1. #1
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    Nasebohrer in der Ambulanz


    Unbeweglich wie Fossilien,
    steif von unterdrückten Leiden,
    tropfen alter Weiber Scheiden,
    hocken Träger von Textilien.

    Warteraum der Ambulanz:
    leicht geniert Fossiliendamen,
    die in Illustrierten kramen;
    alter Mann kratzt seinen Schwanz.

    Nach dem Kratzen steckt diskret
    er den Finger in die Nase,
    bohrt dort selig voll Ekstase,
    während Weiber er bespäht.

    Nennt man Nasebohren „putzen“?
    Frage ich mich leicht pikiert,
    wenn das Bohren nur fingiert,
    wird das Säubern zum Beschmutzen.

    Was hab ich nur hier verloren?
    Hör! Jetzt ruft man meinen Namen.
    Scher mich nicht mehr um die Damen.
    Lass den Lustgreis Nase bohren!
    ...und das Fleisch ist Wort geworden

    Wenn der rauchende Strahlpilz
    zerfrisst das geschmolzene Fleisch
    bleibt von Knochen nur Staub. (aus Zahmer Schlächter)

  2. #2
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    Hallo primel,
    ich muss sagen nettes thema.
    es ist mal was anderes, ich glaub ich kenne niemand der schon mal was über nee ambulanz gerschrieben hat und wie man dort die zeit verbringt. nett umgesetzt, schöne bilder, und gut geschrieben, über metrik kann ich nichts sagen da ich mich damit nicht auskenne. Gern gelesen und hoffe das das wetter in paris besser ist als hier bei den allemannen (bin grad etwas frustriert gestern hats geschneit) Gruß Red Dragon
    Was Philosophisches:
    Wenn Vampirweibchen ihre Tage haben, bluten die dann?
    Und noch viel wichtiger, macht das denen dann Spaß?

  3. #3
    1428 Guest
    Hallo Primel,
    ich nehme an, dass dies autobiographischer Natur ist. Darf ich dich bedauern?
    Fehlt nur noch, dass der sich in seiner spärlichen Pause mit knöchigen Fingern am "Schwanz" kratzende Arzt dich offenmundig in Emfang nimmt.
    Es grüßt
    Tchanny

  4. #4
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    @Tschanny

    Eines ist richtig: ich habe diesen Text in einer Ambulanz geschrieben und zwar, da ich kein anderes Papier zur Verfügung hatte, auf der Rückseite eines alten Rezeptes. Es ist übrigens nicht das einzige "Gedicht", das in dieser Umgebung entstand.

    Ich spreche aber von einem alten Mann, der sich an einer bestimmten Stelle kratzt bzw dann mit dem Bohren in seiner Nase beginnt, doch sage ich nirgends, dass es sich um den bzw einen Arzt handelt. Wieder einmal ungenau gelesen. Jetzo hab ich Dir, haha!
    ...und das Fleisch ist Wort geworden

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  5. #5
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    Hi Primel,

    die Stimmung in einer Ambulanz kann sehr drückend sein. Saß schon selbst oft genug zu den fürchterlichsten Zeiten dort. Und obwohl dein Text technisch sehr gut gemacht ist, sagt er mir inhaltlich nicht zu. Er ist mir zu wenig satirisch und zu sehr menschenverachtend.

    Liebe Grüße
    Eva
    EvaAdams

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  6. #6
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    Eva,

    „menschenverachtend“ ist ein wenig stark, aber – schluck, schluck – kann durchaus aus dem Text entnommen werden. Ich versuche mich derzeit mit „poetischen“ Schnappschüssen, und das ist viel schwerer, für mich, als ich angenommen!

