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    Mit Sambal Oelek gepierct

    Mit Sambal Oelek gepierct

    An meinem Geburtstag bin ich Helmut.
    37 Jahre alt, rothaarig und allein stehend.

    Wissen sie, meine Arbeit als Altenpfleger, macht mir an manchen Tagen richtig Spaß.
    Wenn ich die dankbaren Blicke der Sterbenden sehe, geht mir richtig das Herz auf.
    Die trüben Augen, die kaum noch Licht ins Innere fallen lassen.
    In ein Inneres, das wahrscheinlich noch hellwach ist.
    Nur mehr fähig, Berührungen zu spüren.
    Wie Kleinkinder.

    Zu einer Beziehung hat es nie gereicht und als ich die 35 erreichte, wurde mir bewusst, dass es auch nicht mehr viel Sinn machen würde.
    Wozu auch. Ich hab alles was ich brauche.
    40 Quadratmeter Wohnfläche, solides Gehalt und ruhige Nachbarn.
    Einmal war ich in eine Patientin verliebt.
    Sie war um einiges älter als ich.
    Krebs, Endstadium.
    Ihrem Tod zusehen zu müssen, tat weh, weil es zwei Wochen dauerte.

    Aber da ist ja noch meine Arbeit.
    Manche Menschen ertragen den Geruch der alten Leute nicht.
    Diese Mischung aus Mottenkugeln, brackigem Wasser und Urin.
    Diese siechenden Wesen, die in einer Zwischenwelt dahinvegetieren.
    Mich erinnert es an zu Hause.
    An den Kasten, in den ich mich immer verkroch, wenn mein Stiefvater heim kam.

    Vormittag ist Badetag.
    Manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich mit dem gelben Schwamm über die pergamentene Haut streiche. Ich stelle mir dann vor, einer dieser jungen indischen Elefantenwärter zu sein, die sich um ihr Lasttier kümmern.
    Wenn ich sie dann abtrockne und die Gummistrümpfe anlege fühle ich mich gut.
    Da bin ich dann der Heli.
    Der liebe Heli, der gute Heli, der heilige Heli.
    Ich hasse Gorgonzola.

    Nachmittag ist Bettschüsseltag.
    Klar ist es kein Kindergeburtstag, aber bei den Diäten die die Alten kriegen ist die Ausbeute nicht erschreckend.
    Eigentlich ist es faszinierend, wie sich der Mensch wieder in ein Kind verwandelt.
    Haare und Zähne fallen aus, das Gedächtnis lässt nach, die Hilflosigkeit wird Profession.
    Nur der Geist soll in ein neues Leben geboren werden.
    Da bin ich dann der brave Heli, der ordentliche Heli, der Erzengel Heli.

    Abend ist Modellbauabend.
    Ich liebe es die kleinen Züge zu warten, die Geleise zu verlegen und an Modellmenschen zu basteln. Diese leblosen Wesen, die nie altern, nie kotzen, nie lieben müssen.
    Keiner lötet besser als ich. Alles was zerbrochen ist, bringe ich wieder hin.
    Sei es ein durchgeschmorter Elektromotor oder eine verglühte Diode in der Anlage.
    Da bin ich dann der Helm.
    Der Lötmeister, das Wunderkind, der Sicherheitshelm.

    Wenn mein Stiefvater nüchtern war, kam er seiner Pflicht nach, mich zum Mann zu machen.
    Er nahm aber nie einen Gürtel dazu.

    Also warte ich das ganze Jahr auf meinen Geburtstag.
    Denn dann bin ich Helmut.
    Ich plane diesen Tag monatelang.
    Am Vorabend des achten November mache ich mir zehn Tassen Espresso.
    Man sagt, dass die Indianer vor einer Schlacht viel Wasser tranken, um beim ersten Harndrang im Morgen gleich wach zu bleiben.
    Ich freue mich auf das Sodbrennen.
    Dieser ziehende Schmerz, der sich von der Speiseröhre aus im ganzen Körper breit macht.
    Die Krämpfe, die mich aus dem Bett treiben. Der nicht enden wollende Speichelfluss über dem Waschbecken und die Endorphinausschüttung danach, wenn alles überstanden ist.
    Ein unglaublicher Moment, wenn dem Körper klar wird, dass er dem Ende ein paar Sekunden geraubt hat. Die erhöhte Aufmerksamkeit durch das Adrenalin. Einzigartig.

    Zum Frühstück gibt es Schmalzbrot mit fünf Espresso.
    Damit der Blutdruck steigt und die Sinne schwinden.
    Am Vormittag nehme ich die Glückwünsche entgegen.
    Meine Mutter, mein Stiefvater, meine Arbeitskollegen.
    Da bin ich dann kurzfristig wieder der Heli.
    Der schöne Heli, der gescheite Heli, der Racheengel Heli.

