1. #1
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    Talking Frau Holle (wieder geschüttelt!)

    Einer hübschen, holden gar,
    Goldmarie quoll golden Haar,
    borstig lang an schwachen Beinen,
    struppig wie bei Bachen, Schweinen.
    „Prima!“ rief das feine Mädchen,
    „Ich rasiere meine Fädchen!“,
    schnitt die Borsten, sann versponnen,
    nahm den Knäuel und spann versonnen.

    Ob sie ihrem Schöpfchen traute,
    als sie rote Tröpfchen schaute?
    Hände sah sie schnöde bluten,
    zog verdächtig blöde Schnuten,
    sprang mit Fingerbluten, flau,
    in die Brunnenfluten, blau
    lief sie an, ein Socken troff,
    bis sie Brunnen trocken soff!

    Doch Marie rief: „Hach!“ und weil
    sie noch lebte, wach und heil,
    sah sie einen Ofen, dort
    qualmte er am doofen Ort.
    Stöhnend rief schon Brot zu Taten,
    denn es drohte tot zu braten!
    Ihre Finger, kleine Stumpen,
    bargen schwarze Steine, Klumpen.

    Äpfel riefen: „Beine, Dirne,
    wuchern dir wie deine Birne!“
    Goldmariechen motzte: „Runter!“,
    schlug den Stamm und rotzte munter.
    Apfelpampe jauchte faulend
    und Mariechen fauchte jaulend.
    Scheinbar nahm das Mädel Schaden,
    trafen ihren Schädel Maden.

    Dort am Hang, das olle Haus,
    sah wie von Frau Holle aus.
    Hässlich und mit Zausemähne,
    schrie sie durch die Mausezähne,
    dass Mariechen wetzen solle,
    sich Frau Holle setzen wolle.
    „Marsch zum Kissen hinter wetzen,
    Federn durch den Winter hetzen!“

    Goldmarie ließ Knuten pochen,
    brach in Massen Putenknochen,
    später dann entschwand der Hahn,
    starb durch ihre Hand der Schwan!
    Aus den Federn staubte Schnee.
    Nur Frau Holle schnaubte: „Steh!“,
    die mit Trauermiene weinte,
    weil sie nicht „Lawine“ meinte.

    „Mach, bevor ich dolle hau,
    dich zurück nach Holledau!“
    „Nix! Ich will besoldet gehen,
    meinen Fleiß vergoldet sehen!“
    Ihre fette Molle hopste,
    weil sie Gold der Holle mopste,
    heimwärts hüpfte, protzend strahlte,
    und vor Thalern strotzend, prahlte.

    Doch Marie sah leider neben
    sich so manchen Neider leben,
    denn die faule Schwesterngöre
    rief: „Bin ich von gestern? Schwöre,
    werde dort, statt Rammeln Gaffen,
    bei Frau Holle gammeln, raffen!“,
    schrie, wie sonst nur Hunnen brüllen
    und verschwand in Brunnenhüllen.

    Wusstet ihr, die schlauen Grimm,
    schwiegen hier, das Grauen; schlimm!
    Pechmariechen schliff zum Grund,
    schluckte Schlamm und griff zum Schlund,
    trieb im Schlick wie Scholleneis,
    ruderte im ollen Scheiß!
    Klar, der Schwester Wassernaschen
    unterband ihr nasser Waschen.

    So ein Pech, statt Brote tüten,
    ließ die Faule Tote brüten.
    Auch die Äpfel heulten binnen
    kurzer Zeit und beulten innen,
    weil das Aas die besten riss
    und in deren Resten biss!
    Hin zum Hause hallte: Olle!
    Her mit Gold, du alte Holle!“

    Kindern fehlten Hennenflocken.
    Sah Marie sie flennen, hocken?
    Oh, sie ließ auf kleine Backen
    nackte Hühnerbeine klacken!
    Als sie auf Gerippen liefen,
    schluchzten sie, die Lippen riefen:
    „Schwarze Flocken!“ Knaben rochen,
    an gefrornen Rabenknochen!

    Als das Luder wieder fühlte,
    träge in Gefieder wühlte,
    dass sie es nun wagen solle,
    ihre Wünsche sagen wolle,
    sprach Marie: „Den Zaster, Lack!
    Lad ihn auf den Laster, zack!
    Her mit meinem Gammelsold,
    denn du weißt, ich sammel Gold!“

    Doch Frau Holle stand und tönte:
    „Du begehrst nach Tand?“ und höhnte:
    „Pech, Marie, statt Guldenschar
    blieben mir nur Schulden gar!
    Deine Schwester glaubte, reich
    wäre toll, sie raubte gleich
    Taler, welch gemeine List,
    haute ab, zog Leine, Mist.

