Es war ein Tag wie jeder andere, ein Tag, an dem das Dunkel regiert, an dem das Verderben erneut sein Unwesen treibt. Einer der Tage, an dem es kein Sonnenstrahl durch die robuste Stahldecke des Himmels schafft. Ein Tag, der wieder enden wollte, nur um einen seiner Brüder ins Rennen zu schicken.
Wie immer saß ich auf meinem Drehstuhl und schaute aus dem Fenster. Ich stellte die mir die wunderschönen, die nie vergehenden und faszinierenden Sterne hinter dem Schleier aus grauen Wolken vor und summte ein trauriges Lied, das ich nur zu gerne hörte und das meine Stimmung auch immer gerne noch runter gezogen hat.
Das Fenster vor mir schwieg, wie so oft und ich dachte schon seit Stunden über dasselbe wie an jedem dieser Tage nach: Wieso?
Wieso wurde ich geboren? Wieso in diese Welt? Wieso gibt es soviel Leid? Wieso müssen die, die ich Liebe, sterben? Wieso kann nicht ich, dessen Dasein doch so sinnlos erscheint an ihrer Stelle in die ewigen Jagdgründe eingehen? Wieso, beim Teufel, tut niemand etwas dagegen?
Ich wurde zwar nie erhöht, werde es wohl nie werden - so wie mir auf ewig die Antworten verschwiegen bleiben - doch ich probierte es immer wieder.
Nur eines war an diesem Tag anders: Ich hatte einen Entschluss gefasst. Ich würde endlich hinter die Geheimnisse dieser bescheidenen Welt kommen und es war so verdammt leicht.
Den Ärmel meiner Strickjacke hatte ich bereits hochgekrempelt und ich schaute mir meinen weißen Arm seit geraumer Zeit an. Man konnte noch immer die Bruchstelle erkennen, dort wo ich mir vor einigen Jahren beide Armknochen glatt durchgebrochen hatte. Ein schmerzliches Unterfangen und ich hasse den Schmerz.
Mit den rauen Fingern meiner rechten Hand nahm ich nun die Rasierklinge - ein abgebrochenes Stück vom Teppichmesser meines Vaters - und setzte sie an den Pulsschlagadern meines linken Arms an, horizontal dazu, so bildete ich es mir ein, erzielte es die beste Wirkung. Ich strich jedoch noch einige Dutzend male über die weiße Haut, die ich so verabscheute, ehe ich den Entschluss fasste und den alles entscheidenden Schnitt tun wollte -
Doch da machte mir jemand, etwas oder das Schicksal einen Strich durch die Richtung, als sich das Fenster vor mir doch dazu entschloss, einzugreifen. Ich schaute von meinem Arbeitsfeld auf und plötzlich ging die Sonne auf. Es war sie, die mich da anschrieb. Sie, mit der ich so gerne die Zeit verbrachte, sie, der ich immer näher zu kommen schien, sie, nach der ich mich so sehne, sie, die ich liebe - sie, die vergeben ist.
Der erneute Schauer von Depressionen wurde aber von dem Schwall an Glücksgefühlen abgewehrt und sofort antwortete ich ihr. Mein Tag war noch einmal gerettet und ihr herrliches Lachen, das alle Sterne verblassen lies, hallte in meinen Ohren wieder.
Nie hätte ich mir eingestanden, das ich es sowieso nie fertig gebracht hätte, hasste ich mich doch vor allem deswegen, weil ich so ein verdammter Feigling war.