Manchmal kommt es so daß man nicht einfach weiterleben kann. Zuviel hängt an einem, zuviel zieht herunter. Es ist wie eine Schleimspur auf dem Weg den man geht. Ab und zu geht es ein paar Schritte vorwärts, dann rutscht man wieder aus und fällt zurück.

Ich bemerke daß es bei mir nicht so weitergeht. Und ich will nicht improvisieren und ausbessern. Ich hab die Schnauze so voll vom Versuchen die eigene Biographie auszubessern, wieder einen Flecken auf das alte Kleid zu nähen. Ich will das nicht mehr. Nicht einmal das Angenehme aus dem bisherigen Leben. Ich will raus hier.

Niemand kommt hier lebend raus? Dann muß ich halt sterben. Kann doch nicht so schwer sein. Muß man denn sterben um zu sterben? Kann man nicht anders sterben als so wie alle andern? Ich will anders leben und anders sterben. Ich will aber nicht einfach ein anderes Leben. Ich will nicht so tun als hätte ich nen tollen alternativen Weg den die anderen nur noch nicht gefunden haben.

Ich will neues Leben.

So neu daß ich es gar nicht begreifen kann, weil es dieses neue Leben noch gar nicht gibt. Nicht für mich, nicht für andere.

Alles ist alt. Das Helle, das Dunkle. Das was gleich bleibt, und das was wiederkehrt.

Ich muß sterben, und das oft. Ich glaube an das neue Leben. Eines, das etwas aushält. Vor allem aber eines, das unendlich besser ist.

Was ist mit dem Gedächtnis, frag ich mich? Wird es nicht einfach bleiben und mich immer wieder erinnern? Wird es mich nicht zurückziehen wollen, auf irgendeine hinterlistige Art?

Aber, was kümmert mich das Gedächtnis eines Toten. Hmm. Vielleicht brauch ich einen besonderen Tod. Ich will das ich anständig sterbe. Daß ich nicht bereuen muß wie ich gestorben bin. Daß nichts übrig bleibt. Ich suche diesen Tod. Muß er schwer sein? Oder leicht? Muß es eine Hinrichtung sein oder eine Krankheit? Ist es ein Loslassen oder ein hoffentlich erfolgreicher Anfall von Haß und Wut? Wie stirbt man am besten, am schönsten, so daß wenigstens der Tod des alten Lebens eine inspirierende Erinnerung ist. Man könnte ja noch einmal sterben wollen. Man weiß ja nie.

Aber ich sehe etwas. Ich muß eine Angst haben. Ich sollte das neue Leben nicht zu einfach machen. Es soll etwas aushalten, aber es soll nicht leicht werden. Und wenn es nicht leicht werden soll, dann muß ich ihm etwas zumuten. Dann muß ich mir selbst etwas zumuten.

Die alte Sysiphusarbeit des Ausbesserns kann mir den Buckel runterrutschen. Das neue Leben muß anders sein. Eine andere Sysiphusarbeit in der das Glück nicht nur in der Vorstellung existiert. Da muß Glück sein wie kalte Luft die ein fast Ertrunkener selig und mühselig einatmet. Da muß was sein.

Es gibt im Judentum diese Legende von Olam Haba, der neuen Erde. Da muß auch neues Leben sein. Ich hab nichts gegen die Erde. Denn die lebt nicht, sondern träumt. Träume die keiner kennt, wir sehen nur die Schlafende sich bewegen, im Meer und in den Wäldern, und seufzen, in Stürmen und Vulkanausbrüchen.

Manchmal will ich wie die Erde sein. Aber was wäre der Preis? Schön sein wie die Erde und es nicht selbst erleben, es nicht bemerken und damit erst wirklich selbst zu sein. Unschuldig zu sein. Ein Kind ohne Sinne zu sein. Einen Traum zu träumen, und es niemandem erzählen können.

Es muß wohl menschlich sein. Aber ist der Mensch derselbe in altem und neuem Leben? Wie werde ich sein im neuen Leben? Nein, halt, stop. Das darf ich nicht wissen. Das darf ich nicht mal denken. Das neue Leben muß ganz neu sein. Und dafür muß ich nicht das Leben wollen, sondern den Tod. Zuerst muß ich sterben. Ich will nen kurzen Tod. Wie krieg ich das hin? Jetzt, jetzt und hier muß ich sterben.

Ich muß denken als ob ich tot bin. Was bedeutet es tot zu sein? Kümmert einen Toten irgendetwas? Ärgert man sich etwa im Tod, das einem das passiert ist, daß man gestorben ist? Vielleicht ist der Tod wie ein Schatten. Man hat dann Dunkelheit. Man kann nachdenken. Man kann es sich genau überlegen ob man zurückkehrt. Und wie man zurückkehrt.

Ich glaube so ist es richtig. So muß ich erstmal für eine Weile tot sein. Mal ein bißchen nachdenken, ohne das es gefährlich wird, weil kein unwürdiger Tod mehr droht. Weil ich schon tot bin. Kann ja nichts mehr passieren. Mensch, das war ja ein leichter Tod. Das war ja ganz einfach.