    Musstet ihr die Matzen speisen,
    selbst die kleinen Spatzen, Meisen!?“
    Du wirst dulden, was ich schenke,
    hohe Schulden! Was ich denke?
    Zahle Zinsen, wimmer und
    plag dich hier für immer wund!
    Ich fahr ab nach Holledau,
    wo ich mächtig dolle hau!“

    Beide Vogelleichen-Weiber
    heulten, ihre weichen Leiber
    beulten, Kleiderbügel prellten
    bis sie ob der Prügel bellten.
    Ohne goldne Kleider leben
    musste eine, leider kleben
    blieb Marie im ollen Haus,
    sieht, welch Pech, wie Hollen aus!

    Und wenn sie tot statt munter ist,
    dann fault die Faule unter Mist.
    Bist du ernst, mit flachen Lippen,
    solltest du mal lachen, flippen.

  2. #2
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    Hi Steffen,

    danke erstmal für Dein Lob für den durch Feuerland streunenden Löwen! Dieser Schütttelreim jedenfalls zeigt die unglaubliche Fähigkeit auf, die Du nun auch wieder mit der Frau Holle unter Beweis stellst! Ich kann höchstens vielleicht 20 solcher Dinger vorweisen, wohingegen Du kiloweise ins Rennen schickst. Ich allerdings habe, gebe ich zu, ein Faible für die und deshalb trifft Dich massiv meine echte Bewunderung.

    Ich weiss ntürlich und erlebe es ja auch hier, dass die Schüttelreimung durchaus kontrovers diskutiert wird, wobei sehr häufig mit zweierlei Maß gemessen wird, denn grottenschlechte Simpelgedichte werden hoch gelobt und ereichen schwindelerregende Werte der Beachtung, während raffinierte Texte erstaunlich wenig beachtet und kommentiert werden.

    Deine Frau Holle jedenfalls ist wieder ein echter "Steffen" mit abenteuerlichen Schüttelreimen in einer Vielzahl und delikatesse, die ihres Gleichen sucht!!!

    Liebe und sehr bewundernde Grüße
    von Bruno

  3. #3
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    Hallo Steffen,

    ich bin sprachlos - was muss das für eine gewaltige Arbeit gewesen sein! Du hast meinen vollen Respekt, das muss dir erst einmal wer nachmachen! (Gut, sollte er nicht, denn dann wäre es ein Plagiat ... )

    Das Ding hat einen mächtigen Zug nach vorne und auch, wenn es sehr lang ist, ist es an keiner Stelle langatmig. Sehr kurzweilig und mit vielen Gustostückchen, wie Bruno schon geschrieben hat, schüttelst du da das liebe Märchen von der Frau Holle durcheinander, dass es eine Freude ist! Das ist wirklich eine Meisterleistung und ich ziehe meinen imaginären Hut vor dir, ganz tief!

    Meine Lieblingsstelle übrigens (gar nicht leicht, bei so vielen genialen Schüttelreimen seinen Liebling herauszufinden):

    Hässlich und mit Zausemähne,
    schrie sie durch die Mausezähne,

    ...



    Auf diesen Schüttelreim muss man erst einmal kommen!

    Viele, bewundernde und höchst amüsierte Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  4. #4
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    Lieber Bruno, lieber Thomas,
    ich danke euch beiden für die lobenden Worte. Ich kann mich nur wiederholen, ich freue mich einfach sehr, wenn Menschen meine Leidenschaft (wie hier die Schüttelreime) teilen und sie mir dieses mitteilen. Bewunderung muss wirklich nicht sein , denn schließlich schreibe ich die Texte, weil ich selber dabei Freude empfinde, auch wenn es viel Arbeit bedeutet. Und natürlich ist es toll, wenn man dann mitgeteilt bekommt, dass sie gefallen und ich fände es natürlich traurig, wenn die Texte unkommentiert "durchrutschen". Deshalb danke ich euch beiden nochmals ganz herzlich und wünsche euch einen schönen (trotz des Mistwetters) Sonntag
    LG Steffen
    Bist du ernst, mit flachen Lippen,
    solltest du mal lachen, flippen.

  5. #5
    Tessa Guest
    Lieber Steffen,

    welche Arbeit in diesem Gedicht steckt, lässt sich nicht auf Anhieb lesen.
    Denn leicht und witzig kommt es daher, trotz der Länge.
    Betachtet Leser aber die Details, wird schnell klar, wie viele Gedanken du dir zu jedem Schüttelreim gemacht hast, wie ausgeklügelt deine Zeilen sind.
    Witziges, gepaart mit schwarzem Humor.

