsen angelächelt hatte, ist auch da. Ich werfe ihr einige neugierige Blicke zu, die zu meiner Überraschung genauso neugierig erwidert werden. Sie sitzt mit zwei Freundinnen zwei Stühle weiter von uns entfernt. Die drei Mädchen unterhalten sich auf Deutsch. Es geht um einen Film, der „No Man’s Land“ heißt und von dem ich gehört habe. Mein Bruder fragt die atemberaubende Blondine im luftigen Sommerkleid wie der Film noch mal heißen würde, und so kommen wir ins Gespräch.

Die Blondine versucht den Plot des Films in einem Atemzug runterzurattern, verwickelt sich jedoch andauernd in Nebenstränge und Details. Mir kommt diese Art des Erzählens irgendwie bekannt vor und so höre ich mit halb fasziniertem, halb neugierigem Gesichtsausdruck zu. Ich frage mich, ob ich nicht besser die Finger davon lassen sollte und überlege mir eine barsche Unterbrechung und wie ich ein möglichst desinteressiertes Gesicht auflege. Aber es ist bereits zu spät. Der Pianist spielt "Nature Boy" von Nat King Cole, in dem die Zeile "The greatest thing you'll ever learn is to love and to be loved in return" vorkommt und ich bin gebannt von ihrem Wasserfall an Worten und kann nur schwerfällig folgen.

Mein Bruder beginnt unterdessen eine Unterhaltung mit ihrer Freundin und sehr mutig sage ich zur Blondine, dass sie sich doch neben mich setzen und mir den Rest des Plots erzählen soll. Sie zögert etwas, setzt sich dann aber in einem unerwarteten Moment und mit einer Bewegung, die mich an jemand anderes erinnert, neben mich. Sie heißt Katharina, kommt aus Bonn, studiert Jura und würde aber viel lieber Filmkritikerin werden. Ich erzähle ihr, dass ich als Filmkritiker für eine Tageszeitung gearbeitet habe und dass das gar nicht so toll sei. Sie erzählt von einem Brasilien Urlaub im Regenwald und ich von meiner Ex - Freundin. Sie von ihrem Ex - Freund und von zahlreichen „Rebounds“ und wie sehr er sie verletzt hätte. Ich verstehe alles, nicke immerzu mit dem Kopf, starre auf ihre braun gebrannten Beine und wünsche mir einer ihrer Rebounds für eine Nacht zu sein.

Wir reden auch über Bücher, Filme und Musik und ich ertappe mich dabei, Vergleiche mit dieser anderen Frau zu ziehen. „Verblüffend“, denke ich und versuche Katharinas Wasserfall mit kurzen Zwischenfragen zu erwidern, so dass sie den Eindruck bekommt, ich sei ein guter Zuhörer. Mein Bruder betrinkt sich währenddessen mit ihrer Freundin, die Palästinenserin ist, Nurit heißt und einen etwas stämmigeren Eindruck macht. Natürlich soll der große Bruder alle Tequillas bezahlen. Mir ist klar worum es meinem Bruder heute Abend geht und die Situation kann gar nicht unangenehmer sein, da mir das zu unromantisch ist und da Nurit den Absichten meines Bruders nicht abgeneigt zu sein scheint. Nurit verschwindet urplötzlich in die Toilette und kurz darauf folgt ihr mein Bruder. Katharina setzt ein entsetztes Gesicht auf und fragt mich, ihre Vergnügtheit überspielend, ob sie es denn jetzt da drin tun würden. Ich bemerke trocken, dass es da doch viel zu eng sei.

Sie meint in einer Toilette würde sie es nie machen wollen und ich frage sie deshalb wo sie es denn in Dubrovnik am liebsten machen würde. Sie meint, nachts auf der Stadtmauer mit Blick aufs offene Meer. Ich stelle mir das ungemein romantisch vor, sorge mich jedoch gleichzeitig um das Wohlergehen der Palästinenserin. Die beiden kommen etwa zehn Minuten später aus der Toilette. Mein Bruder grinst, Nurit scheint etwas verwirrt. Katharina meint, „das ist ja kein besonders schöner Ort für eine eigentlich recht schöne Sache“. Ich sage nichts und frage mich, wie ich die Situation noch retten kann. Das ganze erledigt sich von selbst, da die vernachlässigte und deshalb gelangweilte dritte Freundin meint, ihr würde es schlecht gehen und sie wolle ins Bett. Das kommt davon, wenn man sie nicht alle bei Laune hält, denke ich und beginne die zweite Freundin insgeheim zu hassen.