    Weißt du (idiotisch, natürlich weißt du es), dass es solche und andere gibt, und ich – sehr relativ – gerne in eine Ambulanz gehe und zwar aus mehreren Gründen:
    – die Wartezeiten, die sich bei manchen Ärzten nach Monaten zählen, sind mir zuwider
    – die Frequentation einer Ambulanz, wo ich als weißhäutiger Europäer eine sehr schwache Minderheit darstelle, ist für mich eine Anti-Arroganz-Schulung, die in mir leise Anklänge an die Sozialphantasien meiner Jungendzeit auslöst, denn, so erstaunlich es klingen mag:

    auch ich war Christ und Sozialist
    oder auch Grüngefärbter,
    bevor ich Unmensch
    mich entpuppte!

    Verzeih, liebe Eva, ich bin vor dem Mittagessen und da kann ich nicht ernst sein!
    ...und das Fleisch ist Wort geworden

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  7. #7
    1428 Guest
    Hi Primel,
    dein Gedächnis scheint in dem Sinne noch zu funktionieren , aber dennoch bist es du, der hier nicht genau liest. Meine Aussage war eine hypothetische Weiterführung des Ereigneten (man erkennt es an der Wendung "fehlt nur noch").
    Ach ja, ich hatte vergessen zu sagen, dass mir dein Gedicht gefallen hat.
    LG
    Drachenmaler aka Tchanny

  8. #8
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    Hi Primel,

    (jetzt hätt ich fast Primal geschrieben - klingt beinahe wie Primar ... )

    Ich wollte dich nicht kränken, aber m.M. nach schlägst du bei den älteren Menschen hart zu. Toleranztraining ist das ganze Leben, denke ich. Ich fahre jeden Tag fast eine Stunde Straßenbahn (Sommer und Winter) - zählt das auch? Ich hab auch genug von Schweiß- und Frittenbudengeruch, egal welcher Hautfarbe er entstammt.

    auch ich war Christ und Sozialist
    oder auch Grüngefärbter,
    bevor ich Unmensch
    mich entpuppte!


    Christ bin ich nur mit einem zugedrückten Auge, denn ich esse Freitags manchmal Fleisch, Sozialist nicht immer (z.B. beim U-Bahnfahren), Grün meistens, besonders am morgen - du siehst auch ich bin ein Unmensch.

    Es war kein persönlicher Angriff gegen dich. Technisch gefällt mir dein Werk - was ich vom Inhalt halte, weißt du.

    Nochmals liebe Grüße
    Eva
    Geändert von EvaAdams (06.11.2006 um 13:03 Uhr)
    EvaAdams

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  9. #9
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    Eva,

    ich bin dir dankbar, dass du bei deinem Fastversehen nicht auch noch einen Umlaut einschmuggeln wolltest (Primar >???).

    Straßenbahn gilt, da man dort ja kaum seinem Privatleben frönen kann, wie es mir bei meinen langjährigen täglichen Zugfahrten aus der Peripherie zur Stadt gelang, da ich fast immer einen Sitzplatz hatte und lesen konnte!
    Jetzt wohne ich nicht mehr in einer Vorstadt und weiß nicht, wo und wann ich lesen soll! Macht der Gewohnheit.
    So gehe ich also in die Ambulanz, um dort (auch) zu lesen!

    Liebe Grüße, wie immer!
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  10. #10
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    @Drachenmaler

    jetzt habe ich versucht, deinen Namenswechsel zu verfolgen, was mir misslang. Dass du aber den Aufenthalt im Limbo der Ambulanz gustiertest, freut mich.

    Eben erst von einem ermüdenden Kampf mit einem rechthaberischen Fadenschöpfer zurück, hüte ich mich, in die Debatte wieder mit einem "aber" einzusteigen und denke mir, wer immer in der Nase bohrt, ist meist der Eigentümer dieses Riechorgans, und da spielt es keine Rolle, welche Gestalt sich bohrend betätigt, noch ob die Profession dies billigt, fördert oder untersagt, wie auch das angeführte Kratzen als Ausdruck einer Männlichkeit verstanden werden könnte, die sich verkannt und schlecht beschäftigt fühlt!
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