    Hände sah sie schnöde bluten,
    zog verdächtig blöde Schnuten,
    später dann entschwand der Hahn,
    starb durch ihre Hand der Schwan!
    Ohne goldne Kleider leben
    musste eine, leider kleben
    Einfach genial, auch die "Mausezähne" haben es mir angetan.
    Köstlich.
    Hier fällt mir nicht einmal an Antwortgedicht ein, so sprachlos bin ich.
    Ich hätte gern die Gesichter der Grimm-Brüder gesehen.
    Wenn sie Homor hatten, dann würde es ihnen gefallen.
    Es war einmal... Frau Holle, einmal anders!
    Mir hat es gefallen, mein Kompliment.

    Ganz liebe Grüße,
    Tessa

  6. #6
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    Was soll man dazu noch sagen, ausser "verneig", man hofiert den Schüttler. In solch einer Anzahl und dieser Länge mit Sinn und Verstand. Respekt! Märchen sind doch was wunderbares. Es zeigt die Fantasie des Autoren, man kann Kinderaugen leuchten sehen und man kann sie auch noch schütteln. Bravo!
    (Du wärest nicht der Strassenreimer,
    wenn am Ende noch ein Vogelzwitschern zu hören gewesen wäre,
    eher hätte dir der fliegende Freund auf den Kopf gemacht.) Tessa

    Stolpersteine (alles aus Reimerhand)

  7. #7
    1428 Guest
    Hallo Lachmalwieder,
    das ist ein "verdammt tolles Teil" ! Wo nimmst du bloß diese Reime her!
    Ein sehr lesenswertes Gedicht, hinterdem viel Arbeit steckt!
    Liebe Grüße
    Drachenmaler

  8. #8
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    Liebe Tessa, lieber Strassenreimer und Drachenmaler,
    auch euch einen herzlichen Dank für eure schönen Kommentare
    @Tessa: Na wenn man die Arbeit, die dahinter steckt, nicht merkt, dann ist es ja bestens So muß es eigentlich sein, gelingt nur nicht immer... Ich freu mich, dass es dir so gut gefallen hat und dass es darauf keine geschüttelte Antwort gibt, sei dir verziehen hab lieben Dank, liebe Tessa

    @strassenreimer: verneig? Ach nee, aber mit der Phantasie magst du Recht haben und vielleicht leuchten da auch bissl die Kinderaugen. Ob heutiger Kinderaugen auch leuchten würde, da habe ich in Anbetracht manch schwarzer Stellen so meine Zweifel Auch an dich mein herzlicher Dank!!

    @drachenmaler: Na deine Frage ist relativ leicht zu beantworten: Steckt alles in der deutschen Sprache drin, deshalb finde ich sie auch höchst faszinierend. Unglaublich, was man da alles herauskitzeln kann, wenn man nur lange genug danach Ausschau hält Ich danke dir nochmal ganz herzlich und schicke euch allen LG von
    Steffen
    Bist du ernst, mit flachen Lippen,
    solltest du mal lachen, flippen.

  9. #9
    Registriert seit
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    ich finds einfach geil! Mach weiter so

  10. #10
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    Mach ich mit Sicherheit, Bambi, kann gar nicht anders
    Dank dir und VG Steffen
    Bist du ernst, mit flachen Lippen,
    solltest du mal lachen, flippen.

  11. #11
    Registriert seit
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    53
    Hallo Steffen
    Tja, ich kann nur noch das bereits gesagte wiederholen. Ich hätte nie gedacht, dass es so viele Schüttelreime gibt! Muss ein enorm grosse und schwierige Arbeit gewesen sein!

    Meine persönlichen Favoriten sind:

    trieb im Schlick wie Scholleneis,
    ruderte im ollen Scheiß!
    Und wenn sie tot statt munter ist,
    dann fault die Faule unter Mist.
    und natürlich:
    Hässlich und mit Zausemähne,
    schrie sie durch die Mausezähne

    Genial! Ein echter "Lachmalwieder!"
    VG
    Nicht G'setz, nicht Pflichtgefühl liess mich erkühnen.
    Nicht Publizisten, auch nicht johlende Gefährten,
    doch war's ein stiller Trieb der Freude, der
    trieb meine Seel' hin zum Getümmel in den Wolken
    -W. B. Yeats
    ---
    Neues: - z.T. ausbuddeln erwünscht! -
    Des Herren LohnHerbsttauDas Leben der Träne

  12. #12
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    Hallo Apollon,
    ich danke dir herzlich für deinen Kommentar
    Glaub mir, es gibt noch viiel mehr davon. Täglich entdecke ich neue
    Die "Arbeit", so etwas zu schreiben, ist mehr "Freude", weil ich die Freude an solchen Wortspielen in mir trage .
    Nach Punkten scheinen die Zausemähne-Mausezähne weit vor zu liegen
    Nochmals vielen Dank und LG von
    Steffen
    Bist du ernst, mit flachen Lippen,
    solltest du mal lachen, flippen.

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