In der Zwischenzeit sind die beiden Opernsängerinnen angekommen und setzen sich kichernd zu uns. Mein Bruder verliert augenblicklich das Interesse an der stämmigen Palästinenserin und ist jetzt ganz Ohr für die schönen Stimmen der Opernsängerinnen. Mir wird das ganze zu viel und so spreche ich ein Machtwort. Wir würden jetzt zur Beach Party gehen, sage ich, und wer mitkommen will, soll mitkommen. Nurit und die Opernsängerinnen wollen mit. Katharina erklärt, sie würde ihre Freundin begleiten und ist ohnehin müde und wolle sich ausruhen. Ich fühle mich geschlagen und mein Hass steigert sich ins Unermessliche. Wir verabschieden uns dennoch einigermaßen freundlich und tauschen E-Mail Adressen. Ich schaue zurück über meine Schulter. Sie tut dasselbe. Ich gehe ein paar Schritte und schaue noch mal zurück und denke, verdammt noch mal kann ja wohl nicht wahr sein. Unsere Blicke begegnen sich ein zweites Mal. Ich wende mich ab, da ich nicht den blassesten Schimmer habe was tun. Ich denke, mit mir ist diesen Sommer ohnehin nicht viel mehr los außer Cocktails schlürfen und Leute beobachten und lass die Situation so bitter-süß ausklingen wie sie wohl auch ausklingen soll. Meinem Bruder erzähle ich, ich habe mich verliebt. In wen, fragt er. Ich antworte: „Idiot“.

Auf der Beach Party zeigt mir Erwin seine Urlaubsfotos. Ich bemerke Lana, die hübsche kroatische Bedienung, die in London Design studieren will. Auf einem anderen Felsen sitzt die neuseeländische Ballett Choreographin mit ihren 3 Tänzerinnen und winkt mich zu sich. Sie hat grüne Augen und ich frage mich ob sie vielleicht lesbisch oder bisexuell ist, weil das ja alle Tänzerinnen sind. Sie meint, es hätte sich herumgesprochen, dass ich mit meinem Bruder, Erwin und der Amerikanerin zur Insel geschwommen bin und fragt, ob wir denn verrückt seien. Wir sprechen auf Englisch und auf Englisch bin ich meistens eher kurz angebunden und etwas ruppig. Und so sage ich, dass es gar nicht so weit ist, nur ein wenig anstrengend.

Eine der Tänzerinnen ist Slowenin. Sie trägt ein sehr knappes und eng anliegendes silbernes Röckchen mit einem goldenen, orientalischen Kopfschmuck. Sie erzählt von ihrem Freund, der Schauspieler war und bei einem Sprung von der Dubrovniker Altstadtmauer ums Leben gekommen ist. Das Leben ist voll von diesen Ironien, meint sie. Bekannt sei er nämlich durch einen Werbespot geworden, in dem er von einer Klippe springt. Ich frage mich, ob die beiden es miteinander treiben und wie es wohl bei Proben hinter der Bühne zugeht oder ob beide mit mir ins Bett wollen, oder ob mir der Joint, den die beiden mir anbieten bereits in den Kopf steigt.

Mein Bruder ist mittlerweile verschwunden. Auch die Opernsängerinnen und Nurit. Zu viert, frage ich mich, schüttle den Kopf und schiebe diese Phantasien in den Bereich der durch Marihuana entfesselten Phantasie. Mir wird das alles zu viel und so verabschiede ich mich von den beiden Sirenen und leiste Erwin etwas Gesellschaft. Da Erwin ein recht langsamer Bursche ist, wird recht wenig gesprochen in seiner Anwesenheit. Ich halte das für eine Gabe und bemerke lapidar, dass er der interessanteste Typ sei, den ich bisher im Urlaub kennen gelernt habe. Er klopft auf meine Schulter und meint „well good“. Ich setze mich zu einer Gruppe junger Kroaten, wo auch Lana sitzt. Lana hat eine noch viel schönere Stimme als die beiden Opernsängerinnen und so höre ich ihr andächtig beim Erzählen zu, so wie drei andere kroatische Jungs, die allesamt aus Zagreb kommen und eigentlich gar nicht in Zagreb sein wollen. Auch Lana will nicht in Zagreb sein. Sie möchte in London Design studieren und da ich zu dieser Zeit in London studiere, interessiert sie sich für Wohnungspreise, Studienplätze und für das Nachtleben in London. Ich erzähle ihr was es von dieser verregneten Stadt so alles zu erzählen gibt und rate ihr in Dubrovnik zu bleiben, wo der Himmel immer blau ist und die frische Meeresluft lebendig macht. Sie meint, hier gäbe es keine Jobs und keine Zukunft. Ich antworte, dass ich ihr helfen würde, falls sie in London Hilfe braucht. Ihr Freund macht ein skeptisches Gesicht und erzählt mir von kroatischen Popbands, die ich nicht kenne. Er redet so viel, dass es mir bald zu anstrengend wird und so verabschiede ich mich freundlich von der Gruppe, in der jeder zweite in den Westen auswandern will. Ich laufe alleine nach Hause und beobachte auf dem Heimweg, wie die slowenische Tänzerin einen Typ mit wilden Küssen in eine Gasse schubst.

Die mittelalterlichen Gassen leuchten nur noch matt und ich denke an Katharina und daran, ob sie mich am Felsen morgen wieder anlächelt. Ich erinnere mich an meine Kindheit und wie Großvater abends seine Fischsuppe schlürfte, wie mein Bruder jähzornig Sandburgen baute und wie Vater bei Einheimischen den billigsten Supermarkt der Adriaküste auskundschaftete. Als ich an der Stadtmauer vorbeikomme, setze ich mich und schaue hinunter auf die Altstadt und wünsche, dass Katharina jetzt vorbeikommt.