    Kurz vor Mittag spaziere ich zum Zahnarzt.
    Da ist er am Schlechtesten aufgelegt. Er knurrt, er hat Hunger, er zittert mit dem Bohrer.
    Früher hab ich mir noch bis zur Besinnungslosigkeit Wurzelbehandlungen machen lassen.
    Heute gebe ich mich schon mit einer narkosefreien Zahnfleischbehandlung zufrieden.
    Dieser süße Schmerz, der meinen Schädel vibrieren lässt, der durch das Rückenmark kreischt.
    Die kalte Luft, die an mein Zahninneres dringt und die Assistentin, die mir den Speichelsauger in den Zungenboden rammt. Traumhaft.
    Ich schwitze nicht mehr. Nur meine Hände verkrampfen sich.

    Auf dem Weg nach Hause kaufe ich mir dann ein schönes kaltes Bier, um die Glückshormone tanzen zu lassen und drei Packungen filterlose Camel.
    Eigentlich bin ich Nichtraucher.
    Mit geschwollenen Backen lehne ich über dem Waschbecken und der blutige Schleim tropft aus meinem Mund.

    Ich mag den Schmerz. Er zeigt mir, dass ich lebendig bin.
    Er macht mich wach und lässt mich die Wahrheit erkennen. Er ist mein Freund.
    Bekannte meinten einmal, ich soll mich doch tätowieren oder piercen lassen.
    Nein, sagte ich, nein, die Ansteckungsgefahr, die Nekrosen, ohne mich.
    Außerdem ist es nicht derselbe Schmerz.
    Der süße Selbstverursachte, der mir zeigt, dass der Geist stärker ist als das Fleisch.

    Die Krönung ist der Abend.
    Ich koche Fischsuppe. Vier bis fünf Stunden braucht sie.
    Den Tisch dekoriere ich spartanisch.
    Eine Kerze, ein Löffel und der Topf.
    Die Kerze lösche ich mit der Zunge und denke an meine alte Mutter und ihren Mann, dem ich soviel verdanke.
    Ein halbes Glas Sambal Oelek in die Suppe und dann frisch ans Werk.
    Ich schwitze, die Tränen rinnen mir übers Gesicht, ich fröstle.
    Weiter, weiter, immer weiter.
    Mein Magen verkrampft sich, ich trinke meinen fischigen Schweiß, der in den Topf läuft und die Suppe immer mehr werden lässt.
    Ich weiß nicht ob ich lachen, weinen, kotzen oder sterben will.
    Ein Zustand unsagbarer Glückseeligkeit überkommt mich.
    Ich stelle mich ans Fenster und rauche die Zigaretten im Akkord.
    Solange bis mein Blut mit Kohledioxid gesättigt ist.
    Solange bis mir schwarz vor Augen wird und die Atemnot einsetzt.
    Dann, ja dann ist der Punkt erreicht, wo die Vorfreude auf das Danach einsetzt.
    Ich lege mich auf den Boden vor mein Bett.
    Mein Polster ist ein Holzscheit.
    Von meinem Vater an mir glattgeprügelt, glattgeschliffen.

    Dann ist alles rein, alles sauber.
    Wie ein frisches Leinen, wie ein wonniger Sommertag, wie der erste Kuß.
    Und endlich bin ich Helmut. Nur Helmut.
    Während mein Körper auf Hochdruck ums Überleben kämpft, schlafe ich ein.
    Ich freue mich auf meinen letzten Geburtstag.
    Aber bis dorthin ist noch viel Zeit, viel Zeit um zu erkennen, dass ich nicht Heli bin.

  2. #2
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    Ich muss sagen, ich finde die Geschichte absolut klasse und wundere mich, weshalb sich noch kein anderer Kommentar hier findet.

    Eine gescheiterte Existenz, in gewisser Weise schizophren, masochistisch, die den Tod liebt, sich nach ihm sehnt, ihn an anderen liebt. Ein Mann, der allein aus dem Gefallen am Schmerz und aus dem Gefallen an seinem eigenen Siechtum, vlt auch aus leisem Trotz gegen seine Umwelt, am Leben bleibt. Ein Mensch, der bei den Sterbenden sich selbst und all das wiederfindet, was er in der "freien Wildbahn" nie gefunden hat. Anerkennung, Zuneigung, Liebe. Eine schwache Persönlichkeit. Zwar aufgewachsen in einem harten, kalten, feindseligen Umfeld, doch scheinbar auch nie im Besitz der Kraft oder des Mutes, dagegen zu kämpfen. Eine Persönlichkeit, die mit sich selbst nicht ganz im Reinen zu sein scheint, anders lässt sich dieser Selbsthass nicht erklären.

    Die Beschreibung jener Suppe, durch den Titel zurecht in den Mittelpunkt gerückt, hat bei mir eine Übelkeit ausgelöst, doch diese entstand nicht durch das Bild der Suppe an sich, vielmehr durch das dadurch zum Ausdruck kommende Elend dieser Person, diese völlige Aufgabe, ein im Gestank schon lange innerlich toter Mensch.

    Diese Geschichte klingt wie das Kratzen über eine Tafel, schmeckt wie ein mehrwöchiges Zahnbürstenzölibat, riecht wie Grenouilles Geburtsstätte. Nicht schön, aber das soll es nicht, im Gegenteil, und daher finde ich diese Geschichte so gelungen.

    Gruß,

    J._J.

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