1. #1
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    Ernst Stadler - Betörung

    Hallo,

    der Lyriker Ernst Stadler (1883-1914) wird vermutlich nicht allzu vielen bekannt sein, da er lediglich einen einzigen Gedichtband herausgebracht hat, "Der Aufbruch". Er wurde kurz nach Veröffentlichung seiner ersten Gedichte eingezogen und kam bei Ypern ums Leben. Dennoch gilt er als einer der wichtigsten Vertreter des Expressionismus.

    Für mich sein bestes Gedicht ist "Betörung".


    Betörung


    Nun bist du, Seele, wieder deinem Traum
    Und deiner Sehnsucht selig hingegeben.
    In holdem Feuer glühend fühlst du kaum,
    Daß Schatten alle Bilder sind, die um dich leben.

    Denn nächtelang war deine Kammer leer.
    Nun grüßen dich, wie über Nacht die Zeichen
    Des jungen Frühlings durch die Fenster her,
    Die neuen Schauer, die durch deine Seele streichen.

    Und weißt doch: niemals wird Erfüllung sein
    Den Schwachen, die ihr Blut dem Traum verpfänden,
    Und höhnend schlägt das Schicksal Krug und Wein
    Den ewig Durstenden aus hochgehobnen Händen.


    Ernst Stadler
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

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    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  2. #2
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    Hoi...

    Das Gedicht gefällt mir auch, aber woran es mich erinnert hat, ging eher so in Richtung Stefan Zweig...will sagen, Jugendstil, Symbolismus...ich habe gerade ein paar andere Gedichte von Stadler gelesen, die sind natürlich mustergültig expressionistisch, "Dämmerung" zum Beispiel...wenn es sich um einen Expressionisten handelt, sollte man hier vielleicht ein Werk einstellen, das charakteristischer ist...für die Epoche, meine Ich, im Werk Stadlers kenne ich mich nicht aus...wie wäre es denn mit dem hier:

    Ernst Stadler

    Dämmerung in der Stadt

    1911
    Der Abend spricht mit lindem Schmeichelwort die Gassen
    In Schlummer und der Süße alter Wiegenlieder,
    Die Dämmerung hat breit mit hüllendem Gefieder
    Ein Riesenvogel sich auf blaue Firste hingelassen.

    Nun hat das Dunkel von den Fenstern allen Glanz gerissen,
    Die eben noch beströmt wie veilchenfarbne Spiegel standen,
    Die Häuser sind im Grau, durch das die ersten Lichter branden
    Wie Rümpfe großer Schiffe, die im Meer die Nachtsignale hissen.

    In späten Himmel tauchen Türme zart und ohne Schwere,
    Die Ufer hütend, die im Schoß der kühlen Schatten schlafen,
    Nun schwimmt die Nacht auf dunkel starrender Galeere
    Mit schwarzem Segel lautlos in den lichtgepflügten Hafen.




    "Here was a generation...grown up to find all gods dead, all wars fought, all faith in man shaken."
    (F. Scott Fitzgerald)


  3. #3
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    Hallo Till,

    vielen Dank für das Gedicht von Stadler, das ich noch nicht gekannt habe. Ich habe seinen Gedichtband "Der Aufbruch" gelesen, mehr kenne ich selbst noch nicht von ihm.

    Du hast natürlich Recht, wenn du schreibst, dass "Betörung" nicht unbedingt ein klassisches Gedicht des Expressionismus ist, wenngleich ich gewisse expressionistische Elemente durchaus als gegeben sehe. Aber die "Dämmerung in der Stadt" trifft den Expressionismus natürlich besser.

    Um jetzt noch zwei Gedichte in die Runde zu werden, das vielleicht dem Stil von Stadler am nächsten kommt (von dem, was ich bisher so gelesen habe):



    Winteranfang


    Die Platanen sind schon entlaubt. Nebel fließen. Wenn die Sonne einmal durch den Panzer grauer Wolken sticht,
    Spiegeln ihr die tausend Pfützen ein gebleichtes runzliges Gesicht.
    Alle Geräusche sind schärfer. Den ganzen Tag über hört man in den Fabriken die Maschinen gehn -
    So tönt durch die Ebenen der langen Stunden mein Herz und mag nicht stille stehn
    Und treibt die Gedanken wie surrende Räder hin und her,
    Und ist wie eine Mühle mit windgedrehten Flügeln, aber ihre Kammern sind leer:
    Sie redet irre Worte in den Abend und schlägt das Kreuz. Schon schlafen die Winde ein. Bald wird es schnei'n,
    Dann fällt wie Sternenregen weißer Friede aus den Wolken und wickelt alles ein.



    Heimkehr

    (Brüssel, Gare du Nord)


    Die Letzten, die am Weg die Lust verschmäht; entleert aus allen
    Gassen der Stadt. In Not und Frost gepaart. Da die Laternen schon in schmutzigem Licht verdämmern,
    Geht stum ihr Zug zum Norden, wo aus lichtdurchsungnen Hallen
    Die Schienenstränge Welt und Schicksal über Winkelqueren hämmern.
    Tag läßt die scharfen Morgenwinde los. Auffröstelnd raffen
    Sie ihre Röcke enger. Regen fällt in Fäden. Kaltes graues Licht
    Entblößt den Trug der Nacht. Geschminkte Wangen klaffen
    Wie giftige Wunden über eingesunknem Gesicht.
    Kein Wort. Die Masken brechen. Lust und Gier sind tot. Nun schleppen
    Sie ihren Leib wie eine ekle Last in arme Schenken
    Und kauern regungslos im Kaffeedunst, der über Kellertreppen
    Aufsteigt - wie Geister, die das Taglicht angefallen - auf den Bänken.



    Beide Gedichte aus "Der Aufbruch".

    Viele Grüße

    Thomas
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  4. #4
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    Vor allem hat "Betörung" diese mystische Atmosphäre, aus der ja auch die Sehnsucht nach dem Großen, Irrationalen spricht...und, wie der Inhalt des Gedichts zeigt, das Bewusstsein ihres Scheiterns...

    "Heimkehr" finde ich wirklich sehr aussagekräftig, und es überzeugt durch sprachliche Ästhetik...vielleicht sollte man sich echt mal näher mit dem Dichter beschäftigen...danke für den Tip,

    Till
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