Das mach ich jetzt jeden Tag. Aber dazu muß ich ja wieder leben. Ich muß, aber will ich das? Nein, das ist nicht tot sein. Der Tod ist kein Spiel. Der Tod ist Freude, aber kein Spiel. Der Tod ist ein sehr kindlicher Mann. Er überredet einen nicht nur einmal, sondern zweimal. Er weiß Bescheid, und dem kann man nicht wiederstehen. Er ist völlig harmlos, deswegen kann man ihm vertrauen. Warum hatte ich nur je Angst vor ihm? Der Tod ist ein guter Kumpel. Er macht keine Schwierigkeiten. Er ist ein erste Klasse Abteil in einem Zug der schnell durch die Nacht fährt. Ein Abteil in dem Ruhe herrscht und in dem man alleine ist. Wo nur ein ganz ganz gedämpftes Licht ist so daß man aus dem Fenster schauen kann. Und was man da so sieht ist gar nicht übel. Eine Frau die sich auf der Wiese auszieht. Ein alter Mann der seinen Enkel auf dem Buckel trägt. Ein kleines Mädel das im Baum sitzt und träumt. Ein Mann in schwarzem Anzug mit weißem Zylinder der mit Spazierstock durch die Nacht läuft. Eine gelblich leuchtende Taube die vor ihm herfliegt.

Ist das vielleicht das Leben das mir ein Angebot macht? Es scheint einen Anflug von Barmherzigkeit zu haben. Es scheint nie gewußt zu haben was die wollen die am Leben sind. Aber es kennt wohl die Toten. Oder vielleicht liebt es die Toten einfach mehr und ist großzügiger mit ihnen.

Ich kurble das Fenster herunter und halt mein Gesicht aus dem Fenster. Woah .. der Zug fährt schnell. Wie komm ich in das Leben rein? Die Bahn hält nicht an. Nein, der Zug paßt mir nicht mehr.

Ein Lebender wird zum Toten indem er stirbt. Aber wie wird ein Toter lebend? Ich glaube darüber muß ich nachdenken. Ich glaube ich muß ein Licht suchen. Aber wo? Wo gibt es Licht?

Was für ein Licht will ich eigentlich? Mama. Ich brauch eine Mutter. Es fließt und zieht in mir. Wie Liebe oder Glück. Das ist verrückt. Gebäre ich mich selbst? Nein, da ist etwas. Etwas schiebt und drückt in mir. Überall, an meinem ganzen Körper.

Was tut eine Mutter? Ich glaube, sie liebt.

Ich glaube, ich muß einfach lieben. So sehr lieben, das ich rauskomm. Das ist gar nicht so leicht. Einfach tot zu sein, im Zug zu sitzen, das war einfacher. Vor allem wegen des sehr sehr gedämpften Lichtes. Und weil der Zug einfach weiterfährt, egal was ich mache.

Ich werd mich wohl amüsieren gehen. Das wird schon irgendwie gehen. Noch rieche ich nicht. Mensch, vielleicht gibt's noch andere die gestorben sind. Ist immerhin möglich. Ist sogar sehr wahrscheinlich.

Das gefällt mir. Das gefällt mir sehr. Die Toten sollten anders sein. Vielleicht sind sie wie ich. Lieben zu wollen, aber ganz cool damit zu sein und das gedämpfte Licht nicht zu vergessen.

Das Licht vergess ich nie. Und das, was man aus dem Fenster so sieht.

Heh, ich bin draußen. Die Räder rattern nicht mehr unter mir. Ich bin auf einem Feldweg, es weht ein warmer Wind. Über mir glitzern Sterne, und unter dem Mond ist eine lange sanfte graue Wolke mit helleren Rändern. Ein Uhu schreit. Ist das so einfach? Ich wollt mich doch nur amüsieren gehen, und jetzt bin ich hier?

Lebe ich etwa wieder, will hierhin und komme dahin? Warte mal, ist gar nich so schlecht hier. Ich latsche vorwärts. Die Gegend ist schön. In der Ferne seh ich Licht das zum Himmel aufstrahlt. Eine Stadt vermutlich. Und mein Feldweg führt genau in ihre Richtung.

Nee, das paßt schon. So kann das neue Leben ruhig sein. Tatsächlich, so ist's genau richtig. Ich fühle, wer ich bin. Es geht ganz leicht, und da ist kein Haken dran. Wenn ich nicht will, muß ich nicht nachdenken. Da fehlt nichts.

Ich gehe hier meine Weg entlang, und es geht ganz einfach. Ich schau mir den Himmel an und die Wiesen und Sträucher am Weg.

Ich singe einfach ein bißchen nebenbei. Ja, das geht ganz leicht. Ich brauch keine Worte. Nicht beim Singen. Wär zwar auch nicht so schlimm sie zu gebrauchen, aber es geht auch ohne, und geht viel besser so. Taram, tata. Dandi-badera. Taram, tuta. Dadi-dadum.

Hey, wo kommt der Spazierstock her. Hmm, hatte ihn wohl die ganze Zeit in der Hand. Mann, jetzt merk ich's erst, ich hab sogar nen Hut auf. Nen großen weißen Zylinder. Und mein Anzug ist dunkel. Und um den Hals, wie ein Extrageschenk, hab ich nen weißen Schal.

Geil.